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Scheinheilig: «WWF-Gräuel» waren bekannt

Ruedi R. Suter

Jetzt sieht sich der Umweltkonzern WWF weltweit mit schlimmsten Vorwürfen konfrontiert. Er habe toleriert, dass in seinem Wirkungsbereich gemordet, gefoltert, vergewaltigt und geprügelt wurde.

Thomas Vellacott, Direktor des WWF Schweiz, versicherte am 7. März dem Schweizer Radio SRF: «Wir sind erschüttert!» Warum, das ist unklar: Der WWF weiss spätestens seit 2004, dass im Kongobecken von der Panda Organisation bezahlte Ranger Menschenrechtsverletzungen an den Baka-«Pygmäen» verüben.

Von Ruedi Suter – FSS

So können zumindest einige der schweren Vorwürfe gegen den World Wide Fund for Nature (WWF) für die Konzernverantwortlichen weder neu noch überraschend sein. Der Umweltschutzgigant sieht sich schon seit Beginn des Jahrtausends mit Vorwürfen zu Menschenrechtsvergehen von Mitarbeitern im Kongobecken konfrontiert.

Das Basler Newsportal OnlineReports machte 2004 in einer Kamerun-Urwaldreportage und in einem Interview mit dem Schweizer Investigativ-Journalisten und Filmer Karl Ammann auf Misshandlungen von Baka-«Pygmäen» in Kamerun durch Wildhüter aufmerksam, welche vom WWF finanziert wurden.

Auch die Umweltorganisationen Greenpeace Schweiz und Rettet den Regenwald Deutschland wiesen auf die problematischen Zustände im Kongobecken hin. Die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) berichteten in ihrem Magazin «Habari» regelmässig über die teils gut belegten Vorwürfe, die später von der Menschenrechtsorganisation Survival International (SI) noch ergänzt wurden.

Sie reichten von Vertreibungen und Schikanen über körperliche Misshandlungen bis zur aktiven Unterstützung von Wilderern durch die kamerunischen und vom WWF besoldeten Rangern.

Keine Antworten auf konkrete Fragen

Schriftliche Anfragen beim WWF International im schweizerischen Gland wurden mit umfangreichen Briefen beantwortet. Doch die konkret angesprochenen und belegten Fälle von Misshandlungen blieben ebenso unbeantwortet wie die Frage, weshalb Wildhüter angestellt seien, welche offensichtlich mit den Wilderern zusammenarbeiteten, wie uns damals ein Ranger während eines Interviews an einem geheimen Ort berichtete. Hartnäckiges Nachfragen beim WWF International führte schliesslich zu einem Informationsembargo.

Der WWF Schweiz beantwortete In den folgenden Jahren Anfragen zu neuen Vorwürfen, welche vor allem die Menschenrechtsorganisation Survival International vorbrachte. Die Antworten hatten stets den gleichen Tenor: Der WWF arbeite in einem schwierigen Gebiet, er sei sich der Probleme bewusst, toleriere aber keinesfalls Korruption und Menschenrechtsverletzungen.

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

OECD nimmt WWF unter die Lupe

Auf konkrete Missbrauchsfälle wurde wiederum nicht eingetreten, obwohl sich anfangs 2017 auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit den Menschenrechtsverletzungsvorwürfen befasste, welche den Konzern in Kamerun belasteten.

Heute nun sieht sich der WWF plötzlich auf breiter Front mit diesen und ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Grund: Das amerikanische Medienunternehmen mit seiner Webseite BuzzFeed.News hatte zwei Journalisten auf den WWF angesetzt. Sie recherchierten ein Jahr lang. Jetzt publizierten sie unter der Rubrik «WWFs Geheimer Krieg» eine erste Tranche ihrer offensichtlich erschütternden Recherchenergebnisse.

WWF-Vergehen: Erst der Anfang ist bekannt

Diesmal nahm auch die Neue Zürcher Zeitung das Thema auf. Sie thematisierte den Bericht der Journalisten Tsering D. Gurung (Kathmandu Post), Tom Warren und Katie Baker (BuzzFeed.News). Das Trio vermeldete den Fall des zu Tode geprügelten Bauern Shikharam Chaudhary in Nepal. Er sei von Rangern des Chitwan National Parks. umgebracht worden. Diese stünden im Sold des WWF, der den gewaltsamen Tod Chaudharys habe versanden lassen wollen.

Mehr noch: Dem Umweltkonzern wird auch die Tolerierung von Mord, Folter, Vergewaltigung und Schlägen vorgeworfen. Schliesslich verspricht BuzzFeed.News weitere schwerwiegende Enthüllungen im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern in den WWF-Einsatzgebieten von weiteren sechs Ländern in Asien und Afrika.

Wachsende Probleme in den Urwäldern des Kongobeckens

Zahlreiche der «neuen» Vorwürfe sind alt, und sie sind teils vom WWF selbst untersucht worden. Aber die Panda-Organisation hat aus journalistischer Wahrnehmung lieber gemauert anstatt öffentlich aktiv über die immer brisanter werdende Konfrontation zwischen den verschiedenen Interessensgruppen beispielsweise in den Wäldern des Kongobeckens zu informieren.

Dort sehen sich Indigene und Wildtiere von eindringenden Rohstoffkonzernen, Bantu-Siedlern, Wilderern , Bushmeat-Händlern, Soldaten und korrupten Beamten zusehends eingekesselt und in ihrer Existenz bedroht.

Der WWF stellte sich bislang auf den Standpunkt, bei Konflikten besser zu schweigen als sich über die Probleme seiner zweifellos schwierigen Arbeit in den Tropen und dem stets heikler werdenden Balanceakt zwischen Wirtschaftsinteressen, Artenschutz und Menschenrechten auszulassen.

«Wird der WWF das Problem endlich angehen?»

Stephen Corry, Menschenrechtler und Direktor von Survival International, sowie Afrikakenner Karl Amman sehen sich jetzt bestätigt. Der WWF vertusche seit Jahren seine Skandale. Besonders stossend: das Geld seiner Unterstützer und Unterstützerinnen finanziere somit auch gewalttätige Wildhüter.

Für Stephen Corry ist klar: «Macht der WWF nach diesen wirklich schockierenden Enthüllungen weiter <Business as usual> oder wird er das Problem endlich angehen? Sein Name und sein Logo sind für viele Indigene gleichbedeutend mit Gewalt, Verfolgung und Angst.»

Eine Ironie der Geschichte, denn damit sieht sich der WWF wieder mit einem Vorwurf aus seinen Anfangszeiten konfrontiert. Damals und lange danach wurde ihm vorgeworfen, er kümmere sich zwar um Tiere und Bäume, vernachlässige aber die Menschen.

Konkrete Vorwürfe an den WWF

> Nepal 2006: Tod nach mutmasslicher Folterung eines Bauern durch Wildhüter des Chitwan-Nationalparks. Der Mann wurde verdächtigt, seinem Sohn beim Verstecken eines Rhino-Nasenhorns geholfen zu haben.

> Nepal: Der WWF habe über Jahre durch Ranger und Soldaten begangene Menschenrechtsverletzungen bei der Wilderei-Bekämpfung in Chitwan-Nationalpark toleriert und teils verschärft. Angeführt werden Folter, systematische Gewalt, sexueller Missbrauch und andere Erniedrigungen.

> Kamerun: Billigung oder Unterstützung von Attacken durch vom WWF besoldete und ausgerüstete Wildhüter auf Urwalddörfer um den Lobéké- Nationalpark.

> Kamerun: Enge, vom WWF lange abgestrittene Zusammenarbeit mit unzimperlichen Regierungstruppen wie etwa die schnelle Eingreiftruppe BIR, der auch schon vorgeworfen wurde, unbewaffnete Zivilisten getötet zu haben.

> Kamerun 2017: Misshandlung eines Elfjährigen durch Wildhüter vor dessen Eltern. Der Fall sei von den Dorfbewohnern dem WWF gemeldet worden. Die Umweltorganisation habe nie darauf reagiert.

> Zentralafrikanische Republik: WWF-Mitarbeiter sollen gegen die eigenen Richtlinien versucht haben, von der wegen Gräueltaten verrufenen Armee Gewehre zu kaufen. Ein Vorwurf, der allerdings schlecht belegt ist.

Alle diese Fälle wurden von den beiden BuzzFeed News-Reportern in einem Jahr zusammengetragen und veröffentlicht.

Erste Reaktionen des WWF

Von einer proaktiven offiziellen Stellungnahme ist dem FSS nichts bekannt. Angeschlossen an die Medienverteiler von WWF International, dem Dachverband, und WWF Schweiz ist von diesen Stellen bis heute jedenfalls keine Stellungnahme eingetroffen.

Dies entspricht der jahrelangen Informationspolitik des Umweltkonzerns: Von sich aus wird zu Problemfällen aktiv nichts kommuniziert. Man konzentriert sich auf allgemeine Warnungen oder Erfolgsmeldungen. Bei Problemen haben Medien anzufragen, selbst bei einem GAU wie den Vorwürfen, mit der BuzzFeed News den teils sehr guten Ruf der grössten internationalen Umweltschutzorganisation (40 Länder) jetzt konkret in Zweifel zieht.

Medien, welche den WWF International aufgrund der Publikationen von BuzzFeed News anfragten, erhielten den Bescheid, man sei betroffen und werde handeln – mit einer unabhängigen Untersuchung unter der Führung von Menschenrechtsexperten. In seiner Reaktion sagt der WWF-International: «Wir sehen es als unsere dringende Verantwortung an, den Anschuldigungen durch BuzzFeed bis auf den Grund nachzugehen.»

Bleibt die Frage: Warum erst jetzt?

Titelbild: BuzzFeed.News: Bewaffneter Panda, Screenshot

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Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter


Weisser Rassismus: «Schwarze sind faule Kerle»

Ruedi R. Suter

Es waren in ihrer Klarheit Aufsehen erregende Feststellungen, welche David und Lilian Rechsteiner 2008 in einem Interview machten. Sie blickten zurück auf 50 Jahre Arbeit in Afrika und schilderten die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiss.

Diese sind teils bis heute geprägt von anhaltendem Rassismus der Weissen gegen die AfrikanerInnen, von Ausbeutung und kaum zu überbrückenden Mentalitätsunterschieden. Die Faszination der afrikanischen Natur mit ihren Menschen und Wildtieren liessen jedoch das Ehepaar dem Land die Treue halten – Erinnerungen an ein Stück erlebte Afrika-Geschichte.

Von Ruedi Suter – FSS

David Rechsteiner galt in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf. Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in andauernder Teamarbeit mit seiner Schweizer Gattin Lilian (77), die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah. Dem Paar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

David und Lilian Rechsteiner pendelten zwischen Tansania und dem Zürcher Oberland. Bei Bubikon bewirtschaftete das Ehepaar einen kleinen Bauernhof mit einer Apfelpflanzung. Dort protokollierten wir 2008 einige Erinnerungen und Erkenntnisse der Afrika-Schweizer, die wir heute nochmal in Erinnerung rufen.
 
David Rechsteiner: Es war René Gardi, der Schweizer Reiseschriftsteller, der mich für Afrika Feuer fangen liess. Als junger Mann sah ich einen seiner spannenden Dia-Vorträge – und da war mir sofort klar: Ich will nach Afrika. Als ich Anfang 1957 in Tansania ankam, musste ich in Arusha zuerst einen Monat im Managerhaus der grossen Burka-Kaffeefarm leben. Und zwar bei Hans Bucher, dem Schweizer Direktor, und seiner Frau

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere |  © Foto by R.Suter

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere | © Foto by R.Suter

Während die Farmarbeiter zum Frühstück etwas Tee erhielten, gab es hier immer nur das Beste: Speck und Ei, Brot, Fisch, Butter und Konfitüre, Kaffee, Tee – was du auch immer wolltest. Während wir assen, stand neben der Türe ein Afrikaner in Livree mit weissen Handschuhen. Auf dem Kopf hatte er einen Fez. Sobald Frau Bucher mit ihrem Glöckchen klingelte, kam er angerannt, um uns zu bedienen. Ich erlebte zum ersten Mal, wie man in Afrika als kleiner Schweizer plötzlich zum König wurde.

Die Mentalität der Weissen gegenüber den Afrikanern war anders. Man fragte sich nicht: Was können die Schwarzen? Die Weissen fühlten sich ihnen überall überlegen. Die Weissen waren immer im Recht – und sie hatten immer Recht. 

Diese Mentalität hat sich unterdessen ein wenig geändert. Wir kennen auch Weisse – Missionare, Entwicklungshelfer, Leute von Nichtregierungs-Organisationen – die sich aufopfern, die helfen und dabei von Afrikanern manchmal auch ausgenutzt werden. Doch die alte koloniale Mentalität ist immer noch weit verbreitet. Diese Leute denken immer noch, die Schwarzen seien faule Kerle, Taugenichtse und Säufer. Ich schätze, 70 Prozent der in Afrika lebenden Europäer denken insgeheim immer noch so. Bei denen hat sich die Haltung gegenüber den Schwarzen nicht geändert. Wir kennen auch in Tansania lebende Schweizer, die das heute noch klar aussprechen: Die "Neger" sind faule Kerle, sie lügen, sie stehlen.

Lilian Rechsteiner: Es gibt unter den Weissen natürlich auch das andere Extrem: Leute, die missionieren oder viel Gutes tun wollen. Und Leute, die überall Hilfe leisten, welche aber missverstanden wird und zum Schluss dann auch wieder nichts nützt. Ich glaube, nur der goldene Mittelweg ist Hilfe zur Selbsthilfe.

David: Ich muss vielleicht etwas vorgreifen. Als ich damals mit Lilian zusammen unsere Valhalla-Farm in Usa-River bewirtschaftete  und einen Gemüsegarten unterhielt, da kam einmal ein weisser Farmer zu mir und sagte: Ich glaube, du bist der einzige Weisse in ganz Tansania, der eine Hacke in die Finger nimmt. Ich habe noch nie einen Weissen gesehen, der eine Hacke in die Hand nimmt!  

Als ich 1957 auf der Burka mit einem Vier-Jahresvertrag anfing, merkte ich im Laufe der Zeit, dass den afrikanischen Farmarbeitern von den Schweizer Vorgesetzten Vorgaben gemacht wurden, die die Afrikaner gar nicht einhalten konnten. Diese Vorgaben waren schlichtweg nicht erfüllbar! Aber ich war ja neu, und ich wollte das für mich bewiesen haben. Ich war gesund, robust, gut genährt und ich habe in der Schweiz gebauert.  So habe ich auf der Burka einmal an einem Tag, als niemand mehr sonst auf dem Feld war, eine Hacke genommen, um selber zu erfahren, was eigentlich machbar war.

Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben.
— Zitat von Schweizern in Ostafrika

Nach fünf Stunden Hacken und Schwitzen war mir klar, was da geleistet wurde. Obwohl ich nur ein kleiner Fritze war, ging ich zum Chef und sagte: Herr Bucher, was da von den Schwarzen verlangt wird, das ist schlicht nicht erfüllbar. Doch der antwortete nur: Wenn die faulen Kerle nicht wollen, dann sollen sie halt in den Busch zurück! Es gab damals Leute in Arusha, die nur in die Dörfer gingen, um frische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Diese wurden dann mit Lastwagen herangekarrt, und zwar auch in die Camps der Burka-Plantage mit den dicht nebeneinander gebauten Hütten, wo jeweils zehn Menschen leben mussten. Auch das begriff ich nicht, und ich fragte Herrn Bucher: Sie, warum bekommen diese Arbeiter nicht mehr Platz? Es gibt doch hier genügend Raum. 

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 | © Foto by Ruedi Suter


Bucher sah mich nur komisch an und sagte: Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben! Irgendwann merkte ich auch, dass einige Afrikaner, die am Morgen bestenfalls nur einen Tee ohne Zucker tranken und ohne Morgenessen bis zum Mittag durcharbeiteten und dann fast zusammenbrachen, dieses Pensum so gar nicht erfüllen konnten, weil sie zuwenig Essen hatten. Trotzdem sagten die Weissen: Du bekommst diesen Taglohn nicht, diese 30 oder 50 Rappen, du musst dein Soll am nächsten Tag fertig erfüllen. 

Es war ja so: Die Afrikaner arbeiteten für einen Monatslohn. Dafür mussten sie pro Tag ein gewisses Pensum abarbeiten. Wir hatten ja damals keine chemische Unkrautbekämpfung, man machte alles von Hand. Jeder Arbeiter erhielt eine Monatskarte, die am Ende des Tages vom Office abgestempelt wurde. Anhand der Stempel wurde der Lohn bemessen. Wer aber das ganze Tagespensum nicht erfüllte, bekam auch keinen Stempel. Mich erschütterte, dass wenn die Leute aus Erschöpfung nicht mehr arbeiten konnten, sie ihren ganzen Tagesanteil verloren.

Man soff lieber und vergnügte sich mit Frauen.

Als ich bei der Burka begann, betrug der Monatslohn der Schwarzen 28 Schillinge, also vielleicht einen halben Franken. Dazu gab es noch wöchentliche Essrationen. Am Samstagmorgen bekam jeder zwei Kübelchen gemahlenen Mais, je ein Kübelchen Erdnüsse und Bohnen und ein Glas voll Öl. Das war alles, und das reichte nicht für die schwere Arbeit. Für mich waren diese Dinge himmeltraurig und das Schwierigste. Ich erlebte da einen Kolonialismus bis zum Geht-nicht-mehr.

Ich begriff bald, dass ich auf der Burka ganz andere Interessen hatte als die meisten übrigen Europäer. Da waren acht Europäer, die über das Land rein gar nichts wussten. Für sie waren das Clubleben und die Partys am Wochenende das Wichtigste, also der Jubel und Trubel. Wildtiere interessierten sie nicht, man soff lieber, man vergnügte sich mit Frauen und man pennte.

Ich fragte eines Tages meinen Chef, Burka-Direktor Hans Bucher, wie es denn in der Serengeti (Nationalpark, Red.)sei. Er sagte mir: Ja, die ist dort hinten irgendwo. Er wusste nicht einmal, wo sie lag. Und er war auch noch nie dort. Aber er hatte ein Foto, auf dem er mit einem erlegten Nashorn posierte. Seinen Fuss hatte er stolz auf den Schädel des toten Tieres gesetzt, das beim Manyara von ihm abgeschossen worden war.

Dies war bei den Farmern damals gang und gäbe: Du musstest so ein Foto haben, mit einem breiten Hut auf dem Kürbis (Kopf), das Gewehr in der Hand und wenn möglich einen erlegten Büffel oder ein anderes totgeschossenes Exemplar der Big Five (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel) unter dem Stiefel. Wer ein solches Bild an der Wand hatte, der galt gleich als toller Hecht und etwas Besseres.  Solche Dinge haben mich schon sehr angewidert, und ich dachte manchmal: Du stehst völlig neben den Schuhen in dieser Gesellschaft. Es gab Weisse, die waren jahrelang in Tansania, ohne je einmal in einem Nationalpark herumgereist zu sein!

Die Arbeit auf der Farm machte mir Spass, aber ich wollte auch etwas vom Land und seinen Leuten und Tieren sehen. Ich erkundigte mich, wie ich denn das Land kennen lernen könne. Man sagte mir: Du kannst Dir von der Burka einen Wagen mieten, damals kostete das 70 Cents pro Meile. Also mietete ich einen Wagen, kaufte etwas Essen und fuhr an meinen ersten Freitagen los. Bevor Lilian, meine zukünftige Gemahlin nach Tansania kam, fuhr ich zuerst immer mausallein in die Wildnis. Diese musste ich aber zuerst kennen lernen. Ich wollte überall hin, kreuz und quer, ich ging aber noch viel mehr zu Fuss und langsam bekam ich das Gefühl für den Busch.

Die Europäer schossen wahllos auf alles.

Wir hatten auf der Burka einen englischen Mechaniker, der eine Schweizerin zur Frau hatte. Er erzählte über die Jagd in einem Gebiet, wo die englische Regierung den Weissen fruchtbares Farmland zur Verfügung gestellt hatte. Man erklärte damals einfach über die Köpfe der Afrikaner hinweg: Das ist jetzt euer Land, hier könnt ihr eure Farmen aufbauen.

Der Mechaniker erzählte mir Folgendes über die Jagdmethoden damals: Die Weissen fuhren mit zwei Land-Rovern voraus. In jedem Wagen sassen zwei bis drei Europäer und schossen wahllos auf alles, was auftauchte: Strausse, Gnus, Elen-Antilopen, Büffel – einfach auf alles. Dort, wo die Tiere tot zusammenbrachen, steckten sie neben den Kadavern eine kleine Fahnenstange ein für den nachfolgenden Lastwagen, der die Beute einsammelte. Das war das Sonntagsvergnügen dieser Freizeitjäger. Das meiste Fleisch wurde dann unter den angestellten Afrikanern verteilt – als ein Teil ihres Lohnes.

Einmal besuchte ich eine Farm in der Nähe des Manyarasees. Ihr Gebiet war ebenfalls von der englischen Regierung dem Farmer zugeteilt worden. Von diesem wurde ich zum Mittagessen eingeladen. Während wir assen, kam plötzlich ein Kuhhirte und sagte meinem weissen Gastgeber: Bwana, da ist ein Löwe bei den Kühen! Der Farmer sprang auf, holte sein Gewehr und rannte zu seinem Wagen. Als er zurückkam, meinte er nur: Es war leider kein Löwe, ich habe einen Gepard geschossen. So ging das zu! Im Farmhaus drin war der Boden mit Fellen bedeckt. Ich dachte zuerst, das seien alles Kuhfelle. Aber es waren Löwenfelle! Kurzum: Der Weisse konnte damals machen, was er wollte. Und er hat auch gemacht, was er wollte. Das hat sich unterdessen Gott sei Dank etwas geändert.

Lilian Rechsteiner:
Einmal war ich mit David in der Massai-Steppe zwischen Arusha und dem Tarangire unterwegs. Das Gras war grün und frisch, und überall sahen wir Zebras. Plötzlich stiessen wir auf diese Wagen mit Sonntagsjägern. David gab sofort Gas und fuhr zwischen die Tiere und die Wagen, damit die Zebras flüchten und die Jäger nicht schiessen konnten. (Lacht) Ja, da war David noch richtig radikal!

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger |  © Foto by Ruedi Suter

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger | © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner: Ich fragte einmal Burka-Chef Hans Bucher um einen unbezahlten Urlaub. Die Antwort hiess: Wir stellen nicht Europäer an, damit die hier Ferien machen! Das war gerade in der Übergangszeit, als die Burka von Schweizern, der Familie Bruderer, aufgekauft wurde. Als wir keine Ferien erhielten, entschlossen wir uns, von der Burka Abschied zu nehmen. Wir kauften uns eine kleine Farm am Kilimanjaro, die uns ja später weggenommen und verstaatlicht wurde. Herr Bruderer, der neue Besitzer, suchte uns einmal auf und fragte, weshalb wir die Burka verlassen hätten? Niemand habe ihn informiert. Er wolle, dass wir zurückkommen.

Aber wir hatten uns entschieden. Wir sagten ihm:  Wenn Not an Mann ist, melden Sie sich doch bei uns. Ein paar Jahre später war die Burka so heruntergewirtschaftet, dass uns Herr Bruderer kontaktierte. Es war gerade die Zeit, nachdem man unsere Farm am Kilimanjaro verstaatlicht hatte und wir uns mit Tourismus über Wasser halten mussten.

Ich stellte meine Bedingungen. Die Wichtigste war für mich, dass Herr Bucher die Burka verliess. Herr Bruderer ging auf alle Forderungen ein und wir kehrten auf die Burka zurück. Die Buchers gingen dann nach Südafrika, wo sie eine kleine Farm kaufen konnten. Hans Bucher starb dann ziemlich bald, und seine Frau kam nach etwa zehn Jahren wieder nach Tansania. Sie war völlig verblüfft, dass Tansania nach seiner Unabhängigkeit nicht im Chaos versunken war. Die Buchers hatten, wie viele Kolonialisten, immer das Gefühl, ohne Weisse gehe alles kaputt.

Wer als Weisser für die Afrikaner Partei ergriff, war ein Verräter.

Wenn man damals miteinander sprach, hatte man im Zusammenhang mit den Afrikanern vor allem eine Meinung: Die Kaffern sind nichts wert! Es war Mode, so zu reden. Und kaum jemand hätte sich dagegen gestellt und gesagt: Die sind doch gar nicht so! Wer für die Afrikaner Partei ergriff, wurde behandelt als sei er ein Verräter oder als einer, der von Afrika keine Ahnung hatte.

Oder man erklärte ihn zum Aussenseiter. Wie uns. Wir waren immer Aussenseiter! Wir führten auch ein ganz anderes Leben. Wir hatten keine Parties und all das gesellschaftliche Zeugs, wir hatten den Busch. Der war für uns das Schönste, was wir uns vorstellen konnten. Wir waren mit unseren Goofen (Kindern) schon im Tarangire, als andere Eltern ihre Ein- und Zweijährigen im Kinderwagen durch Arusha stossen liessen. 

Lilian Rechsteiner: Wir haben unsere Kinder einfach mitgeschleift (mitgenommen). Auch zu Hause lebten wir anders. Wir schenkten unseren Angestellten unser Vertrauen und schlossen nichts ab. Denn normalerweise liefen die weissen Frauen mit grossen Schlüsselbunden herum und schlossen alles ab, was nicht niet- und nagelfest war. Für sie war klar: Schwarze klauen alles, vom Zucker über Werkzeuge bis zum Geld – alles. Ich aber dachte für mich: Ich würde wohl auch klauen, wenn man mir dauernd misstraut und vor meiner Nase immer alles auf- und abschliessen würde. 

David Rechsteiner: Die Mentalität der Schwarzen und Weissen unterscheidet sich, das ist ganz klar. Die Afrikaner sind zum Teil völlig anders als wir. Vielleicht, weil sie anders erzogen wurden, in einer anderen Umgebung aufwuchsen, in einem härteren Klima leben, es gibt da bestimmt verschiedene Gründe. Und dann hat sicher auch vieles mit den Finanzen zu tun. Ich gebe ein Beispiel. Nehmen wir einmal an, der Tarangire-Nationalpark bekommt von einer Organisation einen Geländewagen gespendet. Ein tansanischer Ranger soll ihn lenken. Der Fahrer, nennen wir ihn Julius, erhält also den Wagen mit der Bitte: Trag Sorge zum Auto, fahr vorsichtig und prüfe regelmässig den Ölstand – so, dass uns der Wagen lange erhalten bleibt. 

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen |  © Foto by Ruedi Suter

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen | © Foto by Ruedi Suter

Wenig später kommt aber der Kollege des Julius. Dieser sagt: Du, Bruder, an meinem Wagen funktioniert die Benzinpumpe nicht mehr richtig. Könnten wir diese nicht gegen deine neue umtauschen? Julius antwortet: Ja, Herrgott, das ist schwierig, ich kann doch nicht einfach ... Der Kollege beruhigt ihn aber und Julius lenkt schliesslich ein: Ok, gib mir 100 Dollar und du kannst die neue Pumpe haben. Aber du hältst den Mund!

So wird die alte Pumpe gegen die neue ausgetauscht, die gut an die 2000 Dollar kostet. Das sind Dinge, die häufig passieren in Afrika. Warum? Das frage ich mich oft. Weil viele Leute bitterarm sind und denken, ich komme sowieso nie auf einen grünen Zweig? Oder weil die Weissen oder die Oberen als skrupellose Ausbeuter empfunden werden? Ich kann ein solches Verhalten, das ja auch nicht alle haben, nicht nachvollziehen. Da habe ich meine Mühe damit. Natürlich darf man so etwas nicht einfach verallgemeinern. Aber in vielen Bereichen läuft es genau so ab.

Die Afrikaner und Afrikanerinnen sehen doch, wie wir prassen und protzen!

Natürlich sind die Einkommensunterschiede zwischen Europäern und Afrikanern in der Regel riesig. Nehmen wir an, ein Afrikaner verdiene im Monat rund 1000 Dollar. Doch ein Toyota Landcruiser, den man immer öfters sieht in Tansania, kann man mit 1000 Dollar Salär nicht kaufen. Und trotzdem will der Angestellte ebenfalls einen Geländewagen, weil ihm vielleicht sein Kleinwagen, wenn er überhaupt einen hat, zu mickerig erscheint. Da denkt er sich: Wenn ich etwas drehe, komme ich auch zu einem Landcruiser. Die meisten wollen ja ebenfalls so leben wie wir Weisse. Denn wir sind das Vorbild.

Er sieht doch, in was für Villen wir leben! Er weiss, dass wir uns Fernseher, Radio und Reisen leisten können und mit was für tollen Wagen wir in seinem Land herumfahren. Und er sieht auch, wie wir protzen und prassen. Wenn im Restaurant der Kellner oder das Serviermädchen am nächsten Tag die Flaschen abräumen muss und sieht, was da getrunken und gegessen wurde!

Und wenn sie sich ausrechnen, was das alles gekostet hat – nun, ich glaube, da würden vielleicht auch wir sagen: So möchte ich auch leben können! Eine ganz natürliche Überlegung, die ich gut nachvollziehen kann. Dem gegenüber stehen allerdings jene afrikanischen Männer und Frauen, die sich sagen: Ich habe ja einen rechten Lohn, mir geht es soweit recht, und weiter hinauf komme ich sowieso nicht, ich finde mich mit meiner Situation ab.

Als wohlhabender Arbeitgeber, egal ob ich Europäer, Asiate oder Afrikaner bin, kann ich nur etwas machen: die Angestellten fair behandeln und anständige Löhne zahlen. Natürlich besteht die Gefahr, dass manche immer noch mehr wollen, aber das ist bei uns ja auch nicht anders. Insgesamt aber ist die Situation sehr komplex.

Denn einerseits besuchen hier die Afrikaner die Schule, man sagt ihnen: Zwei und zwei ist vier, lerne etwas, dann wirst du auch etwas. Und dann kommen die jungen Leute aus der Schule – und finden keine Arbeit. Dann können sie auch nichts verdienen. Finden sie aber trotzdem einen Job, verdienen sie zuwenig für das, was sie sich erhofft haben. Sie wollen ja auch da oben schwimmen, wie wir, und auf der Strasse nicht den Staub der Europäerwagen schlucken müssen."

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt.

Wir empfinden dies als Tragödie. Auf der einen Seite fördern wir die Afrikaner, dass sie die Schule besuchen und motivieren sie, einen Beruf zu erlernen. Auf der anderen Seite haben sie aber keine Möglichkeit, einen Beruf ausüben zu können. Man gibt ihnen eine Chance, und dann, nach der Schule, ist fertig – keineBüetz(Arbeit). Ja, wohin steuert Afrika? Ich weiss es auch nicht.

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt. Ein Stück Land können die meisten nicht mehr bezahlen. Wenn man hört, was für Preise jetzt auch hier für Land bezahlt werden – das kann sich der normale Afrikaner nicht mehr leisten. Früher konnte er sich noch ausrechnen: Ich habe drei Kühe, ich verkaufe eine und mit dem Erlös kann sich mein Sohn ein Stückchen Land kaufen. Das ist nicht mehr möglich, und schon gar nicht in den fruchtbaren Gebieten. Die Preise sind zu hoch, das Land ist zu knapp, weil die Bevölkerung wächst und immer mehr ausländisches Kapital ins Land kommt. Die Preise werden von den Ausländern hochgetrieben.

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Ein Beispiel: Wir hatten lange Zeit einen Arbeiter. Er hiess Husseini und arbeitete bei uns auf der Valhalla in Usa River bei Arusha. Das war noch zu der Zeit, als die Farm viel Umschwung hatte. Während der Verstaatlichungsaktion der Regierung entschlossen wir uns, alles bis auf 20 Hektar abzugeben. Denn Präsident Julius Nyerere hatte erklärt: Jeder, der mehr als 20 Hektar hat, ist ein Grossgrundbesitzer und läuft Gefahr, dass ihm das Land weggenommen wird. Also schrieben wir: Liebe Regierung, wir wollen mit der Landwirtschaft aufhören und unsere Farm auf 19 Hektar verkleinern. Und das taten wir dann auch.

Das übrige Land schenkten wir unseren Angestellten. Jeder konnte abstecken, was er wollte, und den Rest übernahm die Regierung. Husseini nahm etwa 10 Hektar.  Als er später starb, kam eines Tages seine Frau und sagte uns: Ich zahle euch die Schulden zurück. Ich sagte: Donnerwetter, was ist denn jetzt passiert? Sie erklärte uns, sie habe Land verkauft. Ein Grieche, der ihr Land unbedingt haben wollte, hatte ihr das Zehnfache des aktuellen Preises bezahlt. Von da an ist in unserer Gegend der Preis nur noch hochgegangen. Das Beispiel machte Schule, was ja verständlich ist. Niemand mehr wollte sein Land billig hergeben.

So schlecht sind die Alten gar nicht.

Lilian Rechsteiner: Das Land hier am Fuss des Mount Meru ist sehr begehrt. Bis zur Nationalparkgrenze wurden alle diese Plots (Parzellen) vor allem an Europäer verkauft. An Deutsche, Schweizer, Griechen, kurzum, an Leute aus allen Nationen, die das Land besiedelten.

David Rechsteiner: Ein Missionar hatte uns einmal gesagt: Was sind schon 10’000 Dollar für eine Ecke Land? Darauf kann ich mir doch ein Häuschen stellen und gut darauf leben! Wir fragen uns: Wie soll ein Afrikaner, der im Tag gerade einmal zwei Dollar verdient, je zu 10'000 Dollar kommen? An diesen Zuständen sind wir aber auch beteiligt. Wir sind ein Teil dieser Entwicklung. Das einzige, was wir versuchen können, ist unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen so weit wie möglich entgegen zu kommen, grosszügig zu sein und sie zu schätzen. Ich denke mir: Wenn meine Leute ihre Arbeit gut machen, dann arbeiten sie auch gut, wenn der Alte einmal nicht da ist. Und dies, so glaube ich, zahlt sich aus. Es kann doch nicht sein, dass wir so häufig in der Schweiz sind, und auf unseren beiden Farmen in Tansania läuft während unserer Abwesenheit alles recht. Es wird gut gearbeitet und praktisch nichts geklaut. Das ist nur so, weil wir einigermassen gerecht sind.

Lilian Rechsteiner: Und die Leute auch einbeziehen bei unseren Entscheiden ...

David Rechsteiner: Ja, und das ist aus meiner Sicht auch der einzige Weg: Vertrauen schenken. Ich rede viel mit den Leuten und erfahre so einiges über ihre Probleme und ihr Denken. Einmal habe ich auch die vielen Diebstähle auf den Farmen und in den Geschäften angesprochen. Ich fragte: Sagt mir, warum passiert das? Sie erklärten uns: Euch wird nichts gestohlen, weil ihr anders seid. Das war ihre Aussage. Das ist vielleicht nur, weil unsere Angestellten das Gefühl haben: So schlecht sind die Alten gar nicht, es gibt Schlimmeres, uns geht es vergleichsweise etwas besser.

Lilian Rechsteiner: Ich glaube auch, dass man mehr verlangen kann, wenn man die gleiche Arbeit selber auch schon gemacht hat und mitarbeitet. Das fördert doch den Respekt, und sie sehen, du selbst kannst es auch. Das macht wahnsinnig viel aus, wenn sie merken, dass du dich auskennst und ebenfalls eine Hacke in die Finger nehmen kannst. Oder wenn David mit der Burka-Fussballmannschaft ins Stadium von Arusha ging und dort gegen die anderen Firmenteams spielte. Er war der einzige Weisse auf dem Feld. Und auf der Tribune sass, ausser mir, noch ein alter Engländer zwischen den Afrikanern und Afrikanerinnen.

Es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel.

David Rechsteiner: Wenn man den Zeitungen glaubt, heisst die Tendenz in Afrika: Raus mit den Weissen! Wir haben es erlebt in Tansania, von einem Tag auf den anderen haben wir in den siebzigerr Jahren unsere Farm verloren. Es würde mich nicht wundern, wenn so etwas wieder passiert. Es ist ihr Land! Das müssen wir ganz klar sehen. Wir Weisse und Asiaten und einige wenige Afrikaner sind die Grossgrundbesitzer, wir haben das fruchtbare Land! Und der kleine Mann hier kann sich kein gutes Land mehr kaufen, weil ihm das Geld fehlt.

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Er kann es nicht mehr! Ich sehe das so: Solange der Weisse anständig ist, politisch und privat keine Schwierigkeiten macht, viele Leute anstellt, die einen anständigen Zapfen (Lohn) bekommen, sind wir hier noch geduldet. Ich rede aber nur von Tansania, denn in den anderen Ländern Afrikas sieht alles wieder anders aus. Jedenfalls sagte ich auch schon zu unseren beiden Söhnen Alex und Dani: Ihr müsst immer damit rechnen, dass ihr eines Tages gehen müsst und hier alles verliert.

Lilian Rechsteiner: Wir sagen ihnen, ihr müsst euch nicht wundern, wenn unser Land einmal verstaatlicht wird, weil die Afrikaner ihr Land brauchen.

David Rechsteiner: Ja. Denn es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel (hergelaufene Ausländer, Red.).

LilianRechsteiner:Das Land gehört dem Staat.

DavidRechsteiner:Klar, und man muss die Situation vom kleinen Fritze aus beurteilen. Der Vater hat vielleicht sieben Söhne, die erhalten in Arusha keine Arbeit und wollen in die Landwirtschaft, haben aber kein Land und sehen die grosse Farm des weissen Nachbarn. Und dann könnten sie doch sagen: Siehst du, wenn ich dort ein Plätzchen hätte ... Woher denn sonst noch etwas Land bekommen? Die Regierung, die in den letzten Jahrzehnten auch für den Tourismus riesige Gebiete zu Schutzgebieten erklärte, wird nicht zurückkrebsen, weil diese laut Presseberichten immer mehr Devisen bringen. Ja, und was dann? Das Problem könnte mit einer neuen Verstaatlichungswelle gelöst werden, auch wenn diese nicht einmal mittelfristig das Problem der Bevölkerungszunahme und Landknappheit lösen könnte.

Es gibt sicher auch noch andere Szenarien. Wir sind nicht sehr viele Weisse in Tansania. Die Weissen haben in der Regel Know-how, sie stützen die Wirtschaft, bringen Devisen und so weiter. Vielleicht überlegt sich die Regierung auch: Wenn wir die Weissen rauswerfen, bricht hier einiges zusammen. Wie aber die Zukunft aussehen wird, das können wir, ehrlich gesagt, nicht sagen. Julius Nyerere, den wir persönlich kannten und schätzten, erklärte zu Beginn: Was die Weissen können, können wir auch. Seine Wirtschaftspolitik ist aber gescheitert. Vielleicht hat man gelernt, dass uns nur ein gutes Zusammenleben weiterbringt.

LilianRechsteiner:Unser afrikanischer Nachbar, der selber Farmen besitzt, lässt diese von Weissen führen.

David Rechsteiner:Ja, aber es gibt auch viele kleine afrikanische Farmer, die sagen klar: Das können wir viel besser ohne die Weissen. Wie sich Tansania entwickelt hat? Das kommt auf den Blickwinkel an. Ist das Glas halb voll? Oder ist es halb leer? Ich finde allgemein, Afrika wird aus weisser Sicht zu negativ beurteilt. Man sieht nur das, was nicht klappt. Wenn man hört, dass am Kilimanjaro ein paar Holzdiebe Edelholz fällten, dann heisst es gleich: Der ganze Kilimanjaro wird abgeholzt. Insgesamt meine ich, geben sich die Tansanier Mühe, ihre Natur zu erhalten. Den Schutz der Wildtiere und der Pflanzenwelt hierzulande würde ich positiv beurteilen. Natürlich wird auch schwer gefrevelt, wird abgeholzt und gewildert. Aber die Anstrengungen, das alles zu verhindern, sind doch bemerkenswert.

Die Wilderei wird von ganz oben gesteuert.

Wir haben den Niedergang mitbekommen, die Katastrophe mit der Wilderei der Nashörner, der Elefanten und aller anderen Tiere. In dieser Zeit wurde unsere Kaffeefarm verstaatlicht und wir waren gezwungen, uns mit Privatsafaris über Wasser zu halten. Wir gehörten zu den ersten, die so im bescheidenen Rahmen Touristen das Land zeigten. Auch so bekamen wir mit, wie die Nashörner abgeschlachtet wurden.

Wir merkten, dass diese Wilderei von oben gesteuert sein musste, vom Direktor der Nationalparks oder noch von weiter oben, von Regierungsstellen. Jedenfalls waren die Drahtzieher nicht die kleinen Leute. Im Ngorongoro-Krater sagten uns die Ranger, welche die Nashörner bewachten, sie müssten auf Befehl von oben nachts einen anderen Teil des Kraters bewachen. 

Genau in dieser Nacht wurden auf der Gegenseite Nashörner gewildert. Dort begannen wir zu stutzen. Wie konnte das sein, dass die Ranger Order vonoben erhielten, auf der rechten Kraterseite zu patrouillieren, worauf zwei Nashörner auf der linken Seite gewildert wurden? Da merkten wir, das Umbringen musste von oben gesteuert sein.

Lilian Rechsteiner: Wenn du mich fragst, wie ich die Zukunft dieses Landes sehe, versuche ich zu unterscheiden. Wenn du Arusha siehst, mit seinem Verkehrschaos und den vielen Menschen, die in den letzten Jahren hierher kamen, so ist das eine boomende Stadt, aber nicht das typische Tansania. Geh nur einmal nach Tanga, in die vor langer Zeit ebenfalls boomende Hafenstadt am Indischen Ozean. Tanga wirkt heute völlig verschlafen. Dagegen ist Arusha mit seinem Tohuwabohu geradezu ein Hexenkessel. Das hat mit dem Edelsteinhandel zu tun, mit dem wachsenden Tourismus, mit der UNO, die hier ihr Ruanda-Tribunal hat, und mit dem fruchtbaren Land am Fuss des Mount Meru.

David Rechsteiner: Ja, aber der so genannte Fortschritt, den wollen heute alle, auch in den ländlichen Gebieten. Da kannst du überall hingehen, überall will man einen Platz an der Sonne. Ich glaube, das schöne und ruhige Afrika ist vermutlich vorbei. Aber speziell hier – ich rede da weder vom Kongo noch von Westafrika –, speziell hier in Tansania, wo der Naturschutz Devisen bringt und ein zentrales Anliegen ist, kann sich die Regierung nicht leisten, alles aufzugeben.

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover |  © Foto by Ruedi Suter

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover | © Foto by Ruedi Suter

Obwohl man negative Nachrichten hört, wie die Herausgabe von Konzessionen an Araber und Amerikaner. Hingegen ist das, was wir hier mit dem Naturschutz bis heute erlebten, insgesamt sehr, sehr positiv. Davon bin ich absolut überzeugt. Natürlich wird es immer wieder Rückschläge geben. Die Menschen werden immer Bäume fällen, Holzkohle machen, Wildtiere umbringen und so weiter. Aber im Ganzen gesehen, kann wohl kein Minister mehr sagen: Die Ecke dieses Nationalparks trennen wir ab und machen Felder daraus. Ich glaube, das ist vorbei, das kann nicht mehr passieren.

Lilian Rechsteiner: Oder denke an das hügelige Gebiet hinter dem Mount Meru an der Strasse nach Nairobi, das war nicht mehr bewaldet. Dort werden heute überall Bäume angepflanzt, und man findet keinen Hof, wo keine jungen Bäume stehen. Das gab es früher nicht.

David Rechsteiner: Aber weisst du, immer wenn wir in den Tarangire-Nationalpark fahren und diese friedlich grasenden Elefanten sehen, inmitten einer wundervollen Natur, die Gott sei Dank noch einigermassen intakt ist, dann kommen wir froh und beglückt zurück. Was morgen ist, soll – wenn wir dann einmal im Grab liegen – nicht mehr unsere Sorge sein, sagt meine Gemahlin richtig. Aber im Augenblick können wir noch etwas dazu beitragen, dass in Tansania diese grossartige Natur mit ihren wundervollen Tieren erhalten bleibt. Allein das ist schon enorm viel wert! Und darum sind wir immer auch glücklich und dankbar.

Titelbild: David Rechsteiner, anfangs der neunziger Jahre in West-Tansania | © Foto by Ruedi Suter
Erstpublikationen dieses Textes: HABARI 3-2007 | www.OnlineReports.ch ( Februar 2008)


David und Lilian - unzertrennlich und engagiert

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam stets seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme greift. 

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte, genoss der am 31. März 2019 verstorbene Artenschützer trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt. Das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Zudem waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führten oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken liessen. Aber auch gedanklich war man unterwegs: David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

***







Afrikas Schutzgebiete in Gefahr - das Beispiel Welterbe «Selous»

Ruedi R. Suter

Afrikas Weltnaturerbe und ältestem Naturschutzgebiet drohen Industrialisierung und die Vernichtung seines Wildbestandes und der Naturschönheiten. Im tansanischen Selous-Schutzgebiet haben sich Minenkonzerne bereits eingenistet, nun droht ein sinnloser Staudamm.

Wie anderswo auch will die Regierung mehr Industrialisierung und weniger Naturschutz. Was beispielhaft alles auf dem Spiel steht und wie alles kam und enden könnte, darüber berichtet hier Rolf D. Baldus. Der deutsche Entwicklungs- und Naturschutzexperte arbeitete jahrelang im Selous Game Reserve.

Von Rolf D. Baldus*

Das älteste und grösste unbewohnte Naturschutzgebiet Afrikas liegt in Tansania: Das Selous Game Reserve mit einer Fläche von über 50'000 Quadratkilometern. Aufgrund seiner globalen Bedeutung wurde es 1982 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Doch das Schutzgebiet wurde schlecht verwaltet, die Wilderei explodierte – allein der Bestand von über 100'000 Elefanten wurde auf weniger als 30'000 (1989) Tiere dezimiert.

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne |  © Foto by Rolf D. Baldus

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne | © Foto by Rolf D. Baldus

Dann kam der Wendepunkt: 1988 wurde das Selous Conservation Program (SCP) aus der Taufe gehoben. Das bis 2003 dauernde deutsch-tansanische Entwicklungsprojekt stoppte die Wilderei. Die Elefantenpopulation erholte sich wieder auf über 70'000 Elefanten (2003). Gleichzeitig konnten mehrere umweltschädliche Grossprojekte blockiert werden.

Früher war das Wildreservat völlig abhängig von den viel zu knappen Mitteln aus dem Gesamthaushalt der tansanischen Regierung, aber die SCP führte ein neues System ein, worauf 50 Prozent des Geldes aus dem Reservat behalten wurden. Bemerkenswert: 90 Prozent dieser Einnahmen stammten aus nachhaltiger Safari-Jagd, die sicherstellte, dass zuverlässige Schutzpraktiken umgesetzt werden konnten.

Krimineller Angriff auf das Schutzgebiet

Als die deutsche Unterstützung im Wildschutz Ende 2005 auslief, reduzierte der Direktor der Ministerialbehörde die Summe dieses Rücklagesystems sofort von jährlich drei Millionen US-Dollar auf gerade noch eine halbe Million. Wie zwei Dekaden zuvor brach die Parkverwaltung zusammen. Die Anstrengungen zur Verhütung der Wilderei wurden stark reduziert, das Abschlachten der Elefanten liess nicht auf sich warten. Im Nachhinein kann man nur zu einem Schluss kommen: Bei der ganzen Angelegenheit handelte es sich um einen gut vorbereiteten und kriminellen Angriff auf das Schutzgebiet.

Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 60'000 Elefanten getötet.

Das Elfenbein wurde über Sansibar, Pemba (Mosambik) und andere Inseln oder auf dem Luftweg durch chinesische Kartelle nach Südostasien und insbesondere nach China geschmuggelt – alles in Zusammenarbeit mit korrupten Beamten. Mehr als 100 Millionen US-Dollar wechselten den Besitzer. Die Wertschöpfungskette begann im afrikanischen Busch und endete in den asiatischen Märkten.

Das Geschäft lohnte sich für alle Beteiligten. Beschlagnahmungen in aller Welt zeigten, dass über Jahre hinweg nirgendwo sonst so viele Savannen-Elefanten umgebracht wurden wie im Selous-Niassa-Ökosystem. Eine Luft-Elefantenzählung im Jahr 2013 zeigte, dass nur etwa 13'000 der Dickhäuter im Selous-Ökosystem überlebt hatten.

«Weltkulturerbe in Gefahr»

Die UNESCO erklärte das Naturschutzgebiet nicht nur der Wilderei wegen zum Welterbe «in Gefahr». Sie wollte auch den geplanten Bergbauvorhaben sowie anderen Grossprojekten einen Riegel vorschieben. Ein Gebiet von 300 Quadratkilometern wurde im Südwesten des Reservats für ein russisches Uranmine-Unternehmen abgetrennt. Es will mit Wasser und einem besonders umweltschädlichen Bleichverfahren die uranhaltigen Stoffe aus dem Gestein herauslösen. Doch der Verfall der Uranpreise auf dem Weltmarkt hat dieses Projekt verzögert.

Es wurden aber andere Konzessionen für die Prospektion im Reservat vergeben. Bergbau steht jedoch im Widerspruch zur UNESCO-Welterbekonvention, die Tansania unterschrieben hat. Als die Weltkulturerbekommission der UNESCO grünes Licht für die Uranmine gab, geschah dies mit dem Verständnis, dass Tansania keine weiteren Grossprojekte ohne die Zustimmung der UNESCO auf den Weg bringen werde.

Die Ergebnisse der Elefantenzählung 2013 waren ein Weckruf. Die tansanische Regierung gelobte, die Wilderei zu bekämpfen, und das System der Selbstfinanzierung aus 50 Prozent der Einnahmen des Schutzgebietes wurde wieder eingeführt. Benson Kibonde, Manager im Ruhestand, wurde zurückgeholt, um an seine bemerkenswerten Erfolge als Reservatsverwalter anzuschliessen.

Überdies wurde auf Wunsch des Reservats vom Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) ein Sofortprogramm initiiert, unterstützt von der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Es stellte etwa 400'000 Euro als Nothilfe zur Verfügung, hauptsächlich in Form von Ausrüstung. Die Wilderei sank – 2015 war die Elefantenpopulation zumindest wieder stabilisiert.

Neues tansanisch-deutsches Kooperationsprojekt im Selous

Auf Antrag der tansanischen Regierung brachte Deutschland 2013 über die Deutsche Entwicklungsbank (KfW) eine neues Hilfsprogramm in Höhe von 18 Millionen Euro für den Selous auf den Weg. In Richtung und Ansatz orientierte es sich am Vorläuferprojekt «Selous Conservation Program» (1988 – 2003). Die seit geraumer Zeit im Selous bereits engagierte Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) sowie der World Wildlife Fund (WWF) sollten bestimmte Projektkomponenten übernehmen. Dieses Projekt wird jetzt - nach längerer Verzögerung - umgesetzt.

In Deutschland gibt es hochrangige Beamte und Politiker über die Parteigrenzen hinweg, welche die Naturschutzbemühungen in Tansania engagiert unterstützen, insbesondere in der Serengeti und im Selous. Das KfW-Instrumentarium ist für Naturschutzprojekte nicht wirklich geeignet und gestaltet sich extrem langwierig.

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm |  © Karten zVg

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm | © Karten zVg

Gleichzeitig sind viele der Verzögerungen bei der Projektvorbereitung auf die tansanische Regierung zurückzuführen. Dabei stellte sich die Frage: sind die staatlichen Behörden überhaupt noch daran interessiert, den Selous zu rehabilitieren? Heute kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, die Regierung gebe ihr langjähriges Engagement für den Naturschutz auf. Dennoch bleiben Tierwelt und Tourismus eine der wichtigsten Branchen und Devisenquellen des Landes.

Kein Gehör mehr für den Umweltschutz

Präsident John Magufuli, ein zunehmend autokratischer herrschender Populist, verfolgt immer mehr eine Politik, die an Nyereres afrikanischen Sozialismus erinnert. Mit starker Hand versucht er, Ordnung in seinem von Korruptionsskandalen erschütterten Land zu schaffen. Ob er erfolgreich sein wird, bleibt fraglich.

Der Wildtier-Tourismus, bislang der zweitwichtigste Wirtschaftssektor des Landes, verliert an politischer Priorität. Denn Magufuli träumt von einer staatlich kontrollierten Industrialisierung. Unter Nyerere ist die gleiche politische Vision kläglich gescheitert.

Ohne Rücksicht auf Umweltbelange hat Präsident Magufuli Pläne für den Bau einer Strasse in der Mitte des Selous (von Ilonga nach Liwale) im Wahlkampf zugesagt. Die grösste Bedrohung für die Selous ist jedoch die Entscheidung, einen Megadamm (2'100 Megawatt) im Herzen des Reservats an der Stiegler's Gorge zu bauen. Die Wirtschaftlichkeit des Projekts ist unklar, die Finanzierung nicht gesichert. Die ökologischen Folgen werden jedenfalls verheerend sein.

Die Stiegler-Schlucht – Begierdeobjekt seit 1982

Tansanias mächtigster Fluss, der Rufiji, durchschneidet den nördlichen Teil des Selous Game Reserve und bildet die südliche Grenze des für Fototourismus reservierten Gebiets. Südlich des Flusses wird das Reservat für einen nachhaltigen Jagdtourismus genutzt, der in der Vergangenheit mit Abstand der grösste Einkommensbringer des Reservats war. Bei Stiegler's Gorge fliesst der riesige Fluss durch eine enge Schlucht.

Um 1900 wurde das Gebiet bereits von der Kolonialregierung unter Schutz gestellt. Die Deutschen planten eine Strasse und prüften offenbar eine Flussüberquerung. Ein Schweizer Ingenieur namens Stiegler vermass 1907 das Land. Seine Gewohnheit, in der Freizeit Elefanten zu jagen, sollte ihm zum Verhängnis werden. Er verwundete einen Elefanten und folgte ihm. Plötzlich stürzte sich das Tier auf ihn und seinen Gewehrträger. Der ergriff die Flucht, leider mitsamt dem Gewehr – das war das Ende des armen Stiegler.

Der gigantische Fehltritt Norwegens

Kurz nach der Unabhängigkeit Tansanias war Norwegen, wie viele westlichen Geber von Entwicklungshilfe, den verführerischen Schriften und gewinnenden Worten von Präsident Nyerere auf den Leim gegangen. Trotz seiner Politik der «Eigenständigkeit» als offizielle Entwicklungsstrategie nahm Tansania diese Hilfe gerne an – und wurde zu einem der wichtigsten Hilfsempfänger in Afrika.

Eines der vielen norwegischen Projekte war die Vorbereitung eines gigantischen Staudamms in der Stiegler's Gorge. Die Norwegische Entwicklungsagentur (NORAD) gab in den 1970er-Jahren bis 1983 über 24 Millionen US-Dollar für die Vorbereitung des Projekts aus. Die Idee war, einen Staudamm von maximaler Grösse zu bauen, welcher ausschliesslich der Stromerzeugung dienen sollte.

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms |  © Foto by Rolf D. Baldus

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms | © Foto by Rolf D. Baldus

Bald stellte sich heraus, dass die enormen Kosten von zwei Milliarden US-Dollar Tansania für viele Jahrzehnte verschulden würden. Zudem wurde festgestellt, dass ein so mächtiger Damm nicht wirtschaftlich sein würde. Zwischen 1979 und 1982 wurden 27 grosse Studien durchgeführt, und es wurden viele weitere schwerwiegende negative und weitreichende Folgen festgestellt.

Der Damm und seine verheerenden Folgen

  • Hohe Sedimentation, was zu einer kurzen Lebensdauer führt

  • Seismische Störungen mit schwerwiegenden Folgen für den Damm und das stromabwärts gelegene Land

  • Übermässige Erosion stromabwärts

  • Das Rufiji-Delta, eines der fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebiete des Landes, würde nicht mehr auf natürliche Weise geflutet und gedüngt werden

  • Zerstörung von Mangroven mit entsprechenden Folgen für die Fisch- und Garnelenbestände und starke Reduzierung von Fischerei, Holzschlag usw. für die lokale Bevölkerung

  • Versalzung landwirtschaftlicher Flächen

  • Nur eine ganz spezielle Konstruktion des Damms konnte den von Zeit zu Zeit auftretenden grossen Überschwemmungen gerecht werden

  • Einführung von nicht einheimischen Schwimmpflanzen

  • Komplexe drastische und irreversible Auswirkungen auf die Vegetation und die Tierwelt im Schutzgebiet

  • Infrastrukturentwicklung, Bevölkerungszustrom und Wilderei würden das Schutzgebiet gefährden.

Bald wuchs der Widerstand der Wissenschaftler an der Universität von Dar es Salaam. Selbst die Mitarbeitenden von NORAD äusserten zunehmend Kritik, welche vorab auf die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Damms abzielte.

Seit 1982 Weltnaturerbe, Weltbank verweigert Mitfinanzierung

Ihre Bedenken konzentrierten sich auf Gesundheitsprobleme, unzureichenden Strombedarf des Landes, fehlende Wirtschaftlichkeit und technische Probleme des Baus und des Betriebs des Staudamms, die Tansania überfordern könnten. Die Weltbank weigerte sich gar, das Projekt mitzufinanzieren.

Es wird berichtet, dass Kritiker des Projekts marginalisiert wurden und dass ihnen der Zugang zum Projektgelände und zu den vorhandenen Studien und Plänen untersagt wurde. Dies bezog sich sogar auf offizielle tansanische Forschungseinrichtungen. Immer mehr wurde davor gewarnt, dass der Damm nach seiner Fertigstellung zu einer nationalen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Katastrophe führen würde.

1988 erklärte NORAD selbst, dass der Damm bei einer Realisierung zu einem wirtschaftlichen Desaster geworden wäre. Schliesslich wurde das Projekt um 1983 fallengelassen, die Arbeiter und Ingenieure gingen.

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden |  © Foto by Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden | © Foto by Rolf D. Baldus

Unterdessen – 1982 – hatte die UNESCO das Reservat zum Weltnaturerbe erklärt. Der Damm wurde in der technischen Überprüfung des Dokuments zur Anmeldung zum Welterbe von 1982 durch die IUCN als Bedrohung für das Überleben des Selous bezeichnet. Aber damals war bereits klar, dass er nicht gebaut werden würde. Trotz des neuen Status kümmerte sich niemand darum, die Infrastruktur wie Gebäude und Seilbahn oder die enorme Menge an Müll und Schrott, welche sich im Laufe der Jahre auf dem Gelände angesammelt hatte, zu beseitigen.

Zurückgelassen: Tonnen von Müll und Skelette von Elefanten und Rhinos

Als ich 1987 im Rahmen eines tansanisch-deutschen Regierungsabkommens im Selous zu arbeiten begann, bestand das Nordufer des Flusses über der Schlucht aus vielen verlassenen Gebäuden und ein paar Quadratkilometern voller Schutt und Müll. Niemand hatte sich die Mühe gegeben, die verlassene Baustelle in einen dem Welterbe angemessenen Zustand zu bringen. Die Wildhüter trauten sich nicht, denn sie waren weiterhin für das Gelände nicht zuständig.

Es gab sogar ein Seil über den Fluss und eine aufgegebene Seilbahn. Wir schafften es, den VW-Motor wieder in Gang zu bringen. Einige der mutigeren Wildhüter (nicht ich) versuchten, in der Gondel den Fluss zu überqueren. Doch auf halbem Weg verliess sie der Mut weiterzufahren. Dies waren die Reste der Vermessung der Schlucht, um festzustellen, ob sie zur Stromgewinnung für einen grossen Damm geeignet war.

Ich erinnere mich, dass ich durch viele tausend medizinische Ampullen in und um die Apotheken waten musste, die von den einst 2 000 Arbeitern am Standort gebraucht worden waren. Wir schrieben an die norwegische Botschaft, um sie auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Eine Antwort erhielten wir nie. Als die letzten Arbeiter gegangen waren, fand das Game Department heraus, dass fast alle Nashörner in der Gegend gewildert und die Elefanten drastisch reduziert worden waren.

Bei einer Zählung aus der Luft von 1981 wurde festgestellt, dass die Dichte der Elefantenskelette «am höchsten entlang des unteren Rufiji-Flusses» war. Es war der Start zum Niedergang der Dickhäuter im Reservat – zusammen mit den grossen Nashorn- und Elefantenwildereien, die gleichzeitig im südlichen Selous während der Ölexploration stattfanden.

Rubada, das teure Amt der Selbstverwalter

1975 gründete die Regierung die Rufiji Basin Development Authority (Rubada), um das Gebiet entlang des Flusses zu entwickeln. Das Hauptziel war eindeutig der Bau des Damms. Als dieses Projekt ins Stocken geriet, blieb das Parastatal bestehen, vergleichbar mit dem Ministerium für die Kolonien in Italien, welches auch das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebte.

Während das italienische Ministerium aber zumindest acht Jahre nach dem Verlust der Kolonien geschlossen wurde, blieb Rubada noch 35 Jahre bestehen. Eine hohe zweistellige Mitarbeiterzahl bewohnte ein weitläufiges, vierstöckiges Verwaltungsgebäude in Dar es Salaams Shekilanga Road. Seit seiner Gründung hat die halbstaatliche Rubada wenig getan, ausser den Mitarbeitern vergleichsweise hohe Gehälter zu zahlen und sich selbst zu verwalten.

1988 war mir klar, dass der Direktor von Rubada und seine Mitarbeitenden alles tun würden, um ihre Büros, Dienstwagen und Zulagen zu erhalten, und dass sie daher warten würden, bis ihre Chance gekommen war, die Pläne für die Stiegler-Schlucht wieder zum Leben zu erwecken. Ich versuchte, den Selous bei der Übernahme des Staumauer-Geländes zu unterstützen, aber da war nichts zu machen: Rubada klammerte sich an dem Besitz fest. Schliesslich war er die wesentliche Existenzberechtigung des Staatsunternehmens.

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | ©  Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | © Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Rubada zockt ab – und begeistert Wasserminister Lowassa

Rubadas einzige Selous-bezogene Tätigkeit in diesen Jahren bestand darin, ein paar herunter gekommene Gebäude in der Nähe der Schlucht an schnell wechselnde Tourveranstalter zu vermieten. Keiner von ihnen hatte nennenswerte Besucher, obwohl einer der Pächter sogar einen Hexendoktor mit in das Camp brachte, um mit dessen Hilfe seinen unternehmerischen Erfolg zu verbessern. Er wollte auch eine lebende Ziege mitbringen, die vom Medizinmann geschlachtet werden sollte, aber das genehmigte der Selous dann doch nicht. Denn gemäss Gesetz darf man kein Vieh in ein Wildreservat bringen.

In den 1990-er Jahren, so wird berichtet, begann Rubada auch Geld von den Lodgebetreibern entlang des Rufiji zu «erpressen», obwohl nur die Selous Game Reserve Administration das Recht hat, Pachtverträge für touristische Aktivitäten im Reservat zu vergeben. Angeblich mussten mehrere Lodgebesitzer erhebliche Beträge hinblättern.

Rubada hielt das Dammthema am Leben und fand schliesslich in der Person des Wasserministers Edward Lowassa einen Verbündeten. Dieser Minister liebte Grossprojekte. Er hatte Japan bereits davon überzeugt, einen Damm in Kidunda, am nordöstlichen Rand der Selous, zu bauen. Eine rationale Begründung für die Flusssperre an dieser Stelle fehlte. Die einzig logische Erklärung für dieses Vorhaben waren die finanziellen Vorteile, die sein Bau für interessierte Mitglieder der tansanischen Elite mit sich bringen würde.

Es gab ja viel bessere Möglichkeiten, Dar es Salaam mit Wasser zu versorgen. Und technisch war der Standort für einen Damm komplett ungeeignet, da das Gebiet völlig flach ist und andere Nachteile aufweist. Glücklicherweise konnten wir die japanische Regierung und später die Weltbank davon überzeugen, das Projekt nicht zu finanzieren.

Brasiliens Skandal-Konzern Odebrecht mischt jetzt mit

Es hätte die so genannte Gonabis Pan überschwemmt, eine flache Wildtierbewirtschaftungszone, die für das Futter der Antilopen und Büffel im nördlichen Sektor des Reservats unerlässlich ist. Heute, 15 Jahre später, wurde kein einziger Spatenstich durchgeführt. Lowassa hätte sowieso nicht davon profitiert. Er wurde 2005 Premierminister – und war einer der wenigen tansanischen Politiker, die wegen eines Korruptionsskandals aus einem hohen Amt geworfen wurden. Später wechselte er in die Oppositionspartei und kandidierte für das Amt des Präsidenten, verlor jedoch gegen den heutigen Amtsinhaber Magufuli.

Während Lowassas Zeit schlossen sich Rubada und die brasilianische Firma Odebrecht zusammen, um einen zweiten Versuch zum Bau des Staudamms von Stiegler zu unternehmen. Zwei Seelenverwandte hatten sich offensichtlich gefunden. Heute wissen wir, dass Odebrecht Regierungen und Politiker auf der ganzen Welt bestochen hat, und es ist schwer zu glauben, dass Tansania die einzige Ausnahme war.

Laut den Medien schuf Odebrecht den grössten Bestechungsring der Welt, und ein US-Gericht verhängte eine Multi-Milliarden-Strafe. In Tansania haben die Berater von Odebrecht die Baupläne weiterentwickelt. Ökologische Überlegungen oder gar eine Umweltverträglichkeitsprüfung waren kein Thema.

Selous-Verwaltung, UNESCO, Naturschutzverbände und ausländische Regierungen, namentlich Deutschland und die USA, welche versuchten, die tansanische Regierung bei der Rettung der verbleibenden Elefanten zu unterstützen, konnten die Entwicklungen nur mit ungläubigem Staunen verfolgen. Im Zuge des Odebrecht-Skandals verschwand das Unternehmen jedoch leise aus Tansania. Verschwunden sind auch der CEO und das Top-Management von Rubada im Rahmen eines Finanzskandals im Unternehmen.

 Tansanische Bauvorhaben beunruhigen Welterbekomitee

Ende 2017 wurde Rubada endgültig geschlossen. Die Verantwortung für den Bau des Damms wurde auf den halbstaatlichen Stromversorger Tanesco übertragen – ein weiteres Unternehmen, das für Ineffizienz und himmelschreiende Finanzskandale bekannt ist. Die Pläne zum Bau des Damms in der Stiegler-Schlucht aber waren inzwischen von der höchsten Autorität des Landes, dem Präsidenten, aufgegriffen worden.

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous |  © Foto by Sean Louis

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous | © Foto by Sean Louis

Das Welterbekomitee (WHC) beobachtete mit «grösster Sorge» die verschiedenen Grossprojekte, welche von der Regierung im Selous vorangetrieben wurden. Es erklärte, grosse Staudämme und Bergbaue seien mit dem Welterbestatus unvereinbar, da sie «den aussergewöhnlichen universellen Wert des Selous ernsthaft und irreversibel schädigen» würden. WHC forderte fortan und bei jeder Gelegenheit den Vertragsstaat auf, «die Pläne für die verschiedenen Entwicklungsprojekte, die mit dem Welterbestatus des Schutzgebietes unvereinbar sind, aufzugeben».

Gleichzeitig stimmte das WHC einer Grenzveränderung zu. Etwa 300 Quadratkilometer an der südöstlichen Ecke des Reservats wurden degradiert, um den Uranabbau am Mkuju-Fluss zu erleichtern. Die Regierung hatte die Erschliessung dieser Mine jahrelang unter Verletzung der Konventions-Regeln zugelassen. Es waren Fakten geschaffen worden, die das Welterbekomitee mehr oder weniger akzeptieren musste.

Die Entscheidung machte jedoch deutlich, dass die internationale Gemeinschaft von Tansania erwartete, keine Entwicklungen mehr «ohne Zustimmung des WHC im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone» durchzuführen. Tansania stimmte zu und unterzeichnete – die Uranlagerstätte lag jetzt nicht mehr innerhalb des Reservats. Der Plan Tansanias zum Bau des Damms wurde jedoch unverändert fortgesetzt.

«Illegitime Intervention in tansanische Angelegenheiten»

1982 beschloss das Welterbekomitee, das zwischenstaatliche Entscheidungsgremium der Welterbekonvention, das Selous Game Reserve in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Damit wurde der «Herausragende Universelle Wert» dieses riesigen Reservats geehrt. Es ist das älteste Schutzgebiet Afrikas und mit seinen über 50’000 Quadratkilometern grösser als die Schweiz. Ähnlich wichtige Schutzgebiete in Tansania sind die Serengeti, Ngorongoro und der Kilimandscharo.

Der Ehrentitel wurde nach dem Vorschlag und Antrag der Regierungen und nach intensiven Prüfungen durch die IUCN verliehen. Es mutete daher grotesk an, als in den letzten Jahren führende tansanische Politiker die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wegen «illegitimer Intervention in tansanische Angelegenheiten» kritisierten – dies, nachdem das Welterbekomitee die tansanische Regierung verpflichtet hatte, die Regeln der Konvention im Selous zu respektieren. Die UNESCO leitet das Sekretariat der Konvention. Sie soll überwachen, wie die Mitgliedstaaten ihre eigenen Verpflichtungen einhalten.

Bergbau ist in Welterbe-Landschaften nicht erlaubt. Die grossen internationalen Bergbauunternehmen haben mit der Konvention eine Vereinbarung getroffen, dort keine Rohstoffe zu suchen oder zu fördern. Aber: viele kleinere oder dubiose Unternehmen haben diese Vereinbarung nie unterzeichnet. So beteiligte sich die tansanische Regierung In den 90er-Jahren an der Suche nach Uran im Selous Game Reserve. Schliesslich erlaubte sie sogar einem kanadischen Unternehmen, eine Uranmine in der südwestlichen Ecke des Reservats aufzubauen.

Die Welterbekonvention war nicht amüsiert. Nach einem ausführlichen und kritischen Dialog und trotz der Proteste wichtiger Akteure, insbesondere aus dem Naturschutz, wurde dann aber doch während der COP 2012 in Sankt Petersburg eine Grenzveränderung vereinbart.

Massenweise Bergbaukonzessionen statt Schutz des Weltnaturerbes

Die Übereinkunft war ein Abkommen, das einem heillosen Durcheinander entwuchs. Obwohl es sich um eine «signifikante» Grenzveränderung handelte, wurde sie zur Erleichterung der Verfahren als «kleine» Grenzveränderung» verniedlicht. So sah sich das über 300 Quadratkilometer weite Minengebiet «Mkuju River» offiziell aus dem Weltkulturerbe entfernt. Nicht aber aus dem Reservat, da dies eine Änderung des tansanischen Rechts erfordert hätte.

Der Deal war im Grunde unvermeidlich, da bereits Millionen von Dollar in die Mine investiert worden waren und der Zeitpunkt der Umkehr Jahre zuvor überschritten worden war. Die Regierung hatte einfach Fakten geschaffen – und die Konvention überlistet. Um dies in Zukunft zu vermeiden, wurde auf der 36. Tagung des Welterbekomitee in Sankt-Petersburg (2012) vereinbart, dass Tansania im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone keine Entwicklungsaktivitäten durchführen wird ohne Zustimmung des Komitees.

Aber wiederum hat die tansanische Regierung die vereinbarten Verpflichtungen aus dem Abkommen nicht eingehalten. Unter anderem gewährte sie weitere 34 Bergbaukonzessionen im Reservat. Überdies begann sie mit der Entwicklung des nächsten Grossprojekts – des Staudamms an der Stiegler-Schlucht am Rufiji – und dies mitten in der Tourismuszone des Reservats.

Anstatt die Mine des Flusses Mkuju als einzige Ausnahme zu betrachten, wurde sie als Präzedenzfall verwendet. Dies mit dem Argument, auch der Staudammbereich des Stieglers könne aus dem Reservat herausgeschnitten werden. Für die UNESCO hingegen ist kristallklar: «Der Bau von Dämmen mit grossen Reservoirs innerhalb der Grenzen der Welterbegebiete ist mit ihrem Welterbestatus unvereinbar». (Beschluss 40 COM 7, Istanbul/UNESCO 2016).

Stiegler-Damm: 1'200 Quadratkilometer unter Wasser

Die zentrale Begründung für den Damm ist Strom. Nur ein Drittel der tansanischen Bevölkerung hat Zugang zu Strom, in ländlichen Gebieten weniger als ein Fünftel. Mehr Strom ist unerlässlich. Die einzige Frage ist: Was ist der beste Weg, um ihn herzustellen und zum Verbraucher zu transportieren?

Wie erwähnt, war Odebrecht aus Brasilien das erste Unternehmen, das mit dem Bau des Damms beauftragt wurde. Es ist Lateinamerikas grösster Baukonzern und verfügt über eine gute Erfolgsbilanz bei der Planung und Realisierung von funktionalen Projekten.

Sie stand aber auch im Mittelpunkt eines gewaltigen internationalen Korruptionsskandals und hat Regierungen auf der ganzen Welt im Austausch für profitable Verträge bestochen. Die Verhandlungen zwischen Brasilien und Tansania sind auf auf höchster Ebene geführt worden. 2012 wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das 2016 erneuert wurde.

Geplant ist der Bau eines 130 Meter hohen und 800 Meter langen betonierten Felsdamms quer durch die acht Kilometer lange und 100 Meter tiefe Stiegler-Schlucht. Darüber hinaus sollen vier Satteldämme mit einer Gesamtlänge von 14 Kilometer stromaufwärts gebaut werden. Der Stausee würde 22 Millionen Kubikmeter speichern und eine Fläche von über 1'200 Quadratkilometer unter Wasser setzen, was nur etwas kleiner ist als die Insel Sansibar. Der Vorschlag sieht eine installierte Leistung von 2'100 Megawatt vor. Ausserdem sind 400 Kilometer Übertragungsleitungen und 220 Kilometer Strassen geplant.

 Bauvertrag mit Ägypten für 3 Milliarden Dollar

2013 schätzte Odebrecht die Investitionskosten für den Damm auf 3,6 Milliarden US-Dollar – ohne die notwendigen Stromleitungen für den Anschluss an das nationale Netz. Inzwischen scheint es, dass Odebrecht nicht mehr beteiligt ist. Die tansanische Regierung hatte angedeutet, Äthiopien könne die Lücke schliessen. Ägyptische Zeitungen berichteten jedoch am 22. Oktober 2018, dass «Arab Contractors», grösstes Bauunternehmen Ägyptens, den Damm bauen wird.

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen |  © Foto by Rolf D. Baldus

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen | © Foto by Rolf D. Baldus

Die beiden Präsidenten würden gemeinsam den Grundstein «im Herzen eines der grössten noch verbliebenen Wildgebiete Afrikas» legen, wie es die ägyptische «Daily News» naiv ausdrückte. Am 12. Dezember wurde ein Bauvertrag von über 3 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Drei Jahre soll die Bauzeit in Anspruch nehmen.

Seit Beginn der Planung befindet sich das Projekt in technischen, wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen. Seine Umsetzung liegt Jahre hinter dem Plan zurück. Insbesondere ist bisher völlig unklar, wer die notwendigen Finanzmittel bereitstellen wird. Diese dürften sich realistischerweise auf geschätzte 5 bis 7 Milliarden US-Dollar insgesamt belaufen.

Die 3 Milliarden US-Dollar für die ägyptischen Baufirmen will Tansania aus dem Haushalt bereit stellen. Präsident Magufuli hat bekräftigt, dass das Land den Damm aus eigener Kraft bezahlen werde. Bisher hat das Ministerium für Energie und Mineralien im Jahr 2018 rund 300 Millionen US-Dollar bereitgestellt – immerhin 40 Prozent des Gesamtbudgets des Energieministeriums.

Zum Vergleich: Das gesamte nationale Budget des Landes beträgt rund zwölf Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die grossen Geber von Hilfsgeldern und die Weltbank haben bereits ihr «Nein» signalisiert. Die Afrikanische Entwicklungsbank erklärte im Oktober 2018, sie könne keinen Kredit gewähren. Die meisten Aktionäre der Bank werden jedoch darauf bestehen, dass das Regionalinstitut seine eigenen Umweltvorschriften befolgt.

Wird China im Selous Tansania aus seiner Konzeptlosigkeit helfen?

Die grosse Unbekannte aber bleibt China. Der Damm im Selous könnte in Chinas derzeitige massive afrikanische Infrastruktur-Initiative passen.

Im Gegensatz zu dem, was bei Grossinvestitionen dieser Art üblich ist, wurde das Projekt weder rigorosen wirtschaftlichen und technischen Machbarkeitsstudien unterzogen, noch wurden alternative Optionen geprüft. Externe Beobachter haben inzwischen massive Bedenken geäussert, dass Tansania im wirtschaftlich wichtigen Strombereich alles auf eine Karte setzt. Erdgas wurde in beachtlichen Mengen gefunden, wird aber nicht ausreichend berücksichtigt. Einige Experten argumentieren, dass eine Reihe kleinerer Dämme das Risiko im Vergleich zu einem einzigen grossen Damm verteilen könnten.

Das Wind- und Solarpotenzial wurde noch nicht einmal untersucht, obwohl dies der Ansatz ist, den viele Industrieländer derzeit verfolgen. Ohne ausreichende Daten ist unklar, ob die Flussströmung langfristig ausreichend und kontinuierlich genug ist. Wie sie durch den Klimawandel beeinflusst wird, ist eine weitere offene Frage. Studien gehen davon aus, dass die Niederschläge immer variabler werden und die Flüsse klimabedingten Störungen ausgesetzt sind.

Staatspräsident macht Risiko-Damm zur persönlichen Sache

Eine Kombination von alternativen Energie-Erzeugungsanlagen anstelle eines einzigen Mega-Produktionsstandortes würde die Risiken reduzieren und könnte insgesamt eine Kapazität von sogar mehr als 2'100 MW sichern, so Experten. Ein dezentrales Produktions- und Netzsystem würde auch die Stromversorgung abgelegener Gemeinden erleichtern.

Alle diese technischen und strategischen Fragen, welche die langfristige Tragfähigkeit des Projekts bestimmen, bleiben unbeantwortet. Antworten erfordern Studien und Beratungen. Es scheint, dass tansanische Experten zwar ihre Stimmen erhoben, aber bald zum Schweigen gebracht wurden. Präsident John Magufuli, Ende 2015 gewählt, hat den Damm zu seinem persönlichen Projekt gemacht. Zuvor war Magufuli Minister für Bau, Verkehr und Kommunikation.

Entwicklung heisst für ihn vor allem Infrastruktur und Grossinvestitionen. Während sein Spitzname «der Bulldozer» darauf hindeutet, dass er Strassen und Erdarbeiten liebt, beschreibt er nun auch, wie Magufuli die unter ihm stehenden Institutionen leitet und das Land führt.

Andere afrikanische Präsidenten bauten riesige Kirchen, Moscheen, Stadien oder Konferenzräume, um Denkmäler ihrer Präsidentschaft für die Nachwelt zu schaffen. Es scheint, dass Magufuli den Stieglers Staudamm zum wichtigsten Denkmal seiner Präsidentschaft erkoren hat. Alle Diskussionen und kritischen Anfragen zum Thema Damm wurden gestoppt.

Damm-Kritiker mit Gefängnis bedroht

Nachdem die Opposition darum gebeten hatte, wenigstens eine ordnungsgemässe Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zu erhalten, kündigte einer seiner Minister im Parlament an, Kritiker des Projekts kämen ins Gefängnis. Das renommierte Magazin «East Africa» bezeichnete dies in einem Kommentar eine «Fatwa» und «einfach idiotisch».

Die Bedrohung der Kritiker ist symptomatisch für die gegenwärtige politische Situation, welche die Europäische Union für ernst genug hielt, um sie im September 2018 vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen aufzugreifen.

Da hiess es: «Die EU ist besorgt über die Menschenrechtssituation in Tansania, einschliesslich der verstärkter Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit, der Verhaftung von und der Anklage gegen Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Blogger und Parlamentsabgeordneten. Eine freie und lebendige Zivilgesellschaft sowie starke und unabhängige Medien sind entscheidende Bestandteile für eine nachhaltige und effektive Entwicklung einer Gesellschaft sowie ein Eckpfeiler im Kampf gegen die Korruption.»

Angstvolles Schweigen zum Dammbau und seinen Folgen

Auf jeden Fall verstanden Kritiker, Naturschützer und Beamte die Botschaft der Regierung. Das Projekt wird nicht mehr offen diskutiert. Wie in jedem totalitären System wagt es niemand mehr, sich zu äussern – vor allem Beamte nicht.

Für den Staudamm Stiegler's Gorge besteht so die Gefahr, dass Fehlentwicklungen nicht korrigiert werden können, weil Dialog und kritische Analyse von oben verboten worden sind.  So können Fehler entstehen und Projekte als Fehlschlag enden. Der geplante Staudamm Stiegler's Gorge könnte zu einem «weissen Elefanten» werden – hinterlassen von Präsident Magufuli für die Nachwelt.

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee |  © Foto Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee | © Foto Rolf D. Baldus

Für viele Beobachter und Beobachterinnen sind die wichtigsten Aspekte die ökologischen Folgen. Das Projekt liegt im Herzen des ältesten und grössten Schutzgebiets Afrikas und wird sicherlich erhebliche negative Folgen haben. Für den Präsidenten scheinen die Dinge einfach und klar zu sein. In einem Treffen mit Gesandten im State House am 30. Juli 2018 erklärte Magufuli laut Medienberichten: «Man kann davon ausgehen, dass der  Naturschutz nach der Umsetzung des Projekts wirksamer als vorher ist.»

Er fügte hinzu, dass «... die Tierwelt im Vergleich zu früher genug Trinkwasser bekommt». Mit diesen Worten war für die meisten tansanischen Offiziellen die Umweltdebatte ein- für allemal abgeschlossen, so dass jegliche Umweltverträglichkeitsprüfung obsolet wurde. Für andere zeigten sie die völlige Verdrängung des Umweltthemas.

Lausige Umweltverträglichkeitsprüfung

Im Mai 2018 hat das University Consultancy Bureau der University of Dar es Salaam (Professor Rafaeli Mwalyosi et al.) eine Umweltverträglichkeitsprüfung eingereicht. Das Dokument beschränkt sich auf einige wenige Umweltfolgen, lässt aber die grossen aus. Experten zufolge enthält diese UVP viele Irrtümer, Sachfehler und Lücken. Darüber hinaus werde das Papier der Komplexität des geplanten Projekts nicht gerecht.

Der Bericht identifiziere einige negative Umweltfolgen des Damms, von denen die Autoren behaupten, dass sie gemildert werden können. In ihren Augen stellt der Damm keine Bedrohung für den aussergewöhnlichen universellen Wert des Reservats dar. Sie erwähnen positive Auswirkungen des Damms auf das Ökosystem wie eine Zunahme der Biodiversität. Externe Experten kritisieren diese Feststellungen als unbegründet und höchst fragwürdig. Auch die vorgeschlagenen Massnahmen zur Verringerung oder Abmilderung evtl. Schäden werden als schlecht begründet und unzureichend abgelehnt.

Nach Ansicht der Experten und einschlägigen internationalen Organisationen sind die Inhalte von erschreckend schlechter Qualität, sie erfüllen weder die grundlegendsten Anforderungen noch die internationalen Normen. Insbesondere stehen sie nicht im Einklang mit den Bewertungsgrundsätzen für Welterbestätten. Und die Umweltverträglichkeitsprüfung gibt auch keine Antworten auf die vielen Fragen, die das Welterbe-Komitee dem Vertragsstaat übermittelt hat.

Relevante Kommentatoren weisen darauf hin, dass die UVP des Universitätsberatungsbüros nicht einmal die grundlegendsten etablierten Erfordernisse und internationale Standards erfüllt. Sie identifiziert nicht die Risiken, Auswirkungen und den Nutzen des Projekts. Viele wichtige Aspekte fehlen, wie z.B. die Hydrologie, angemessene Grunddaten über Flora und Fauna, umfassende Sozial- und Ökosystembewertungen sowie die biologischen und ökologischen Prozesse, die den aussergewöhnlichen universellen Wert des Gutes ausmachen. Kurzum: Diese UVP verdient nicht den Namen, den sie trägt, ihre akademischen Autoren haben jegliche wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verloren.

Mangels einer seriösen UVP ist das einzige verfügbare Dokument über die möglichen Auswirkungen des Damms der 2017 veröffentlichte WWF-Bericht «The True Cost of Power». Der WWF betont, dass es «weitreichendere Auswirkungen gibt, als die Überschwemmung von 1'200 Quadratkilometer Land und der Bau des Damms, die berücksichtigt werden müssen. Es wird zu einer zunehmenden Erosion, einer möglichen Austrocknung der für den Wildtier-Tourismus wichtigen Seen, einer verminderten Fruchtbarkeit der Ackerflächen unterhalb des Rufiji-Deltas und einem möglichen Zusammenbruch der dort vorkommenden Fisch-, Garnelen- und Garnelenfischerei kommen. Dies könnte sich negativ auf die Lebensgrundlagen von über 200'000 Menschen auswirken.»

Gewaltige Schäden nach Bau des Selous-Dammes

Das Dokument enthält auch ein Kapitel über die zu erwartenden Auswirkungen des Damms. Die wichtigsten sind die Überschwemmungen der terrestrischen Lebensräume und die vielen Veränderungen aller Art stromabwärts. Erwähnt sind unter anderem:

  • Verringerung der biologischen Vielfalt und Vorkommens von Lebewesen im Wasser;

  • Veränderung der Fischgemeinschaften im Rufiji;

  • Sedimentabscheidung;

  • Eutrophierung und invasive Pflanzen;

  • Speicher- und Treibhausgasemissionen;

  • Wasserqualität;

  • Verdunstung;

  • Winderosion an der Ufern;

  • Erleichterter Zugang für Wilderer;

  • Temporäre Auswirkungen während der Bauphase;

  • Eingriffe in die Landschaft durch Strassen, Freileitungen, Lager, Industriegebiete, Steinbrüche, Abraumhalden, Mülldeponien etc;

  • Verringerung der Attraktivität für Touristen;

  • Kurzfristige Fluktuation der Wasserabflüsse;

  • Verringerung der saisonalen Schwankungen des Wasserflusses;;

  • Reduzierung der Sedimentfracht und Veränderungen in der Geomorphologie;

  • Verringerung der Ökosystemleistungen für die Bewohner Flussabwärts.

Uranmine und Damm im Selous dank illegaler Faktenschaffung

Nach einer Mission im Jahr 2017 bezeichnete die Weltnaturschutzunion (IUCN) das Projekt wegen seiner Auswirkungen auf die Ökologie des Selous und die Lebensgrundlagen von Menschen ausserhalb seiner Grenzen als «in einer verhängnisvollen Weise fehlerhaft« («fatally flawed»),. Das Welterbekomitee hat dies in seinem Beschluss von 2017 über das Gebiet zusammengefasst: «In Anbetracht der hohen Wahrscheinlichkeit einer schweren und irreversiblen Schädigung des aussergewöhnlichen Universellen Wertes durch das Wasserkraftprojekt Stiegler's Gorge fordert die WHC den Vertragsstaat nachdrücklich auf, das Projekt endgültig aufzugeben.»

Doch die tansanische Regierung tut genau das Gegenteil und schafft weitere Fakten. Es ist die gleiche Strategie, wie sie im Fall der Uranmine Mkuju erfolgreich praktiziert wurde. Die Vorbereitung der Konstruktion ist in vollem Gange. Es wurden breite Strassen von Kisaki, Mtemere und Kisarawe zum Gelände gebaut. Die Lastwagen befahren sie Tag und Nacht. Das Trinkwassersystem bei Stiegler's wird saniert. Wohnungen für eine grosse Belegschaft werden gebaut oder saniert. Ein chinesisches Bauunternehmen ist vor Ort präsent. Insgesamt gibt es bereits Hunderte von Arbeitern auf der Baustelle.

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji |  © Foto by René Stäheli

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji | © Foto by René Stäheli

Die tansanische Regierung beschloss überdies, 1'450 Quadratkilometer Wald roden zu lassen. Davon sind rund 2,6 Millionen Bäume betroffen. Laut Presseberichten erwarten die Behörden einen Umsatz von 62 Millionen US-Dollar. Es wäre nicht nur weltweit die grösste Waldzerstörung der letzten Zeit, dies würde auch einen erheblichen Verstoss gegen die tansanische Gesetzgebung darstellen.

Beobachter und Beobachterinnen fragen sich: Betrachtet sich die tansanische Regierung als über dem Gesetz stehend? Eine erste Ausschreibung für den Holzeinschlag ist gescheitert, aber eine chinesische Holzfirma wurde vor einigen Monaten auf einer Erkundungsmission in der Gegend gesehen. Der Einschlag hat noch nicht begonnen.

«Gefahr einer gigantischen Fehlinvestition»

Fassen wir zusammen: Tansania muss mehr Strom produzieren. Die Frage ist und muss sein, wie dies optimal und mit möglichst geringen Umweltschäden erreicht werden kann. Um dies zu beantworten, müssen alle Optionen untersucht und verglichen werden. Stattdessen verfolgt die tansanische Regierung eine andere Logik: Tansania benötigt Strom – und deshalb muss im Selous Game Reserve ein Mega-Wasserkraftwerk gebaut werden. Die Verkürzung des Entscheidungsprozesses birgt die Gefahr eines gigantischen Investitionsversagens und kann aufgrund seiner Grösse und Bedeutung die nationale Sicherheit gefährden.

Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob die Single Dam Option machbar ist und ob die damit verbundenen Risiken mit diesem Damm beherrschbar sind. Jemand muss dem Präsidenten mitteilen, dass er Gefahr läuft, seinen Platz in der tansanischen Geschichte als der Mann zu finden, der für die grösste Fehlinvestition des Landes verantwortlich ist. Und jemand sollte Tansania dabei unterstützen, die notwendigen Machbarkeits-, Technik- und Umweltstudien durchzuführen, um diese Gefahr zu vermeiden.

Der Damm befindet sich in einem der wichtigsten Schutzgebiete Afrikas, dessen aussergewöhnlicher Universeller Wert mit dem prestigeträchtigen und nur hochselektiv vergebenen Status des Weltkulturerbes ausgezeichnet wurde. Die negativen ökologischen Auswirkungen des Damms werden enorm sein. Unter anderem wird er wahrscheinlich die unterhalb gelegenen Feuchtgebiete zerstören, die aus Flussarmen, Seen, Sümpfen und Dickichten bestehen.

Sie bilden das «Herz» des Reservats und das wichtigste Touristengebiet direkt stromabwärts. Eine zuverlässige und seriöse Bewertung der Auswirkungen wurde noch nicht durchgeführt, ist aber dringend erforderlich. Wenn die tansanische Regierung das Projekt fortsetzt, wird die Konferenz der Vertragsparteien des Welterbes kaum eine andere Wahl haben, als dem Selous den Welterbes-Status zu entziehen – etwas das in der Geschichte der Konvention nur dreimal geschehen ist. Für Tansania bedeutete dies einen grossen internationalen Reputationsverlust. Die tansanischen Nationalpark- und Wildschutzgebiete waren bisher auf internationaler Ebene eine der herausragenden Attraktivitäten und Merkmale des Landes.

Will Regierung Ausbeutung des Selous – statt Bewahrung und Schutz?

Sobald der Selous den Welterbe-Status verliert, muss die deutsche Bundesregierung entscheiden, ob sie ihr laufendes Projekt zur Unterstützung der Bewirtschaftung des Selous (18 Millionen Euro in den Jahren 2018-2020) tatsächlich beenden wird, wie sie es bereits beschlossen und angekündigt hat.

Derzeit erscheint es unwahrscheinlich, dass die tansanische Regierung ihre Position ändern wird. Wenn sich in einigen Jahren herausstellt, dass der Damm aus welchen Gründen auch immer nicht fertig gestellt werden kann, wird der Schaden nie rückgängig gemacht werden können. Es gibt aber noch eine weitere Hypothese: Die Regierung strebt eine Verkleinerung des Selous an, um die reichen natürlichen Ressourcen ein für alle Mal und ohne Rücksicht auf die Nachhaltigkeit ausbeuten zu können.

Mitglieder der tansanischen Delegationen zu den Welterbekonventionen haben darauf hingewiesen, dass der derzeitige Präsident durchaus darauf hinarbeiten könnte, das Reservat erheblich zu verkleinern.

Dies würde die Abholzung der Miombo-Harthölzer im Wert von mehreren hundert Millionen US-Dollar erleichtern. Praktisch das gesamte wertvolle Holz ausserhalb des Reservats wurde in den letzten 25 Jahren abgeholzt. Es wurde illegal nach China exportiert. Uran wurde bereits gefunden und die Prospektion wird fortgesetzt, sobald die Weltmarktpreise wieder angestiegen sind.

Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung des Selous

Im Mai 2018 enthüllte der Geologische Dienst von Tansania, dass Metalle wie Kupfer, Silber, Kobalt, Zink und Gold entdeckt worden seien. «Wir gehen davon aus, dass mit dem technologischen Wandel der Zeitpunkt kommen wird, ab dem wir diese Mineralien leicht abbauen können», meinte der zuständige Geologe.

Mehrere wichtige Pufferzonen des Reservats wie die Kilombero Valley Ramsar Site oder die Gonabis Wildlife Management Area (JUKUMU) wurden bereits von Rinderherden übernommen. Viehhirten dringen zunehmend in Randgebiete des Reservats ein und die Besitzer der Rinder dürften bereits gierig auf die grünen Weiden des Schutzgebietes blicken. Viele von ihnen sind einflussreiche Leute, während die Hirten nur die Arbeit verrichten. Selbst die Wilderei und der Export von Elfenbein der letzten Jahre im Wert von 100 Millionen US-Dollar oder mehr dürfte nur der Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Reservats gewesen sein.

Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden

Als wir 2009 unser Buch über den Selous «Wild Heart of Africa» veröffentlichten, notierte ich einige Gedanken zur Zukunft des Reservats. Das Reservat hatte sich nach dem Beinahe-Kollaps in den 1980er-Jahren erholt und stand jahrelang unter hervorragender Leitung tansanischer Manager. Finanziell war das Schutzgebiet autark, vor allem aufgrund des nachhaltigen Jagdtourismus. Allerdings zeigten sich damals bereits wieder die ersten Bedrohungen. Das Schutzgebiet durfte nicht mehr die Hälfte seiner Einnahmen für Schutzzwecke einbehalten– und prompt breitete sich die Wilderei wieder aus.

Ich habe damals im Buch verschiedene Szenarien für die Zukunft des Selous skizziert. Eines davon war, dass das Reservat ohne jede Rücksicht auf die Umwelt ausgebeutet werden könnte. Dieses düstere Szenario hätte ein erneutes Abschlachten der Elefanten,, Bergbau und Grossprojekte im Selous bedeutet.

Ich sah eine solche Entwicklung als eine reale Bedrohung, aber dann schrieb ich: "Lasst uns positiv sein und hoffen, dass der Selous weiterhin eine starke Führung haben wird, die verhindert, dass ein solches Szenario Realität wird». Es scheint, dass ich mich geirrt habe. Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden. 


* Dr. Rolf D. Baldus (*1949), früher Referatsleiter im deutschen Entwicklungshilfeministerium und Bundeskanzleramt in Bonn, hat 13 Jahre im Wildschutz in Tansania gearbeitet, davon 6 Jahre im Selous Game Reserve. Heute schreibt er über Fragen des Schutzes und der nachhaltigen Nutzung von Wildtieren und beobachtet weiterhin die Entwicklungen im Selous. Seine Website bietet eine umfassende Sammlung von Arbeiten und Dokumenten zum Selous: http://www.wildlife-baldus.com/selous_game.html

LESETIPP

Wildes Herz von Afrika, hrsg. von Rolf D. Baldus, Kosmos Verlag 2011

Wild Heart of Africa. The Selous Game Reserve in Tanzania. Edited by Rolf Baldus

Rowland Ward 2009 ISBN: 978-0-9802626-7-4

Die Bücher sind auch vom Autor erhältlich: rolfbaldus@t-online.de


Titelbild: Elefanten durchqueren den Rufji-Fluss im Norden des Selous | © Foto by Ruedi Suter

Übersetzung aus dem Englischen: Ruedi Suter | Geprüft und genehmigt von Autor Rolf D. Baldus

> Weiterführende Themen

PETITION gegen Abholzung und Dammbau im Selous (Januar 2019)

Rodungen drohen im Weltnaturerbe Selous
«Darum wildere ich Tiere»
Im Weltnaturerbe Virunga & Salonga droht die Ölflut

VIDEO: Rolf D. Baldus – Der Selous im März 2017









Touristen Achtung: Gefängnis für Besitz einer Vogelfeder

Ruedi R. Suter

Derzeit setzt Tansania seine Gesetze rigoros um. Auch den Wildlife Act. Wer demnach eine Muschel, eine Vogelfeder, einen Zahn oder sonst ein Tierteil ohne Bewilligung besitzt, dem drohen schwerste Gefängnisstrafen.

Dar-es-Salaam, 13. Dezember 2018 – «Sie sind verhaftet!» Den Satz können heute selbst Touristen oder Touristinnen zu hören bekommen, wenn tansanische Beamte bei ihnen bislang als harmlos eingestufte Souvenirs wie beispielsweise eine Muschel oder Vogelfeder finden. Was folgt, sind Gerichtsurteil, hohe Geldbussen und langjährige Gefängnisstrafen.

Denn jeder Teil eines toten Tieres, der gefunden wird, ist gemäss dem jetzt strikte umgesetzten Wildlife Act eine Regierungstrophäe. Das bedeutet: Allein deren Besitz ist strafbar. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tierteil gefunden oder ohne Nachweispapier erworben, ob ein Tier gewildert oder gefangen wurde. Wer erwischt wird, dem drohen mindestens 20 bis maximal 30 Jahre Gefängnis. In bestimmten Fällen kommt noch eine happige Geldbusse hinzu.

Radikales Vorgehen

Dabei wird weder zwischen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft unterschieden. Zahlreiche Afrikaner, aber auch Touristen sind bereits verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden. Die Regierung des seit 2015 waltenden John Pombe Joseph Magufuli geht radikal gegen die Korruption und gegen jede Art von echten oder vermeintlichen Betrügereien vor – mit erfreulichem Erfolg, aber auch mit folgenschweren Exzessen.

Staatseigentum Flusspferdzahn, Hippo-Unterkiefer |  © Foto by Raul654

Staatseigentum Flusspferdzahn, Hippo-Unterkiefer | © Foto by Raul654

Das grosse Aufräumen hinterlässt oft tiefe Spuren, weil gewachsene Strukturen ersatzlos eingerissen werden und eine Unzahl von Menschen plötzlich ohne Erwerbsmöglichkeiten dastehen. Im Bereich des Wildschutzes hat sich laut Beobachtern die Situation bei der Bekämpfung der Wilderei und des illegalen Wildtierhandels gemäss Kennern aber spürbar gebessert.

Willkürliche Strafen ohne Realitätsbezug

Dabei berufen sich die Behörden vermehrt auf die Landesverfassung. Ihr nach gehört die Natur einzig dem Staat. Wer ohne Genehmigung beispielsweise Schädel, Knochen, Zähne, Klauen, Vogelfedern, Felle, Muscheln, Hölzer oder auch nur Steine mit sich führt, der macht sich automatisch strafbar. Er oder sie können von Polizei und Zoll verhaftet werden.

Rätselhaft bleibt jedoch oft, nach welchen Kriterien die Richter ihre Urteile fällen. So erhielt beispielsweise der international agierende Moniface Matthew Maliango – im Volksmund «Shetani» (Der Teufel) genannt – einen vergleichsweisen kurzen Freiheitsentzug. Der Töter tausender Elefanten, Elfenbeinschmuggler und Chef eines weit verzweigten Verbrechersyndicats erhielt nur gerade 12 Jahre Knast.

Sammeltrieb kann zu Jahrzehnten Gefängnis führen

Ein Klacks gegen die 20 Jahre Haft und die unbezahlbare Geldstrafe, mit der Emmanuel Richard fertig werden muss. Der junge Fahrer wurde mit fünf Flusspferd-Zähnen festgenommen, für die er keine Genehmigung hatte. Zwei Dekaden Knast für Zähne, deren Kilopreis 3.90 Franken beträgt, ist der Gipfel der Absurdität.

In tansanischen Gefängnissen sind auch Insassen versenkt, die schon Jahrzehnte einsitzen. So warnen wir an dieser Stelle alle Touristen und Touristinnen in Tansania, unbedingt ihren Sammeltrieb unter Kontrolle zu halten und sich genau zu überlegen, was im Reisegepäck verstaut werden soll. Denn heil aus den heillos überfüllten Gefängnissen zu kommen, ist alles andere als garantiert – allein schon der Krankheitskeime oder der arg belasteten Psyche wegen nicht. fss

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Rodungen drohen im Weltnaturerbe Selous

Ruedi R. Suter

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Zuerst wurden in Afrikas grösstem Wildschutzreservat und tansanischen Weltnaturerbe Selous bis vor drei Jahren Zehntausende Elefanten gewildert. Seit längerem schon drohen bei der Stiegler's Schlucht in Norden des Parks ein riesiger Staudamm und im Süden eine Uranmine, beide mit unabsehbaren Folgen für das über 52'000 Quadratkilometer grosse Schutzgebiet. 

Berlin, Dodoma, 16. Mai 2018 – Nicht genug: Jetzt will die Regierung auf rund 1'500 Quadratkilometern ein Rodungsprogramm umsetzen, dem über 2,6 Millionen Bäume zum Opfer fallen würden. Dies meldet heute der WWF, verbunden mit der Warnung, dass durch die Abholzung «das ökologisch besonders wertvolle Zentrum des Reservats entlang des Rufiji-Flusses damit quasi vollständig entwaldet» würde. 

Aus offiziellen Dokumenten gehe hervor, so die Panda-Organisation,  dass die Forstbehörde des ostafrikanischen Landes für die Abholzung einen Bieterwettbewerb ins Leben gerufen habe. Dessen Eingabeschluss für Gebote ist heute. Was wären die Folgen der Rodungen? Johannes Kirchgatter vom WWF-Deutschland: «Die Entwaldung wäre der Anfang vom Ende dieses einzigartigen Naturparadieses. Der Selous ist eines der letzten grossen unberührten Wildnisgebiete der Erde und wichtiger Rückzugsort für viele bedrohte Arten wie Elefanten, Löwen, Wildhunde oder Giraffen.»

Die Rodungen gelten als Vorbereitung für den Bau des geplanten Staudamms zur Stromproduktion bei der Stiegler' Gorge.  Gemäss der Regierung soll im Juli mit den Arbeiten gestartet werden. Rund 1'200 Quadratkilometer des Selous würden nach Vollendung des Damms dauerhaft überflutet. Das ohne Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeboxte Vorhaben verstösst laut WWF sowohl gegen nationales Recht als auch gegen internationale Abkommen. «Tansanische Gesetze und die Unesco-Welterbekonvention verbieten solch umfassende Eingriffe in Reservate und Weltnaturerbestätten. 

«Die tansanische Regierung treibt die Zerstörung des Selous ohne Rücksicht auf Verluste
voran und setzt sich dabei über geltendes Recht und internationale Vereinbarungen hinweg.
Sollten die Pläne umgesetzt werden, würde die Region auch ihr fantastisches touristisches
Potential verlieren», hält die Umweltschutzorganisation in ungewöhnlicher Schärfe fest.

Der Selous stehe «der weltberühmten Serengeti» in nichts nach. Eine echte
Chance auf nachhaltige Entwicklung drohe damit verlorenzugehen. Zurück bliebe ein zerstörtes
Welterbe mit einem Kraftwerk, das das Land nicht brauche, warnt Johannes Kirchgatter.

Selbst Schutzbemühungen der deutschen Bundesregierung würden durch die Pläne
angegriffen. Deutschland zahlt in den kommenden Jahren 18 Millionen Euro für den Erhalt
des Reservats, seiner Randgebiete und des Welterbetitels. Durch die großflächige Entwaldung
und Überflutung werde der Selous eines Großteils seiner ökologischen Bedeutung beraubt.
Gleichzeitig sorge die Erschliessung des Gebiets durch den Bau von Strassen, Siedlungen und
Infrastruktur in bisher unberührter Wildnis für einen leichteren Zugang auch für Wilderer,
Viehzüchter und illegale Siedler. 

Der WWF fordert die deutsche Bundesregierung daher auf, sich gegen den Staudammbau einzusetzen – «zumal er für die Deckung des Energiebedarfs in Tansania überhaupt nicht notwendig sei», wie aus dem Energieplan der tansanischen Regierung hervorgehe.

«Der Staudamm ist ein ökonomisch und ökologisch unsinniges Megaprojekt auf Kosten einer
nachhaltigen Entwicklung. Und wie es scheint, sehen das auch potentielle Geldgeber so. Bislang
konnte die tansanische Regierung keine Finanzierung für den milliardenschweren Bau
vorweisen», schliesst die Umweltorganisation. Am Ende könne sich herausstellen, dass das Land sein einzigartiges Weltnaturerbe mit der Abholzung «völlig umsonst» verspielt hat.

Die deutsche Umweltorganisation «Rettet den Regenwald» hat für die Erhaltung der Baumwelt im Welterbe Selous eine Petition an die Tansanische Regierung formuliert.  Titel: «Lasst die Holzfäller nicht ins Welterbe Selous».   fss

Zur Selous-Rettungspetition

 

Nachtrag

UNESCO an Tansania: Stop it!

Manama, Bahrein,  1. Juli 2018 Tansania wurde Ende Juni an der UNESCO-Sitzung des Komitees für das Welterbe in Bahrein  aufgefordert, seine Pläne im Selous fallen zu lassen. Damit folgte das Komitee den Empfehlungen der Internationalen Naturschutzunion IUCN.

Das Selous-Wildschutzgebiet müsse als «eines der artenreichsten Gebiete der Erde» für die zukünftigen Generationen geschützt und erhalten werden, begründete IUCN-Sprecher Peter Shadie den Entscheid. Die Entwaldung eines derart grossen Gebietes im Herzen des Selous wäre für das Ökosystem und die Tierwelt unverantwortlich und verheerend, begründete Shadie. 

An der 42. Sitzung des Welterbekomitees verhinderte die tansanische Regierung in letzter Minute eine allfällige Aufhebung des Status Weltnaturerbe mit der Zusage, zunächst eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen. So blieb der Selous in der bisherigen Kategorie. Sein Gefährdungsstatus bleibt also vorderhand bestehen. Denn neben den grossflächigen Abholzungen droht jetzt auch noch der Bau eines riesigen Dammes bei der Stiegler's Schlucht.

© Foto by Helen Kimali Markwalder: Löwe im Selous.

 

«Elefanten-Mutter» Daphne Sheldrick hat die Herde verlassen

Ruedi R. Suter

Nairobi, 14. April 2018 – Die in Kenia geborene und aufgewachsene «Elefantenmutter» Daphne Majorie Sheldrick starb am 12. April 2018 im Alter von 83 Jahren an Krebs. Dies berichtet die BBC. Berühmt geworden war die geadelte Elefantenretterin mit ihrer 1977 gegründeten und nach ihrem verstorbenen Ehemann benannten Wohltätigkeitsorganisation «David Sheldrick Wildlife Trust (DSWT)». 

Mit dieser spezialisierte sich Daphne Sheldrick in der gleichnamigen Aufzuchtstation in der Nähe von Nairobi auf die Rettung und spätere Auswilderung verwaister Elefantenkälber, deren Eltern Dürren nicht überlebten oder von Wilderern umgebracht worden waren. 

Angepasste Flaschennahrung für Elefanten

Für das Grossziehen der Elefantenbabies entwickelte Sheldrick im Laufe fast dreier Jahrzehnte eine den Tieren angepasste Flaschenernährung mit eigener Milchformel. Diese muss aus pflanzlichen Fetten hergestellt werden, da Elefantenkinder Kuhmilch nicht vertragen und daran sterben. Um die 230 kleine Elefanten konnten so im Laufe der Zeit vor dem Tod gerettet werden.

Daphne hatte bereits als Kind und Tochter eines britischen Landwirts in Nakuru junge verwaiste Wildtiere aufgezogen und wieder frei gelassen. Zu Beginn half sie dem britischen und ebenfalls in Kenia aufgewachsenen Mann David Sheldrick (1919 - 1977), dem Hauptbegründer des Tsavo-Nationalparks. Als David im Juni 1977 an einem Herzinfarkt starb, führte sie einen Teil der gemeinsame Arbeit fort und wurde als «Mutter der Elefanten» weltberühmt.

«Born to be wild»

Sie veröffentlichte mehrere Bücher, belebte Reportagen und Dokumentarfilme, worunter auch «Born to be wild». Im Jahre 2000 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der schottischen Universität Glasgow. Und sechs Jahre später wurde sie von der britischen Königin Elisabeth II zur «Dame Commander of the Order of the British Empire» geschlagen. 

Mit Daphne Sheldrick hat die Welt zweifellos eine der engagiertesten Wildtierschützerinnen verloren. Nicht verwunderlich, dass ihre grösste Sorge die Elefantenwilderei war. Erst 2016 warnte sie noch, die Waldelefanten Zentralafrikas könnten bis 2025 ausgerottet worden sein. fss

Foto; «Dame» Sheldrick in jüngeren Jahren    © Screenshot aus www.sheldrickwildlifetrust.org

Insekten-Drama

Jan E. Bolte

Es sind in Afrika und weltweit Myriaden von Insekten und anderen Tieren, die Pollen von einer Pflanze zur nächsten tragen und so die Blüten bestäuben. Doch jetzt sind auch diese lebenswichtigen Helfer bedroht.

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Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika - in Frankreich

Ruedi R. Suter

Tausende von Zugvögeln werden in der französischen Ardèche von gewalttätigen Wilderern vom Himmel geschossen. Dies unter den Augen französischer Staatsbeamten. Nun haben französische Vogelfreunde die Hilfe des Schweizer Umweltschützers Franz Weber angefordert.

Am 17. März 2001 lud der streitbare Basler zusammen mit Gattin Judith und Tochter Vera Weber die internationale Presse mit Journalisten aus Afrika zu einer Informationsfahrt auf jenen Berg ein, wo die radikalen Jäger den Vogelschwärmen auflauern. Der Konvoi erreichte die Todeszone – unter Polizeischutz.

Von Ruedi Suter

Col de l'Escrinet. Strömender Regen. Die Scheibenwischer der Busse und Polizeiwagen im Konvoi schlagen im Schnellgang das Wasser weg. Zuvorderst hält sich ein Verkehrspolizist tapfer auf seinem BMW-Motorrad. Ihm wird nachgefahren, die Bergtrasse hoch zum Col de l'Escrinet. Der 787 Meter hohe Pass zwischen den Städten Aubenas und Privas im französischen Departement Ardèche ist eine Kampf- und Todeszone. 

Geschossen wird aus allen Rohren

Der Sattel ist seit Jahren fest in der Hand von radikalen Vogeljägern. Im März, wenn die Zugvogelschwärme von Afrika her via Spanien nordwärts fliegen, segeln die abgemagerten Tiere energiesparend knapp über den Sattel hinweg, um in einem leichten Sinkflug weiterzuziehen.

Das ist der Glücksmoment für die hinter Laubwerkständen lauernden Vogeljäger: Sie feuern aus allen Rohren, die Schrotgarben schlagen in die ahnungslosen Vögel und reissen grosse Lücken in ihre Schwärme. Zu Dutzenden fallen die getroffenen Tiere tot oder verletzt zu Boden.

Es sind viele geschützte darunter und insgesamt an die 130 Vogelarten, meistens Ringel- und Turteltauben, dann aber auch Mauersegler, Rauchschwalben, Feldlerchen, Stare, Zeisige, Girlitze, Bachstelzen und sogar Störche sowie Greifvögel, die so vom Himmel geputzt werden. Und dies selbst nach dem 31. Januar, wenn in Frankreich und dem EU-Europa die Jagdzeit längst beendet ist.

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz |  © Foto by Luis García

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz | © Foto by Luis García

Wilderer geniessen den Schutz des Staates

Doch das kümmert die Vogeltöter nicht: Den Wilderern fällt niemand in den Arm, weder die Präfekten und Polizei, noch die zuständigen Ministerien in Paris. Und dies, obwohl nationale und internationale Gesetze sowie französische Gerichtsbeschlüsse vorhanden wären, um das mörderische Treiben auf all jenen Ardèche-Pässen, die von den Zugvögeln überflogen werden müssen, sofort zu stoppen. 

Doch der französische Staat kuscht. So ist der Col de l'Escrinet - einer der wichtigsten europäischen Beobachtungspunkte für Ornithologen, Vogel- und Naturschützer - im letzten Jahrzehnt mehr und mehr zur rechtsfreien Zone verkommen.

Hier herrscht heute die Willkür der Vogelkiller, und wer sich ihnen entgegensetzt, wird laut glaubhaften Zeugen mit Drohungen und Gewaltanwendung vom Berg gejagt und bei Bedarf auch gesellschaftlich fertiggemacht. Besonders den Tier- und Umweltschützern wird schnell mit Gewalt begegnet.

Franzosen hoffen auf die letzte Hilfe: Franz Weber

Deshalb fährt jetzt der Konvoi unter Polizeischutz die Passstrasse hoch. In den beiden Bussen sitzen Umweltschützer und an die 35 Medienvertreter aus Europa und Afrika. Immer wieder müssen die angeschlagenen Scheiben klargewischt werden, um einen Blick auf die Landschaft werfen zu können. Doch dicke Nebelschwaden verhindern die Sicht.

Mit im vorderen Bus sitzen auch die Initianten des riskanten Ausflugs: Der Schweizer Tier- und Umweltschützer Franz Weber mit Frau Judith und Tochter Vera. 

Die französische Vogelschutzförderation FRAPNA (Fédération Rhône-Alpes de la Nature) hatte in ihrer Verzweiflung bei der Fondation Franz Weber um ausländische Hilfe gebeten. Diese wollte der kampferbrobte Basler trotz seiner bald 74 Jahre der FRAPNA und anderen französischen Vogelschutzorganisationen nicht verwehren.

Da zu diesem Zeitpunkt auf dem Col de l'Escrinet ein von der Jägern bedrängter Bauer sein Haus und sein Land verkaufen wollte, versuchte die Fondation im Juni 1999 auf Antrag der FRAPNA das Gelände von der in Frankreich bei landwirtschaftlichem Boden immer zwischengeschalteten staatlichen Genossenschaft SAFER zu kaufen (etwa 165'000 CHF). Ziel: Sicherung der Vogelzüge und Einrichtung eines internationalen ornithologischen Forschungszentrums.  

Auch afrikanische Medienvertreter eingeflogen

Doch die SAFER verkaufte das strategisch wichtige Gelände - an die Vogeljäger. Webers darauf folgende Protestschreiben und Hilfsrufe an die französische Umweltschutzministerin Dominique Voynet, Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin blieben bislang ohne Erfolg. Nun lässt er juristisch einen Rekurs wegen Verfahrensfehler abklären.

Gleichzeitig lud er die internationale Presse ein, sich am 17. März 2001 selbst ein Bild «vom feigen und illegalen Zugvogelmassaker» zu machen. Journalisten afrikanischer Fernsehstationen aus Togo und Burkina Faso bezahlte er die Reise: Afrika, dem die Industrienationen besserwisserisch der Schutz seiner Wildtiere nahelegten, dürfe ruhig auch erfahren, wie ungehindert in Europa die Vögel abgemurkst und das gemeinsame Erbe der Zugvögel zerstört würden.

Normalerweise dauert die Fahrt vom Städtchen Aubenas auf den Col de l'Escrinet 20 Minuten. Doch diese Fahrt geht über Umwege und dauert viermal so lang. Am Vorabend wurde dem Carunternehmen derart gedroht, dass es für die Journalistenschar nur noch seine ältesten Busse zur Verfügung stellte. Um Polizeischutz hatte Weber die französische Regierung persönlich angefragt. Bei dem auch für diesen Samstag vorgesehenen Schützenfest auf die Zugvögel würden sich die Wilderer wohl nicht einfach stören lassen.  

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

«Die Zugvögel gehören allen - Europäern und Afrikanern»

Doch jetzt scheint für die Tierschützer alles plötzlich zum medialen Desaster zu werden. In diesem Regen und bei diesem Nebel geht nicht einmal der fanatische Vogeljäger in Stellung, um auf gut Glück in die Wolken zu ballern.

Was, wenn die Wilderer, die Tags zuvor laut Ohrenzeugen bei klarem Himmel zwischen 7 und 9 Uhr morgens 212 Schüsse abgaben, so gescheit sind, sich gar nicht blicken zu lassen? Um so Franz Webers Medienoffensive ins bild- und eindruckslose Nichts stossen zu lassen? Was dann?

Da bliebe dann einfach die Erinnerung an die Pressekonferenz vom Vortag im - natürlich auf einen Vogelnamen getauften - Hotel "Ibis" in Aubenas. An die Brandrede eines plötzlich wieder um Jahre jünger aussehenden Wortgewaltigen, dem der Schalk aus den Augen blitzte, der aber gleichzeitig auch mit seinen beiden neben dem Gesicht nach hinten und vorne schwingenden Fäusten klarmachte, dass nun die Stunde gegen die "debilen Vogelmörder" geschlagen habe - nur schon darum, weil die schützenswerten Vögel «allen Afrikanern und Europäern» gehörten. 

Überzeugter Franz Weber: "Wir gewinnen die Schlacht!"

O-Ton Franz Weber: «Das ist ein Drama! Das ist ein Skandal: Seit 18 Jahren kämpfen hier die französischen Tier- und Umweltschutzorganisationen vergebens um den Schutz der Zugvögel. Das hier ist der Anfang einer Kampagne, die der französischen Regierung die Kraft geben wird, ihre eigenen Gesetze anzuwenden und die europäischen Richtlinien zu respektieren. Wir werden diese Schlacht gewinnen, weil wir alle Mittel ausschöpfen, um den Wilderern das Handwerk zu legen. Wir werden sie kriegen!»

Erinnern würde man sich auch an die Schilderungen der Vertreter der französischen Vogelschutzorganisationen wie Allain Bougrain Dubourg und Pierre Athanaze: Vom alarmierenden Schwund der Tauben von einst 15 Millionen (1980) auf heute 2 Millionen; von der Allmacht der rund 60 «Extremisten» unter den 13'200 Ardèche-Jäger, welche kein Gesetz respektierten, Tierschützer mit Todesdrohungen und schikanösen Anschlägen auf Autos und Heime zum Verlassen der Ardèche zwängen und von der Unmöglichkeit, mit diesen «Radikalen» einen Dialog zu führen oder die Behörden zum Einschreiten zu bewegen. 

"Lieber Ordnung als Recht"

Gegenüber dem FSS und dem Basler Internetportal OnlineReports interpretierte der französische Anwalt Eric Posak die Komplizenschaft des Staats mit den Wilderern als taktisches Kalkül: «Besonders die Präfekte wollen keine gefährlichen Konflikte. Sie wollen lieber die öffentliche Ordnung gewährleisten als das Recht durchsetzen, was zu gewalttätigen Reaktionen der Jäger führen könnte.»

Dies alles wüsste man, wenn sich die illegalen Jäger nicht zeigen würden. Immerhin. Den Medien aber fehlte die Meinung der so massiv Kritisierten, und Filme und Fotos gebe es auch keine.  

Je näher sich der Konvoi seinem Ziel nähert, desto mehr Gendarmen sind zu sehen. Im Führungsbus dudelt ein Handy. Allain Bograin Dubourg bekommt von einem Späher der «Ecolos» (Umweltschützer) mitgeteilt, die aus drei Departementen zusammengezogenen Gegner seien tatsächlich aufmarschiert. Erleichterung bei den Medienvertretern und Organisatoren - die Reise war also nicht umsonst. Die Wagen halten vor einer Kurve - Endstation.

Es giesst immer noch aus allen Kübeln. Doch nun gehts nur noch zu Fuss weiter, vorbei an Mannschaftswagen der nationalen Bereitschaftspolizei CRS, die mit ihren Einheiten strategische Punkte am Col de l'Escrinet besetzten. Webers Bitte um Begleitschutz wurde erhört. Frankreich will nicht riskieren, dass Bilder von zusammengeschlagenen oder womöglich gar angeschossenen Medienvertretern um die Welt gehen. 

Vogeltöter zu Artenschützern: «Haut ab, ihr Schwuchteln!»

Nach der letzten Kurve wird die Sicht frei auf den weitgehend vernebelten Pass. Unser Weg führt sanft hinab zu einem Hügel, der zwischen uns und der Passhöhe liegt. Dort stehen rund 150 Männer und ein paar Frauen unter farbigen Regenschirmen. Sie stehen an der Grenze des umstrittenen Grundstücks, zurückgehalten von CRS-Polizisten in Kampfmontur.

Deren Schilder bilden eine talwärts gerichtete Barriere. Hinter der CRS haben sich die Gendarmen mit ihren Wagen postiert. Sie wollen nur Medienleute zu den Jägern vorlassen. Um diese nicht zu provozieren, müssen die französischen Vogelschützer und die Familie Weber weit oben am Hang zurückbleiben. Als sich die ersten Journalisten den Weidmännern nähern, gibt's Krach. Petarden krepieren Jagdhörner ertönen, Rufe erschallen: «Haut ab, ihr Schwuchteln!» 

Joseph Adri D. Gnassengbe, TV-Chefredaktor von Togo, ist zuerst bei der CRS-Phalanx und bittet die illegalen Jäger, von denen etliche der extremen Rechten angehören sollen, über die Polizeischilder hinweg um ihre Meinung. «Ich möchte sie verstehen», sagt Gnassenbe, der an der Pressekonferenz bereits fragte, weshalb man in Europa die geschossenen und kaum je verwerteten Vögel nicht alle auch esse? In Afrika würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. 

Wilderer und Jäger in Personalunion: «Wir lassen uns nicht erpressen!»

Einer der Wortführer schreit dem Afrikaner zu, die Medienleute sollten augenblicklich verschwinden, da sie manipuliert seien und nur immer die Jagd mies machten. «Wir lassen uns nicht erpressen, wir lassen uns nicht eine uralte Tradition verbieten!»

Die Umweltschützer erklärten zuvor, Vogelmassaker habe es früher nicht gegeben. Ein Vogelfreund, der die Szene im Regen beobachtete, erklärte gegenüber OnlineReports, die Wilderei habe auch eine soziale Komponente.

Die Jäger würden auch mit ihren Familien und Freunden die Pässe besetzen, picknicken, Vögel abschiessen und diese auch schon Mal zu einer Pastete verarbeiten. Diese Art von Jagd bedeute für eine kleine Minderheit ein Vergnügen, das mit einem Ferienaufenthalt der Reichen in Saint Tropez verglichen werden könne. 

Mit Eiern und Äpfel gegen die Medienvertreter

Das Gespräch zwischen Journalisten und Jägern erschöpft sich schnell. Plötzlich fliegen Eier und Äpfel gegen einen Fotografen und ein Fernsehteam, getroffen wird ein Gendarm. Nach mehr als einer Stunde ist der Spuk auf dem Col de l'Escrinet vorbei. Triefend nass zieht sich die Medienschar unter dem Siegesgeheul der Wilderer aus der Kampfzone am Col de l'Escrinet zurück.

Nicht ein Vogel geschweige denn ein Schwarm hat sich in der Ardècher Nebelsuppe zeigen lassen. Zum Glück für die Medien sind die «Jäger» aufmarschiert, um sich und der Welt lautstark klarzumachen, dass sie weiterhin nach Lust und Laune Vögel abschiessen werden. Und das werden keine Tontauben sein - bis der Staat durchgreift.

Titelbild: Franz Weber an der Pressekonferenz beim Col de l’Escrinet | © Foto by Ruedi Suter

Erstpublikation: www.onlinereports.ch

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