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«Darum wildere ich Tiere!»

News

«Darum wildere ich Tiere!»

Ruedi R. Suter

Warum wildern Menschen? Dafür gibt es vielfältige Gründe. Welche genau, das erfuhren im rund 52 000 grossen Schutzgebiet Selous in Tansania die deutschen Afrikakenner Rolf Baldus und Ludwig Siege in zahlreichen Gesprächen mit Afrikanern jeder Position, die an der Wilderei beteiligt sind.

Interviews von Ludwig Siege* 

«Wir haben gelernt, dass es die grossen Gangster sind – die Politiker, Beamten und Geschäftsleute, die vor allem verantwortlich sind für die Wilderei.» Die «kleinen Fische», denen sie im Busch begegneten, seien lediglich Bauernopfer im grossen Spiel gewesen – auch wenn es unter ihnen solche gab, die ohne Zögern andere Verbrechen begingen und vor Mord an Scouts nicht zurückschreckten.

Die meisten dieser «kleinen Fische» aber seien «gute Jäger und ehrenwerte Personen». Jedenfalls seien Wildschutz und Wildereibekämpfung ohne die Mitarbeit der lokalen Bevölkerung zum Scheitern verurteilt. Jedoch: «Kommunale Arbeit alleine, ohne effektive staatliche Wildereibekämpfung, funktioniert auch nicht.» Ludwig Siege* hat exemplarische Fälle von Wilderei gesammelt und aufgelistet.  

(Nicht thematisiert in diesem Artikel sind die in Afrika wildernden Hobby-Jäger aus Europa, den beiden Amerikas, Asiens und Australiens.)

Der Dorf-Mrumba

Der «Mrumba» im Selous-Gebiet war ein hochangesehener Spezialist. Er versorgte das Dorf mit Fleisch und anderen Tierprodukten. Heute unterscheidet man gerne zwischen Wilderei für den Eigenbedarf (gut) und kommerzieller Wilderei (schlecht), aber tatsächlich gab es diese Unterscheidung kaum.

Alles Wild hatte immer einen Marktwert und wurde entweder gegessen oder verkauft, je nach dem Bedürfnis des Jägers. Der Dorf- Mrumba war beides: Er ass, bis er satt war, und verkaufte den Rest. Wir trafen Saidi in einem kleinen Dorf südlich des Selous, umgeben von Meilen unberührten Buschs. Er ist klein, drahtig, ungefähr 30 Jahre alt und in Lumpen gekleidet. Offensichtlich hat er eine Autoritätsstellung im Dorf.

Saidi, wie bestreitest du deinen Lebensunterhalt?

Mit Jagd, ich bin Berufsjäger (Mrumba).

Hast du ein Gewehr?

Ja, einen Vorderlader.

 Mit Lizenz?

 Ja.

Welche Tiere jagst du?

Alles, aber Büffel am liebsten.

Warum?

Sie haben viel gut schmeckendes Fleisch und sind leicht zu jagen.

Wie jagst du sie? 

Ich stelle meine Jagdpartie aus Jugendlichen des Dorfes zusammen, ungefähr 10 bis 15 Leute. Wir nehmen einen Sack Maismehl und einige Wasserflaschen mit, auch Tabak und Feuer, Äxte und Messer. Ich nehme mein Gewehr und Munition mit. Wir gehen in den Busch, dorthin, wo wir wissen, dass es Büffel gibt. Wenn wir Spuren finden, folgen wir ihnen. Das kann lange dauern, weil ich mit dem Vorderlader nah ran muss, um einen Büffel zu töten. Wenn der Büffel liegt, zerteilen die anderen das Tier, packen das Fleisch in Bündel, und wir kehren nach Hause zurück. Eine Jagd wie diese kann einige Tage dauern. 

Nicht sehr komfortabel, nicht wahr?

Das macht uns nichts aus. Wir sind es gewohnt, lange im Busch zu bleiben. Aber die Wildhüter mögen das nicht, deswegen kriegen sie uns nie.

Kaufst du eine Lizenz, wenn du jagst?

Nicht immer.

Warum nicht?

Zu teuer! Und für ein halbes Jahr gibt es keine Lizenz!  (In Tansania startet die Jagdsaison Anfang Juli und endet Ende Dezember, die Red.).

Was machst du mit dem Fleisch?

Das wird unter uns verteilt, aber als Mrumba bekomme ich den grössten Teil. Was wir nicht essen können, verkaufen wir im Dorf.

Hast du schon mal Ärger mit dem Gesetz gehabt?

Oh ja, ich bin schon mehrere Male festgenommen worden.

Was hast du dann gemacht?

Ich habe den Scouts kleine Zawadis (Geschenke) gegeben, dann haben sie mich laufen lassen. Ich habe ihnen auch geholfen, Menschenfresser- Löwen zu jagen, wozu sie zu feige waren, obwohl das ihre Aufgabe ist.

Hast du keine Angst vor den Menschenfressern?

(Lacht) Ich, Angst? Sie haben Angst vor mir! 

Der Fleischwilderer

Wir trafen auch Fleischwilderer. Das ist ein anderer Typ Wilderer, der oft in der nächsten kleineren Stadt lebt. Er hat normalerweise ein kleines Geschäft und besitzt ein Gewehr und einen alten Pick-up. Er ist ein guter Freund des Distriktwildhüters, dem er öfters Geschenke macht und mit Transport aushilft, wenn der Regierungsgeländewagen mal wieder zusammengebrochen ist. Er kauft Lizenzen – und schiesst viel mehr, als drauf ist. Er verkauft das Fleisch in der Stadt; sein Hauptziel ist, etwas Geld dazuzuverdienen.

Antao, warum verbringst du viele unbequeme Nächte im Busch, fährst dein altes Auto kaputt und gehst das Risiko ein, verhaftet zu werden, statt deine Energie in dein Geschäft zu investieren?

Ich würde vielleicht mehr Geld in der Stadt verdienen, aber mein Vater war Jäger, er hat mir seine Gewehre vererbt. Jagen gehört zu meinem Leben.

Aber was du tust, ist kriminell!

Es ist weit weniger kriminell als das, was der Minister und der Wildlife Direktor tun, nämlich Elefanten abschlachten zu lassen für ihr Elfenbein. Ich nehme übrigens immer einen Distrikt-Scout (Wildhüter) mit.

Du schiesst, was du kriegen kannst, bis dein Pick-up voll ist ...?

Ja, aber ich helfe der Wildbehörde auch. Wir nehmen auch Wilderer fest, wenn wir welche treffen. 

Vom Wilderer zum Ranger

Mzee Saidi Toboke war Headscout, als er 1987 in den Ruhestand ging. Er wurde von Rolf Baldus im Selous Conservation Programme (SCP) angestellt und arbeitete dort bis zu seinem Tod 2001. Er war mit uns auf vielen Patrouillen im Selous-Gebiet unterwegs. Seine Kenntnis des Geländes war verblüffend. Erstaunlicherweise lernte er es nie, richtig zu schiessen, vermutlich weil er mit Speeren und Schlingen aufgewachsen war.

Mzee, wie wurdest du Wildhüter?

Ich wurde von Bwana Brian festgenommen, als ich Jagdpartien zum Ziwandu-See im Selous führte.

Du meinst Wilderertrupps! (Toboke lacht verschmitzt.) Und dann hat er dich angestellt: Warum?

Ich kannte die Gegend sehr gut, auch die Dorfgebiete, von wo die Wilderer herkamen. Ich erzählte ihm von «Yuno», einem Platz, wo alle Wilderer sich trafen, weil er zu keinem Dorf gehörte.

(«Yuno» ist eine Verballhornung von UNO, die «Vereinten Nationen » der Wilderer. Heute können Touristen «Yuno» besuchen, nördlich von Stiegler’s Gorge und westlich vom Hatumbulwa-Berg gelegen. Es ist ein exzellentes Wildgebiet mit Mengen von Büffeln, Elefanten, Löwen, Giraffen und verschiedenen Antilopen)

Bwana Brian war von meinen Kenntnissen beeindruckt. Er stellte mich erst als Träger und dann als Scout an. Seitdem habe ich dabei geholfen, viele Wilderer zu fangen.

Der Wildernde Ranger

Hassani, du bist kürzlich erwischt worden,  als du Wildfleisch in Kissaki verkauft hast. Wo war das Fleisch her?

Das war von einem Wilderer, ich habe es beschlagnahmt.

Wirklich? Dein Boss sagt, dass du ein Gnu geschossen hast ... 

Das stimmt nicht!

Aber die anderen Scouts haben dich dabei gesehen!

Der Wildernde Lokalpolitiker

Die Selous-Verwaltung hatte einen Tipp bekommen und postierte einen erfahrenen Wildhüter an einer Strassensperre. Der Parlamentsabgeordnete von Songea wurde dort mit seinem Pick-up gestoppt. Beim Verhör versuchte er zunächst, die Scouts an der Strassensperre unter Druck zu setzen und sie dann zu bestechen.

Mzee! Halt! Wir müssen dein Fahrzeug durchsuchen.

Was? Weisst du nicht, wer ich bin?

Mzee, wir wissen, wer du bist, dennoch müssen wir die Durchsuchung machen.

Du bist unverschämt und respektlos. Wenn ich zurück in Songea bin, kannst du was erleben. Ich werde dafür sorgen, dass du rausfliegst.

Raus aus dem Wagen, der Fahrer auch, wir fangen mit der Durchsuchung an. (Die Scouts finden die Stosszähne.) Wir haben diese Stosszähne in deinem Wagen gefunden. Möchtest du dazu eine Aussage machen?

Ich habe Immunität, ihr könnt mir nichts anhaben. Und überhaupt, was macht das denn schon aus, einige Stosszähne? Das sind alte, die ich im Busch gefunden habe. Ein Vorschlag: Lass uns die Zähne aufteilen, davon profitieren wir alle. Der Abgeordnete wurde zu einer längeren Haftstrafe verurteilt.

Der Wildernde Top-Politiker

Ich bin ein ehrenwerter Minister. Und bin verantwortlich für dieses wichtige Ministerium. Die Leute sind mir gegenüber sehr respektvoll, und das sollen sie auch sein, denn ich bin in einer sehr mächtigen Position. Neulich habe ich ein Treffen geleitet, in dem unseren besten Athleten zum Gewinn der Afrikameisterschaft gratuliert wurde. Ich habe den Caterer angewiesen, einige der Kisten Whisky und Wein in mein Haus zu bringen. Und warum nicht? Es war ja sowieso bezahlt.

Habe ich nicht hart gearbeitet, mein  ganzes Leben lang, um in diese Position zu kommen? Wozu denn das alles, wenn ich nicht davon profitieren kann? Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Jagdfirmen. Sie machen mir Geschenke und ich stelle sicher, dass sie durch unsere Gesetze nicht über Gebühr belastet werden, wie zum Beispiel durch zu hohe Pachten und zu kleine Quoten. Ich sorge auch dafür, dass sie zusätzliche Jagdblocks bekommen, wenn sie sie brauchen. Sehen Sie, das Schöne ist, dass ein Anruf von mir genügt ...

 

Löwe schlägt im Selous-Schutzgebiet einen Kaffernbüffel                              (Foto by Rolf Baldus)

Löwe schlägt im Selous-Schutzgebiet einen Kaffernbüffel                              (Foto by Rolf Baldus)

Der Wildernde Lokal-Jäger

Mein Name ist Abdulrahman. Ich bin der Präsident des einheimischen Jagdverbands. Ich vertrete die Interessen der tansanischen Jäger. Es ist in meinem und meiner Kollegen Interesse, die Lizenzgebühren so gering wie möglich zu halten und dafür zu sorgen, dass die Dörfer keine Jagdrechte bekommen. Denn das würde bedeuten, dass wir mehr zahlen müssten – und auch besser kontrolliert würden als jetzt.

Das jetzige System ist gut für uns. Ich kaufe eine billige Lizenz von der Distrikt-Wildbehörde. Ich jage dann, ohne die Tiere in die Lizenz einzutragen. Es gibt glücklicherweise kaum Kontrollen, deshalb kann ich viel mehr schiessen, als auf der Lizenz steht. Wenn doch mal eine Kontrolle kommt, fülle ich das Papier einfach schnell aus.

Der Wildernde Chef der Jagdbehörde

Der Direktor spricht mit einem Berufsjäger und Besitzer mehrerer Jagdfirmen.

Mzee Shari, was kann ich für dich tun?

Direktor, ich habe ein Problem, bei dem du mir helfen könntest. In den fünf Jagdblocks, die du mir freundlicherweise gegeben hast, habe ich eine Quote von nur 10 Löwen. Die Saison ist bald zu Ende und die 10 Löwen haben wir schon gejagt. Aber jetzt habe ich zwei Klienten, die sehr reich sind und die  unbedingt Löwen schiessen möchten. Sie sind bereit, dafür eine Menge zu zahlen. Ich bitte dich, meine Löwenquote um zwei Exemplare zu erhöhen.

Hm, im Prinzip geht das schon, ich kann Quoten erhöhen, wie du weisst. Aber wird das nicht die Löwenpopulation bedrohen?

Keine Sorge, Löwen vermehren sich wie Kaninchen, wie jeder weiss. Ausserdem sind es schlechte Tiere, sie sind gefährlich. (Er lacht und der Direktor auch.)

Und was habe ich davon?

Ich schlage vor, wir machen’s wie immer. Die Lizenzgebühr ist 2000 Dollar – ich nehme den Klienten 4000 ab. Dann teilen wir uns den Überschuss, so, wie wir es neulich mit den Elefanten gemacht haben. 

Der Wildernde Zwischenhändler

Ich bin Geschäftsmann. Ich kaufe und verkaufe Sachen. Ich muss meinen Lebensunterhalt bestreiten, deshalb kann ich nicht wählerisch sein mit was ich handle. In den Achtzigerjahren habe ich gutes Geld mit Elfenbein gemacht. Ich habe Familienverbindungen nach Sansibar. Die kaufen meine Elefantenzähne. Dieses Geschäft war aber in den letzten Jahren schwierig durch den ständigen  Ärger, den uns die Wildbeamten des Selous gemacht haben. Ich habe einige Ladungen Stosszähne verloren und eine Menge Geld dazu.

Glücklicherweise wird das Geschäft derzeit wieder besser. Elfenbein ist wieder auf dem Markt, und meine Verwandten in Sansibar können es leicht nach China transportieren. Sie laden es einfach in die Holzcontainer, die dorthin gehen. Solange es Elefanten gibt, gibt es auch Stosszähne zu kaufen. Und warum auch nicht? Elefanten sind gefährlich, sie töten Menschen. Sie halten den Fortschritt auf. Ich habe ein reines Gewissen. 

Der Wildernde Soldat

Wir sind hier mitten im Busch stationiert, wie die meisten Armee-Camps. Es gibt keine Ablenkungen. Das Essen ist schlecht, und Fleisch gibt es kaum. Nicht weit von uns im Selous gibt es aber Fleisch im Überfluss – Impalas, Gnus, Büffel.

Meine Vorgesetzten wissen das. Sie schicken mich regelmässig auf die Jagd, um für sie und uns Fleisch zu schiessen. Ich bekomme einen Pick-up und nehme einige Kameraden mit. Wir haben Kalashnikows. Die sind sehr gut für die Jagd, weil wir damit die Tiere regelrecht mit Kugeln bespritzen können. Wenn wir eine Herde sehen, fahren wir darauf zu, so schnell wir können und eröffnen das Feuer.

Normalerweise kriegen wir auf diese Weise mehrere Tiere. Aber mit Büffeln muss man vorsichtig sein. Gehe nie vom Wagen runter, so lange noch einer am Leben und die Herde nicht weg ist. Büffel sind bösartig, sie können dich umbringen! Ich habe gehört, dass es Jäger gibt, die Büffeln zu Fuss folgen, sogar wenn sie verletzt sind. Die müssen verrückt sein!  

 * Dr. Ludwig Siege (geb. 1950) ist deutscher Diplom-Volkswirt mit langjähriger Tansania- und Afrika-Erfahrung. Er realisierte im Selous und anderswo deutsche und europäische Schutzprogramme und war u.a. an der Planung des Selous-Niassa-Wildschutzkorridors hin zur Grenze Mosambiks beteiligt.  

 

Das Buch «Wildes Herz von Afrika»

Die hier oben aufgeführten Einblicke in die Hintergründe der afrikanischen Wilderei sind dem Buch «Wildes Herz von Afrika: Der Selous – traumhaftes Wildschutzgebiet» von Rolf D. Baldus entnommen. Eine Pflichtlektüre für alle, welche die Wildnis Schwarzafrikas interessiert, mit Zeichnungen von Bodo Meier und Wilhelm Kuhnert. Verlag: Franckh-Kosmos. ISBN: 978-3-440-12789-6. Preis: EUR 40.-/ CHF 48.-

© Titelfoto by Gian M. Schachenmann: Gnus überqueren den Mara-Fluss.