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Afrikas Wildtierschutz beginnt – in der Schweiz

Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter


Rhino-Tragödie: Acht Tiere tot nach Umsiedlung

Ruedi R. Suter

Unfassbare Tragödie: Acht von insgesamt vierzehn Spitzmaulnashörnern sind in Kenia nach einer kürzlich  erfolgten  Translokation verendet. Über die Ursache wird noch gerätselt.

Nairobi, 13. Juli 2018 – Die acht Tiere waren kürzlich vom Nairobi- und vom Lake Nakuru-Nationalpark in ein neues Gehege im des Tsavo East-Nationalparks transportiert worden, dies unter der Leitung des WWF und der kenianischen Wildschutzbehörde Kenya Wildlife Service (KWS). 

An was die Tiere  nach ihrer Umsiedlung genau starben, muss zuerst untersucht werden. Laut einer ersten Stellungnahme des kenianischen Ministeriums für Tourismus und Wildlife könnten die acht Rhinos an einer Salzvergiftung gestorben sein. In ihrer neuen Umgebung war der Salzgehalt des Trinkwassers höher als in ihrer ursprünglichen Heimat. Die Tiere tranken und tranken, ohne ihren Durst löschen zu können – so eine Mutmassung. 

Ist geschlampt worden?

Wie auch immer – der Tod dieser Spitzmaulnashörner, deren Art vom Aussterben bedroht ist, schockiert nicht nur die internationale Gemeinde der Tierschützer und -schützerinnen. Er wirft auch unbequeme Fragen nach der Professionalität der ausführenden Organisationen auf. «Der Verlust dieser Tiere ist ein komplettes Desaster», erklärte die prominente kenianische Umweltschützerin Paula Kahumbu von Wildlife Direct gegenüber Associated Press. 

Cathy Dean, Leiterin von Save the Rhino, forderte gegenüber dem Guardian eine lückenlose Erforschung der Todesursache durch internationale Expertinnen und Experten. Dean meinte ausserdem, in Kenia habe man weniger Erfahrung bei den immer heiklen Übersiedlungen von Nashörnern. Derweil solche Transporte mit dem vorherigen Einfangen und Narkotisieren in anderen Ländern jährlich erfolgten, würden in Kenia nur gerade alle drei bis vier Jahre Translokationen durchgeführt.

Verluste statt Fortpflanzung

Anstatt die Zahl der bedrohten Black Rhinos in Kenia in dem neuen, rund um die Uhr bewachten Nashornschutzgebiet des Ost-Tsavos mittelfristig zu erhöhen, hat nun das Land mit einem Schlag acht seiner rund 750 Schwarzen Nashörner verloren. Von diesen soll es  weltweit gerade noch etwa 5'500 Tiere geben. Letztes Jahr hat  Kenia ingsgesamt neun, dieses Jahr bisher drei Rhinos durch Wilderer verloren. 

Im Tsavo East, mit 21'812 Quadratkilometer der grösste Nationalpark des Landes, lebten einst geschätzte 2'000 Nashörner.  In den 1990er-Jahren fand die letzte Rhino-Translokation ins Gebiet statt. Heute dürften noch zwischen 10 und 20 Tiere hier leben, so mutmasst die Organisation Save the Rhino. Der benachbarte Tsavo West-Nationalpark grenzt übrigens an den tansanischen Mkomazi-Nationalpark, wo auch mit Hilfe der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) das erste voll überwachte Nashorngehege Tansanias mit über 30 Schwarzen Nashörnern eingerichtet wurde. fss

Titelbild: Breitmaulnashorn, Weisses Nashorn | © Symbolbild by Gian Schachenmann

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Indigene Völker: Bitte um Schweizer Nothilfe

Ruedi R. Suter

Die Schweiz ist mit der Nutzung von Rohstoffen am drohenden Untergang der letzten Urvölker mit beteiligt. Nun soll sie eine führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung der Eingeborenenvölker einnehmen. Dies wurde im Sommer 1995 an einer internationalen Konferenz in Männedorf mit Indigenen bei Zürich gefordert – als Augen öffnender Auftakt zur im Dezember gestarteten UNO-Dekade der indigenen Völker und zum Start einer neuen Allianz mit den weltweit bedrängten Urvölkern wie beispielsweise die Hadzabe im nördlichen Tansania.

Von Ruedi Suter – FSS

Die jahrhundertealte Missachtung, Fremdbestimmung und Zerstörung eingeborener Kulturen und ihrer Tierwelt gehört unterdessen zur leidvollen Biographie aller Urvölker. Dies unterstrichen die Schilderungen aller Frauen und Män­ner, die als indigene Spezialisten in die Schweiz geladen waren, um vor der UNO in Genf und in Männedorf zunächst von den ihre Völker bedrohenden Problemen innerhalb ihrer Staaten zu berichten. 

Es reisten an und sprachen Vertreter und Vertreterinnen der Waunaan (Kolumbien), der Maori (Aotearoa, also Neuseeland), der Adivasi (Indien), der Ogoni (Nigeria), der Bougainvillians (Papua Neuguinea ), der Massai (Kenia-Tansania), der Karen (Thailand-Burma), der Aguaruna (Peru), der Aborigines (Australien) und der B 'laans, T'bolis, Igorot und weitere Ethnien von den Philippinen. Es sind Menschen von Völkern, welche vielfach die ihnen aufgezwungene Staatsmacht als Kolonisierung empfinden. 

Plünderung statt Nachhaltigkeit

Dies wurde bei ihren Schilderungen klar. Fazit der Tagung: Das rücksichtslose Vorrücken der Zivilisation und ihrer Weltwirtschaft in die abgelegensten Gebiete führt weiterhin zur Entwurzelung und zum Untergang ganzer Völker, verletzt nach wie vor laufend Menschenrechte, vernichtet immer noch tagtäglich indigene Lebensräume.

Die von den Urvölkern über Jahrtausende nachhaltig genutzten Berg-, Wald-, Steppen-, Wüsten- und Insellandschaften werden geplündert und hemmungslos umfunktioniert: In Stauseen, Ölfelder, Erzminen, Uranhalden, in Atomwaffentestgelände, in Städte, Industriekomplexe, Giftmülldepo­nien, Strassennetze, Missionen, Jagd­blocks, Farmen und Plantagen.

Oder in Militärsperrzonen, Kahlschlaglandschaften, Touristenparks, Hotels, Golfplätze und Feriendörfer. Und da die natürlichen Lebensräume der Indigenen häufig noch eine ungeheure Vielfalt an Nutzpflanzen und Tieren aufweisen, gleichzeitig aber weltweit täglich gegen 70 Arten aussterben, greifen neuerdings auch die Vertreter der Gentechnologie zu, um noch rasch Teile der von den Urvölkern bewahrten Arten­vielfalt zu nutzen und patentieren zu lassen.

Wir Konsumenten helfen mit zu zerstören

Triebkräfte dieser modernen Eroberungszüge sind in der Regel transnational operierende Organisationen und Konzerne, denen die jeweiligen Landesregierungen und Machteliten bei Bedarf mit Sondergenehmigungen, juristischen Winkelzügen oder Militärgewalt zur Hand gehen. Und die Profiteure? Das sind nicht nur die oben genannten Wirtschaftslokomotiven, das sind auch wir, die Konsumenten und Konsumentinnen in den industrialisierten Ländern.

Sich dieser Zusammenhänge schon lange bewusst sind in der Schweiz die Initianten und Initiantinnen der in ihrer Art erstmaligen Konferenz «Indigene Völker, Umwelt und Entwicklung»  die kleinen, international vernetzten und – wie der FSS – ehrenamtlich wirkenden Aktionsgruppen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie die Ethnologen-Organisation IWGIA, die lndianerunterstützungsorganisation Incomindios, die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Bruno Manser Fonds (BMF).

Kleine Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zeigten den Weg

Sie waren es – und nicht etwa die grossen, teils erst später mitmachenden Umwelt-, Hilfs- oder Kirchenorganisationen –, welche die Notwendigkeit erkannten, indigene Fachleute aus aller Welt mit Vertretern von Schweizer Regierungsstellen, Umwelt- und Hilfsorganisationen zusammenzubringen, um gemeinsam Kriterien für die Anerkennung, die Zusammenarbeit und die Stärkung der indigenen Gemeinschaften auszuarbeiten. 

Die zunehmend ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnenden Urvölker und ihre Alliierten in den Industriestaaten versuchen sich nun auf anderen Wegen Gehör zu verschaffen. Wie früher für den Tier- und Naturschutz eine Lobby ins Leben gerufen wurde, soll heute für die Indigenen (und damit für die Erhaltung der heute in aller Munde liegenden Biodiversität) eine breite Interessenvertretung aufgebaut werden — aus lndigenen-, Menschenrechts-, Umwelt-, Hilfs-, Konsumenten- und Kirchenorganisationen. Aber auch, wo realisierbar, aus Vertretern und Vertreterinnen von Staat und Wirtschaft.

Für eine neue Partnerschaft

Dass diese ansatzweise schon vorhandene «neue Partnerschaft» rasch realisiert und schnell Erfolge erzielen muss, war am mehrtägigen Treffen in Boldern klar. Die Naturvölker stehen mit dem Rücken zum Abgrund. Ebenso die Wildtiere, ohne welche Jäger- und Sammlervölker keine Zukunft haben.

Gefordert ist nach dieser Tagung nun auch die Schweiz  (siehe «Neue Allianz ist ... »). Als eine Zentrale internationaler Wirtschafts- und Bankenbeziehungen, als Bezügerin von Rohstoffen und Lebewesen aus indigenen Gebieten (Wasser, Erdöl, Holz, Gold, Diamanten, Uran, Metalle, Heilpflanzen, Tiere etc.), als Entwicklungshelferin und als Heimat reisefreudiger Touristinnen und Touristen trägt sie eine grosse, bislang kaum wahrgenommene Mitverantwortung am Schicksal der Urvölker.

Schweiz soll führende Rolle einnehmen

Beim Bund wie auch bei etlichen der bislang die indigenen oder autochthonen Völker kaum wahrnehmenden Hilfswerke, Kirchen und Umweltorganisationen setzt sich – wie zuvor bereits beim WWF – die Einsicht langsam durch, die Anliegen der bedrohten Urvöl­ker besser wahrzunehmen und in ihre Arbeit einfliessen zu lassen.

Die hierzu nötigen Empfehlungen und Richtlinien werden den Verantwortlichen von den Tagungs­Organisatoren später zugestellt. Diese haben sich jetzt ganz der Lobbyarbeit für die indigenen Völker verschrieben. Mit hohem Anspruch: «Die Schweiz muss so rasch als möglich eine international führende Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker einnehmen.»

 

Neue Allianz ist lebensnotwendig

Die Schweiz, Musterbeispiel einer funktionierender Föderation aus Minderheiten, soll mit den Urvölkern eine neue Allianz bilden. Die zuständigen Ämter und Organisa­tionen erhalten demnächst Richtlinien, die an der Tagung mit lndigenen ausgearbeitet wurden. Beispiele möglicher Empfehlungen: 

• Ausarbeitung einer griffigen Schweizer Politik unter Beizug Indigener zur Unterstützung der Urvölker. 

• Hilfe zur Durchsetzung der indigenen Selbstbestimmung in den Bereichen Politik, Landrechte, Kultur, und Wirtschaft. 

• Respektierung spezifischer Rechte der Urvölker bei Territorien, eigener Entwicklung und Erhaltung der Biodiversität. 

• Einbezug der Indigenen von Beginn an in Umwelt- und Entwicklungsprojekte. 

• Verzicht oder Verhinderung von Projekten, Aktivitäten oder Geschäften (z.B. Waffen, Giftmüll, Jagd, Fischerei, Tourismus), die in irgendeiner Weise gegen den Willen indigener Völker deren Existenz und Lebensraum beeinträchtigen oder gefährden.

• Respektierung und/oder Verinnerlichung indigenen Wissens, indigener Weisheit, Spiritualität und Zeitempfindens durch die Schweizer Partnerinnen und Partner. 

• Aufbau einer Lobbyarbeit auf allen Ebenen innerhalb der Schweiz und durch Schweizer Regierungsstellen bei der UNO und anderen internationalen Organisa­tionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF). 

• Übernahme einer international führenden Rolle in der Unterstützung und Anerkennung indigener Völker.

 

WAS IST EIN URVOLK? 

Man nennt sie Urvölker, indigene oder autochthone Völker. Noch leben, je nach Definition, zwischen 300 und 500 Millionen indigene Menschen in rund 5'000 Völkern auf der Welt. Die bekanntesten sind u.a. die Indianer (beide Amerikas), Adivasi (Indien), Aborigines (Australien), «Pygmäen» (Zentralafrika), Maori (Aotearoa-Neuseeland), Penan (Sarawak), Tuareg (Sahara), Inuit (Kanada, Alaska) und Sami (Skandinavien).

In Afrika gehören sicher die Hadzabe (Tansania), «Pygmäen», Tuareg und San (Buschleute) dazu, im weiteren Sinne aber auch Nomadenvölker wie die Massai und viele andere Völker. Zur Definition gibt es strengere und weniger strenge Ansichten. Sind nur Jäger- und Sammlervölker oder auch alt eingesessene Rindernomaden Indigene?

Zwei wichtige Merkmale: lndigene sind Menschen, die ein Gebiet bereits vor der Eroberung oder Festlegung der heutigen Staatsgrenzen bewohnten; ihre Lebensweise zeichnet sich durch eine ganzheitliche, spirituelle Weltanschauung und den Einklang mit der Natur aus, von dem die Industriemenschen wieder lernen können. fss

Titelbild: Hadza beim Bogenschuss in Tansania | © Foto by Ruedi Suter