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Importiert: Die Wilderei in Afrika

News

Importiert: Die Wilderei in Afrika

Ruedi R. Suter

Woher kommt die hemmungslose Wilderei in Afrika? Hier der Versuch einer Spurensuche im Gehölz der kolonialen Geschichte.

Von Ruedi Suter – FSS

Die Wilderei ist im Begriff, Afrika als wildreichsten Kontinent verwaisen zu lassen. Die Wilderei in den Griff zu kriegen wird täglich schwieriger, weil sie auch eng verzahnt ist mit dem rasenden Wachstum der Menschheit, der mit ihm einhergehenden Umweltzerstörung, dem Klimawandel, der schrumpfenden Nahrungsproduktion, der Armut und einer Mentalität, die ursprünglich die europäischen Kolonialmächte verbreitet haben.

Der Schaden, den die Wilderei heute in Afrika und anderswo anrichtet, ist enorm, folgenschwer und vielerorts kaum je wieder gutzumachen. Denn es gibt kein Tier, das in der Natur nicht einen bestimmten Zweck hätte und zur Regulation der Lebenskreisläufe beiträgt.

Vor allem die gewerbsmässige  Wilderei ist das Ergebnis einer gespaltenen Geisteshaltung, die alles nichtmenschliche Leben diskriminiert, das Tier zur Sache degradiert, ihm keine Rechte zugesteht, es millionenfach als Ware handelt oder millionenfach umbringt. Anderseits wird aber auch versucht, das Tier mit Reservaten und Schutzbestimmungen vor Missbrauch, Misshandlung und Ausrottung zu schützen. 

Es ist kein Kunststück, mit modernen Waffen Wildtiere zu töten. Wenn Wilderer ungerührt Nashörner oder ganze Elefantenherden zusammenschiessen, kann dies durchaus mit Exekutionen verglichen werden. Situationen, die sich im afrikanischen Busch fernab der Wildhüterposten regelmässig wiederholen: Salven , die in Elefantenherden schlagen, Panik, Schreie und ein heilloses Durcheinander in den völlig verstörten Familien. Dann das Zusammenbrechen oder Taumeln der Getroffenen, das vergebliche Haltesuchen, das Erschlaffen und Umsinken der sterbenden Riesen.

Seelenverwandtes Mitwesen

Dass dabei jedesmal eine ganze Welt zusammenbricht, dass mit jedem Todesschuss ein hochsoziales Geschöpf und ein weiteres, ohnehin gefährdetes und für die feinvernetzte Natur letztlich unersetzliches Lebewesen verschwindet, könnte jedem Menschen bewusst werden – tut es aber nicht. 

Dabei besassen gerade die ersten Völker Afrikas, Amerikas und Asiens als Jäger und Sammler noch dieses allumfassende Bewusstsein: Das Tier war ihnen seelenverwandt, ein Bruder, eine Schwester, gehörte zur Welteinheit, war um nichts weniger wert als der Mensch selbst, oft sogar heilig. Es wurde in der Regel nur getötet, wenn es notwendig war – zum eigenen Überleben, für Mahlzeiten, Kleidungsstücke oder seltener auch für kultische Handlungen. Was nur ist seither geschehen?

Der Europäer als Mass aller Dinge

Die heutige Wilderei in Afrika wurde hauptsächlich aus Europa importiert. Vorab das Christentum und seine Anhänger begannen sich über die Natur zu stellen. Christen machten sich am erfolgreichsten zum Mass aller Dinge, zum Mittelpunkt der Welt, unterwarfen diese und beförderte die Tiere wie auch die Andersrassigen auf die unterste Stufe ihrer Werteskala. 

So griffen die EuropäerInnen im Namen des Herrn, ihrer Zivilisation und des Vaterlandes, der Ehre und Nächstenliebe Abermillionen «Heiden, Nigger, Bestien und Barbaren» (Begriffe aus der Kolonialzeit) an, um sie letzten Endes zu unterwerfen. Das Ziel war, sie zu bekehren, zu «Menschen zu machen» und zu «zivilisieren», im Bedarfsfall aber auch sie zu versklaven oder gar umzubringen. 

Mit der damaligen Überheblichkeit und Ignoranz Nicht-EuropäerInnen gegenüber  konnten sie in Afrika «Gutes tun», «Licht bringen» (Missionen), eigene Infrastrukturen und Bürokratien exportieren, «Weltsprachen» wie Englisch und Französisch einführen, aber auch das Verwerflichste rechtfertigen und legitimieren: Kolonisierung, Sklavenhandel, Völkermord, der Raub von Bodenschätzen, die  Zerstörung der Wälder – oder eben das Abschlachten Millionen wilder Tiere. 

Altes Wissen versus Profitgier

Die Afrikaner und Afrikanerinnen aber lebten seit über einer Million Jahre im hautnahen Kontakt mit den Wildtieren. Diese prägten ihren Alltag, ihr Verhalten, ihre Ängste, Träume und Mythen. Wildtiere konnten natürlich auch gefährlich werden, vor allem wenn sie bedrängt wurden oder irrationale Ängste weckten. Wildtiere dienten aber auch zur Deckung des Eiweissbedarfs.

Das Wild wurde seit jeher von vielen afrikanischen Völkern gejagt, aber vorab für den Eigenbedarf, zum Wohle der Allgemeinheit – jedoch kaum zur individuellen Bereicherung. Viele afrikanischen Völker wussten, dass der Wildbestand nicht verschwinden durfte.

Währenddessen jagten die Europäer schonungslos ihre eigenen Wälder leer. Mit ihrem Hang zur Technik hatten sie ungeheuer effiziente Feuerwaffen konstruiert – und damit die Voraussetzung für die seither immer schneller werdende Dezimierung der Naturvölker und Wildtiere erschaffen.

Plötzlich waren sie «Wilderer»

Dann eroberten sie das wildreiche Afrika und drückten dem Kontinent ihren Stempel auf. Jäger- und Sammlervölker mit ihrer jahrtausendealten Jagdtradition sahen sich nun – wie anderswo in der Welt – plötzlich als «Wilderer» verfolgt, wenn sie ohne die Erlaubnis der Eroberer auf die Jagd gingen, um sich ihre Nahrung zu beschaffen.

Das Wild wurde zu «Schädlingen» degradiert, zuvorderst die «Grossen Fünf» – Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Grosswildjäger, Kolonialbeamte,  Militärs, Siedler oder Missionare und später auch Entwicklungshelfer und Abenteurer schossen ab, was ihnen vor die Flinte geriet. 

Mörderisches Besitzdenken

Ironie der Geschichte: Auf der anderen Seite «erbte» Schwarzafrika von den Weissen auch die Nutztierhaltung, die – zuvor nicht notwendigen – Reservate, den Naturschutz – und die ausufernde Wilderei. So wuchs auch im Afrikaner eine materialistische Haltung der Tierwelt gegenüber heran: Das Tier verlor seine Seele, wurde zum Besitz, zum Statussymbol, zum Produktionsfaktor. 

Davon überzeugt war auch die Ethnologin Mary Jean Kennedy Aerni (1918-1998): «Je zivilisierter der Afrikaner wird, je mehr er das Besitzdenken der Europäer annimmt, in desto grösserem Mass wird er auf das zurückgreifen, was scheinbar allen gehört: Die Wildtiere – und das, was von ihnen verwertbar ist.» Die US-Afrikaforscherin mit Schweizer Wurzeln war der Wilderei in Afrika auf den Grund gegangen.

 

 Jagdflinte im Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Jagdflinte im Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Gefährliche Jobs

Ist es also reine Rührseligkeit, wenn heute das massenhafte Umbringen von Wildtieren jeder Grösse und Art und ihr Verschwinden aus dem ökologischen Kreislauf Entsetzen hervorruft? Zweifellos ja für Wilderer im Busch, die eine harte,  gefährliche Arbeit auf sich genommen haben. 

Und die heute von afrikanischen WildschützerInnen, denen der Schutz der Natur zu einer Herzensangelegenheit wurde, mit einer ebenso harten und gefährlichen Arbeit bekämpft werden. Denn auch dieses Afrika gibt es noch: Das Afrika der wilden Tiere. Das Afrika, das in den Industrienationen auch gerade seines Wilds wegen zum Symbol einer wundervollen, urwüchsigen und unbesiegbaren Natur wurde. 

Die letzte Chance

Doch das Afrika der wilden Tiere ist am Verschwinden. Hier ein wenig langsamer, dort ein bisschen schneller. Die Grossen zuerst, dann die Kleinen, schliesslich die Kleinsten. Wir überall auf dieser Erde. Statt sie zu retten, rotten wir sie aus. Vielfach ohne es uns überhaupt bewusst zu sein. Klar ist: Wir leben auf ihre Kosten – so lange, bis es sie nicht mehr gibt. Eine Frage der Zeit, wenn nicht die internationale Gemeinschaft mit allen Mitteln dem Abwärtstrend einen Riegel schiebt.

«Was immer den Tieren geschieht – geschieht auch den Menschen.» Davor warnten schon die alten Afrikaner, die Indianer, die Hindus, die Buddhisten oder ein Franz von Assisi. Dass die Wildtiere – vom Insekt bis zum Wal – in ihren Lebensräumen auch für uns tödliche Lücken hinterlassen, die wir nicht mehr schliessen können, wird uns aber erst jetzt langsam bewusst. Diese Bewusstwerdung ist eine letzte Chance, den übrig gebliebenen Wildtieren eine Zukunft zu sichern.

Es ist wohl die letzte Gelegenheit, die heute NaturbewahrerInnen in aller Welt nach dem grossen Abschlachten mit dem zuerst in Europa und Amerika entwickelten Naturschutzkonzepten umzusetzen versuchen. Dazu gehört, die Tiere wieder achten zu lernen. Mit allen Konsequenzen. Und sie frei und wild leben zu lassen. Denn Wildtiere haben ebenso ein Recht zu leben wie wir – selbst wenn dieses Recht häufig nicht einmal allen Menschen zugestanden wird.

© Titelfoto by RS/FSS: Jagd-Trophäen im Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

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