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Indigene Völker: Bitte um Schweizer Nothilfe

Ruedi R. Suter

Die Schweiz ist mit der Nutzung von Rohstoffen am drohenden Untergang der letzten Urvölker mit beteiligt. Nun soll sie eine führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung der Eingeborenenvölker einnehmen. Dies wurde im Sommer 1995 an einer internationalen Konferenz in Männedorf mit Indigenen bei Zürich gefordert – als Augen öffnender Auftakt zur im Dezember gestarteten UNO-Dekade der indigenen Völker und zum Start einer neuen Allianz mit den weltweit bedrängten Urvölkern wie beispielsweise die Hadzabe im nördlichen Tansania.

Von Ruedi Suter – FSS

Die jahrhundertealte Missachtung, Fremdbestimmung und Zerstörung eingeborener Kulturen und ihrer Tierwelt gehört unterdessen zur leidvollen Biographie aller Urvölker. Dies unterstrichen die Schilderungen aller Frauen und Män­ner, die als indigene Spezialisten in die Schweiz geladen waren, um vor der UNO in Genf und in Männedorf zunächst von den ihre Völker bedrohenden Problemen innerhalb ihrer Staaten zu berichten. 

Es reisten an und sprachen Vertreter und Vertreterinnen der Waunaan (Kolumbien), der Maori (Aotearoa, also Neuseeland), der Adivasi (Indien), der Ogoni (Nigeria), der Bougainvillians (Papua Neuguinea ), der Massai (Kenia-Tansania), der Karen (Thailand-Burma), der Aguaruna (Peru), der Aborigines (Australien) und der B 'laans, T'bolis, Igorot und weitere Ethnien von den Philippinen. Es sind Menschen von Völkern, welche vielfach die ihnen aufgezwungene Staatsmacht als Kolonisierung empfinden. 

Plünderung statt Nachhaltigkeit

Dies wurde bei ihren Schilderungen klar. Fazit der Tagung: Das rücksichtslose Vorrücken der Zivilisation und ihrer Weltwirtschaft in die abgelegensten Gebiete führt weiterhin zur Entwurzelung und zum Untergang ganzer Völker, verletzt nach wie vor laufend Menschenrechte, vernichtet immer noch tagtäglich indigene Lebensräume.

Die von den Urvölkern über Jahrtausende nachhaltig genutzten Berg-, Wald-, Steppen-, Wüsten- und Insellandschaften werden geplündert und hemmungslos umfunktioniert: In Stauseen, Ölfelder, Erzminen, Uranhalden, in Atomwaffentestgelände, in Städte, Industriekomplexe, Giftmülldepo­nien, Strassennetze, Missionen, Jagd­blocks, Farmen und Plantagen.

Oder in Militärsperrzonen, Kahlschlaglandschaften, Touristenparks, Hotels, Golfplätze und Feriendörfer. Und da die natürlichen Lebensräume der Indigenen häufig noch eine ungeheure Vielfalt an Nutzpflanzen und Tieren aufweisen, gleichzeitig aber weltweit täglich gegen 70 Arten aussterben, greifen neuerdings auch die Vertreter der Gentechnologie zu, um noch rasch Teile der von den Urvölkern bewahrten Arten­vielfalt zu nutzen und patentieren zu lassen.

Wir Konsumenten helfen mit zu zerstören

Triebkräfte dieser modernen Eroberungszüge sind in der Regel transnational operierende Organisationen und Konzerne, denen die jeweiligen Landesregierungen und Machteliten bei Bedarf mit Sondergenehmigungen, juristischen Winkelzügen oder Militärgewalt zur Hand gehen. Und die Profiteure? Das sind nicht nur die oben genannten Wirtschaftslokomotiven, das sind auch wir, die Konsumenten und Konsumentinnen in den industrialisierten Ländern.

Sich dieser Zusammenhänge schon lange bewusst sind in der Schweiz die Initianten und Initiantinnen der in ihrer Art erstmaligen Konferenz «Indigene Völker, Umwelt und Entwicklung»  die kleinen, international vernetzten und – wie der FSS – ehrenamtlich wirkenden Aktionsgruppen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie die Ethnologen-Organisation IWGIA, die lndianerunterstützungsorganisation Incomindios, die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Bruno Manser Fonds (BMF).

Kleine Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zeigten den Weg

Sie waren es – und nicht etwa die grossen, teils erst später mitmachenden Umwelt-, Hilfs- oder Kirchenorganisationen –, welche die Notwendigkeit erkannten, indigene Fachleute aus aller Welt mit Vertretern von Schweizer Regierungsstellen, Umwelt- und Hilfsorganisationen zusammenzubringen, um gemeinsam Kriterien für die Anerkennung, die Zusammenarbeit und die Stärkung der indigenen Gemeinschaften auszuarbeiten. 

Die zunehmend ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnenden Urvölker und ihre Alliierten in den Industriestaaten versuchen sich nun auf anderen Wegen Gehör zu verschaffen. Wie früher für den Tier- und Naturschutz eine Lobby ins Leben gerufen wurde, soll heute für die Indigenen (und damit für die Erhaltung der heute in aller Munde liegenden Biodiversität) eine breite Interessenvertretung aufgebaut werden — aus lndigenen-, Menschenrechts-, Umwelt-, Hilfs-, Konsumenten- und Kirchenorganisationen. Aber auch, wo realisierbar, aus Vertretern und Vertreterinnen von Staat und Wirtschaft.

Für eine neue Partnerschaft

Dass diese ansatzweise schon vorhandene «neue Partnerschaft» rasch realisiert und schnell Erfolge erzielen muss, war am mehrtägigen Treffen in Boldern klar. Die Naturvölker stehen mit dem Rücken zum Abgrund. Ebenso die Wildtiere, ohne welche Jäger- und Sammlervölker keine Zukunft haben.

Gefordert ist nach dieser Tagung nun auch die Schweiz  (siehe «Neue Allianz ist ... »). Als eine Zentrale internationaler Wirtschafts- und Bankenbeziehungen, als Bezügerin von Rohstoffen und Lebewesen aus indigenen Gebieten (Wasser, Erdöl, Holz, Gold, Diamanten, Uran, Metalle, Heilpflanzen, Tiere etc.), als Entwicklungshelferin und als Heimat reisefreudiger Touristinnen und Touristen trägt sie eine grosse, bislang kaum wahrgenommene Mitverantwortung am Schicksal der Urvölker.

Schweiz soll führende Rolle einnehmen

Beim Bund wie auch bei etlichen der bislang die indigenen oder autochthonen Völker kaum wahrnehmenden Hilfswerke, Kirchen und Umweltorganisationen setzt sich – wie zuvor bereits beim WWF – die Einsicht langsam durch, die Anliegen der bedrohten Urvöl­ker besser wahrzunehmen und in ihre Arbeit einfliessen zu lassen.

Die hierzu nötigen Empfehlungen und Richtlinien werden den Verantwortlichen von den Tagungs­Organisatoren später zugestellt. Diese haben sich jetzt ganz der Lobbyarbeit für die indigenen Völker verschrieben. Mit hohem Anspruch: «Die Schweiz muss so rasch als möglich eine international führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker einnehmen.»

 

Neue Allianz ist lebensnotwendig

Die Schweiz, Musterbeispiel einer funktionierender Föderation aus Minderheiten, soll mit den Urvölkern eine neue Allianz bilden. Die zuständigen Ämter und Organisa­tionen erhalten demnächst Richtlinien, die an der Tagung mit lndigenen ausgearbeitet wurden. Beispiele möglicher Empfehlungen: 

• Ausarbeitung einer griffigen Schweizer Politik unter Beizug Indigener zur Unterstützung der Urvölker. 

• Hilfe zur Durchsetzung der indigenen Selbstbestimmung in den Bereichen Politik, Landrechte, Kultur, und Wirtschaft. 

• Respektierung spezifischer Rechte der Urvölker bei Territorien, eigener Entwicklung und Erhaltung der Biodiversität. 

• Einbezug der Indigenen von Beginn an in Umwelt- und Entwicklungsprojekte. 

• Verzicht oder Verhinderung von Projekten, Aktivitäten oder Geschäften (z.B. Waffen, Giftmüll, Jagd, Fischerei, Tourismus), die in irgendeiner Weise gegen den Willen indigener Völker deren Existenz und Lebensraum beeinträchtigen oder gefährden.

• Respektierung und/oder Verinnerlichung indigenen Wissens, indigener Weisheit, Spiritualität und Zeitempfindens durch die Schweizer Partnerinnen und Partner. 

• Aufbau einer Lobbyarbeit auf allen Ebenen innerhalb der Schweiz und durch Schweizer Regierungsstellen bei der UNO und anderen internationalen Organisa­tionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF). 

• Übernahme einer international führenden Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker.

 

WAS IST EIN URVOLK? 

Man nennt sie Urvölker, indigene oder autochthone Völker. Noch leben, je nach Definition, zwischen 300 und 500 Millionen indigene Menschen in rund 5'000 Völkern auf der Welt. Die bekanntesten sind u.a. die Indianer (beide Amerikas), Adivasi (Indien), Aborigines (Australien), «Pygmäen» (Zentralafrika), Maori (Aotearoa-Neuseeland), Penan (Sarawak), Tuareg (Sahara), Inuit (Kanada, Alaska) und Sami (Skandinavien).

In Afrika gehören sicher die Hadzabe (Tansania), «Pygmäen», Tuareg und San (Buschleute) dazu, im weiteren Sinne aber auch Nomadenvölker wie die Massai und viele andere Völker. Zur Definition gibt es strengere und weniger strenge Ansichten. Sind nur Jäger- und Sammlervölker oder auch alt eingesessene Rindernomaden Indigene?

Zwei wichtige Merkmale: lndigene sind Menschen, die ein Gebiet bereits vor der Eroberung oder Festlegung der heutigen Staatsgrenzen bewohnten; ihre Lebensweise zeichnet sich durch eine ganzheitliche, spirituelle Weltanschauung und den Einklang mit der Natur aus, von dem die Industriemenschen wieder lernen können. fss

Titelbild: Hadza beim Bogenschuss in Tansania | © Foto by Ruedi Suter