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Afrikas Nyerere: «Wir müssen uns selbst helfen!»

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Afrikas Nyerere: «Wir müssen uns selbst helfen!»

Ruedi R. Suter

Afrika steht unter Druck. Bevölkerungszunahme, Raubbau, Klimawandel, Konflikte, flüchtende Menschen und verschwindende Wildtiere schaden Natur und Lebensgrundlagen. Umweltschutz wird immer wichtiger, um auch kommenden Generationen ein Überleben zu ermöglichen.

Dies hat Julius Nyerere, Tansanias erster Staatspräsident (1962-1985), schon früh erkannt. Seine Rede von 1994 in Arusha anlässlich seiner Verdienste im Umweltbereich* und vor seinem Nachfolger Ali Hassan Mwinyi hat heute noch Gültigkeit, weshalb wir hier den während seiner Regierungszeit wohl weitsichtigsten «Umweltpräsidenten» Afrikas nochmals zu Wort kommen lassen.

Herr Präsident,

Herr Minister,

Meine Damen und Herren!

Die mir soeben verliehene Auszeichnung weiss ich zu würdigen, wobei ich mir ihres symbolischen Wertes durchaus bewusst bin. Mein Beitrag zur Erhaltung der Naturreichtümer Tansanias war zumeist nur in Worte gefasst, in öffentlichen Reden oder parlamentarischen Debatten. Aufgrund des heutigen Wissensstandes und im Bewusstsein der mannigfaltigen Zusammenhänge betreffend Umweltschutz, gestehe ich rückblickend ein, dass ich mehr hätte tun können und müssen.

Auf jeden Fall ist es das Volk, sind es Menschen, die handelten und durch ihre Bemühungen den wahren Beitrag zur Erhaltung unserer Natur leisteten. Aus diesem Grund sage ich, dass die Würdigung meiner Person symbolisch sei. Nicht für meine Worte, sondern als Anerkennung der wertvollen Dienste all dieser Leute – leider sind wir nicht in der Lage, jeden einzelnen öffentlich zu ehren –, nehme ich diesen Orden stellvertretend in Empfang und entbiete ihnen allen meine Referenz.

Es stellt sich die Frage, ob wir uns verändern wollen oder uns verändern lassen.

Herr Präsident, Mitbürger Tansanias und Gäste. In unserer modernen Welt heisst Erhaltung nicht Beibehaltung aller physikalischen Gegebenheiten, die einst den vergangenen Zeiten und Umständen entsprachen; ebenso wenig bedeutet dies, sich den Veränderungen um uns herum blind zu verschliessen. Selbstverständlich müssen wir unsere Urwälder schützen, den Lauf der Flüsse und die saubere Luft erhalten; tun wir dies nicht, haben wir in kürzester Zeit selber unter den Folgen zu leiden.

Tatsächlich ist schon viel zu viel Wasser verschmutzt worden, aus was für Gründen auch immer; Wasserknappheit herrscht heute in Gebieten, die früher stets wohlversorgt waren; die Produktivität mancher Landstriche hat erheblich nachgelassen, die Luft die unsere Städter einatmen, ist lange nicht mehr immer sauber und belebend.

Jedoch ist die Entwicklung unserer Nation, sind Veränderungen zum verbesserten Wohlergehen aller unerlässlich. Die Menschen in Tansania – in Afrika schlechthin – verelenden in einer Armut, die sie zu Opfern vermeidbarer Krankheiten macht, ohne dass sie Macht und Nutzen moderner Wissenschaft und Technologie zur Verbesserung ihrer Lage einsetzen könnten. Veränderungen sind unvermeidbar, wobei sich uns in der Tat die Frage stellt, ob wir uns selber verändern wollen oder uns verändern lassen. Sollen wir uns zum Vorteil und Nutzen anderer verändern oder entwickeln wir uns und unser Land selbst.

Es ist absurd, von Fortschritt zu sprechen, wenn wir unsere Ressourcen zerstören.

Es ist absurd, von «Fortschritt» zu sprechen, wenn wir unsere natürlichen Ressourcen zerstören, um dadurch eine mögliche Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung zu erreichen. Wir, die wir heute leben, sind die Sachwalter unserer Nachkommenschaft; für unser eigenes Wohlergehen und zur Schaffung besserer Lebensbedingungen für unsere Kinder obliegt es uns – und wir müssen dies tun – Wasser und Land nutzbar zu machen, Industrien aufzubauen, Verkehrswege zu schaffen und vieles mehr.

Es wäre unsinnig, sich mit der Begründung: «Diesen Landstrich bepflanzte seinerzeit schon mein Grossvater mit Mais, und hier liess er sein Vieh grasen» dem Bau einer Schule, einer Fabrik oder eines Dammes zu widersetzen. Ebenso fragwürdig wäre die Aussage: «Es dürfen keine Bäume mehr gefällt werden, weder zur Holzfeuerung, noch zur Herstellung von Möbeln oder gar für den Export.»

Allerdings werden auch unsere Urenkel und deren Grosskinder sich von Mais und anderen Nahrungsmitteln ernähren wollen, werden Kleider, Obdach und unzählige Dinge mehr benötigen, damit sie in der Welt des 21. Jahrhunderts würdevoll ihren Rollenpart übernehmen können. Die Naturreichtümer, die uns vererbt worden sind, müssen wir ihnen zumindest in demselben, wenn nicht gar in verbessertem Zustand – unserem Fortschritt wäre dies zu verdanken – überlassen.

Unsere Erde sollte den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden.

Mit anderen Worten: Unsere Umwelt, unsere Erde, unser sauberes, an Fischen reiches Wasser, unser Wildtierbestand, die Reinheit unserer Luft, sie sollen von uns den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden. Wir müssen mit unserer Entwicklung solcherart umgehen, dass jederzeit die Sicherstellung unseres Nachlasses gewährleistet bleibt.

Dies ist keine leichte Aufgabe, alle haben sich dafür einzusetzen. Im Bericht der Südkommission heisst es dazu: «Umweltschutz soll nicht der alleinigen Verantwortung einer einzelnen Dienststelle oder Verwaltung übertragen werden; für die Erfüllung dieser Aufgabe – insbesonders bei der Planung und Erschliessung neuer Wirtschaftszweige – ist jede staatliche oder nichtstaatliche Körperschaft in ihrem jeweiligen Rahmen zuständig.»...«der Aufruf zur Verbesserung der Umwelt vermag als Dekret allein nicht zu genügen, die verantwortungsvolle Mitbeteiligung aller Staatsbürger wird gefordert...»

Gerade auf diesen letzen Punkt möchte ich zurückkommen. Die Mehrheit unserer Bevölkerung ist arm. Beabsichtigt man nun ihre Miteinbeziehung bei der Hege unserer Wälder und unserer Tier- und Pflanzenwelt, dann müsste ihnen der unmittelbare Nutzen ihres Tuns auch deutlich erkennbar gemacht werden. Es ist zwar einzusehen, dass die Waldrodung hier wie andernorts – und sei dies hunderte Kilometer weit entfernt – zu Wassermangel führen kann.

Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen am Naturschutz ist unerlässlich.

Dennoch hindert dieses Wissen weder Mann noch Frau daran, hier und heute Holz zu schlagen, damit sie ihren Familien zu Hause eine warme Mahlzeit vorsetzen können. Es gibt Speisen, die gekocht werden müssen; also gilt es das hierfür notwendige Brennmaterial nicht nur verfügbar, sondern für jedermann erschwinglich zu machen. Sei dies in Form von alternativen Treibstoffarten oder durch den kontrollierten Anbau von Feuerholz.

 Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Auch ist es müssig, die Landbevölkerung in unmittelbarer Umgebung eines Schutzgebietes davon überzeugen zu wollen, dass das Jagen der Wildtiere aus Selbstschutzgründen oder zur Nahrungsbeschaffung zu unterlassen sei. Diese gälten als «Erbe der Menschheit», zudem dienten sie der Tourismusbranche als Hauptanziehungspunkt.

Gelingt es hingegen, die Betroffenen am Nutzen des Wildschutzes in einer Form teilhaben zu lassen, die sie selber von den erwirtschafteten Gewinnen direkt profitieren lässt, dann würden sie sich bestimmt zur notwendigen Zusammenarbeit bereit finden. Mit der Hege und Pflege ihrer Naturreichtümer verfolgten sie also nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern auch diejenigen der ganzen Nation. Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen zur Wahrung und Förderung unseres Naturschutzes ist unerlässlich. Sollten wir dies vergessen, sind wir allesamt dem Untergang geweiht.

Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig.

Herr Präsident, im Jahre 1992 nahmen Sie am Umweltgipfeltreffen teil, wo Sie im Namen unseres Volkes zwei internationale Protokolle unterschrieben und ebenfalls die «Agenda 21» guthiessen, deren Wortlaut die Massnahmen zur Erhaltung unserer Umwelt festhält. Ich hatte die Ehre, selber mit dabei zu sein, und mit Genugtuung erlebte ich, wie Sie sich verpflichteten.

In jenen Protokollen und besagter Agenda wurde die Tatsache festgehalten, dass alle Länder dieser Erde in Fragen des Umweltschutzes unentrinnbar miteinander verbunden sind. Deshalb ist ein Zusammenwirken aller Aktivitäten unumgänglich, die das Weltklima, unsere Meere, die Ausbreitung der Wüstengebiete oder die Luft- und Wasserverschmutzung betreffen.

Doch weder diese Schriften noch die Bemühungen anderer Völker werden uns retten, falls es uns nicht gelingt, selber aktiv zu werden. Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig. Diese Bestrebungen sind jedoch nutzlos, wenn wir selber unseren natürlichen Ressourcen nicht genügend Sorge tragen. Lassen Sie mich ein Sprichwort anfügen: «Gott hilft denjenigen, die sich selbst zu helfen wissen.»

Alle Länder dieser Erde sind beim Umweltschutz unentrinnbar miteinander verbunden.

Es sind die Naturreichtümer Tansanias, die sich in ihrer Qualität unmittelbar auf das Wohlergehen aller Tansanianer auswirken. Wir sind es, die Bewohner dieses Landes, die als erste und am härtesten darunter zu leiden haben, wenn wir zulassen, dass sich fruchtbarer Boden in Wüste verwandelt, wenn Flussläufe und Wasserströme versiegen und unsere Tierbestände gewildert und ausgerottet werden.

Ausländische Handelsgesellschaften wie auch private Unternehmen ferner Herkunft können, wenn wir dies nicht zu verhindern wissen, unsere einheimischen Wälder abholzen, hohe Gewinne erzielen und uns alsdann den Rücken zukehren.

Dies ist aber UNSER Land, dies sind UNSERE Wälder, es ist UNSER Wasser, das nicht verschmutzt werden darf. Die Erhaltung dieser Güter obliegt UNSERER Verantwortung, einer Verantwortung, die wir Tansanier selber wahrzunehmen haben, ohne sie anderen zu überlassen.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können.

In diesen Umweltfragen ebenso sehr wie in allen anderen Angelegenheiten müssen wir uns auf uns selbst verlassen können. Die Unterstützung anderer Länder begrüssen wir zwar und nehmen sie gerne an; zuweilen fordern wir bei all jenen Hilfe an, die unsere Sorgen um die Erhaltung unserer Umwelt mit uns teilen. Doch zuallererst müssen wir selber unsere Aufgabe zu erfüllen versuchen.

Wir alle, Ministerien und Lokalbehörden, Landbevölkerung und Mitglieder unpolitischer Organisationen, wir müssen unsere Zusammenarbeit vereinen und gemeinsam handeln, um die Fülle der Naturreichtümer Tansanias nicht nur zu schützen, sondern auch zu mehren.

Herr Präsident und liebe Freunde, lasst mich Euch noch einmal für die Ehrung danken, die Ihr mir heute erwiesen habt. Wie schon erwähnt, ist es mir eine Freude, diese stellvertretend für all jene in Empfang zu nehmen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst zur Erhaltung unserer Umwelt einsetzten.

Danke!

*Ansprache von Mwalimu («Lehrer») Julius Nyerere, gehalten in Arusha, am 21. Februar 1994, anlässlich der von den Behörden der tansanischen Nationalparkbehörde Tanapa geförderten Preisübergabe. Julius Nyerere war der erste Präsident Tansanias, dem bei weitem nicht alles gelang. Dennoch hat er sich als Denker, Visionär, Umweltschützer und integrer Politiker internationale Achtung erworben, die bis heute nachklingt.

Übersetzung: Helen Kimali Markwalder

Titelbild © Fotomontage by Fss

Weiterführende Links
- Julius Nyerere auf Wikipedia