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Filtering by Category: Bedrohte Lebensgrundlagen

«OP Thunderstorm» lässt Wildtier-Kriminelle zittern

Ruedi R. Suter

Überraschend grosse Erfolge wurden in letzter Zeit bei der Bekämpfung des illegalen Handels mit Wildtieren vermeldet. Dies vor allem Dank der «Operation Thunderstorm», welche Interpol in Zusammenarbeit mit der Weltzollorganisation in über 100 Ländern durchführte. Abertausende Wildtiere wurden befreit, 600 Täter gefasst und neue Erkenntnisse gesammelt, die zu weiteren Polizeiaktionen führten.

Diesen Good News steht eine ständig wachsende Wildtierkriminalität mit Milliarden schweren Umsätzen gegenüber. Sie bedroht das Überleben von Fauna und Flora auf unserem Planeten. Die beste Gegenwehr ist ein koordiniertes und entschlossenes Vorgehen der Staaten gegen die plündernde Wildtier-Mafia. Die jüngsten Verhaftungen und Beschlagnahmungen sind dafür ein Hoffnung stiftendes Beispiel.

Von Ruedi Suter – FSS

Es sind Erfolgsmeldungen im Krieg gegen die Vernichtung der Wildtiere, aber ein echtes Glücksgefühl mag nie aufzukommen. Denn jedes Auffliegen eines Schmuggeltransports, jede Beschlagnahmung, jede Verhaftung von Tätern, die dieses Multimilliarden-Dollargeschäft mit Totschlag, Gefangennahme, Schmuggel, Einfallsreichtum und viel krimineller Energie zum Brummen bringt, lassen automatisch auch erahnen, was von den Fahndern alles übersehen und nicht entdeckt wird: Der Grossteil des schmutzigen Handels mit jeder Art von Wildtieren.

Beschlagnahmt: Elfenbein in Kenia |  © Foto by Interpol / WZO

Beschlagnahmt: Elfenbein in Kenia | © Foto by Interpol / WZO

Weil die Verbrechersyndikate mit allen Wassern gewachsen sind, weil sie ständig ihre Transportmethoden ändern, ständig die Mittel wechseln, und neue Verstecke für ihre falsch deklarierten «Güter» verwenden – zum Beispiels in Containern, Kisten, ausgehöhlten Bäumen, in Säcken, Plastikbehältern und Schachteln, in den Hohlräumen der Schiffe, Flug- und Fahrzeuge, auf den Köpern und in den Kleidern der Kuriere - der Fantasie für die absonderlichsten Verstecke sind keine Grenzen gesetzt.

Und die Wildhüter*innen, die Zollbeamt*innen, die Polizei wie auch die verdeckt recherchierenden Artenschützer*innen und Journalist*innen brauchen stets auch viel Glück, um wenigstens hin und wieder einem illegalen Transport lebender oder toter Wildtiere oder deren Körperteile auf die Spur zu kommen.

Beschlagnahmt: Getrocknete Seepferdchen aus Indonesien |  © Foto by Interpol / WZO

Beschlagnahmt: Getrocknete Seepferdchen aus Indonesien | © Foto by Interpol / WZO

Auffallend sind jetzt aber die Erfolge der letzten Wochen im Kampf gegen die Wildtierkriminalität. Allein was seit Beginn dieses Sommers für verbotene «Ware» an geschützten Tieren und Pflanzen entdeckt wurde, ist atemberaubend. Kein Zufall, wurde doch diesen Juni nach intensiven und geheimen Vorbereitungen die «Operation Thunderball» («Feuerball») durchgeführt.

Bisher umfangreichste Operation gegen die organisierte Wildtierkriminalität

Gemeinsam umgesetzt von Interpol und der Weltzollorganisation (WZO), umspannte die mehrwöchige Aktion insgesamt 109 Staaten auf allen Kontinenten. So entwickelte sich «Operation Feuerball» zur bisher umfangreichsten Offensive gegen die Umweltkriminalität überhaupt. Weltweit erlebten laut Interpol gegen 600 mutmassliche Umweltkriminelle ihre Festnahme, weitere sollen noch erfolgen.

Beschlagnahmt beziehungsweise befreit wurden 23 Menschenaffen, 30 Grosskatzen oder deren Körperteile in Form von Mänteln und «Heilmitteln», 440 Elefantenstosszähne plus 545 Kilogramm Elfenbein; fünf Rhino-Nasenhörner; über 4'300 Vögel; 1'500 Reptilien; rund 10'000 Land-und Meeresschildkröten, gegen 10'000 Teile von Meereslebewesen wie Korallen, Seepferdchen, Delphinen oder Haien; weitere 7'700 Teile von Wildtieren jeder Art plus 30 Kilo Buschfleisch sowie geschützte Holzarten im Umfang von rund 74 vollen Lastwagen und 2'600 geschützten Pflanzen.

Statistik des Grauens: Beschlagnahmungen|  © Grafik by Interpol / WZO

Statistik des Grauens: Beschlagnahmungen| © Grafik by Interpol / WZO

«Wildtierkriminalität entzieht nicht nur unserer Umwelt ihre Ressourcen, sie schadet auch durch die mit ihr verbundenen Gewalt, Geldwäsche und Betrug», folgerte Jürgen Stock, der Generalsekretär von Interpol.

«Umweltkriminelle werden büssen müssten»

Operationen wie «Thunderball» seien konkrete Aktionen, welche sich gegen die transnationalen Kriminalsysteme richten und die von diesen illegalen Aktivitäten profitierten. Für den deutschen Juristen und Kriminologen Stock ist klar: «Wir werden unsere Bemühungen fortsetzen. Und wir werden sicherstellen, dass Kriminelle für die Raubzüge an unserer Umwelt büssen müssen.» Jedenfalls sei die Wildtierkriminalität eng mit der organisierten Kriminalität verzahnt –und immer noch am Wachsen, sagte der Interpol-Chef.

Beschlagnahmt: Container mit 4’100 Vierzehenschildkröten in Russland |  © Foto by Interpol / WZO

Beschlagnahmt: Container mit 4’100 Vierzehenschildkröten in Russland | © Foto by Interpol / WZO

300 Kongo-Elefanten «in» einem Container

Mit der «Operation Thunderball» dürften Fahnder an Informationen gelangt sein, die auch nach Beendigung des Rundumschlags verwendet werden können. Denn seither sind im Juli zwei weitere Schmuggelversuche riesigen Ausmasses aufgeflogen, welche flugs auch ihren Niederschlag in der Weltpresse fanden.

Grund: Der 21. Juli, ein Sonntag, verhalf den Behörden im Hafen von Singapur zum bislang grössten im Stadtstaat je gemachten Elfenbeinfund. Ein harmlos wirkender Container, deklariert als Transportbehälter für Tropenholz, entpuppte sich als ein «Grab» von rund 300 Elefanten. 8,8 Tonnen Elfenbein im Wert von gegen 13 Millionen Dollar stellten die verblüfften Zollbeamten sicher.

Beschlagnahmt: Elfenbein-Stosszähne in Singapur |  © Foto Zoll Singapur

Beschlagnahmt: Elfenbein-Stosszähne in Singapur | © Foto Zoll Singapur

Doch sie stiessen beim Durchsuchen des Containers aus Kongo-Kinshasa noch auf einen weiteren Fund mit tragischem Ursprung: die in Säcken verstauten Schuppen von rund 2'000 der hoch gefährdeten Schuppentiere. Das Gewicht der Schuppen: 11, 9 Tonnen. Ihr Wert: 35,7 Millionen Dollar, wie die Behörden ausgerechnet haben.

375 Tonnen Pangolin-Schuppen

In Singapur zeigte sich die Tragödie der vor der Ausrottung stehenden Pangoline von einer besonders dramatischen Seite. Denn seit April wurden gemäss Behördenangaben schon andere Sendungen mit Pangolin-Schuppen abgefangen. Resultat: Bis Ende diesen Juli beschlagnahmte der Zoll insgesamt 37.5 Tonnen Schuppen im Wert von beinahe 113 Millionen Dollar.

Beschlagnahmt: Pangolin-Schuppen in Singapur |  © Foto Zoll Singapur

Beschlagnahmt: Pangolin-Schuppen in Singapur | © Foto Zoll Singapur

Es ist schlicht unvorstellbar, wie viele dieser faszinierenden Tiere allein nur schon für die in Singapur aufgeflogenen Ladungen ihr Leben lassen mussten – von jenen gar nicht zu sprechen, welche sonst wo problemlos die Landesgrenzen nach Asien passieren, wo sie ihres Fleisches und ihrer – eingebildeten – Heilkräfte wegen reissenden Absatz finden.

Beschlagnahmt: Nahansicht Pangolin-Schuppen in Singapur |  © Foto Zoll Singapur

Beschlagnahmt: Nahansicht Pangolin-Schuppen in Singapur | © Foto Zoll Singapur

Hanoi: Keine Chance mit dem Gipstrick

Auf den Coup in Singapur flog in Vietnams Hauptstadt Hanoi ein Schmuggel mit Nasenhörnern auf, der als Beispiel die vielfältigen Tricks der Gangstersyndikate offenlegte. Gleichzeitig liess der Fund der Behörden einmal mehr die bange Frage nach der Überlebenschancen der letzten Nashörner dieser Welt hochkommen.

Diesmal landete die auf 7, 5 Millionen Dollar geschätzte Schmuggelware in einem Jet der nationalen Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (Ethihad Airways) auf der Landepiste des Flughafens Noi Bai. Weshalb die Zollbeamten ausgerechnet die 14 Kartonschachteln mit den Gipsplatten untersuchten, wurde von den Behörden nicht mitgeteilt.

Beschlagnahmt: In Gips versteckte Nasenhörner am Airport von Hanoi |  ©   Foto by Zoll, customsnews.vn

Beschlagnahmt: In Gips versteckte Nasenhörner am Airport von Hanoi | © Foto by Zoll, customsnews.vn

Jedenfalls wurden die Gipsgebilde von den Beamten in mühsamer Arbeit aufgemeisselt. Zum Vorschein kamen weiss verstaubt 55 Teile oder ganze Rhino-Nasenhörner mit einem Gesamtgewicht von 125 Kilogramm, gedacht für Verarbeitung und Verkauf als Pseudomedizin oder Statussymbole. Der Fund, so folgerten die Behörden, habe eine der grössten Beschlagnahmungen ermöglicht, die je in Südostasien erfolgt sei.

Bis zu 60’000 Dollar pro Kilo Rhino-Horn

In Asien kann ein Kilo des Nasenhorns von Rhinos bis zu 60'000 Dollar einbringen. Nachdem China strenger gegen Schmuggler, Händler und Schnitzer von Elfenbein und Nasenhorn vorging, verlagerten sich die illegalen Aktivitäten nach Vietnam. Das Land hat sich zu einem Knotenpunkt entwickelt, geht unterdessen aber ebenfalls rabiater gegen das offensichtlich riesige Netzwerk von Schwarzhändlern mit Wildtieren vor.

Beschlagnahmt: Papagai in Chile / Zebrafische aus Brasilien |  © Foto by Interpol / WZO

Beschlagnahmt: Papagai in Chile / Zebrafische aus Brasilien | © Foto by Interpol / WZO

Davon zeugen die vermehrten Beschlagnahmungen von Elfenbein, Pangolin-Teilen, Bushmeat, Nasenhörnern oder Tigerhäuten. Tage vor der Landung der Ethihad Airways-Maschine mit den eingegipsten Rhino-Hörnern hatte die Polizei in Hanoi einen Autofahrer gestoppt, bei dem sieben gefrorene Leichen von Jung-Tigern gefunden wurden.

Asiens Hunger nach Wildtierteilen nimmt stetig zu

Woher diese stammten, ob aus freier Wildbahn oder einer der Zuchten, wurde nicht mitgeteilt. Klar ist nur, dass in Asien auch die Nachfrage nach Tigerteilen (Fleisch, Fell, Klauen, Zähne etc) steigt, um als «Medizin», Schmuck oder Statussymbol herhalten zu müssen.

Nicht beschlagnahmt: So wie es sein soll, ein Elefant in der Wildnis, in Freiheit |  © Foto by Hans Trueb

Nicht beschlagnahmt: So wie es sein soll, ein Elefant in der Wildnis, in Freiheit | © Foto by Hans Trueb

Wildtiere gewinnen, je mächtiger oder seltsamer sie wirken und je seltener sie werden, immer mehr an «Ansehen», was sie noch mehr zu Opfern einer steigenden Nachfrage macht. Mit ein Grund, weshalb viele bedrohte Arten aus Afrika vor allem nach Ostasien geschmuggelt werden. Die UNO bezeichnete kürzlich Südostasien mit Ländern wie Vietnam, Kambodscha und vor allem Laos als eine «wichtige globale Drehscheibe für den Handel mit hochwertigen und stark bedrohten Arten in andere asiatische Märkte».

Die neulich aufgeflogenen illegalen Wildtiertransporte werden gewiss nicht die letzten entdeckten Verbrechen dieser Art sein. Auch darum nicht, weil die internationalen Bemühungen um mehr Wildtierschutz selbst in den Zielländern die Behörden zu härterem Durchgreifen motiviert zu haben scheinen.

Titelbild: Weisser Tiger als Handelsobjekt, befreit durch die Operation «Thunderball» | © by Interpol

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INTERPOL - Umweltverbrechen

FSS begeht 35. Geburtstag mit Wahlen und Warnungen

Ruedi R. Suter

Seine 35. Jahresversammlung hielt der Verein Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) am 27. April in Zürich ab. Neu in den Vorstand wurden Karin und Erich Tschannen gewählt.

Kassier Robert Bickel, der sich als Pensionär neuen Aufgaben widmen will, übergab sein Amt an Barbara Trentini. In einer Gedenkminute wurde an den verstorbenen FSS-Mitgründer und langjährigen Afrika-Delegierten David Rechsteiner gedacht.

Zürich, 27. April 2019 – FSS-Präsident Adrian Schläpfer hielt mit einer Bildpräsentation Rückschau auf 2018. Tenor: Erfolge und Probleme halten sich die Waage, bedingt durch ein stets schwieriger werdendes Umfeld vorab in Tansania. Der FSS aber sei gut gerüstet, nicht zuletzt dank seiner engagierten Mitglieder und der Donatorinnen und Donatoren.

«Afrikas Wildtiere am Ende?»

So stand es provokativ in der Einladung zum Vortrag von Artenschützer Karl Ammann. Der investigative Filmer und Wirtschaftsfachmann beantwortete die Frage vor gegen 100 ZuhörerInnen mit Bedacht.

An allen Fronten werde dem Wild zugesetzt. Gegen Wilderei und illegaler Wildtierhandel würden die meisten Regierungsstellen und Artenschutzorganisationen vorab aus wirtschaftlichen Interessen zu wenig konsequent vorgehen. Auch die Medien würden den Ernst der Lage zu wenig erfassen und stattdessen hauptsächlich Wohlfühlgeschichten über Tiere und Wildnis publizieren.

Hier anzusetzen sei dringend, ansonsten die ultimativ letzte Chance zur Bewahrung der Wildtiere vertan sei, warnte Ammann in seinem erschütternden Vortrag zur masslosen Ausbeutung und Vermarktung der Fauna in Afrika und Asien.

Titelbild: Filmer Karl Ammann und FSS-Präsident Adrian Schläpfer | © Foto by R.Suter

Franz Weber der Retter ist zorniger denn je

Ruedi R. Suter

Er gewann, wo alles schon verloren schien. Dank dem eigensinnigen und ewig zornigen Franz Weber aus Basel blieben der Schweiz und Europa zahlreiche bezaubernde Landschaften und Kulturstätten erhalten. Am 27. Juli 2007 ist der Grandseigneur des europäischen Umweltschutzes mit globaler Ausstrahlung 80 Jahre geworden.

Wir haben ihn in seinem Büro in Montreux besucht und zu seinem Leben befragt. Klar wurde dabei, dass ihm seine Altersmilde für die nächsten 20 Jahre nur etwas gebietet: "Mit rabiater Wucht weiterarbeiten!"

Von  Ruedi Suter - FSS

Der Mann federt die Treppe hoch, als sei er erst 40. Aber er ist doppelt so alt und will, wie immer, keine Zeit verlieren. Denn noch gebe es furchtbar viel zu tun, und die freizeitlosen Siebentagewochen mit ihren täglich 12 bis 15 Arbeitsstunden reichten nirgends hin – zu gigantisch seien sie, die "Rücksichtslosigkeit, Dummheit und Habgier der Zerstörer" von Land und Leben, wird uns Franz Weber, der flinke Treppensteiger, später erklären. Den "Zerstörern" stemmt er sich seit Jahrzehnten entgegen. Fast rund um die Uhr - und mit verblüffendem Erfolg. 

Doch Gegner belächeln ihn zunächst gerne, schimpfen ihn einen "Spinner", einen "Fantasten" oder gar als einen, "der nicht mehr alle Tassen im Schrank" hat. Warum eigentlich? Wir reisten von der Grenzstadt Basel in die Grenzstadt Montreux zum Sitz der Fondation Franz Weber, quer durch die Schweiz, welche ohne Webers Einsatz schmerzhaft viel an Identität und Charme verloren hätte, um mit dem gebürtigen Basler ein Gespräch zu führen.

Im zweiten Stock der Villa aus dem 18. Jahrhundert (sie liegt nahe am Genfersee und wurde dank Weber mit zwei Dutzend weiteren herrschaftlichen Villen vor dem Abbruch gerettet) bittet uns der Hausherr in ein Zimmer mit Blumentapeten. Hier sei es ruhiger als unten im Büro, hier schrille nicht dauernd das Telefon, sagt Franz Weber im reinsten Baseldytsch. Wir nehmen Platz. Er wirkt zerbrechlich und schüchtern fast, aber von früheren Begegnungen wissen wir, dass er sich im Nu straffen und zum kraftvoll gestikulierenden Kampfredner wandeln kann, um unerbittlich und mit starker Stimme Klartext zu sprechen. 

Herr Weber: Wie geht es Ihnen?

Blendend!

Sie sind jetzt 80 Jahre alt ...

Vier mal 20! 

Warum sagen sie das?

Weil ich immer noch gleich jung bin wie mit 20 und gar nicht begreife, dass jemand jünger ist als ich. Man hat doch nur das Alter, das man sich einredet! Wenn ich denke: Oha, jetzt ich bin 80, dann fühle ich mich plötzlich alt, dann kann ich auch nicht mehr die Treppe hoch rasen. Aber ich rase immer noch die Treppe hoch!

Das haben wir eben gesehen! Sie sind fit, wie machen Sie das?

Ich renne bei der Arbeit daheim oder hier im Gebäude täglich etwa 30 mal die Treppen hoch und runter. Und ich esse abends nur ein paar Kiwi. Das ist alles, neben dem Morgen- und Mittagessen.

Wir leben in einem permanenten Krieg

Sie bewegen sich gerne, Sie sind aber auch ein Bewegter, der gerne viel bewegt. Was bewegt Sie am meisten in Ihrem Leben?

Wenn Dinge kaputtgemacht werden. Ich empöre mich gegen die masslose Ungerechtigkeit gegenüber der Natur, gegenüber der Tierwelt, gegenüber den Schwachen. Ich habe ein wahnsinniges Mitgefühl für alles, das ist mir offenbar in die Wiege gelegt worden. Ich kann kein Elend sehen, Elend ist eine Schande! Ich finde es einen Irrsinn, wenn man für den Profit von ein paar Gangstern einfach Kulturgüter oder Landschaften ruiniert.

Ich ertrage das einfach nicht, dass man so ungerecht sein kann! Ich kann auch nicht verstehen, dass man Kinder plagt oder verhungern lässt. Das regt mich masslos auf. Oder dass man ein Tier quält, die Umwelt vernichtet, Bäume umhaut. Darum leben wir ja in einem permanenten Krieg – weil der Respekt vor der Schöpfung fehlt.

Wer Zerstörungen verhindert, wird zum Retter. Franz Weber hat sich daraus einen Beruf gemacht. Mit unterdessen gegen 150 Kampagnen, worunter 27 kantonale und eidgenössische Volksinitiativen, mit kompromisslosen Kämpfen und etlichen Siegen, an die zunächst niemand glauben wollte.

So nennen ihn heute nicht nur seine Getreuen "Retter von Surlej und der herrlichen Engadiner Seenlandschaft, Retter von Lavaux, des schönsten Weinbergs Europas, Retter von Ouchy, der grünen Lunge von Lausanne, Retter von Delphi, der Wiege des Abendlandes, Retter von Les Baux de Provence, des südfranzösischen Naturwunders, Retter der Auenwälder von Hainburg, des letzten grossen Feuchtgebiets Europas, Retter des prächtigen Grandhotels Giessbach am Brienzersee, der Robbenbabys in Kanada, der Wildpferde in Australien und der Elefanten in Togo".

Besonders was die von der Totalüberbauung bedrohte Schweiz betrifft, gibt es keine Zweifel: Ohne Retter Weber hätte sie ein paar Landschafts-Juwelen verloren. Sie lägen zu einem Grossteil unter Beton. Worauf führt der "Verhinderer", wie er zuweilen verunglimpft wird, seine Erfolge zurück?

Ich sah mich immer als Weltbürger

Ich sah mich immer – wie soll ich sagen – als ein Weltbürger. Wenn ich irgendwo eine schöne Landschaft bedroht sah, sagte ich zu Einheimischen: Das ist eure Landschaft, aber auch meine. Sie gehört allen. Und das Engadin gehört den Europäern, ned wohr (nicht wahr). Und Lavaux gehört nicht nur dem Waadtland, sondern der ganzen Schweiz, ganz Europa, ja der ganzen Welt! Und wir müssen es schützen. Ich habe immer so empfunden – und nun ist Lavaux von der Unesco zum Welterbe erklärt worden! Als ich Delphi rettete, sagte ich den Griechen: Natürlich gehört Delphi zu Griechenland! Aber es ist auch ein Juwel des Abendlandes. Dann habe ich aber auch bei jeder Kampagne zuerst die Menschen vor Ort angehört, mit ihnen diskutiert und sie zu überzeugen versucht.

Mit dem inneren Feuer, der Gestik und Lautstärke eines südamerikanischen Revoluzzers!

Ja, man muss natürlich ein guter Redner sein. Ich kann die Menschen mit meinen Reden mitreissen. Man muss natürlich die richtigen Argumente und Vokabeln haben. So, dass es nur so kracht: Bom! Bom! Bom! Paiiii! Hinausschreien, ned wohr, dass es richtig uusetätscht! Vor allem braucht es aber eine unerschütterliche Überzeugung, Temperament und eine vollkommene Integrität. Kein Lavieren! Kein Um-den-Brei-reden! Nein, man muss klar und zielgerichtet zu seiner Meinung stehen – und dann voll drauf!

Auch durch die Wand?

Ja, auch durch die Wand! Man muss aber in einem gewissen Sinne auch napoleonische Fähigkeiten haben. Ich bin kein Bewunderer Napoleons, aber ich habe ihn ein bitzeli studiert. Toll, wie der in Austerliz siegte, und in Waterloo hätte er ja auch fast gewonnen. Napoleon hat immer blitzschnell gehandelt, blitzschnell! Und er hat taktisch genau überlegt.

Oft hat er einfach nur die Truppen marschieren lassen, und die Gegner haben kampflos kapituliert. Das gleiche Prinzip wandte ich bei den Intitativen "Keine Wasserflugzeuge auf Schweizerseen" und "Rettet das Simmental" an. Ich liess meine Truppen marschieren (lacht spitzbübisch), ohne die wir heute zum Beispiel eine Autobahn durch das wunderschöne Simmental hätten.

Die heftig umstrittene Zollfreistrasse zwischen Weil am Rhein und Lörrach am Wiese-Fluss in Basel wird nun aber gebaut.

Ich war dort und habe den Gegnern und Martin Vosseler meine Hilfe angeboten. Man wollte sie nicht wirklich, und der Kampf wurde blödsinnig verloren. Ich sage ihnen, wir hätten mit einer richtigen Kampagne grandios gewinnen können. Grandios! Wir hätten eine neue Inititative gemacht, ganz Deutschland mobilisiert und einen Riesenklamauk veranstaltet!

Und damit wäre das Vorhaben erledigt worden?

Natürlich! Enfin, voyons – es ist verrückt, das war reiner Defätismus. Aber ich will niemand attackieren, für Basel ist der Bau dieser Strasse wirklich schade. Übrigens: Auch die Swissair hätten wir retten können. Sie war wie das Matterhorn ein Teil der Schweiz. Wir hätten mit einer steuerfreien Anleihe innert zehn Tagen Milliarden zusammenbekommen! Der marode französische Staat konnte 1952 auch so gerettet werden!

Franz Weber fühlt sich seiner Geburtsstadt immer noch stark verbunden, trotz allen "architektonischen Scheusslichkeiten", die sie unterdessen erlitten habe. Aufgewachsen ist er mit sechs Geschwistern zwischen Wiese und Rhein, im Hirzbrunnenquartier, wo später auch Regenwaldschützer Bruno Manser seine Kindheit verbringen wird. Franz,

Sohn eines Staatsbeamten, verliert seine Mutter als er zehn ist. Die harmonische Familie zerbricht, der sensible und musisch begabte Junge muss ins katholische Kinderheim Vincentianum an der Socinstrasse. Es folgt eine kaufmännische Lehre, und dem eigenwilligen, gut aussehenden Franz eilt bald der Ruf eines Herzensbrechers voraus.

Man muss in gewissem Sinn napoleonische Fähigkeiten haben

Er absolviert die Rekrutenschule und reist nach Paris. Er lernt an der Sorbonne Philosophie, Literatur und Geschichte, verdient sich als Journalist und Essayist seinen Lebensunterhalt. Weber hat rasch Erfolg, reist viel, liebt eine Pariser Schriftstellerin, mit der er die Zeitschrift "La Voix des poètes" (Die Stimme dere Dichter) herausgibt. Er kommt mit berühmten französischen Zeitgenossen aus Kunst, Musik und Literatur zusammen, Z.B. mit Jean Cocteau, François Mauriac, Eugène Ionesco, Charles Trénet, Jacques Brel, Jane Fonda, Charles Aznavour, François Hardy und Brigitte Bardot, mit der er später gegen das Abschlachten der Robbenbabies kämpft. Es sind Jahre, die den Basler innerlich wie äusserlich prägen und zum Fast-Franzosen werden lassen.

S'isch wirklig glatt gsi, ned wohr. Ich war total integriert und freute mich zugleich, ein Schweizer zu sein.

Der Augenblick, welcher aus dem Journalisten im Trenchcoat und Bewunderer von Henri Dunant, Jiddu Krishnamurti und Mahatma Gandhi einen radikalen Umweltaktivisten macht, kommt im Herbst 1965, wo Weber im Engadiner Surlej das Werk von "Bauhalunken" entdeckt, die den "hässlichsten Parkplatz der Welt hingepflastert haben". "Sie hatten sich an Unantastbarem vergangenen. Ich war ausser mir vor Zorn und Schmerz", schrieb der Entsetzte in dem zu seinem Markenzeichen entwickelten Pathos.

Franz Weber muss zuerst seinen Journalistenlohn in den schliesslich erfolgreichen Kampf gegen die "Verschandelung des Engadins" investieren. Aber bereits hier zeigen sich seine Fähigkeiten: Er ist ein Visionär, ein Kämpfer, ein Organisationstalent. Er kann aufrütteln, Ideen vermitteln, kalkulieren und aus seiner ehrlichen Empörung gegen die Vernichtung von ihm wichtigen Werten ein Geschäft aufbauen. So entwickelt sich "FW" zum "Rebellen für die Natur" (Titel einer Biographie), zum Gründer der Fondation, die jährlich um die zwei Millionen Spendengelder einnimmt, und der Helvetia Nostra.

Doch Franz Weber bleibt ein Einzelkämpfer, dem lediglich juristische Spezialist/innen und, je nach Bedarf, weitere Fachleute zur Seite stehen. Aber er will, ausser sich, seiner Familie, seiner Organisation und deren Kontrollorganen niemand Rechenschaft ablegen müssen.

Mit der Stiftung hält er sich den Rücken für seine schnellen Angriffe frei. Niemand vermag ihm dreinzureden, ihn zu bremsen, ihm den Mund zu verbieten. So kann er der Sprache des Herzens, seinen Überzeugungen und scharfen Verbal-Attacken freien Lauf lassen – und Dinge beim Namen nennen, die beispielsweise die politischen Parteien oder grossen Umwelt- und Tierschutzorganisationen aus unterschiedlichen Gründen lieber verschweigen. Seine undiplomatische Offenheit stösst aber in der konsensorientierten Schweiz zuweilen auch auf gefühlsmässige Ablehnung. Hat er ein Mitgefühl für seine Gegner?

Nadirlig, das sind armi Sieche! (Natürlich, das sind arme Typen). Ich hätte viele meiner Gegner fertig machen können, aber das habe ich nicht gemacht.

Weber ist sich gewohnt, angegriffen zu werden. Wer angreift, muss mit Gegenangriffen rechnen. In den achtziger Jahren wird Franz Weber von der "Weltwoche" vorgeworfen, er veruntreue Spendengelder seiner vom Bund kontrollierten Stiftung. Weber reagiert entsetzt, spricht von einer "Verleumdungskampagne" durch das Magazin, der rechtslastigen Organisation "Trumpf Buur" und ehemaligen Mitarbeitern.

Die Sache ufert mit Klagen und Gegenklagen aus, sie zieht Kreise, von der Waadtländer Justiz bis zum Europäischen Gerichtshof, wo die Schweiz verurteilt wird, um sich schliesslich als Sturm im Wasserglas zu entpuppen, der den Beschuldigten entlastete, jedoch allen Beteiligten schadete. Auch Franz Weber persönlich, den selbst heute noch allein schon die Infragestellung seiner Glaubwürdigkeit stark zu schaffen macht. Wie auch die Tatsache, dass er – ähnlich wie Freund Jean Ziegler – im Ausland häufig mehr geachtet wird und Dankbarkeit erfährt als in seiner Heimat.

Es gibt eine Macht des Geistes

Ob er denn je Zweifel am Sinn seines Engagements gehabt habe, wollen wir wissen.

Nein. Voyons, man kann doch viel bewegen! Es gibt eine Macht des Geistes, das gibt’s! Wenn man entschlossen auf ein Ziel zusteuert, reisst man die Leute mit. Das ist ganz eigenartig, aber aus dieser Entschlossenheit entwickelt sich eine Dynamik. Das kann ich Ihnen garantieren! Als ich die Delphi-Kampagne machte, da hat uns der Apollo geholfen! Ich bin überzeugt, dass der gekommen ist (lacht). Sie kamen, um zu helfen, die griechischen Götter!

Helfen Ihnen auch sonst Götter, Gott oder höhere Wesen?

Ich will dies so nicht sagen, das wirkt immer so selbstherrlich. (Denkt nach). Ich habe einfach gemerkt: Wenn man sich für etwas total einsetzt, dann entwickelt sich plötzlich eine Intelligenz im Kopf. Neue Möglichkeiten bieten sich an, wie man etwas anpacken kann. Und plötzlich hauts, gibt’s einen Durchbruch: Das machen wir jetzt! Paff – plötzlich weiss man es. Und natürlich man muss immer etwas schlauer sein als der Gegner und ihn überraschen.

Nochmals: Arbeiten Sie mit höheren Mächten?

Non, aber diese Mächte helfen uns. Ich bin sehr realistisch und praktisch veranlagt. Ich mache eine Sache, und wenn die richtig ist, dann wird einem geholfen. Das ist meine Überzeugung.

Es gibt also doch etwas ausserhalb dem, was wir sehen?

Selbstverständlich! Ich bin überzeugt, dass ich nach meinem Tod in eine andere Welt komme. Das ist toll!

Wo kann man Sie dann treffen?

Ja ... Das kann ich nicht sagen. Einfach in einer schönen Welt. Die gibt’s, die gibt’s!

Woher haben Sie Ihre Energie?

Ja, die kommt ... ich weiss nicht. Was soll ich sagen? Die kommt von einer, von einer poetischen Weltanschauung. Ich bin ja Poet, ned wohr. Und ich kann nicht begreifen, dass man die Poesie der Schöpfung heute zerstören will. Ich schrieb einmal: Wenn irgendwo in der Welt die Schönheit stirbt, stirbt etwas in uns – und die ganze Welt wird ärmer. Das ist für mich ein Prinzip!

Wem Weber immer wieder helfen, sind die Medien. Sie kennt der begnadete Selbstdarsteller aus eigener Erfahrung, weiss genau, was Journalist/innen brauchen. Zu vielen pflegt er persönliche Kontakte, doch stets mit gebührender Distanz. Er weiss, dass die Überzeugung der Vereinnahmung vorzuziehen ist.

Dennoch ist man in vielen Schweizer Redaktionen dem radikalen Öko-Aktivisten gegenüber misstrauisch, berichtet lieber zu wenig als zuviel über ihn. Bei seinen oft wagemutigen Aktionen ist der Streitbare Gastgeber, Reiseleiter, Regisseur, Schauspieler und Aktivist in einem. Weber, über dessen entschlossenem Cäsaren-Gesicht durchausplötzlich ein Spitzbubenschalk huschen kann, liebt das Spektakel – und die Medienvertreter/innen sind ihm dankbar, wenn er so richtig loswettert oder einen uneinsichtigen «Wahnsinnigen» schon mal dramaturgisch einwandfrei am Kragen packt.

Die Medien sind ihm wichtig, aber nicht mehr so, dass er ganz von ihnen abhinge. Auch hier hat sich der Steppenwolf seinen Freiraum geschaffen – mit seinem regelmässig erscheinenden «Journal Franz Weber», in dem neben Kampf- und Aufklärungstexten zu Umwelt- und Tierbelangen, auch Poesie und Philosophie, Aufrufe und grenzwissenschaftliche Themen publiziert werden, die sonst kaum in der Presse zu finden sind. Im Journal wird zudem über sein umstrittenes Engagement für die Wildpferde Australiens und den Einsatz für die Wildtiere unter dem diktatorischen Regime Togos berichtet.

Dort engagiert er sich, trotz jahrzehntelanger und schwerer Menschenrechtsverletzungen durch den Gnassingbé-Clan, für den Schutz des Nationalparks von Fazao-Malfakasso. Da zeigt sich der kompromisslose Tierfreund, den die allgemeine Hilflosigkeit des Mitgeschöpfes Tier zur
Gründung der "Vereinigten Tiernationen" und des "Internationalen Gerichtshof für Tierrechte" treibt. Mit viel Aufwand lässt er beispielsweise Regierungen anklagen und verurteilen, welche die «grausamen Schlachttiertransporten» oder Stierkämpfe tolerieren. -

Herr Weber, Sie wissen, dass dieser Gerichtshof, dem Sie auch als Präsident vorstehen, oft belächelt wird?

Den kann man gar nicht belächeln. Er wird seit 1979 von anerkannten Juristen und Experten geführt! Das ist ein Gerichtshof, der nach höherem Prinzip handelt, nach einer höheren Justiz. Er vertritt die Tiere und prangert schwere Vergehen gegen sie an. Er gibt ihnen innerhalb der menschlichen Institutionen einen Rechtsstatus, der ihnen bisher stets verweigert wurde. Auch den Wildtieren, ohne die es auch keine Menschen mehr geben wird. Das wäre ein Zeichen, dass wir total versagt haben. Wir müssen die Tiere schützen! Deswegen gibt’s die Vereinigten Tiernationen.

Meine Frau Judith unterstützt mich im Stillen

Der Eindruck, dass Franz Weber alles allein auf die Beine gestellt hat, ist eine famose Täuschung, ein bewusster Marketingtrick. Bei der Fondation Franz Weber, die über 230'000 Adressen verfügt, arbeiten - neben den beigezogenen Expert/innen - rund acht Mitarbeitende. Mit dabei zwei ebenfalls nahezu rund um die Uhr engagierte Frauen, welche die "Einmann-Show Franz Weber" mit Rat und Tat unterstützen: Ehefrau Judith (64), die sich liebevoll als den "Schatten meines Mannes" bezeichnet, und Tochter Vera (32). Zurzeit geben gerade Initiativen wie "Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen!", "Gegen masslosen Bau umwelt- und landschaftsbelastender Anlagen" und "Gegen Kampfjetlärm in Tourismusgebieten" viel zu tun.

Meine Frau Judith unterstützt mich im Stillen. Sie hat viele Ideen, sie ist total uneigennützig und arbeitet jeden Tag bis Mitternacht. Sie arbeitet auch am Sonntag, und Ferien machen wir seit über 30 Jahren ja beide keine.

Was passiert, wenn Franz und Judith Weber einmal nicht mehr sind?

Ja, dann macht Vera weiter. Sie will das weiterführen. Ich habe ihr dies aber völlig freigelassen. Ich sagte ihr: Weisst Du, dieses Metier ist gefährlich, wahnsinnig, hart, alles zusammen! Sie weiss das. Wenn sie will, kann sie es! Bon, ich hätte ihr ein schöneres Leben gewünscht - aber der Kampf um die Natur und die Tiere ist jetzt ihr Ziel. Sie hat die Hotelfachschule in Luzern abgeschlossen, jetzt gestaltet sie unsere Zeitung, organisiert Anlässe, vertritt uns an Konferenzen und hat kürzlich in Kanada eine Aktion gegen die Robbenschlächter geleitet.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Tochter Vera mit auf den Weg?

Sie muss sein, wie sie ist, ned wohr. Sie kann mich als Beispiel nehmen, aber sie soll mich nicht einfach kopieren. Sie muss es auf ihre Art machen, was sie übrigens schon tut. Wichtig ist, dass sie vollständig sich selbst ist. Aber sie muss überzeugt sein davon und mit vollem Elan drauf.

Herr Weber, nochmals zu Ihnen: Haben Sie eine Schwachstelle?

Eine Schwachstelle? Ich bin zu wenig angriffig! Ich bin zu gutmütig!

Und was noch?

Im Augenblick kommt mir nichts mehr im Sinn.

Letzte Frage: Unserer Einschätzung nach kommen gerade in der Umwelt arge Zeiten auf uns zu ...

Jaja, natürlich! Ich meine, ich mache jetzt noch zwanzig Jahre weiter, ned wohr! Nicht vergessen (Weber hebt den rechten Zeigefinger): Ich habe jetzt noch mindestens zehn Jahre, in denen ich mit rabiater Wucht arbeiten kann! Dann bin ich erst 90 Jahre alt. Und dann habe ich nochmals zehn Jahre vor mir, während denen ich – vielleicht – eine gewisse Altersmilde walten lassen werde!

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PS Franz Weber ist fast 12 Jahre später am 2. April 2019 in Bern verstorben. An sein Lebenswerk konnte er sich am Ende nicht mehr erinnern.

Titelbild: Franz Weber im Juni 2007 in seinem Büro in Montreux. | © Foto Ruedi Suter
Erstpublikation auf www.onlinereports.ch

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Indigene Völker: Bitte um Schweizer Nothilfe

Ruedi R. Suter

Die Schweiz ist mit der Nutzung von Rohstoffen am drohenden Untergang der letzten Urvölker mit beteiligt. Nun soll sie eine führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung der Eingeborenenvölker einnehmen. Dies wurde im Sommer 1995 an einer internationalen Konferenz in Männedorf mit Indigenen bei Zürich gefordert – als Augen öffnender Auftakt zur im Dezember gestarteten UNO-Dekade der indigenen Völker und zum Start einer neuen Allianz mit den weltweit bedrängten Urvölkern wie beispielsweise die Hadzabe im nördlichen Tansania.

Von Ruedi Suter – FSS

Die jahrhundertealte Missachtung, Fremdbestimmung und Zerstörung eingeborener Kulturen und ihrer Tierwelt gehört unterdessen zur leidvollen Biographie aller Urvölker. Dies unterstrichen die Schilderungen aller Frauen und Män­ner, die als indigene Spezialisten in die Schweiz geladen waren, um vor der UNO in Genf und in Männedorf zunächst von den ihre Völker bedrohenden Problemen innerhalb ihrer Staaten zu berichten. 

Es reisten an und sprachen Vertreter und Vertreterinnen der Waunaan (Kolumbien), der Maori (Aotearoa, also Neuseeland), der Adivasi (Indien), der Ogoni (Nigeria), der Bougainvillians (Papua Neuguinea ), der Massai (Kenia-Tansania), der Karen (Thailand-Burma), der Aguaruna (Peru), der Aborigines (Australien) und der B 'laans, T'bolis, Igorot und weitere Ethnien von den Philippinen. Es sind Menschen von Völkern, welche vielfach die ihnen aufgezwungene Staatsmacht als Kolonisierung empfinden. 

Plünderung statt Nachhaltigkeit

Dies wurde bei ihren Schilderungen klar. Fazit der Tagung: Das rücksichtslose Vorrücken der Zivilisation und ihrer Weltwirtschaft in die abgelegensten Gebiete führt weiterhin zur Entwurzelung und zum Untergang ganzer Völker, verletzt nach wie vor laufend Menschenrechte, vernichtet immer noch tagtäglich indigene Lebensräume.

Die von den Urvölkern über Jahrtausende nachhaltig genutzten Berg-, Wald-, Steppen-, Wüsten- und Insellandschaften werden geplündert und hemmungslos umfunktioniert: In Stauseen, Ölfelder, Erzminen, Uranhalden, in Atomwaffentestgelände, in Städte, Industriekomplexe, Giftmülldepo­nien, Strassennetze, Missionen, Jagd­blocks, Farmen und Plantagen.

Oder in Militärsperrzonen, Kahlschlaglandschaften, Touristenparks, Hotels, Golfplätze und Feriendörfer. Und da die natürlichen Lebensräume der Indigenen häufig noch eine ungeheure Vielfalt an Nutzpflanzen und Tieren aufweisen, gleichzeitig aber weltweit täglich gegen 70 Arten aussterben, greifen neuerdings auch die Vertreter der Gentechnologie zu, um noch rasch Teile der von den Urvölkern bewahrten Arten­vielfalt zu nutzen und patentieren zu lassen.

Wir Konsumenten helfen mit zu zerstören

Triebkräfte dieser modernen Eroberungszüge sind in der Regel transnational operierende Organisationen und Konzerne, denen die jeweiligen Landesregierungen und Machteliten bei Bedarf mit Sondergenehmigungen, juristischen Winkelzügen oder Militärgewalt zur Hand gehen. Und die Profiteure? Das sind nicht nur die oben genannten Wirtschaftslokomotiven, das sind auch wir, die Konsumenten und Konsumentinnen in den industrialisierten Ländern.

Sich dieser Zusammenhänge schon lange bewusst sind in der Schweiz die Initianten und Initiantinnen der in ihrer Art erstmaligen Konferenz «Indigene Völker, Umwelt und Entwicklung»  die kleinen, international vernetzten und – wie der FSS – ehrenamtlich wirkenden Aktionsgruppen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie die Ethnologen-Organisation IWGIA, die lndianerunterstützungsorganisation Incomindios, die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Bruno Manser Fonds (BMF).

Kleine Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zeigten den Weg

Sie waren es – und nicht etwa die grossen, teils erst später mitmachenden Umwelt-, Hilfs- oder Kirchenorganisationen –, welche die Notwendigkeit erkannten, indigene Fachleute aus aller Welt mit Vertretern von Schweizer Regierungsstellen, Umwelt- und Hilfsorganisationen zusammenzubringen, um gemeinsam Kriterien für die Anerkennung, die Zusammenarbeit und die Stärkung der indigenen Gemeinschaften auszuarbeiten. 

Die zunehmend ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnenden Urvölker und ihre Alliierten in den Industriestaaten versuchen sich nun auf anderen Wegen Gehör zu verschaffen. Wie früher für den Tier- und Naturschutz eine Lobby ins Leben gerufen wurde, soll heute für die Indigenen (und damit für die Erhaltung der heute in aller Munde liegenden Biodiversität) eine breite Interessenvertretung aufgebaut werden — aus lndigenen-, Menschenrechts-, Umwelt-, Hilfs-, Konsumenten- und Kirchenorganisationen. Aber auch, wo realisierbar, aus Vertretern und Vertreterinnen von Staat und Wirtschaft.

Für eine neue Partnerschaft

Dass diese ansatzweise schon vorhandene «neue Partnerschaft» rasch realisiert und schnell Erfolge erzielen muss, war am mehrtägigen Treffen in Boldern klar. Die Naturvölker stehen mit dem Rücken zum Abgrund. Ebenso die Wildtiere, ohne welche Jäger- und Sammlervölker keine Zukunft haben.

Gefordert ist nach dieser Tagung nun auch die Schweiz  (siehe «Neue Allianz ist ... »). Als eine Zentrale internationaler Wirtschafts- und Bankenbeziehungen, als Bezügerin von Rohstoffen und Lebewesen aus indigenen Gebieten (Wasser, Erdöl, Holz, Gold, Diamanten, Uran, Metalle, Heilpflanzen, Tiere etc.), als Entwicklungshelferin und als Heimat reisefreudiger Touristinnen und Touristen trägt sie eine grosse, bislang kaum wahrgenommene Mitverantwortung am Schicksal der Urvölker.

Schweiz soll führende Rolle einnehmen

Beim Bund wie auch bei etlichen der bislang die indigenen oder autochthonen Völker kaum wahrnehmenden Hilfswerke, Kirchen und Umweltorganisationen setzt sich – wie zuvor bereits beim WWF – die Einsicht langsam durch, die Anliegen der bedrohten Urvöl­ker besser wahrzunehmen und in ihre Arbeit einfliessen zu lassen.

Die hierzu nötigen Empfehlungen und Richtlinien werden den Verantwortlichen von den Tagungs­Organisatoren später zugestellt. Diese haben sich jetzt ganz der Lobbyarbeit für die indigenen Völker verschrieben. Mit hohem Anspruch: «Die Schweiz muss so rasch als möglich eine international führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker einnehmen.»

 

Neue Allianz ist lebensnotwendig

Die Schweiz, Musterbeispiel einer funktionierender Föderation aus Minderheiten, soll mit den Urvölkern eine neue Allianz bilden. Die zuständigen Ämter und Organisa­tionen erhalten demnächst Richtlinien, die an der Tagung mit lndigenen ausgearbeitet wurden. Beispiele möglicher Empfehlungen: 

• Ausarbeitung einer griffigen Schweizer Politik unter Beizug Indigener zur Unterstützung der Urvölker. 

• Hilfe zur Durchsetzung der indigenen Selbstbestimmung in den Bereichen Politik, Landrechte, Kultur, und Wirtschaft. 

• Respektierung spezifischer Rechte der Urvölker bei Territorien, eigener Entwicklung und Erhaltung der Biodiversität. 

• Einbezug der Indigenen von Beginn an in Umwelt- und Entwicklungsprojekte. 

• Verzicht oder Verhinderung von Projekten, Aktivitäten oder Geschäften (z.B. Waffen, Giftmüll, Jagd, Fischerei, Tourismus), die in irgendeiner Weise gegen den Willen indigener Völker deren Existenz und Lebensraum beeinträchtigen oder gefährden.

• Respektierung und/oder Verinnerlichung indigenen Wissens, indigener Weisheit, Spiritualität und Zeitempfindens durch die Schweizer Partnerinnen und Partner. 

• Aufbau einer Lobbyarbeit auf allen Ebenen innerhalb der Schweiz und durch Schweizer Regierungsstellen bei der UNO und anderen internationalen Organisa­tionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF). 

• Übernahme einer international führenden Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker.

 

WAS IST EIN URVOLK? 

Man nennt sie Urvölker, indigene oder autochthone Völker. Noch leben, je nach Definition, zwischen 300 und 500 Millionen indigene Menschen in rund 5'000 Völkern auf der Welt. Die bekanntesten sind u.a. die Indianer (beide Amerikas), Adivasi (Indien), Aborigines (Australien), «Pygmäen» (Zentralafrika), Maori (Aotearoa-Neuseeland), Penan (Sarawak), Tuareg (Sahara), Inuit (Kanada, Alaska) und Sami (Skandinavien).

In Afrika gehören sicher die Hadzabe (Tansania), «Pygmäen», Tuareg und San (Buschleute) dazu, im weiteren Sinne aber auch Nomadenvölker wie die Massai und viele andere Völker. Zur Definition gibt es strengere und weniger strenge Ansichten. Sind nur Jäger- und Sammlervölker oder auch alt eingesessene Rindernomaden Indigene?

Zwei wichtige Merkmale: lndigene sind Menschen, die ein Gebiet bereits vor der Eroberung oder Festlegung der heutigen Staatsgrenzen bewohnten; ihre Lebensweise zeichnet sich durch eine ganzheitliche, spirituelle Weltanschauung und den Einklang mit der Natur aus, von dem die Industriemenschen wieder lernen können. fss

Titelbild: Hadza beim Bogenschuss in Tansania | © Foto by Ruedi Suter