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Neuer «Nyerere-Park» killt Selous-Weltnaturerbe

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Neuer «Nyerere-Park» killt Selous-Weltnaturerbe

Ruedi R. Suter

Das grossartige Selous-Weltnaturerbe der Unesco im Süden Tansanias ist in seiner jetzigen Form als eines der grössten Wildschutzreservate der Welt bald Vergangenheit. Die tansanische Regierung unter John Magufuli trennt im Eilverfahren einen Teil ab und bastelt aus ihm den «Nyerere-Nationalpark».

Überraschen kann das kaum: Im Selous sind Minen-, Holz- und Bauunternehmen schon am Graben, Abholzen und Errichten eines Mega-Damms. Allerdings sehen nicht alle nur schwarz. Gleichzeitig hat heute das Parlament mit der Gründung zweier weiterer Nationalparks deren Zahl auf insgesamt 24 erhöht.

«Innerhalb weniger Tage und ohne nennenswerte Planung hat die Regierung von Tansania entschieden, aus dem bisher über 50’000 Quadratkilometer grossen Selous-Wildreservat 31’000 Quadratkilometer herauszuschneiden. Dieser Teil wird der Nyerere-Nationalpark». Das meldete der deutsche Selous-Spezialist Rolf D. Baldus heute dem Verein der Freunde Serengeti Schweiz (FSS).

Das Parlament habe den Vorschlag einstimmig angenommen. Als Begründung seien ein besserer Schutz der Wildtiere und höhere erwartete Einnahmen durch den Tourismus angegeben worden.

Baldus, der sich seit über 30 Jahren mit dem Selous befasst und sechs Jahre lang im Reservat selbst arbeitete, zeigt sich skeptisch: «Dies könnte eine Bauchlandung werden, da sich der grösste Teil des neuen Nationalparks nur bedingt für Fototourismus eignet.» Dieser habe sich bislang nicht einmal in den attraktiven und seit 20 Jahren jagdfreien Gebieten im Norden des Reservats (Kinjanguru und Matambwe) entwickeln können.

Happige Jagd-Einnahmen für den Wildschutz werden fehlen

Der Selous war bislang ein Wildreservat, dessen Wildbestand sich – neben dem eher bescheidenen Fototourismus – auch dank der Einnahmen aus der Jagd schützen liess.

Ein grosser Teil dieses Geldes werde auch nicht mehr hereinkommen. Denn statt der bislang 40 Jagdblocks wird es laut Rolf Baldus in Zukunft nur noch 10 in den Sektoren Kingupira und Miguruwe im Osten des bisherigen Selous Wildreservats geben.

Ende eines UNESCO-Weltnaturerbes:  Start zum Dammbau im Selous |  © Foto by Ndege

Ende eines UNESCO-Weltnaturerbes: Start zum Dammbau im Selous | © Foto by Ndege

Chancen durch die Parkgründung nicht ausgeschlossen

Optimistischer ist da Markus Borner, der ehemalige Afrika-Verantwortliche für die ebenfalls im Selous engagierte Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF).

Borner, der als Nachfolger von Bernhard Grzimek viele Jahre in Tansania lebte, die nationale Schutzpolitik wesentlich mitprägte und damals bereits einen Plan für die Umwandlung des Selous in einen Nationalpark entwarf, erklärte gegenüber dem FSS: «Ein Nationalpark könnte auch die Chance sein, den Kern des Selous zu erhalten. Wenn der Stausee und die umgebenden Gebiete unter dem Nationalpark-Status geregelt sind, so könnten - nach meiner Ansicht - das Gebiet viel besser kontrolliert und die Langzeit-Schäden des Dammes reduziert werden.»

Ungewisse Zukunft mit vielen Fragen

Der neue, aus dem Selous herausgeschnittene Park wird nach dem «Vater der Nation» benannt – dem früheren Präsidenten Julius Nyerere, soll der nationalen Parkbehörde «Tanzania National Parks» (TANAPA) unterstellt werden.

Von den bislang 22 Nationalparks des Landes erwirtschaften laut Baldus nur gerade drei (Kilimandscharo, Serengeti und Tarangire) Überschüsse. Die anderen schreiben rote Zahlen. Der Nyerere-Nationalpark wird nun zum grössten des Landes.

Ob die Nationalparkbehörde, finanziell und personell chronisch unterdotiert, die neue Belastung stemmen kann, ist Experten zufolge mehr als fragwürdig. Laut Baldus habe hingegen der einst im Selous erwirtschaftete Jagdtourismus «hohe Überschüsse» eingefahren.

Was die tansanische Regierung genau antreibe, sei «undurchsichtig». Der sich im Bau befindliche Mega-Staudamm im Herzen des Selous, der weltweite Proteste auslöste, wurde ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und wirklich abgesicherte Finanzierung gestartet. Mitarbeitende des FSS überflogen Ende August das Baugebiet wie auch Teile der von Soldaten durchgeführten Abholzungen. 1’000 Quadratkilometer sollen insgesamt den Kettensägen zum Opfer fallen – die zurzeit weltweit grösste Waldvernichtung.

Angriff auf den Trockenwald des Weltnaturerbes:  Umgehauene Bäume (bläulich) |  © Foto by Ndege

Angriff auf den Trockenwald des Weltnaturerbes: Umgehauene Bäume (bläulich) | © Foto by Ndege

Rolf Baldus verweist überdies auf «geheime» Planvorhaben der Regierung für den Selous. Dazu gehörten ein teils geteertes Strassennetz sowie mehrere Brücken, beide nutzbar für den Fernverkehr. «Das Gebiet wird damit seinen Wildnischarakter verlieren», prophezeit Baldus.

«Es steht zu befürchten, dass der autokratisch regierende Präsident Magufuli, der die Entwicklung seines Landes durch Grossprojekte beschleunigen will und für Umweltschutz wenig übrig hat, das riesengroße Schutzgebiet verkleinern will, um an die vorhandenen Bodenschätze – Gold, Uran, Diamanten, seltene Erden, Erze – heranzukommen. Für den Selous sind – anders als manche jetzt erhoffen – düstere Zeiten angebrochen.»

Tansania im Nationalpark-Gründungsfieber

Wie inländische Medien am heutigen 11. September 2019 mitteilen, hat Tansanias Parlament zwei weitere Nationalparks aus der Taufe gehoben – den «Kigosi-» (Shinyanga-Tabora-Region) und den «River-Ugalla-Nationalpark» (Zentral-Tansania). Beide Gebiete waren bislang Wildschutzgebiete, die vor allem von Jagdeinnahmen lebten.

Hamis Kigwangallah, der zuständige Minister für Bodenschätze und Tourismus, zeigte sich als Tansanier stolz, derart viele Gebiete als Nationalparks ausweisen zu können. Mit den nun insgesamt 24 Nationalparks gehöre Tansania auf der Skala der Nationalparks definitiv zur Weltspitze.

FSS-Präsident Schläpfer sieht die Nationalpark-Euphorie auch kritisch

FSS-Präsident Adrian Schläpfer anerkennt den Willen der tansanischen Regierung, einen wesentlichen Teil des ostafrikanischen Landes unter Schutz zu stellen. Allerdings ist der ehemalige Schweizer Botschafter in Tansania über das «äusserst rasche Vorgehen» und die ungenügende Prüfung der Umweltverträglichkeit beim Dammbau in der Stieglers-Schlucht des Selous-Weltnaturerbes besorgt.

Schläpfer fragt sich überdies, ob im «Nyerere-Nationalpark» wie auch in den beiden anderen neuen Parks genügend Ranger und Finanzen vorhanden sein werden: «Wir hoffen angesichts der bereits in der Serengeti fehlenden Ressourcen, dass in den neuen und riesigen Schutzgebieten auch das notwendige Geld für den Einsatz zusätzlicher Wildhüter, für ihre Ausrüstung, den Wagenpark und die ganze Infrastruktur zur Verfügung stehen wird. Denn ohne den professionellen Schutz sind die neuen Nationalparks rasch leer gewildert.»

r.s. | rdb | fss

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