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David Rechsteiners letzte Safari

News

David Rechsteiners letzte Safari

Ruedi R. Suter

David Rechsteiner hat seine letzte Safari angetreten. Der Schweizer Artenschützer, Kaffeeproduzent und Tansaniakenner ist am 31. März 2019 kurz nach seiner Rückkehr ins Zürcher Oberland nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben.

Als treibende Urkraft des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) hat er zusammen mit seiner Frau Lilian der Organisation in Tansania nachhaltig Respekt verschafft. Wir erinnern uns an einen aussergewöhnlich vielseitigen Manager, Buschläufer, Tier- und Menschenfreund.

David Rechsteiner war ein Kämpfer. Und er hätte in Afrika schon viele Tode sterben können. Aber das Schicksal war ihm hold. Immer entkam er auf seinen zahllosen Märschen durch die Wildnis Elefanten, Nashörnern, Flusspferden oder Grosskatzen, denen er unbeabsichtigt zu nahe kam. Er überlebte den giftigen Biss einer Puffotter und erwachte wieder aus einem tagelangen Koma.

Schlangen faszinierten ihn besonders, und wenn er den Kopf einer aufgerichteten Python aus dem hohen Gras ragen sah, packte er sie wenn möglich am Hals, um sie näher betrachten zu können. Einmal mussten ihn Ranger aus der Umschlingung einer in der Grösse unterschätzten Würgeschlange herauswinden, natürlich ohne die Schlange zu verletzen.

Er trank das Leben in grossen Zügen und hatte viel Glück auf seinen vielen Reisen durch alle Kontinente, vor allem aber in Afrika. David Rechsteiner überlebte auch Tropenkrankheiten, den Speerstich eines Wilderers in die Flanke, lange Märsche unter sengender Sonne ohne einen Schluck Wasser, weil der Wagen zusammengebrochen war. Viel mehr wissen wir nicht, weil er solche Geschichten nicht von sich aus erzählte. Man musste sie ihm «entwinden». Klar war jedoch, das Blut des Abenteuers pulste in seinen Adern.

Auch Zweifelnder und Suchender

Aber er hatte auch ein grosses Herz. Dies war auf Anhieb nicht immer gleich spürbar. Der Sensible und Vielbegabte hatte sich eine raue Schale zugelegt, seine Sprache war ungeschminkt und klar, die Wortwahl oftmals radikal. Wer ihn näher kennenlernen konnte, der erfuhr einen Mann, dem das Wohl der Mitmenschen und die Liebe zu den Tieren und der Natur ein zentrales Anliegen war.

David Rechsteiner, 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner, 2007 | © Foto by Ruedi Suter

Auf seinen vielen Buschexpeditionen, bei denen ihn oft auch seine Gattin Lilian Rechsteiner begleitete, nahm er nie eine Waffe mit. Gewalt war ihm zuwider, beschäftigte ihn aber dauernd, besonders abends am Lagerfeuer. Hier wandelte sich der Buschläufer zum Philosophen, zum Fragenden, zum Zweifelnden und nach Antworten Suchenden.

Das Anders-Sein der Afrikaner und Afrikanerinnen faszinierte ihn und bewunderte er, vor allem jenes der letzten Jäger- und Sammlervölker oder der Rindernomaden wie die Massai. Ihnen fühlte er sich irgendwie verwandt.

Fragen nach den Widersprüchen des Seins

Gleichzeitig konnte er, der Macher und Organisator, sich aufregen über den Fatalismus und das Laissez-faire, mit dem sich so viele afrikanischer Menschen durch das Leben bewegen. Das passte nicht zu seinem Temperament. Doch zum Rassisten wurde David Rechsteiner deswegen nie, im Gegensatz zu anderen Europäern. Vielmehr interessierten ihn mit zunehmendem Alter grundlegende Fragen des Menschseins.

«Warum sind wir Menschen nicht fähig, friedlicher zu leben? Warum gehen wir aufeinander los und warum zerstören wir unsere Lebensgrundlagen? Warum sehen wir die Wildtiere als unsere Feinde an?». Fragen dieser Art beschäftigten, nein, plagten David Rechsteiner in besinnlichen Momenten.

Die grösste aller Fragen, was nach dem Tode sei, blieb auch unbeantwortet. «Dave», wie ihn seine Freunde nannten, hat in der Wildnis mit ihrem Fressen und Gefressenwerden oftmals den Tod gesehen. Wildhunde zu beobachten, wenn sie als Rudel ein Gnu bei lebendigem Leib in Stücke reissen und verschlingen, lehrt uns den Gang der Dinge zu akzeptieren. Leben heisst auch töten.

Humor und Geschäftssinn

Aber wo «Dave» ein Tier in Not sah, da griff er gezielt auch ein. Keine Frage beim Loslösen eine Zebras aus einer Drahtschlinge, keine Frage beim Herausziehen eines jungen Elefanten oder Gnus aus einem Sumpf. Da spielte er selbst Schicksal.

Es gab aber auch noch den «anderen» David Rechsteiner. Beispielsweise den von den Tansaniern respektierten «Mzee», den Alten, der einerseits streng war, andererseits mit seinem Humor und seinen Sprüchen regelmässig für schallendes Gelächter sorgte.

Und schliesslich galt der Schweizer aus dem Zürcher Oberland in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf.

Vom Gärtner zum Farmbesitzer und Naturschützer

Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in Teamarbeit mit seiner schweizerischen Gattin Lilian, die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah.

Dem Ehepaar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

Zentrale Mitbegründer des FSS anno 1984

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme griff. 

Mit Rangern Wilderer gestellt

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Fleischwilderer waren für ihn nicht einfach Verbrecher. Immer wieder verwies er auf die mögliche Not hungernder Dorfbewohnern an den Rändern der Schutzgebiete.

Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte und ohne deren Einwilligung er als Privatperson oder FSS-Afrikadelegierter in den Schutzgebieten nichts unternahm, genoss der Verstorbene trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt.

Doch trotz aller Afrika-Faszination: das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Arbeiten, reisen und lesen

Überdies waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führen oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken lassen. Aber auch gedanklich war man unterwegs. Was sich in der Schweiz und in der Welt abspielte, wurde vorab mit Zeitungen und Magazinen, später auch am Fernseher wahrgenommen. David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

Bei seinen letzten Besuchen auf der «Valhalla»-Farm in Usa River bei Arusha suchte «Mzee» Rechsteiner immer wieder den Blickkontakt zum alten Krokodil, dem letzten Wildtier eines einst bunten Privatzoos. Zwischen den beiden schien ein lautloses Zwiegespräch stattzufinden.

Die letzten Jahre

David Rechsteiners letzten Jahre waren von einem dauernden Kampf um die Gesundheit geprägt. Die jahrelange Sonnenbelastung führte zu heimtückischen Hautkrebsen. Und er, der stets mit einem ausgezeichneten Gedächtnis verblüffte, konnte sich am Schluss kaum mehr erinnern, was in seinem bewegten Leben war.

Lilian Rechsteiner half ihm in bewundernswerter Weise bis zur letzten Minute. Am 31. März 2019 hat nun «Dave», der Kämpfer, in Bubikon seine letzte für uns wahrnehmbare Reise angetreten. Ruedi Suter


Eine persönliche Erinnerung

Der nachdenkliche Buschläufer

Etwas Sinnloseres schien es nicht zu geben – so, wie der Mann mit dem abgeschnittenen Busch auf die überall züngelnden Flammen eindrosch. Die abgelegene Ebene stand in Flammen, überall frass sich das Buschfeuer durch das strohgelbe Gras einer viel zu dürren Serengeti, eine qualmende, tiefschwarz verkohlte Landschaft hinter sich lassend.

Und dieser Wahnsinnige versuchte mit wuchtigen Schlägen das Feuer wenigstens dort auszulöschen, wo er gerade stand, weil in seinem Rücken eine unsichtbare Welt hilfloser Insekten, Schildkröten, Vogelnester und Kleintiere elendiglich zu verbrennen drohte. «Schau nicht einfach zu! Hol einen Ast und hilf mit !», keuchte mir der Verschwitzte zu, und bald drosch auch ich ebenfalls auf das Gezüngel ein.

Tatsächlich schafften wir es, einen breiten Streifen zu löschen. Wenigstens hier würde sich das Feuer nicht mehr weiter fressen, wenigstens hier schien die Katastrophe verzögert, vielleicht ja sogar ganz verhindert worden zu sein.

Nachts jeweils, nach den Patrouillenfahrten mit den Rangern, dem Aufspüren und Verhaften von Wilderern, dem Leeren ihrer randvoll mit Fleisch gefüllten Verstecke, dem Loslösen von den in Schlingen verhedderten Tieren, oder nach der Bestandesaufnahme zu reparierender Fahrzeuge, Furten und Häuser und nach dem Befragen der Wildhüter über ihre aktuellen Bedürfnisse, diskutierten wir über das knisternde Lagerfeuer hinweg den Sinn unseres Engagements.

Ein intensiver Gedankenaustausch, nur unterbrochen von den Stimmen der Löwen, Hyänen, Buschbabys oder der im nahen Grumeti-Fluss lärmenden Flusspferde. Das war zu Beginn der neunziger Jahres des letzten Jahrhunderts. Es gab es noch keine Schnellstrassen in die Serengeti, noch keinen Massentourismus, noch keine Mobiltelefone, die das Konzert der tierischen Nachtstimmen störte. Und jede Reise hatte noch den Charakter einer gut vorzubereitenden Expedition.

David Rechsteiner, der in der Serengeti aufgrund seines langjährigen Engagements Sonderrechte genoss, lernte mir zusammen mit den Rangern das Gehen in der tierreichen Wildnis. Anstelle der von Furcht geprägten Fantasien plötzlich angreifenden Büffel, Elefanten oder Löwen traten Respekt sowie angstfreie Aufmerksamkeit.

Und ich lernte hinter der rauen Schale meines Afrika-Lehrers einen sensiblen, belesenen und selbstkritischen Menschen kennen.

Ihn beelendete die Not armer Völker und die globale Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem bedrückte ihn aber, dass er selbst immer auch aktiver Teil dieser Zerstörung war – als Konsument, als Reisender, als Berufsmann. 

Unweigerlich landeten wir bei der Sinnfrage: «Können wir überhaupt etwas ausrichten? Sind nicht alle Anstrengungen letzten Endes sinnlos?» Klar, dass da auch die Aktivitäten der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) angesprochen wurden. Wir trösteten uns mit der Feststellung, dass alles, was wir tun, eine Wirkung haben müsse. Und sei es auch nur eine aufschiebende.

Denn hätten sich Bernhard Grzimek und Julius Nyerere oder später Organisationen wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt oder der FSS und viele engagierte EinzelkämpferInnen nicht für das Wildparadies Serengeti eingesetzt, gäbe es dieses heute kaum mehr.

Sollte also unser Leben einen Sinn haben, so können wir alle auf unsere Weise mit Arbeit, mit Vernetzung, mit Ideen oder mit Geld etwas bewirken. Wie beispielsweise das Ehepaar Rechsteiner. Weil es nichts anbrennen und nichts abbrennen liess – so lange die Wahrscheinlichkeit bestand, wenigstens ein Stückchen ihrer lieb gewonnenen Welt vor dem Verschwinden zu bewahren. Ruedi Suter

Titelbild: David Rechsteiner | © Foto by Ruedi Suter

Weiterführende Themen

Das Interview mit dem Ehepaar Rechsteiner: Weisser Rassismus – «Die Schwarzen sind faule Kerle»

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