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Goma, die Gorilla-Diva, ist nicht mehr

News

Goma, die Gorilla-Diva, ist nicht mehr

Ruedi R. Suter

Vor fast 60 Jahren lenkte ein Gorillasäugling die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Schweiz. Goma, der erste in Europa geborene Gorilla, entzückte alle. Jetzt ist die berühmte Menschenäffin mit 58 Jahren in Basel verstorben.

Von Ruedi Suter - FSS

Verknittert und winzig sah es aus damals, das Gorillababy mit den grossen, glänzenden Äuglein, den zünftigen Nasenlöchern, dem breiten Mäulchen und dem hellrosafarbenen Gesichtchen unter der schwarzen Kappe aus feinen Haaren. Mit spindeldürren Ärmchen lag es im dichten Pelz von Achilla, seiner Mutter. Das war am 23. September 1959, im Zoo zu Basel.

Gestern, am 7. Juni 2018 und beinahe 60 Jahre später, ist das damalige Affenkind als überaus betagtes Affenweibchen an seinem Geburtsort verstorben.

Der Basler Zolli schreibt: «Bis zuletzt war sie von ausserordentlich robuster Gesundheit. In den letzten Wochen wirkte sie aber zwischendurch abwesend und müde und ihr Appetit lies nach.  Am Morgen des 7. Juni war sie sehr schwach. Sie ass noch eine Kleinigkeit, legte sich dann aber versteckt in eine Box und reagierte kurz darauf nicht mehr auf die Mitglieder der Gorillagruppe, die immer wieder zu ihr gingen und sie sanft anstupsten. Um 12.15 Uhr tat Goma ihren letzten Atemzug.»

 Goma im bereits hohen Alter von 50 Jahren

Goma im bereits hohen Alter von 50 Jahren

Beginn eines seltsamen Affenlebens

Allein seine Geburt machte das Äffchen berühmt: Es war das erste Gorillakind, das in Europa in einem Zoo geboren wurde. Und hätte nicht drei Jahre zuvor Artgenosse Colo in Columbus (Ohio, USA) das Licht der Welt erblickt, wäre das Basler Menschenaffenkind gar der erste in Gefangenschaft geborene Gorilla gewesen.

Basels jüngste und wohl auch haarigste Bürgerin wurde Goma getauft. So heisst eine seit Jahren immer wieder umkämpfte Stadt in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) unweit der letzten Zufluchtsstätten der verwandten Berggorillas. «Goma» heisst auf Suaheli aber auch «Freudentanz».

Gomas Adoptiveltern waren – Menschen

Zu diesem hatten die Zooleute aber bereits Stunden nach der Geburt keinen Anlass mehr. Obwohl Gomas Papa, der 140 Kilo schwere Steffi, von seiner 70 Kilo leichten Gattin auf Distanz gehalten wurde und diese sich ganz ihrem 1,82 Kilo wiegenden Baby widmen konnte, verstand es Achilla nicht, ihr bald einmal vor Hunger wimmerndes Kind zu säugen. Ausgerechnet ein Mann musste ihr aus der Patsche helfen - der Tierarzt und damalige Basler Zoodirektor Ernst M. Lang. 

Der am 21. Oktober 2014 im Alter von 101 Jahren verstorbene Lang, der einst mit seinem Kommunikationstalent die Zolli-Tiere wie nachher keiner mehr zum Gesprächsstoff in Öffentlichkeit und Medien machte, erinnerte sich im September 2009 gegenüber dem Basler Internetportal OnlineReports.ch so an den damaligen Gorillasäugling: «Als sich die Situation nach 36 Stunden nicht geändert hatte, entschlossen wir uns, das wertvolle kleine Wesen in unsere Obhut zu nehmen, um es am Leben zu erhalten." So wurden der damals 45-jährige Zoodirektor und seine Frau Trude 1959 unverhofft zu geforderten Adoptiveltern eines Affenmädchens.

Wie eine Familie zur Horde mutierte

Keine Zeitung, kein Radiosender, keine Fernsehstation, die nicht über das Basler Affenbaby berichtet hätte. «Täglich hatten wir bis zu zehn Reporter, Fotografen und Fernsehleute im Haus», erinnerte sich Lang an den Rummel um die wollene Neugeborene, deren Mutter - ein Flachlandgorilla - aus den Urwäldern Westafrikas stammte. 

Von überall her trafen Glückwünsche ein, auch von zoologischen Gärten und Tierexperten. Für die heranwachsende Goma aber, deren Fortschritte Lang später in einem Bestseller beschrieb, gab es Wichtigeres: Sie schleckte Säuglingsnahrung, entdeckte das Gehen und Turnen, tollte in der guten Stube herum, spielte mit dem Haushund, beäugte die Gäste, trieb allerlei Schabernack und fühlte sich bald affenwohl in ihrer «Horde», die das Ehepaar Lang mit ihren Kindern wie selbstverständlich mit einschloss. Kein Wunder, dass dann auch alles gemeinsam unternommen werden musste. 

 Ein Gorilla auf dem Gotthard

So fuhr die «Horde» im Familienauto über den Gotthard an den Langensee in die Ferien. Auf der Rückreise bestritt Goma, schon ganz Star, im Zürcher Studio des Schweizer Fernsehens noch rasch eine Life Show. Doch nicht nur die Medien, auch die Forschenden waren am jungen Gorillaweibchen interessiert. Es wurde scharf beobachtet, am intensivsten von Ziehvater Ernst Lang und dem Basler Zoologen Rudolf Schenkel. 

Die Tierspezialisten, die es später beide - vielleicht auch ein bisschen wegen Goma - zur Professorenwürde brachten, registrierten jeden Laut, jede Bewegung, jede Wachstums- und Verhaltensänderung, um sie in wissenschaftlichen Publikationen wie der «Documenta Geigy» und im populären Buch «'Goma', das Gorillakind» zu veröffentlichen. Es sind Beobachtungen, die in die Geschichte eingingen. Denn eine derart akribische Bestandesaufnahme von der Entwicklung eines jungen Menschenaffen hatte es zuvor noch nie gegeben.

Neue Gesellschaft im Affenhaus

Das putzige Gorillamädchen, immer zu einem Streich aufgelegt, wuchs seinen Zieheltern an Herz. Es unterschied sich zu Beginn in seinem Verhalten kaum von einem Menschenkind. Doch nach rund einem Jahr und bevor es den Adoptiveltern über den Kopf wuchs, kam die unvermeidbare Trennung.

Goma musste vom Direktorenhaus am Pelikanweg zu ihrer Familie in das ein paar Lianenschwünge entfernte Affenhaus zügeln. Dort traf sie auf den aus Kamerun geholten Altersgenossen Pepe – ein guter Kamerad, der zwar nie ein Liebhaber werden sollte, ihr jedoch den Anschluss an die Gorillafamilie erleichterte. 

Gomas Mutter Achilla hatte unterdessen kapiert, wie Kinder aufgezogen werden müssen. 1961 gebar sie Goma einen Bruder. Jambo verguckte sich später etwas allzu fest in seine Schwester, und so erblickte am 2. Mai 1971 Tamtam, der gemeinsame Sohn, das Licht des Basler Affenhauses.

Auch Tamtam machte Schlagzeilen: Er war der erste Gorilla in zweiter Zoogeneration. Und er war das erste Gorillababy, das in einem Zoo von Beginn an mit einem Silberrücken aufwuchs. Dass Goma ihren Sohn mühelos aufzog, führt Ernst Lang auf ihre Lernfähigkeit zurück: «Sie sah es den anderen Müttern ab. Das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden.» Für Goma aber blieb Tamtam ihr erstes und letztes Kind. Weshalb, das bleibt ein Rätsel. 

 Goma, immer auch Beobachtungsobjekt

Goma, immer auch Beobachtungsobjekt

Ein Wiedersehen voller Gefühle

Das genaue Beobachten der Menschenaffen wurde am Zolli auch nach dem Weggang Ernst Langs weitergeführt. Nachher wurde Goma vom Primatenforscher und Zolli-Fotografen Jörg Hess begleitet. Er charakterisierte Goma an ihrem 30. Geburtstag so: «Sie ist freundlich, anhänglich und interessiert, aber auch in sich zurückgezogen und manchmal scheu.» 

20 Jahre später meldeten die Zolli-Verantwortlichen, Goma habe sich «immer mehr ins Familienleben» integriert: «Sie ist, wie es scheint, heute eine zufriedene und fürsorgliche Grossmutter.» Ganz verloren hat das einst weltberühmte Gorillaweibchen seine vornehme Zurückhaltung aber nie.

Eine Ausnahme machte es jedoch immer - dann, wenn ihr Ziehvater das Affenhaus betritt. Dieser besuchte bis zu seinem Tod wenigstens einmal die Woche seine «Stieftochter» im Zoo. Entdeckte die betagte Gorilladame Ernst Lang im Besucherraum, kam sie an die Panzerscheibe und begrüsste ihn. Es waren ergreifende Momente: Die beiden schauten sich in die Augen und freuten sich sichtlich. 

Die Gorillas Afrikas kämpfen ums Überleben

Allerdings hat die Goma-Geschichte im letzten halben Jahrhundert auch eine tragische Dimension angenommen: Die letzten noch frei lebenden Berg- und Flachlandgorillas in Afrika stehen vor der Ausrottung. Von den bedrängten Berggorillas im teils umkämpften Grenzgebiet der DRC, Ugandas und Ruandas leben nur noch schätzungsweise 700 bis 1'000 Tiere.

Ebenfalls als höchst gefährdet gelten die Westlichen Flachlandgorillas. Ihre Zahl ist wegen der Holzindustrie und der Wilderei vorab für den Fleischbedarf innert drei Generationen um 80 Prozent geschrumpft. Obwohl  in den dichten Wäldern der Republik Kongo (Brazzaville) noch nicht bekannte Populationen entdeckt wurden, wird die Zahl der letzten Westlichen Flachlandgorillas auf zwischen 100'000 und 125'000 Tiere geschätzt. 

Weil aber der Druck auf auf Primaten wie Gorillas, Orang Utans und Schimpansen mit Sicherheit weiterhin zunehmen wird, stellen rund um die Uhr bewachte Wildzonen und die für Wildtiere gefängnisartigen Zoos - sie wollen heute lieber «Naturschutzzentren» genannt werden - bald die letzten Überlebenschancen für Menschenaffen und andere bedrohte Tierarten dar.

Die Situation der überall bedrängten Wildnis bekümmert den Ziehvater "Gomas" besonders. Denn Professor Lang hatte während seiner Direktionszeit nicht nur dem Basler Zoologischen Garten ein neues Konzept verpasst, Bücher verfasst und wichtige Forschungsarbeiten über die Biologie der Gorillas, des Panzernashorns, der Brillenbären und Flamingos publiziert, er kannte auch die Lebensumstände und Bedrohungen der Wildtiere in Freiheit.

Siedlungsdruck, Wilderei und Abholzungen

Lang war einer der ersten Zoodirektoren, der sich nicht des Tierhandels bediente, sondern Tiere aus aller Welt selbst importierte - «eine Vorgehensweise», die in der Welt der Zoos allgemein üblich wurde», schrieb Claus Hagenbeck, Spross der berühmten Hagenbeck Tierpark-Familie in Hamburg. Und: «Er hat zahlreiche Wildtiere eigenhändig eingefangen, verpackt und transportiert, zu einer Zeit, als das Reisen, selbst mit kleinem Handgepäck, noch überaus beschwerlich war.» Diese unterdessen überholte Methode - sie hat dem Zolli einst auch lebende Elefanten aus dem heutigen Tansania beschert - hatte einen Vorteil: Zoodirektoren wie Lang und Bernhard Grzimek erlebten selbst, wie verheerend sich draussen in Savanne, Busch und Urwald Wilderei, industrielle Abholzung und Siedlungsdruck auf die Wildtiere auswirken.

Wie schätzte also Lang die Zukunft der wild lebenden Gorillas ein? Er machte sich- im Gegensatz zu vielen Tier- und Naturschutzorganisationen - keine Illusionen: «Sehr schlecht, so lange es in Afrika keine politische Stabilität gibt.» Die Zoos mit ihren Zuchtgruppen könnten den Gorillas allenfalls ein längerfristiges Überleben garantieren, hoffte der einstige Züchter und Tierfänger. Das erfordere aber gute Freianlagen und «sehr viel Geld». 

 Goma – nachdenklich? Alle Fotos © by Ruedi Suter

Goma – nachdenklich? Alle Fotos © by Ruedi Suter

Die ewige Platznot des Zollis

Der Zoologische Garten Basel hat unterdessen eine neue «Erlebniswelt» mit Aussenanlagen für die Menschenaffen bauen lassen. Die Verantwortlichen unter dem jetzigen Direktor Oliver Pagan gaben sich redlich Mühe, «für die Menschenaffen im Zoo Basel ein neues Zeitalter beginnen» zu lassen. Dass aber der Zolli viel zu klein ist und ausgelagert oder grosszügig vergrössert werden müsste, ist ein Thema, das in der Stadt der Milliardäre wegen fehlenden Finanzen und auf Kosten der Wildtiere leider nicht mehr thematisiert wird.

Gorilla Goma, ein Leben lang Gefangene, Gepflegte und Beschützte zugleich, hat die neue «Erlebniswelt» für Primaten im Zolli noch erleben können. Mit seinen 59 Jahren lebte der betagte Weltstar 19 Jahre länger als der Durchschnitt seiner freien Artgenossen. In Menschenalter gerechnet dürfte sie jetzt 109 Jahre alt gewesen sein - und damit sogar ihren Ersatzvater Ernst Lang um 8 Jahre «überholt» haben.

Neun Jahre ist es her, dass der Mensch den Affen zum letzten Mal berührte - im Bereich der Anlage, wo nur die Tierwärter Zugang haben: «Ich konnte sie am Rücken kraulen. Das hat sie mit grösstem Wohlgefallen entgegengenommen», freute sich der Professor. Ja, und einmal, habe Goma ein Blatt aufgelesen und es ihm in den Mund stecken wollen.

Jetzt haben beide, der Ernst und die Goma, das Zeitliche gesegnet. Und eine Zoo-Geschichte der besonderen Art hat damit ihren Abschluss gefunden.

Weiterführende Themen:

Ex-Zolli-Direktor und Goma-Erzieher Ernst Lang gestorben