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«Der Tarangire darf nicht sterben!»

Ruedi R. Suter

 Die Vogelperspektive verrät es: Wo der wildreiche und von Siedlungen umzingelte Tarangire-Nationalpark in Nordtansania bedrängt wird, aber auch wie ihm geholfen werden kann. Eine Reportage mit geschichtlichem Rückblick – aus dem Cockpit.

 Von Ruedi Suter – FSS 

Das Flugzeug kippt abrupt in eine steile Schräglage. So, als müsste es einem direkt auf uns zufliegenden Geier ausweichen. Gleich wie es damals der 25-jährige Michael Grzimek über der Serengeti versucht hatte. Vergebens: Sein zebragestreiftes Kleinflugzeug schmierte ab, und der Sohn des berühmten Verhaltensforschers Bernhard Grzimek überlebte nicht.

Das geschah, fast auf den Januartag genau, vor 59 Jahren. Die Dornier Do 27 war mit einem Geier kollidiert. Ironie des Schicksals: Michael starb, weil er wollte, dass die Serengeti überlebt. Er schrieb an einem Buch, dass sein Vater vollenden musste und sich, zusammen mit dem gleichnamigen Film, weltweit zum Weckruf für den Naturschutz in Afrika entwickelte: «Die Serengeti darf nicht sterben».

Cessna Skylane 182Q:  Überflug in der Regenzeit macht möglich, was mit Auto unmöglich wäre |  © RS

Cessna Skylane 182Q: Überflug in der Regenzeit macht möglich, was mit Auto unmöglich wäre | © RS

Unser Pilot muss keinem grossen Vogel ausweichen. Das Abkippen seiner Cessna Skylane 182Q nach rechts hat einen anderen Grund. Jetzt, wo meine rechte Schulter von der Schwerkraft ans Fenster Richtung Erde gezwungen wird, tönt es im Kopfhörer: «Siehst du die Parkgrenze?» Und wie ich sie sehe!

Die kritische Grenze:  Unten der Nationalpark, oben kultiviertes Land |  © Foto RS

Die kritische Grenze: Unten der Nationalpark, oben kultiviertes Land | © Foto RS

Unter uns durchschneidet eine fadengrade Linie die Landschaft. Sie endet am Horizont, und sie löst Unbehagen aus. Denn hier kollidieren zwei Welten: Links die Wildnis mit ihrer Vielfalt an Wildtieren, Wildpflanzen und kaum berührten Landschaften, rechts die Zivilisation mit ihren Siedlungen, Feldern, Strassen, Rinder-, Schafs- und Ziegenherden.

Alex Rechsteiner, FSS-Afrikadelegierter:  «Der Tarangire darf nicht sterben!» |  © Foto RS

Alex Rechsteiner, FSS-Afrikadelegierter: «Der Tarangire darf nicht sterben!» | © Foto RS

Unter Druck der umliegenden Bevölkerungen

Alex Rechsteiner (49), der Pilot, legt die Cessna zurück in die Horizontale und fliegt sie der Linie entlang. Jetzt zeigt sich, wie diese zaunlose Südgrenze des Tarangires durchbrochen ist, wie da und dort im Park Siedlungen und kleine Felder angelegt wurden und wie Hirten ihre Rinderherden unbekümmert weiden lassen. Alles verboten, nichts davon wurde je gestattet.

Wir sind Zeugen des wachsenden Druck der Menschen auf den Tarangire, ähnlichem jenem auf die Serengeti und alle Naturschutzgebiete des Kontinents. Die Nationalparks und Wildschutzgebiete werden angeknabbert, besiedelt, ihre Tiere bejagt, ihre Bäume gefällt, ihre Früchte und der Honig geplündert, wenn die Behörden nicht dauerhaft und energisch durchgreifen.

Eine kostspielige Herkulesaufgabe, schwer zu bewältigen bei der ungezügelten Bevölkerungszunahme, der Wilderei, dem illegalen Wildtierfang aber auch beim Klimawandel mit seinen zerstörenden Auswirkungen auf die Landwirtschaft sowie dem chronischen Mangel an Geld und Ausrüstungen. Immerhin: Die Magufuli-Regierung beginnt jetzt auch im Tarangire die Gesetze durchzusetzen.

Regenzeit im Tarangire-Nationalpark:  Krasser Gegensatz zur wasserlosen, beigen Trockenzeit |  © Foto RS

Regenzeit im Tarangire-Nationalpark: Krasser Gegensatz zur wasserlosen, beigen Trockenzeit | © Foto RS

37 Würgeschlangen in den Bäumen

Die Cessna dreht ab, nimmt Kurs ins Parkinnere. «Der Tarangire darf nicht sterben» hatte mir Alex Rechsteiner den Flug von Usa River zum Tarangire-Nationalpark in seiner wortkargen Art begründet. Ein mehrdeutiger Satz, der auch über die Familiengeschichte des in Tansania aufgewachsenen Managers und Afrikadelegierten der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) zu verstehen ist.

Denn er und sein Bruder Daniel (51) verbrachten als Kinder zusammen mit den Eltern David (85) und Lilian Rechsteiner (77) ganze Wochen im Busch unter uns. Man erreichte ihn Anfangs der 1970-ger Jahre in mühsamen Schritttempo-Fahrten durch die damals unbesiedelte Massai-Ebene, in der noch zahlreiche Wildtiere lebten – Zebras, Gnus, Giraffen und Gazellen, Büffel, Hyänen und Grosskatzen, Elefanten – und Spitzmaulnashörner. 37 begegneten sie allein an einem Abend nahe des Tarangire-Flusses.

Dank Niederschlägen Grünfutter im Überfluss… Kaffernbüffel im Tarangire |  © Foto RS

Dank Niederschlägen Grünfutter im Überfluss… Kaffernbüffel im Tarangire | © Foto RS

Schweizer gaben die Idee zur Parkgründung

Doch seit Ende der siebziger Jahre durchstreifen keine Rhinos mehr die unter uns vorbeiziehende Savanne. Alle weggewildert. Dabei war «Kifaru», wie das Tier auf Suaheli heisst, der Ursprung dieses 2’850 Quadratkilometer grossen Nationalparks.

Dass es ihn gibt, ist vorab der Initiative der FSS-MitbegründerInnen David und Lilian Rechsteiner zu verdanken. Sie, die im vormaligen Wildreservat viel zu Fuss unterwegs waren, alarmierten Ende der sechziger Jahre die ausufernde Wilderei und das rasche Verschwinden ihres Lieblingstiers, welches später auch das Logo des FSS schmücken sollte.

Ihre Vorstellung: Die Umwandlung des noch wildreichen Reservates in einen besser geschützten Nationalpark. Bernhard Grzimek liess sich von der Idee begeistern. Ebenso dessen Freund Julius Nyerere. Der erste Präsident Tansanias versprach seine Unterstützung – 1970 wurde der Tarangire-Nationalpark aus der Taufe gehoben.

T arangire-Gründung 1970:  Extreme Gegensätze zwischen Trocken- und Regenzeit |  © Foto RS

Tarangire-Gründung 1970: Extreme Gegensätze zwischen Trocken- und Regenzeit | © Foto RS

Kein Durchkommen mit Geländefahrzeugen

Alex Rechsteiner kennt Nordtansania wie sein Cockpit. Kaum ein Gebiet, welches er nicht auch mit dem Geländewagen erkundet hätte. Heute aber wäre ein Durchkommen am Boden unmöglich gewesen. Ungewohnte Regenfälle haben weite Teile unter Wasser gesetzt, haben das sonst knochentrockene Gebiete in bezaubernde Landschaften mit schimmernden Wasseradern verwandelt.

Hier unten wären wir mit dem Wagen schnell im Schlamm versackt! Und wir hätten nie diese kleinen Seen erreicht, welche die Cessna eben überfliegt. Es sind die Dämme von Mkungunero, diese mit Hilfe des FSS ausgebaggerten Senken. Sie retten Tierleben, sie ermöglichen es dem Wild während der Trockenzeit im Park zu bleiben. Denn ausserhalb des Parks, in den unterdessen fast überall besiedelten Gebieten, lauert der Tod – durch Wilderer oder Bauern und Hirten, die ihre Felder und Herden verteidigen.

Strausse auf Augenhöhe : Tarangire-Nationalpark, weites Land mit vielen Wildtierarten |  © Foto RS

Strausse auf Augenhöhe: Tarangire-Nationalpark, weites Land mit vielen Wildtierarten | © Foto RS

Wo können notwendige Wasserstellen angelegt werden?

Im frischen Grün des Busches unter uns sichten wir nur wenige Tiere, doch Rechsteiner schaut eh nach etwas anderem. Er drückt den Flieger Richtung Erde, um die Strömungen der temporären Wasserstrassen besser zu erkennen. «Ich möchte wissen, wo wir für die Trockenzeiten eine weitere Senke ausheben können.» Je mehr Wasserstellen, je besser für die Wildtiere.

Der Afrikadelegierte erinnert mich an seinen Vorgänger, seinen Vater David, mit dem ich vor 30 Jahren erstmals unterwegs war, um in den abgeschiedensten Gebieten der West-Serengeti und des Tarangire nach Lösungen für die Bedürfnisse der WildhüterInnen und Wildtiere zu suchen.

Tarangire, 2’850 Quadratkilometer we it: Letzte Zuflucht für Elefanten |  © Foto RS

Tarangire, 2’850 Quadratkilometer weit: Letzte Zuflucht für Elefanten | © Foto RS

Vorteile des Beobachtens am Himmel oder vom Boden

Das gleiche Engagement, die gleiche Liebe zum Land. Nur die Mittel haben sich etwas geändert: Der Sohn hat sich in seiner Freizeit zum Buschpiloten ausbilden lassen. Die Vogelperspektive hat es ihm angetan: «Du siehst schneller mehr.»

Das stimmt. Es stimmt aber auch, was sein Vater gerne sagte: «Am Boden spürst du mehr.» Alex Rechsteiner kennt beides. Zum Glück für ihn, den FSS und den Tarangire, der als Tierparadies noch lange leben soll.

Titelbild: Alex Rechsteiner bringt das Flugzeug zur besseren Beobachtung in Schräglage | © Foto Ruedi Suter
Erstpublikation dieser Reportage: HABARI , Magazin der Freunde Serengeti Schweiz (FSS)

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Über den weissen Rassismus in Afrika (Interview mit dem Ehepaar Rechsteiner)
Übervölkerung: Schutzgebiete Tansanias in Frage gestellt








 

 

 

 

FSS für Einsatz geehrt

Ruedi R. Suter

Freude bei der Naturschutzorganisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS): Tansania lobt ihre Mitglieder für ihren jetzt 35 Jahre dauernden Einsatz beim Schutz der afrikanischen Natur als «Best Conservation Partner»,

Die bemerkenswerte Auszeichnung erhielt die Nichtregierungsorganisation FSS von der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA. Es ist ein Zertifikat zur «herausragenden Unterstützung für den Naturschutz und den nachhaltigen Tourismus» im ostafrikanischen Land.

Die Anerkennung in Form einer geprägten Platte mit Urkunde konnte die tansanische FSS-Projektassistentin Susan Peter Shio am 19. Juni 2019 in Anwesenheit von Hamisi Kigwangala, Minister für Naturressourcen und Tourismus, im Mount Meru Hotel in der nordtansanischen Stadt Arusha in Empfang nehmen (Titelbild).

FSS-Präsident Adrian Schläpfer erreichte die frohe Kunde im finnischen Helsinki. In einer ersten Reaktion zeigte er sich hocherfreut. Nicht zuletzt auch darum, weil der Schweizer Verein in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiern kann und die Auszeichnung als eine wichtige Würdigung aller bisherigen Bemühungen bei der Erhaltung der Natur und des Wildschutzes eingestuft werden könne.

Spezial-Anerkennung für David Rechsteiner

Susan Shio konnte aber auch noch eine zweite Auszeichnung in Empfang nehmen: Einen Sonderpreis für den kürzlich verstorbenen Unternehmer und FSS-Mitbegründer David Rechsteiner. Ihm hat die TANAPA unter anderem auch das Grundstück in Arusha zu verdanken, auf dem heute das Hauptquartier der Behörde steht.

Dem langjährige Afrika-Delegierten des FSS und seiner Familie wurde so post mortem für seine vielseitige Unterstützung beim Schutz der tansanischen Nationalparks gedankt.

«Wir fühlen uns sehr geehrt, diese Auszeichnungen erhalten zu haben», meldete Projektassistentin Susan Peter Shio in die Schweiz. Ebenfall im Vorstand wurden die Ehrungen mit grosser Befriedigung zur Kenntnis genommen. Auch deshalb, weil die Arbeit in Tansania mit seinen politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen alles andere als einfach ist und die Informationspolitik des FSS auch die Probleme offen thematisiert. rs / sps

Titelbild: Susan Shio nimmt Preis für den FSS entgegen | © Foto by TANAPA

Das Dokument, das den FSS ehrt.

Das Dokument, das den FSS ehrt.





Bald Safaris ohne Plastikmüll?

Ruedi R. Suter

Selbst der «Natur-Kontinent» Afrika mit seinen Wildtieren droht im Plastik zu ersticken. Etliche Länder haben den endlos scheinenden Kampf gegen den kaum abbaubaren Kunststoff aufgenommen. So auch Tansania, das ab jetzt Reisenden mit Plastiktüten die Leviten lesen will.

Plastik, Plastik, überall Plastik. Plastikabfall am Boden, Plastikpartikel im Wasser, Plastiksäcke in den Baumkronen, vom Wind in die Äste geweht, Mikroplastik im Essen, in den Mägen der Wildtiere und der Menschen, kurzum – kaum mehr ein Plätzchen auf dieser Erde ohne Plastik. Auch im einst so wilden und weitläufigen Naturkontinent Afrika nicht, was im Magazin «Habari» schon vor Jahren thematisiert wurde.

Steht dem Menschen die Plastikflut am Hals, sollte er zu handeln beginnen.

In Afrika ist man da in gewissen Gebieten schon vorbildhaft initiativ. Immer mehr Länder erklären den Plastik zum Staatsfeind. Zum Beispiel in Ghana, Uganda, Marokko und Eritrea. Selbst im kriegszerrütteten Kongo-Kinshasa versucht im Osten die Stadt Goma ein Verbot umzusetzen.

Auch Tansania wacht auf

Im nahen Tansania hat sich in dieser Woche die Regierung ebenfalls durchgerungen, dem gewaltigen Plastikproblem vermehrt den Kampf anzusagen. So veröffentlichte das Büro des Vizepräsidenten am 16. Mai 2019 eine «Notiz an die Reisenden, welche Tansania besuchen möchten».

Die Weisung fordert, keine Plastiktragtaschen und Ähnliches mehr mitzuführen: «to avoid carrying plastic carrier bags or packing plastic carrier bags or items in plastic carrier bags...». Wer dennoch so etwas mitbringe, müsse es bei seiner Ankunft abgeben. In besonderen Fällen können Ausnahmen gemacht werden. In seiner Notiz (siehe unten) versichert das Büro des Vizepräsidenten, die Umwelt schützen zu wollen, «um unser Land sauber und schön» zu halten.

Ist der Plastikmüll noch zu bewältigen?

Doch vor allem um Städte und Dörfer ist nichts mehr «sauber gehalten». Dass es dazu noch gigantische Anstrengungen braucht, ist auf Anhieb überall sichtbar. Und dass Plastik nicht nur in Einkaufs- und Tragtüten, sondern heute in fast jedem Gebrauchsgegenstand, in der Bauindustrie, Landwirtschaft und Autoindustrie beispielsweise verwendet wird, sieht sich Afrika wie die ganze Welt bei der Eliminierung des Erdölprodukts Plastik vor einer womöglich unlösbaren Aufgabe gestellt.

Eingedämmt werden aber kann wenigstens das «Plastifizieren» des Planeten.

Nicht zuletzt in Afrika, wo Kenia 2017 ein strenges Kein-Plastik-Gesetz erliess. Wer sich da noch an einer Plastiktüte vergreift, kann für vier Jahre ins Gefängnis wandern. Oder PlastiksünderInnen müssen bis zu 40 000 US-Dollar hinblättern.

Ruanda macht der Schweiz etwas vor

Den konsequentesten Plastik-Bann haben aber die Menschen Ruandas umgesetzt. Seit Jahren schon wird – dank klarem Gesetz und guten Kontrollen mit harten Strafen – auf den Umweltkiller Plastik verzichtet.

Mit verblüffendem Erfolg, melden uns Reisende aus Ruanda. Das Land sei vielerorts sauberer als die Schweiz, das dem Kunststoff auch mangels Alternativen immer noch kräftig zuspricht – und in dem Kühe und Wildtiere zuweilen an verspeistem Plastikmüll sterben. fss

Titelbild: Kollage – Impalaherde mit alter Blumenzucht-Anlage und zerschlissenem Sondermüll-Plastik, von denen es viele hat in Ostafrika | © Fotos by R.Suter

Das Schreiben aus dem Büro des tansanischen Vizepräsidiums:

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FSS begeht 35. Geburtstag mit Wahlen und Warnungen

Ruedi R. Suter

Seine 35. Jahresversammlung hielt der Verein Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) am 27. April in Zürich ab. Neu in den Vorstand wurden Karin und Erich Tschannen gewählt.

Kassier Robert Bickel, der sich als Pensionär neuen Aufgaben widmen will, übergab sein Amt an Barbara Trentini. In einer Gedenkminute wurde an den verstorbenen FSS-Mitgründer und langjährigen Afrika-Delegierten David Rechsteiner gedacht.

Zürich, 27. April 2019 – FSS-Präsident Adrian Schläpfer hielt mit einer Bildpräsentation Rückschau auf 2018. Tenor: Erfolge und Probleme halten sich die Waage, bedingt durch ein stets schwieriger werdendes Umfeld vorab in Tansania. Der FSS aber sei gut gerüstet, nicht zuletzt dank seiner engagierten Mitglieder und der Donatorinnen und Donatoren.

«Afrikas Wildtiere am Ende?»

So stand es provokativ in der Einladung zum Vortrag von Artenschützer Karl Ammann. Der investigative Filmer und Wirtschaftsfachmann beantwortete die Frage vor gegen 100 ZuhörerInnen mit Bedacht.

An allen Fronten werde dem Wild zugesetzt. Gegen Wilderei und illegaler Wildtierhandel würden die meisten Regierungsstellen und Artenschutzorganisationen vorab aus wirtschaftlichen Interessen zu wenig konsequent vorgehen. Auch die Medien würden den Ernst der Lage zu wenig erfassen und stattdessen hauptsächlich Wohlfühlgeschichten über Tiere und Wildnis publizieren.

Hier anzusetzen sei dringend, ansonsten die ultimativ letzte Chance zur Bewahrung der Wildtiere vertan sei, warnte Ammann in seinem erschütternden Vortrag zur masslosen Ausbeutung und Vermarktung der Fauna in Afrika und Asien.

Titelbild: Filmer Karl Ammann und FSS-Präsident Adrian Schläpfer | © Foto by R.Suter

David Rechsteiners letzte Safari

Ruedi R. Suter

David Rechsteiner hat seine letzte Safari angetreten. Der Schweizer Artenschützer, Kaffeeproduzent und Tansaniakenner ist am 31. März 2019 kurz nach seiner Rückkehr ins Zürcher Oberland nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben.

Als treibende Urkraft des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) hat er zusammen mit seiner Frau Lilian der Organisation in Tansania nachhaltig Respekt verschafft. Wir erinnern uns an einen aussergewöhnlich vielseitigen Manager, Buschläufer, Tier- und Menschenfreund.

David Rechsteiner war ein Kämpfer. Und er hätte in Afrika schon viele Tode sterben können. Aber das Schicksal war ihm hold. Immer entkam er auf seinen zahllosen Märschen durch die Wildnis Elefanten, Nashörnern, Flusspferden oder Grosskatzen, denen er unbeabsichtigt zu nahe kam. Er überlebte den giftigen Biss einer Puffotter und erwachte wieder aus einem tagelangen Koma.

Schlangen faszinierten ihn besonders, und wenn er den Kopf einer aufgerichteten Python aus dem hohen Gras ragen sah, packte er sie wenn möglich am Hals, um sie näher betrachten zu können. Einmal mussten ihn Ranger aus der Umschlingung einer in der Grösse unterschätzten Würgeschlange herauswinden, natürlich ohne die Schlange zu verletzen.

Er trank das Leben in grossen Zügen und hatte viel Glück auf seinen vielen Reisen durch alle Kontinente, vor allem aber in Afrika. David Rechsteiner überlebte auch Tropenkrankheiten, den Speerstich eines Wilderers in die Flanke, lange Märsche unter sengender Sonne ohne einen Schluck Wasser, weil der Wagen zusammengebrochen war. Viel mehr wissen wir nicht, weil er solche Geschichten nicht von sich aus erzählte. Man musste sie ihm «entwinden». Klar war jedoch, das Blut des Abenteuers pulste in seinen Adern.

Auch Zweifelnder und Suchender

Aber er hatte auch ein grosses Herz. Dies war auf Anhieb nicht immer gleich spürbar. Der Sensible und Vielbegabte hatte sich eine raue Schale zugelegt, seine Sprache war ungeschminkt und klar, die Wortwahl oftmals radikal. Wer ihn näher kennenlernen konnte, der erfuhr einen Mann, dem das Wohl der Mitmenschen und die Liebe zu den Tieren und der Natur ein zentrales Anliegen war.

David Rechsteiner, 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner, 2007 | © Foto by Ruedi Suter

Auf seinen vielen Buschexpeditionen, bei denen ihn oft auch seine Gattin Lilian Rechsteiner begleitete, nahm er nie eine Waffe mit. Gewalt war ihm zuwider, beschäftigte ihn aber dauernd, besonders abends am Lagerfeuer. Hier wandelte sich der Buschläufer zum Philosophen, zum Fragenden, zum Zweifelnden und nach Antworten Suchenden.

Das Anders-Sein der Afrikaner und Afrikanerinnen faszinierte ihn und bewunderte er, vor allem jenes der letzten Jäger- und Sammlervölker oder der Rindernomaden wie die Massai. Ihnen fühlte er sich irgendwie verwandt.

Fragen nach den Widersprüchen des Seins

Gleichzeitig konnte er, der Macher und Organisator, sich aufregen über den Fatalismus und das Laissez-faire, mit dem sich so viele afrikanischer Menschen durch das Leben bewegen. Das passte nicht zu seinem Temperament. Doch zum Rassisten wurde David Rechsteiner deswegen nie, im Gegensatz zu anderen Europäern. Vielmehr interessierten ihn mit zunehmendem Alter grundlegende Fragen des Menschseins.

«Warum sind wir Menschen nicht fähig, friedlicher zu leben? Warum gehen wir aufeinander los und warum zerstören wir unsere Lebensgrundlagen? Warum sehen wir die Wildtiere als unsere Feinde an?». Fragen dieser Art beschäftigten, nein, plagten David Rechsteiner in besinnlichen Momenten.

Die grösste aller Fragen, was nach dem Tode sei, blieb auch unbeantwortet. «Dave», wie ihn seine Freunde nannten, hat in der Wildnis mit ihrem Fressen und Gefressenwerden oftmals den Tod gesehen. Wildhunde zu beobachten, wenn sie als Rudel ein Gnu bei lebendigem Leib in Stücke reissen und verschlingen, lehrt uns den Gang der Dinge zu akzeptieren. Leben heisst auch töten.

Humor und Geschäftssinn

Aber wo «Dave» ein Tier in Not sah, da griff er gezielt auch ein. Keine Frage beim Loslösen eine Zebras aus einer Drahtschlinge, keine Frage beim Herausziehen eines jungen Elefanten oder Gnus aus einem Sumpf. Da spielte er selbst Schicksal.

Es gab aber auch noch den «anderen» David Rechsteiner. Beispielsweise den von den Tansaniern respektierten «Mzee», den Alten, der einerseits streng war, andererseits mit seinem Humor und seinen Sprüchen regelmässig für schallendes Gelächter sorgte.

Und schliesslich galt der Schweizer aus dem Zürcher Oberland in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf.

Vom Gärtner zum Farmbesitzer und Naturschützer

Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in Teamarbeit mit seiner schweizerischen Gattin Lilian, die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah.

Dem Ehepaar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

Zentrale Mitbegründer des FSS anno 1984

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme griff. 

Mit Rangern Wilderer gestellt

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Fleischwilderer waren für ihn nicht einfach Verbrecher. Immer wieder verwies er auf die mögliche Not hungernder Dorfbewohnern an den Rändern der Schutzgebiete.

Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte und ohne deren Einwilligung er als Privatperson oder FSS-Afrikadelegierter in den Schutzgebieten nichts unternahm, genoss der Verstorbene trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt.

Doch trotz aller Afrika-Faszination: das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Arbeiten, reisen und lesen

Überdies waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führen oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken lassen. Aber auch gedanklich war man unterwegs. Was sich in der Schweiz und in der Welt abspielte, wurde vorab mit Zeitungen und Magazinen, später auch am Fernseher wahrgenommen. David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

Bei seinen letzten Besuchen auf der «Valhalla»-Farm in Usa River bei Arusha suchte «Mzee» Rechsteiner immer wieder den Blickkontakt zum alten Krokodil, dem letzten Wildtier eines einst bunten Privatzoos. Zwischen den beiden schien ein lautloses Zwiegespräch stattzufinden.

Die letzten Jahre

David Rechsteiners letzten Jahre waren von einem dauernden Kampf um die Gesundheit geprägt. Die jahrelange Sonnenbelastung führte zu heimtückischen Hautkrebsen. Und er, der stets mit einem ausgezeichneten Gedächtnis verblüffte, konnte sich am Schluss kaum mehr erinnern, was in seinem bewegten Leben war.

Lilian Rechsteiner half ihm in bewundernswerter Weise bis zur letzten Minute. Am 31. März 2019 hat nun «Dave», der Kämpfer, in Bubikon seine letzte für uns wahrnehmbare Reise angetreten. Ruedi Suter


Eine persönliche Erinnerung

Der nachdenkliche Buschläufer

Etwas Sinnloseres schien es nicht zu geben – so, wie der Mann mit dem abgeschnittenen Busch auf die überall züngelnden Flammen eindrosch. Die abgelegene Ebene stand in Flammen, überall frass sich das Buschfeuer durch das strohgelbe Gras einer viel zu dürren Serengeti, eine qualmende, tiefschwarz verkohlte Landschaft hinter sich lassend.

Und dieser Wahnsinnige versuchte mit wuchtigen Schlägen das Feuer wenigstens dort auszulöschen, wo er gerade stand, weil in seinem Rücken eine unsichtbare Welt hilfloser Insekten, Schildkröten, Vogelnester und Kleintiere elendiglich zu verbrennen drohte. «Schau nicht einfach zu! Hol einen Ast und hilf mit !», keuchte mir der Verschwitzte zu, und bald drosch auch ich ebenfalls auf das Gezüngel ein.

Tatsächlich schafften wir es, einen breiten Streifen zu löschen. Wenigstens hier würde sich das Feuer nicht mehr weiter fressen, wenigstens hier schien die Katastrophe verzögert, vielleicht ja sogar ganz verhindert worden zu sein.

Nachts jeweils, nach den Patrouillenfahrten mit den Rangern, dem Aufspüren und Verhaften von Wilderern, dem Leeren ihrer randvoll mit Fleisch gefüllten Verstecke, dem Loslösen von den in Schlingen verhedderten Tieren, oder nach der Bestandesaufnahme zu reparierender Fahrzeuge, Furten und Häuser und nach dem Befragen der Wildhüter über ihre aktuellen Bedürfnisse, diskutierten wir über das knisternde Lagerfeuer hinweg den Sinn unseres Engagements.

Ein intensiver Gedankenaustausch, nur unterbrochen von den Stimmen der Löwen, Hyänen, Buschbabys oder der im nahen Grumeti-Fluss lärmenden Flusspferde. Das war zu Beginn der neunziger Jahres des letzten Jahrhunderts. Es gab es noch keine Schnellstrassen in die Serengeti, noch keinen Massentourismus, noch keine Mobiltelefone, die das Konzert der tierischen Nachtstimmen störte. Und jede Reise hatte noch den Charakter einer gut vorzubereitenden Expedition.

David Rechsteiner, der in der Serengeti aufgrund seines langjährigen Engagements Sonderrechte genoss, lernte mir zusammen mit den Rangern das Gehen in der tierreichen Wildnis. Anstelle der von Furcht geprägten Fantasien plötzlich angreifenden Büffel, Elefanten oder Löwen traten Respekt sowie angstfreie Aufmerksamkeit.

Und ich lernte hinter der rauen Schale meines Afrika-Lehrers einen sensiblen, belesenen und selbstkritischen Menschen kennen.

Ihn beelendete die Not armer Völker und die globale Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem bedrückte ihn aber, dass er selbst immer auch aktiver Teil dieser Zerstörung war – als Konsument, als Reisender, als Berufsmann. 

Unweigerlich landeten wir bei der Sinnfrage: «Können wir überhaupt etwas ausrichten? Sind nicht alle Anstrengungen letzten Endes sinnlos?» Klar, dass da auch die Aktivitäten der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) angesprochen wurden. Wir trösteten uns mit der Feststellung, dass alles, was wir tun, eine Wirkung haben müsse. Und sei es auch nur eine aufschiebende.

Denn hätten sich Bernhard Grzimek und Julius Nyerere oder später Organisationen wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt oder der FSS und viele engagierte EinzelkämpferInnen nicht für das Wildparadies Serengeti eingesetzt, gäbe es dieses heute kaum mehr.

Sollte also unser Leben einen Sinn haben, so können wir alle auf unsere Weise mit Arbeit, mit Vernetzung, mit Ideen oder mit Geld etwas bewirken. Wie beispielsweise das Ehepaar Rechsteiner. Weil es nichts anbrennen und nichts abbrennen liess – so lange die Wahrscheinlichkeit bestand, wenigstens ein Stückchen ihrer lieb gewonnenen Welt vor dem Verschwinden zu bewahren. Ruedi Suter

Titelbild: David Rechsteiner | © Foto by Ruedi Suter

Weiterführende Themen

Das Interview mit dem Ehepaar Rechsteiner: Weisser Rassismus – «Die Schwarzen sind faule Kerle»

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