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Filtering by Category: SCHUTZGEBIETE

Afrikas Nyerere: «Wir müssen uns selbst helfen!»

Ruedi R. Suter

Afrika steht unter Druck. Bevölkerungszunahme, Raubbau, Klimawandel, Konflikte, flüchtende Menschen und verschwindende Wildtiere schaden Natur und Lebensgrundlagen. Umweltschutz wird immer wichtiger, um auch kommenden Generationen ein Überleben zu ermöglichen.

Dies hat Julius Nyerere, Tansanias erster Staatspräsident (1962-1985), schon früh erkannt. Seine Rede von 1994 in Arusha anlässlich seiner Verdienste im Umweltbereich* und vor seinem Nachfolger Ali Hassan Mwinyi hat heute noch Gültigkeit, weshalb wir hier den während seiner Regierungszeit wohl weitsichtigsten «Umweltpräsidenten» Afrikas nochmals zu Wort kommen lassen.

Herr Präsident,

Herr Minister,

Meine Damen und Herren!

Die mir soeben verliehene Auszeichnung weiss ich zu würdigen, wobei ich mir ihres symbolischen Wertes durchaus bewusst bin. Mein Beitrag zur Erhaltung der Naturreichtümer Tansanias war zumeist nur in Worte gefasst, in öffentlichen Reden oder parlamentarischen Debatten. Aufgrund des heutigen Wissensstandes und im Bewusstsein der mannigfaltigen Zusammenhänge betreffend Umweltschutz, gestehe ich rückblickend ein, dass ich mehr hätte tun können und müssen.

Auf jeden Fall ist es das Volk, sind es Menschen, die handelten und durch ihre Bemühungen den wahren Beitrag zur Erhaltung unserer Natur leisteten. Aus diesem Grund sage ich, dass die Würdigung meiner Person symbolisch sei. Nicht für meine Worte, sondern als Anerkennung der wertvollen Dienste all dieser Leute – leider sind wir nicht in der Lage, jeden einzelnen öffentlich zu ehren –, nehme ich diesen Orden stellvertretend in Empfang und entbiete ihnen allen meine Referenz.

Es stellt sich die Frage, ob wir uns verändern wollen oder uns verändern lassen.

Herr Präsident, Mitbürger Tansanias und Gäste. In unserer modernen Welt heisst Erhaltung nicht Beibehaltung aller physikalischen Gegebenheiten, die einst den vergangenen Zeiten und Umständen entsprachen; ebenso wenig bedeutet dies, sich den Veränderungen um uns herum blind zu verschliessen. Selbstverständlich müssen wir unsere Urwälder schützen, den Lauf der Flüsse und die saubere Luft erhalten; tun wir dies nicht, haben wir in kürzester Zeit selber unter den Folgen zu leiden.

Tatsächlich ist schon viel zu viel Wasser verschmutzt worden, aus was für Gründen auch immer; Wasserknappheit herrscht heute in Gebieten, die früher stets wohlversorgt waren; die Produktivität mancher Landstriche hat erheblich nachgelassen, die Luft die unsere Städter einatmen, ist lange nicht mehr immer sauber und belebend.

Jedoch ist die Entwicklung unserer Nation, sind Veränderungen zum verbesserten Wohlergehen aller unerlässlich. Die Menschen in Tansania – in Afrika schlechthin – verelenden in einer Armut, die sie zu Opfern vermeidbarer Krankheiten macht, ohne dass sie Macht und Nutzen moderner Wissenschaft und Technologie zur Verbesserung ihrer Lage einsetzen könnten. Veränderungen sind unvermeidbar, wobei sich uns in der Tat die Frage stellt, ob wir uns selber verändern wollen oder uns verändern lassen. Sollen wir uns zum Vorteil und Nutzen anderer verändern oder entwickeln wir uns und unser Land selbst.

Es ist absurd, von Fortschritt zu sprechen, wenn wir unsere Ressourcen zerstören.

Es ist absurd, von «Fortschritt» zu sprechen, wenn wir unsere natürlichen Ressourcen zerstören, um dadurch eine mögliche Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung zu erreichen. Wir, die wir heute leben, sind die Sachwalter unserer Nachkommenschaft; für unser eigenes Wohlergehen und zur Schaffung besserer Lebensbedingungen für unsere Kinder obliegt es uns – und wir müssen dies tun – Wasser und Land nutzbar zu machen, Industrien aufzubauen, Verkehrswege zu schaffen und vieles mehr.

Es wäre unsinnig, sich mit der Begründung: «Diesen Landstrich bepflanzte seinerzeit schon mein Grossvater mit Mais, und hier liess er sein Vieh grasen» dem Bau einer Schule, einer Fabrik oder eines Dammes zu widersetzen. Ebenso fragwürdig wäre die Aussage: «Es dürfen keine Bäume mehr gefällt werden, weder zur Holzfeuerung, noch zur Herstellung von Möbeln oder gar für den Export.»

Allerdings werden auch unsere Urenkel und deren Grosskinder sich von Mais und anderen Nahrungsmitteln ernähren wollen, werden Kleider, Obdach und unzählige Dinge mehr benötigen, damit sie in der Welt des 21. Jahrhunderts würdevoll ihren Rollenpart übernehmen können. Die Naturreichtümer, die uns vererbt worden sind, müssen wir ihnen zumindest in demselben, wenn nicht gar in verbessertem Zustand – unserem Fortschritt wäre dies zu verdanken – überlassen.

Unsere Erde sollte den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden.

Mit anderen Worten: Unsere Umwelt, unsere Erde, unser sauberes, an Fischen reiches Wasser, unser Wildtierbestand, die Reinheit unserer Luft, sie sollen von uns den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden. Wir müssen mit unserer Entwicklung solcherart umgehen, dass jederzeit die Sicherstellung unseres Nachlasses gewährleistet bleibt.

Dies ist keine leichte Aufgabe, alle haben sich dafür einzusetzen. Im Bericht der Südkommission heisst es dazu: «Umweltschutz soll nicht der alleinigen Verantwortung einer einzelnen Dienststelle oder Verwaltung übertragen werden; für die Erfüllung dieser Aufgabe – insbesonders bei der Planung und Erschliessung neuer Wirtschaftszweige – ist jede staatliche oder nichtstaatliche Körperschaft in ihrem jeweiligen Rahmen zuständig.»...«der Aufruf zur Verbesserung der Umwelt vermag als Dekret allein nicht zu genügen, die verantwortungsvolle Mitbeteiligung aller Staatsbürger wird gefordert...»

Gerade auf diesen letzen Punkt möchte ich zurückkommen. Die Mehrheit unserer Bevölkerung ist arm. Beabsichtigt man nun ihre Miteinbeziehung bei der Hege unserer Wälder und unserer Tier- und Pflanzenwelt, dann müsste ihnen der unmittelbare Nutzen ihres Tuns auch deutlich erkennbar gemacht werden. Es ist zwar einzusehen, dass die Waldrodung hier wie andernorts – und sei dies hunderte Kilometer weit entfernt – zu Wassermangel führen kann.

Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen am Naturschutz ist unerlässlich.

Dennoch hindert dieses Wissen weder Mann noch Frau daran, hier und heute Holz zu schlagen, damit sie ihren Familien zu Hause eine warme Mahlzeit vorsetzen können. Es gibt Speisen, die gekocht werden müssen; also gilt es das hierfür notwendige Brennmaterial nicht nur verfügbar, sondern für jedermann erschwinglich zu machen. Sei dies in Form von alternativen Treibstoffarten oder durch den kontrollierten Anbau von Feuerholz.

 Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Auch ist es müssig, die Landbevölkerung in unmittelbarer Umgebung eines Schutzgebietes davon überzeugen zu wollen, dass das Jagen der Wildtiere aus Selbstschutzgründen oder zur Nahrungsbeschaffung zu unterlassen sei. Diese gälten als «Erbe der Menschheit», zudem dienten sie der Tourismusbranche als Hauptanziehungspunkt.

Gelingt es hingegen, die Betroffenen am Nutzen des Wildschutzes in einer Form teilhaben zu lassen, die sie selber von den erwirtschafteten Gewinnen direkt profitieren lässt, dann würden sie sich bestimmt zur notwendigen Zusammenarbeit bereit finden. Mit der Hege und Pflege ihrer Naturreichtümer verfolgten sie also nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern auch diejenigen der ganzen Nation. Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen zur Wahrung und Förderung unseres Naturschutzes ist unerlässlich. Sollten wir dies vergessen, sind wir allesamt dem Untergang geweiht.

Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig.

Herr Präsident, im Jahre 1992 nahmen Sie am Umweltgipfeltreffen teil, wo Sie im Namen unseres Volkes zwei internationale Protokolle unterschrieben und ebenfalls die «Agenda 21» guthiessen, deren Wortlaut die Massnahmen zur Erhaltung unserer Umwelt festhält. Ich hatte die Ehre, selber mit dabei zu sein, und mit Genugtuung erlebte ich, wie Sie sich verpflichteten.

In jenen Protokollen und besagter Agenda wurde die Tatsache festgehalten, dass alle Länder dieser Erde in Fragen des Umweltschutzes unentrinnbar miteinander verbunden sind. Deshalb ist ein Zusammenwirken aller Aktivitäten unumgänglich, die das Weltklima, unsere Meere, die Ausbreitung der Wüstengebiete oder die Luft- und Wasserverschmutzung betreffen.

Doch weder diese Schriften noch die Bemühungen anderer Völker werden uns retten, falls es uns nicht gelingt, selber aktiv zu werden. Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig. Diese Bestrebungen sind jedoch nutzlos, wenn wir selber unseren natürlichen Ressourcen nicht genügend Sorge tragen. Lassen Sie mich ein Sprichwort anfügen: «Gott hilft denjenigen, die sich selbst zu helfen wissen.»

Alle Länder dieser Erde sind beim Umweltschutz unentrinnbar miteinander verbunden.

Es sind die Naturreichtümer Tansanias, die sich in ihrer Qualität unmittelbar auf das Wohlergehen aller Tansanianer auswirken. Wir sind es, die Bewohner dieses Landes, die als erste und am härtesten darunter zu leiden haben, wenn wir zulassen, dass sich fruchtbarer Boden in Wüste verwandelt, wenn Flussläufe und Wasserströme versiegen und unsere Tierbestände gewildert und ausgerottet werden.

Ausländische Handelsgesellschaften wie auch private Unternehmen ferner Herkunft können, wenn wir dies nicht zu verhindern wissen, unsere einheimischen Wälder abholzen, hohe Gewinne erzielen und uns alsdann den Rücken zukehren.

Dies ist aber UNSER Land, dies sind UNSERE Wälder, es ist UNSER Wasser, das nicht verschmutzt werden darf. Die Erhaltung dieser Güter obliegt UNSERER Verantwortung, einer Verantwortung, die wir Tansanier selber wahrzunehmen haben, ohne sie anderen zu überlassen.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können.

In diesen Umweltfragen ebenso sehr wie in allen anderen Angelegenheiten müssen wir uns auf uns selbst verlassen können. Die Unterstützung anderer Länder begrüssen wir zwar und nehmen sie gerne an; zuweilen fordern wir bei all jenen Hilfe an, die unsere Sorgen um die Erhaltung unserer Umwelt mit uns teilen. Doch zuallererst müssen wir selber unsere Aufgabe zu erfüllen versuchen.

Wir alle, Ministerien und Lokalbehörden, Landbevölkerung und Mitglieder unpolitischer Organisationen, wir müssen unsere Zusammenarbeit vereinen und gemeinsam handeln, um die Fülle der Naturreichtümer Tansanias nicht nur zu schützen, sondern auch zu mehren.

Herr Präsident und liebe Freunde, lasst mich Euch noch einmal für die Ehrung danken, die Ihr mir heute erwiesen habt. Wie schon erwähnt, ist es mir eine Freude, diese stellvertretend für all jene in Empfang zu nehmen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst zur Erhaltung unserer Umwelt einsetzten.

Danke!

*Ansprache von Mwalimu («Lehrer») Julius Nyerere, gehalten in Arusha, am 21. Februar 1994, anlässlich der von den Behörden der tansanischen Nationalparkbehörde Tanapa geförderten Preisübergabe. Julius Nyerere war der erste Präsident Tansanias, dem bei weitem nicht alles gelang. Dennoch hat er sich als Denker, Visionär, Umweltschützer und integrer Politiker internationale Achtung erworben, die bis heute nachklingt.

Übersetzung: Helen Kimali Markwalder

Titelbild © Fotomontage by Fss

Weiterführende Links
- Julius Nyerere auf Wikipedia



Mkomazi – die unglaubliche Wiedergeburt eines Wildreservats

Ruedi R. Suter

Das ist die erstaunliche Geschichte eines Wildreservats, das bereits aufgegeben und beinahe leergewildert worden war. Doch dank dem Teamwork des Tansaniers Hezekiah Mungure, dem Engländer Tony Fitzjohn und der Amerikanerin Kirn Ellis erlebt das nordtansanische Mkomazi-Wildreservat (3'200 Quadratkilometer) an der Grenze zum kenianischen Tsavo-Nationalpark eine fast unglaubliche Wiedergeburt. Eine Reportage über die Schutzerfolge in einer abgelegenen Gegend, die den Wildtieren wieder zurückgegeben werden soll.

Von Ruedi Suter – FSS

Es ist April, und die Anfahrt zum Mkomazi verspricht Schwierigkeiten. Immer noch drohen schwere Regenwolken über dem Land. Es hat wieder geregnet letzte Nacht, hat wieder die fruchtbare Erde des Kilimanjaros auf die Strasse zwischen Arusha und Moshi geschwemmt. Die abgeholzten und beackerten Hänge der auslaufenden Hänge des Kilis leisten den sintflutartigen Regenfällen nur noch geringen Widerstand.

Ganze Felder hat es weggespült. Unheilvolle Folgen des Bevölkerungsdrucks auf den fruchtbaren Berg. Wo noch etwas Platz ist, werden Busch und Bäume abgeholzt, werden Felder angelegt. Der Mensch muss essen. Die unteren Hänge des riesigen Kilimanjaros wirken schon viel zu kahl. Wie wird es hier wohl in zehn Jahren aussehen? 

Das Tempo muss reduziert werden, zu viel Erde auf der Asphaltstrasse. Links und rechts waten die Fussgängerinnen und Fussgänger im knöcheltiefen Schlamm. Barfuss die meisten und vorsichtig, weil der Grund rutschig wie Seife ist. In den Häusern mit festgestampftem Boden ist jetzt die Erde aufgeweicht. Lange kam kein Regen, jetzt regnet es zuviel. So viel wie seit 20 Jahren nicht mehr. Unberechenbar ist sie geworden, die Natur. Auf den jetzt grünen Feldern der Ebenen hacken Frauen und Männer zwischen den kniehohen Maisstauden das hochschiessende Unkraut um. Auch der Mais hat jetzt zuviel Wasser, er wird nie mehr richtig wachsen.

Ein pfiffiger und effizienter Parkchef

Von Arusha nach Same braucht man heute nur noch etwa drei Stunden. Auf zumeist guten Asphaltstrassen. In Same, am südöstlichen Fusse des Pare-Gebirgs, ist die Abbiegung für ins Mkomazi Game Reserve. Man fährt auf der alten Strasse Richtung Tanga, die früher nördlich der Pare-Berge entlang führte. Zirka fünf Kilometer nach Same steht neben der Naturstrasse – sie bildet weitgehend auch die südliche Grenze des Schutzgebietes - ein steinernes Schild: «Hier beginnt das 1951 gegründete Game Reserve». 

Unweit davon steht unter schattigen Bäumen das Hauptquartier der Mkomazi-Ranger. Ein paar Häuser, eine abgetakelte Raubkatzenfalle, ein früher von Elefantenwilderern beschlagnahmter Landrover mit platten Pneus, ein Haufen neuer Backsteine und ein neuer Toyota Land Cruiser. Chef der nur aus 26 Männern bestehenden Rangertruppe des 3'200 Quadratkilometer grossen Reservats ist Hezekiah Mungure. Ein pfiffiger, humorvoller und effizienter Tansanier, der an den Hängen des Mount Meru bei Arusha aufgewachsen ist.

Der Mehrfrontenkampf des Hezekiah Mungure

Seine Karriere begann er 1968 in der Wildlife-Division, welche sich um die 15 Wildreservate des Landes kümmert. Mungure spezialisierte sich in der Wildererbekämpfung, war in Tabora, Mwanza, im Selous, auf Rubondo, in Dar es Salaam in der Game Divison und schliesslich wirkte er als Regional Game Officer in Moshi, wo er sich mit der Wiederbelebung des im Laufe der letzten Jahrzehnte völlig vernachlässigten, beinahe leergewilderten und von unzähligen Rinderherden heimgesuchten Mkomazi-Wildschutzreservats zu befassen begann. 

Die tansanische Regierung wollte den an den kenianischen Tsavo-Nationalpark angrenzenden Mkomazi nicht aufgeben, obwohl ihm nahe des im mittleren Südteils gelegenen Njiro-Postens 1968 bereits ein grosses Stück ausgerissen und den Bauern zur Bewirtschaftung übergeben worden war. 1988 hob die Regierung das Mkomazi-Wildreservat­Rehabilitationsprojekt aus der Taufe – und ernannte Hezekiah Mungure zu dessen Direktor.

Viel Widerstand in der Bevölkerung

In Mungures einfachem Büro stehen ein Tisch mit einem Stoss Papier darauf, daneben ein Funkgerät, ein kleiner Kasten, drei Stühle, an der Wand eine Parkkarte und Postkarten, sonst nichts. Während er in blumigen Bildern über seine Arbeit erzählt, wechselt sein Gesichtsaudruck zwischen fröhlich und bedrückt. «Manchmal», sagt er, «meine ich verrückt zu werden mit dieser Schufterei. Wir sind zu wenige, haben kaum Mittel und kämpfen gegen alle – gegen die Wilderer; gegen die Bauern, die im Reservat anpflanzen; gegen Hirten, die im Schutzgebiet verbotenerweise ihre Rinderherden weiden lassen und gegen die Natur, welche die damals zur Kolonialzeit angelegten Stauseen austrocknen und die Strassen völlig verfallen liessen. Doch nicht genug: Den härtesten Kampf müssen wir gegen die lokalen Politiker führen, Sie halten das  Reservat schlicht für überflüssig. Die Führer hier sind für die Menschen, nicht für die Tiere. Sie wollen nur Land. Kurzum, wir mussten hier ganz von vorne anfangen.»

«Hier schossen die Somali-Wilderer alle Elefanten»

Mungure steht auf, zeigt auf der Karte. Was für ein riesiges Gebiet! «Dafür sollte ich mindestens 40 Ranger haben», sagt der Mkomazi-Chef. Er hat aber nur 26 und für die Kontrollfahrten nur ein einziges Fahrzeug. Die vier alten Rangerposten werden jetzt renoviert, sieben neue sind an strategisch wichtigen Punkten geplant Mungures Zeigefinger gleitet an die südöstliche Parkgrenze, zum Umba-Fluss, in Richtung Tanga und zum Indischen Ozean. «In dieser Gegend wüteten die Somali aus Tanga. Hier schossen sie alle Elefanten. Jetzt haben wir aber Ruhe, auch dank des Cites-Banns.»

 Mkomazi, früher Wildschutzgebiet, später Nationalpar  | © Map by Wikipedia)

Mkomazi, früher Wildschutzgebiet, später Nationalpar  | © Map by Wikipedia)

 

Jetzt führt· der Mkomazi-Chef seine Gäste (die FSS-Mitglieder René Binder, Alex Rechsteiner und den Berichterstatter) zur Vorratskammer. Hier liegen Mais und Zucker. «Das haben wir mit dem Geld des FSS kaufen können. Die Nahrung ist die erste Voraussetzung dafür, dass meine Männer überhaupt richtig arbeiten können. Wir hatten häufig nicht genug zum Essen. Wir haben einfach zuwenig Geld. Ohne Essen geht aber nichts. Eure Hilfe ist darum äusserst wertvoll.»

«Müde und manchmal auch sehr allein»

Man habe schon etliches erreicht, meint Mungure: Im Reservat grasen immer weniger Rinderherden, die Wilderei sei einigermassen im Griff, viele Pisten seien wieder befahrbar, und jetzt kämen langsam langsam auch wieder die Wildtiere zurück. Mungure reicht uns das unerlässliche Gästebuch: Nur 24 Menschen haben das Reservat zwischen dem 1. Januar und 1. Mai 1992 besucht. Zum Schluss gesteht Hezekiah Mungure, er fühle sich manchmal «sehr müde und manchmal auch sehr allein».

Vor allem der fehlenden Mittel, aber noch mehr des politischen Drucks wegen, der von der umliegenden Bevölkerung auf ihn und seine Leute ausgeübt würde. «Die Leute verstehen den Sinn eines Reservates noch nicht. Ohne Tony Fitzjohn hätte ich hier wahrscheinlich längst schon aufgegeben.»

Besiedlung und Viehherden als Dauergefahren

Nächstes Ziel: Das Kisima-Camp. Es liegt mitten im Reservat, ist seit über zwei Jahren das neue Zuhause von Tony Fitzjohn und seiner Lebensgefährtin Kirn Ellys. Rechts erheben sich die schon ziemlich kahl geholzten Pare-Mountains. Ein imponierender Gebirgszug, der im Osten von den Usambara-Bergen abgelöst wird. Die Piste ist gut. Links, Richtung Kenia, das Reservat mit weiten Ebenen und blauen Bergen.

Plötzlich aber reiht sich links ein Feld ans andere bis tief ins Land hinein – es ist das Gebiet, welches die Politiker der Bevölkerung öffneten. Eindruckvolles Beispiel dafür, wie rasch und gründlich Wildnis vom Menschen in Beschlag genommen werden kann. Es bräuchte nur wenig Zeit, und die Naturschutzgebiete des Landes wären bei ihrer Aufhebung im Nu bevölkert, besiedelt, bepflanzt, das Wild gejagt, vertrieben oder eben ausgerottet.

Nach dem besiedelten Reservatsgebiet führt eine Piste links in den Busch zum Njiro-Posten. Weiter führt jetzt die Piste durch dichten Busch, in dem – ausser ein paar Dik-Dik und 

Hornbills keine Tiere zu sehen sind. Hier lebten einst zahlreiche Schwarze Nashörner und grosse Elefantenherden. Nashörner scheint es heute keine mehr zu geben, und der Elefantenbestand wurde um schätzungsweise 75 Prozent dezimiert.

Mit Insektiziden gegen die Raubkatzen

Kaum mehr zu sehen sind auch Geparde. Wildhunde sind ganz aus dem Wildreservat verschwunden, auch wenn im Mai 1991 zwei an der kenianischen Grenze gesehen wurden. Kommt hinzu, dass in diesem Gebiet zahlreiche Raubkatzen, vorab Löwen, Geparden und Leoparden von den Hirten mit einem Insektizid vergiftet wurden.

Hingegen leben im Mkomazi unter anderem noch Giraffen, Impala, Kleine Kudus, Zebras, Kuhantilopen, Gerenuks, Grant Gazellen, Eland-Antilopen, 233 Vogelarten, Büffel, Löwen und Leoparden. Lange, vergleicht René Binder, der das Reservat seit lange kennt, seien die Tiere der Wilderei wegen extrem scheu gewesen. Erst in letzter Zeit flöhen sie nicht mehr, wenn ein Fahrzeug auch nur schon in der Ferne auftauche.

Vier Fahrstunden nach der Abfahrt in Arusha öffnet sich der Busch und lässt den Blick frei auf einen Berghang mit einem unauffällig in die Landschaft eingepassten Steinhaus: Das Anwesen des Tierschützers Tony Fitzjohn und seiner Lebensgefährtin, der Filmerin Kim Ellys. Sandalen, Shorts, nackt-sehniger, braungebrannter Oberkörper, mittellanges Haar und gutmütige Augen in einem kantig-harten Gesicht – Tony Fitzjohn begrüsst herzlich die Ankommenden und heisst sie im Schatten des Esszelts Platz nehmen.

Tony Fitzjohn - Raubein mit sanftem Herzen

Von hier aus schweift der Blick über die nördlichen Berge des Reservats bis hin zur unsichtbaren Grenzlinie zwischen Kenia und Tansania. Von hier aus können an klaren Tagen sogar der Kilimanjaro und die Taita-Hills gesehen werden. Am Fusse des Kisima-Camps wurden zwei quer zueinander liegende Landepisten für Tonys Kleinflugzeug in den Busch geschlagen. 

 Tony Fitzjohn vor altem Game Reserve-«Schild» |  © Foto by WildlifeNOW

Tony Fitzjohn vor altem Game Reserve-«Schild» | © Foto by WildlifeNOW

 

Wer ist dieser Mann, was tut er hier in dieser gottverlassenen Gegend? Der 47-jährige Engländer gibt ohne Umschweife in seiner rauen Sprache Auskunft. Tony Fitzjohn lebt und arbeitete 18 Jahre lang mit George Adamson zusammen, in Kora, einem Reservat in Nordkenia. George Adamson, zusammen mit seiner Frau Joy durch die erzählte und verfilmte Geschichte «Die Löwin Elsa» bekannt geworden, beschäftigte sich mit der Wiederauswilderung von durch Menschen aufgezogenen Löwen.

Fitzjohn half Ihm  dabei ebenso wie beim Aufbau des Kora-Reservats. Die beiden wurden zu guten Freunden und Partnern. Nach zehn Jahren Lehrzeit startete Fitzjohn sein eigenes Programm: Die Wiedereinführung von Leoparden in Kora. 1985 stiess die Filmerin Kirn Ellis zum Duo, um deren Arbeit schriftlich und filmisch zu dokumentieren. Als Adamson 83-jährig durch Banditen am 20. August 1989 erschossen wurde, verloren Tony und Kim einen engen Freund.

Tansanische Regierung froh um Hilfe

Auf Drängen Adamsons hatte Fitzjohn jedoch bereits damals ein neues Gebiet gesucht, wo er bedrohte Tiere wieder heimisch machen konnte. Seine Wahl fiel auf das seit 1966 völlig vernachlässigte und vergessene Mkomazi­Reservat Dies auch darum, weil die tansanische Regierung an der Wiederbelebung dieses Gebietes sehr interessiert war und

dem Engländer jede mögliche Unterstützung versprach. Fitzjohn setzte sich mit Mungure in Verbindµng. Daraus entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern auch eine effiziente Zusammenarbeit, die zu einer verhältnismässig raschen Erholung des Reservats führte. Das Resultat des über zweijährigen Aufbaus provozierte beim nationalen Direktor der Wildlife Division, Costa Mlay, anlässlich seines Besuchs im Mai eine uneingeschränkte Anerkennung.

Zuerst musste das Reservat wieder hergestellt werden

Nicht ohne Grund, war doch das Trio Mungure-Fitzjohn-Ellis tatsächlich sehr rührig.  Zunächst wurden die Herden aus dem Reservat getrieben und der Wilderei wo immer nur möglich der Riegel geschoben. Dabei setzte Fitzjohn sein Flugzeug ein. Er meldete Mungure per Funk, wo sich Rinder, Hirten, Sammler von Halbedelsteinen und Wilderer aufhielten. Mungure und seine Leute sorgten dann am Boden für Ordnung.

Bald spürte die umliegende Bevölkerung, dass im Mkomazi nicht mehr einfach alles gemacht werden konnte. «Wir sind darum nicht gerade populär hier», bedauert Fitzjohn. In dieser Zeit wurde mir aber auch klar, dass der Mkomazi zunächst wieder zum Reservat gemacht werden musste, bevor ich überhaupt an eine Wiedereinsetzung von Geparden und Wildhunden denken konnte. Denn deswegen hatte ich ja schliesslich im Auftrag der tansanischen Regierung dieses Gebiet hier ausgesucht.»

Hilfe aus Europa und den USA

Derweil Tony Fitzjohn und Kim Ellis im abgelegenen Kisima im Herzen des Mkomazi mit viel Mühe eine eigentliche Basis mit Haus, Zelten, Landepisten und einer kleinen Werktstatt errichteten, mussten sie auch gleichzeitig Geld in Europa und den USA beschaffen. Dies wurde mit dem George Adamson Wildlife Preservation Trust (England) und den später gegründeten Tony Fitzjohn/George Adamson African Wildlife Preservation Trusts (USA und Canada) wie auch mit öffentlichen Auftritten und Filmen bewerkstelligt.

Persönliche Kontakte zu Filmgrössen in Hollywood zahlten sich dabei besonders aus. "The Mkomazi Projekt" wurde so auch in Amerika und Europa bekanntgemacht. «Auf diese Weise», so Fitzjohn, «erhielten wir bis heute jährlich rund 20'000 Pfund und 180'000 Dollars. «Das Geld wurde gleich wieder investiert – in Saläre, Nahrungsmittel, Treibstoff, Baumaterial, vier Geländefahrzeuge, ein Lastwagen, ein Traktor, Solar- und Windanlagen für Stromgewinnung, in den Bau von Landepisten, in die Wiederherstellung von fast 500 Pistenkilometer und anderes mehr.

 Keine Wildtiere: Von Rinderherden und Wilderei verdrängt |  © Foto by Kimali Markwalder

Keine Wildtiere: Von Rinderherden und Wilderei verdrängt | © Foto by Kimali Markwalder

Stark ausgebautes Funknetz

«Kommt mit!» Fitzjohn geht zu seinem dachlosen Uralt-Landrover, an dem nur noch Motor, Schaltung und Räder zu funktionieren scheinen, lässt seine Besucher aufsteigen und fährt sie auf einem kürzlich angelegten, halsbrecherisch steilen Weg zum nahen, 3'500 Fuss hohen Kisiwani-Berg hoch. Von hier oben sieht man weit ins Land hinaus, eine prächtige Sicht auf die benachbarten Berge und Täler.

Hier oben steht aber auch eines der wichtigsten Hilfsmittel: Ein Relais-Turm für den Funkverkehr im ganzen Reservat zwischen Fitzjohn, Mungure und seiner Truppe. Zwei feste Funkstationen sind in Fitzjohns Basiscamp Kisima und im Mungures Hauptquartier Zange. hinzu kommen noch die sechs Walkie-Talkies der Ranger sowie die Funkgeräte in den Fahrzeugen und im Flugzeug. Die Funkverbindung steigere nicht nur enorm die Arbeitseffizienz, sie hebe auch ganz wesentlich die Moral, sagt Tony: «Denn die ist schon manchmal ziemlich nahe dem Nullpunkt.»

Video-Aufklärung für die Bevölkerung

Zur Hebung der Moral tragen auch die Uniformen bei, welche die kanadische Regierung schickte, sowie das vom FSS finanzierte Bonus-System für festgenommene Wilderer oder beschlagnahmte Schlingen und Waffen. Des weitern führten Fitzjohn und Mungure die kontrollierten Frühbrände ein.

Und sie rüsteten einen kleinen Suzuki mit Video aus, um der Bevölkerung entlang des Reservats Sinn und Zweck des Tier- und Naturschutzes vor Augen zu führen. Gleichzeitig helfe man ihr mit Medikamenten. Fitzjohn: «Die Leute müssen einen  direkten Nutzen aus dem Reservat ziehen können. Und wir finden tatsächlich auch weniger Schlingen als früher.» 

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Unterdessen gründeten Freunde auch die «Friends of Mkomazi», mit deren Hilfe schon einige kleinere Anschaffungen getätigt wurden. Und schon scheut das Wild nicht mehr so. Trotz der relativ breiten Unterstützung fehlt es den Mkomazi-Leuten immer wieder an finanziellen Mitteln, betonen Mungure und Fitzjohn.

Zuweilen reiche nicht einmal der Treibstoff, um mit dem zurzeit einzigen Patrouillenfahrzeug Überwachungsfahrten in entlegene Reservatsecken zu unternehmen. Um das Reservat auch für Touristen attraktiv zu machen, müsste das Pistennetz verbessert und vergrössert werden. Vor allem aber sollte das Schutzgebiet so gut überwacht werden können, dass sich das Wild wieder sicher fühlen kann. 

In dieser Beziehung geben sich Tony Fitzjohn, Kirn Ellis und Hezekiah Mungure zuversichtlich. Das Wild, vor zwei Jahren noch schrecklich scheu, lasse Menschen und Fahrzeuge bereits erstaunlich nahe an sich herein. Am meisten Freude bereiten Fitzjohn die Elefanten: «Als ich hier anfing, zählte ich mit dem Flugzeug sage und schreibe nur elf Elefanten im Reservat. Heute dürften sich bereits 200 bis 300 permanent im Gebiet aufhalten. Wir haben hier aber auch schon gegen 600 gezählt.»

Neue Gesetze notwendig

Und die Zukunft? Der FSS will auch 1993 die Mkomazi-Ranger und ihre Familien mit CHF 2'000 unterstützen. Das Verhältnis zu den tansanischen Behörden sei derart «freundschaftlich», dass man auch von dieser Seite weiterhin auf volle moralische Unterstützung rechnen dürfe, meint Fitzjohn. Am Mkomazi hänge man auch darum, weil in ihm schon Generationen von Wildhütern ausgebildet wurden. Um das Reservat allerdings selbsttragend zu machen, müsse es für den Tourismus attraktiver gestaltet werden.

Nein, ein Nationalpark soll Mkomazi nicht werden, aber Gesetze müssten her, die den Schutz des Reservats gewährleisteten. In diesem Zusammenhang muss aber das Engagement des neuen Direktors of Wildlife, Muhidin Ndolanga, abgewartet werden. Er übernimmt in Dar es Salaam den Posten von Costa Mlay, der dem Mkomazi sehr gewogen war.

Vorgesehen ist zudem die Errichtung von Campingplätzen und einer Lodge für betuchte Kundschaft. Tony Fitzjohn: «Pläne haben wir noch haufenweise, aber realisieren können wir sie nur langsam. Mit viel Geduld. Und nur Schritt für Schritt.»

Noch ahnen wir nicht, dass der Mkomazi später doch noch zum Nationalpark werden wird – mit dem ersten und rund um die Uhr bewachten Rhino-Schutzgehege Tansanias.

 

Mkomazi-Wildreservat
Schätze und Schwierigkeiten

Lage: Nordtansania, an der Grenze zu Kenia und seinem grössten Nationalpark, dem Tsavo. Nordöstlich der Pare-Berge. Gründung: 1951. Fläche: 3'200 km2.  Zustand: In einer Erholungs- und Konsolidierungsphase (1992). Hauptquartier: Zange Gate. Leiter des Reservats: Hezekiah Mungure. Hauptprobleme: Rinderherden, illegaler Feldanbau, Wilderei. Tierbestand: Sich erholend oder wieder zuwandernd. Tourismus: Kleine Lodge und Zeltplätze geplant.

Zwei Tierschätzungen wurden 1991 im Mkomazi Wildresetvat vom Tanzania Wildlife  Conservation Monitoring vorgenommen: die erste während der Regenzeit im Juni, die zweite während der Trockenzeit im Oktober. Resultate: Büffel in der Trockenzeit 4804 ( Regenzeit 11 ); Eland 2506(102); Elefant 273 (l719); Elefanten-Skelette: während der Regenzeit des Vegetation wegen nicht sichtbar, (46); Giraffe 945 (561); Grant-Gazelle 382 (176); lmpala 0 (714 ); Kongoni 797 (23); Kleiner Kudu 207 (22); Oryx.325 (77); Strauss275 (215); Rietbock 48 (11); Warzenschwein 526 (78); Zebra 2531 (1 '030) . 

Die Schätzungspräzision variiert von Tierart zu Tierart. Gesichtet wurden im Mkomazi zudem eine kleine Anzahl von Gerenuks und Dik Diks, von Füchsen und Löwen.

Titelbild: Mkomazi-Berge | © Foto by Kimali Helen Markwalder

Weiterführende Links
- Brief History of Mkomazi Game Reserve (Pre- 1969)