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News

Filtering by Tag: Aufklärung

Afrikas Wildtierschutz beginnt – in der Schweiz

Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter


Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika - in Frankreich

Ruedi R. Suter

Tausende von Zugvögeln werden in der französischen Ardèche von gewalttätigen Wilderern vom Himmel geschossen. Dies unter den Augen französischer Staatsbeamten. Nun haben französische Vogelfreunde die Hilfe des Schweizer Umweltschützers Franz Weber angefordert.

Am 17. März 2001 lud der streitbare Basler zusammen mit Gattin Judith und Tochter Vera Weber die internationale Presse mit Journalisten aus Afrika zu einer Informationsfahrt auf jenen Berg ein, wo die radikalen Jäger den Vogelschwärmen auflauern. Der Konvoi erreichte die Todeszone – unter Polizeischutz.

Von Ruedi Suter

Col de l'Escrinet. Strömender Regen. Die Scheibenwischer der Busse und Polizeiwagen im Konvoi schlagen im Schnellgang das Wasser weg. Zuvorderst hält sich ein Verkehrspolizist tapfer auf seinem BMW-Motorrad. Ihm wird nachgefahren, die Bergtrasse hoch zum Col de l'Escrinet. Der 787 Meter hohe Pass zwischen den Städten Aubenas und Privas im französischen Departement Ardèche ist eine Kampf- und Todeszone. 

Geschossen wird aus allen Rohren

Der Sattel ist seit Jahren fest in der Hand von radikalen Vogeljägern. Im März, wenn die Zugvogelschwärme von Afrika her via Spanien nordwärts fliegen, segeln die abgemagerten Tiere energiesparend knapp über den Sattel hinweg, um in einem leichten Sinkflug weiterzuziehen.

Das ist der Glücksmoment für die hinter Laubwerkständen lauernden Vogeljäger: Sie feuern aus allen Rohren, die Schrotgarben schlagen in die ahnungslosen Vögel und reissen grosse Lücken in ihre Schwärme. Zu Dutzenden fallen die getroffenen Tiere tot oder verletzt zu Boden.

Es sind viele geschützte darunter und insgesamt an die 130 Vogelarten, meistens Ringel- und Turteltauben, dann aber auch Mauersegler, Rauchschwalben, Feldlerchen, Stare, Zeisige, Girlitze, Bachstelzen und sogar Störche sowie Greifvögel, die so vom Himmel geputzt werden. Und dies selbst nach dem 31. Januar, wenn in Frankreich und dem EU-Europa die Jagdzeit längst beendet ist.

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz |  © Foto by Luis García

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz | © Foto by Luis García

Wilderer geniessen den Schutz des Staates

Doch das kümmert die Vogeltöter nicht: Den Wilderern fällt niemand in den Arm, weder die Präfekten und Polizei, noch die zuständigen Ministerien in Paris. Und dies, obwohl nationale und internationale Gesetze sowie französische Gerichtsbeschlüsse vorhanden wären, um das mörderische Treiben auf all jenen Ardèche-Pässen, die von den Zugvögeln überflogen werden müssen, sofort zu stoppen. 

Doch der französische Staat kuscht. So ist der Col de l'Escrinet - einer der wichtigsten europäischen Beobachtungspunkte für Ornithologen, Vogel- und Naturschützer - im letzten Jahrzehnt mehr und mehr zur rechtsfreien Zone verkommen.

Hier herrscht heute die Willkür der Vogelkiller, und wer sich ihnen entgegensetzt, wird laut glaubhaften Zeugen mit Drohungen und Gewaltanwendung vom Berg gejagt und bei Bedarf auch gesellschaftlich fertiggemacht. Besonders den Tier- und Umweltschützern wird schnell mit Gewalt begegnet.

Franzosen hoffen auf die letzte Hilfe: Franz Weber

Deshalb fährt jetzt der Konvoi unter Polizeischutz die Passstrasse hoch. In den beiden Bussen sitzen Umweltschützer und an die 35 Medienvertreter aus Europa und Afrika. Immer wieder müssen die angeschlagenen Scheiben klargewischt werden, um einen Blick auf die Landschaft werfen zu können. Doch dicke Nebelschwaden verhindern die Sicht.

Mit im vorderen Bus sitzen auch die Initianten des riskanten Ausflugs: Der Schweizer Tier- und Umweltschützer Franz Weber mit Frau Judith und Tochter Vera. 

Die französische Vogelschutzförderation FRAPNA (Fédération Rhône-Alpes de la Nature) hatte in ihrer Verzweiflung bei der Fondation Franz Weber um ausländische Hilfe gebeten. Diese wollte der kampferbrobte Basler trotz seiner bald 74 Jahre der FRAPNA und anderen französischen Vogelschutzorganisationen nicht verwehren.

Da zu diesem Zeitpunkt auf dem Col de l'Escrinet ein von der Jägern bedrängter Bauer sein Haus und sein Land verkaufen wollte, versuchte die Fondation im Juni 1999 auf Antrag der FRAPNA das Gelände von der in Frankreich bei landwirtschaftlichem Boden immer zwischengeschalteten staatlichen Genossenschaft SAFER zu kaufen (etwa 165'000 CHF). Ziel: Sicherung der Vogelzüge und Einrichtung eines internationalen ornithologischen Forschungszentrums.  

Auch afrikanische Medienvertreter eingeflogen

Doch die SAFER verkaufte das strategisch wichtige Gelände - an die Vogeljäger. Webers darauf folgende Protestschreiben und Hilfsrufe an die französische Umweltschutzministerin Dominique Voynet, Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin blieben bislang ohne Erfolg. Nun lässt er juristisch einen Rekurs wegen Verfahrensfehler abklären.

Gleichzeitig lud er die internationale Presse ein, sich am 17. März 2001 selbst ein Bild «vom feigen und illegalen Zugvogelmassaker» zu machen. Journalisten afrikanischer Fernsehstationen aus Togo und Burkina Faso bezahlte er die Reise: Afrika, dem die Industrienationen besserwisserisch der Schutz seiner Wildtiere nahelegten, dürfe ruhig auch erfahren, wie ungehindert in Europa die Vögel abgemurkst und das gemeinsame Erbe der Zugvögel zerstört würden.

Normalerweise dauert die Fahrt vom Städtchen Aubenas auf den Col de l'Escrinet 20 Minuten. Doch diese Fahrt geht über Umwege und dauert viermal so lang. Am Vorabend wurde dem Carunternehmen derart gedroht, dass es für die Journalistenschar nur noch seine ältesten Busse zur Verfügung stellte. Um Polizeischutz hatte Weber die französische Regierung persönlich angefragt. Bei dem auch für diesen Samstag vorgesehenen Schützenfest auf die Zugvögel würden sich die Wilderer wohl nicht einfach stören lassen.  

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

«Die Zugvögel gehören allen - Europäern und Afrikanern»

Doch jetzt scheint für die Tierschützer alles plötzlich zum medialen Desaster zu werden. In diesem Regen und bei diesem Nebel geht nicht einmal der fanatische Vogeljäger in Stellung, um auf gut Glück in die Wolken zu ballern.

Was, wenn die Wilderer, die Tags zuvor laut Ohrenzeugen bei klarem Himmel zwischen 7 und 9 Uhr morgens 212 Schüsse abgaben, so gescheit sind, sich gar nicht blicken zu lassen? Um so Franz Webers Medienoffensive ins bild- und eindruckslose Nichts stossen zu lassen? Was dann?

Da bliebe dann einfach die Erinnerung an die Pressekonferenz vom Vortag im - natürlich auf einen Vogelnamen getauften - Hotel "Ibis" in Aubenas. An die Brandrede eines plötzlich wieder um Jahre jünger aussehenden Wortgewaltigen, dem der Schalk aus den Augen blitzte, der aber gleichzeitig auch mit seinen beiden neben dem Gesicht nach hinten und vorne schwingenden Fäusten klarmachte, dass nun die Stunde gegen die "debilen Vogelmörder" geschlagen habe - nur schon darum, weil die schützenswerten Vögel «allen Afrikanern und Europäern» gehörten. 

Überzeugter Franz Weber: "Wir gewinnen die Schlacht!"

O-Ton Franz Weber: «Das ist ein Drama! Das ist ein Skandal: Seit 18 Jahren kämpfen hier die französischen Tier- und Umweltschutzorganisationen vergebens um den Schutz der Zugvögel. Das hier ist der Anfang einer Kampagne, die der französischen Regierung die Kraft geben wird, ihre eigenen Gesetze anzuwenden und die europäischen Richtlinien zu respektieren. Wir werden diese Schlacht gewinnen, weil wir alle Mittel ausschöpfen, um den Wilderern das Handwerk zu legen. Wir werden sie kriegen!»

Erinnern würde man sich auch an die Schilderungen der Vertreter der französischen Vogelschutzorganisationen wie Allain Bougrain Dubourg und Pierre Athanaze: Vom alarmierenden Schwund der Tauben von einst 15 Millionen (1980) auf heute 2 Millionen; von der Allmacht der rund 60 «Extremisten» unter den 13'200 Ardèche-Jäger, welche kein Gesetz respektierten, Tierschützer mit Todesdrohungen und schikanösen Anschlägen auf Autos und Heime zum Verlassen der Ardèche zwängen und von der Unmöglichkeit, mit diesen «Radikalen» einen Dialog zu führen oder die Behörden zum Einschreiten zu bewegen. 

"Lieber Ordnung als Recht"

Gegenüber dem FSS und dem Basler Internetportal OnlineReports interpretierte der französische Anwalt Eric Posak die Komplizenschaft des Staats mit den Wilderern als taktisches Kalkül: «Besonders die Präfekte wollen keine gefährlichen Konflikte. Sie wollen lieber die öffentliche Ordnung gewährleisten als das Recht durchsetzen, was zu gewalttätigen Reaktionen der Jäger führen könnte.»

Dies alles wüsste man, wenn sich die illegalen Jäger nicht zeigen würden. Immerhin. Den Medien aber fehlte die Meinung der so massiv Kritisierten, und Filme und Fotos gebe es auch keine.  

Je näher sich der Konvoi seinem Ziel nähert, desto mehr Gendarmen sind zu sehen. Im Führungsbus dudelt ein Handy. Allain Bograin Dubourg bekommt von einem Späher der «Ecolos» (Umweltschützer) mitgeteilt, die aus drei Departementen zusammengezogenen Gegner seien tatsächlich aufmarschiert. Erleichterung bei den Medienvertretern und Organisatoren - die Reise war also nicht umsonst. Die Wagen halten vor einer Kurve - Endstation.

Es giesst immer noch aus allen Kübeln. Doch nun gehts nur noch zu Fuss weiter, vorbei an Mannschaftswagen der nationalen Bereitschaftspolizei CRS, die mit ihren Einheiten strategische Punkte am Col de l'Escrinet besetzten. Webers Bitte um Begleitschutz wurde erhört. Frankreich will nicht riskieren, dass Bilder von zusammengeschlagenen oder womöglich gar angeschossenen Medienvertretern um die Welt gehen. 

Vogeltöter zu Artenschützern: «Haut ab, ihr Schwuchteln!»

Nach der letzten Kurve wird die Sicht frei auf den weitgehend vernebelten Pass. Unser Weg führt sanft hinab zu einem Hügel, der zwischen uns und der Passhöhe liegt. Dort stehen rund 150 Männer und ein paar Frauen unter farbigen Regenschirmen. Sie stehen an der Grenze des umstrittenen Grundstücks, zurückgehalten von CRS-Polizisten in Kampfmontur.

Deren Schilder bilden eine talwärts gerichtete Barriere. Hinter der CRS haben sich die Gendarmen mit ihren Wagen postiert. Sie wollen nur Medienleute zu den Jägern vorlassen. Um diese nicht zu provozieren, müssen die französischen Vogelschützer und die Familie Weber weit oben am Hang zurückbleiben. Als sich die ersten Journalisten den Weidmännern nähern, gibt's Krach. Petarden krepieren Jagdhörner ertönen, Rufe erschallen: «Haut ab, ihr Schwuchteln!» 

Joseph Adri D. Gnassengbe, TV-Chefredaktor von Togo, ist zuerst bei der CRS-Phalanx und bittet die illegalen Jäger, von denen etliche der extremen Rechten angehören sollen, über die Polizeischilder hinweg um ihre Meinung. «Ich möchte sie verstehen», sagt Gnassenbe, der an der Pressekonferenz bereits fragte, weshalb man in Europa die geschossenen und kaum je verwerteten Vögel nicht alle auch esse? In Afrika würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. 

Wilderer und Jäger in Personalunion: «Wir lassen uns nicht erpressen!»

Einer der Wortführer schreit dem Afrikaner zu, die Medienleute sollten augenblicklich verschwinden, da sie manipuliert seien und nur immer die Jagd mies machten. «Wir lassen uns nicht erpressen, wir lassen uns nicht eine uralte Tradition verbieten!»

Die Umweltschützer erklärten zuvor, Vogelmassaker habe es früher nicht gegeben. Ein Vogelfreund, der die Szene im Regen beobachtete, erklärte gegenüber OnlineReports, die Wilderei habe auch eine soziale Komponente.

Die Jäger würden auch mit ihren Familien und Freunden die Pässe besetzen, picknicken, Vögel abschiessen und diese auch schon Mal zu einer Pastete verarbeiten. Diese Art von Jagd bedeute für eine kleine Minderheit ein Vergnügen, das mit einem Ferienaufenthalt der Reichen in Saint Tropez verglichen werden könne. 

Mit Eiern und Äpfel gegen die Medienvertreter

Das Gespräch zwischen Journalisten und Jägern erschöpft sich schnell. Plötzlich fliegen Eier und Äpfel gegen einen Fotografen und ein Fernsehteam, getroffen wird ein Gendarm. Nach mehr als einer Stunde ist der Spuk auf dem Col de l'Escrinet vorbei. Triefend nass zieht sich die Medienschar unter dem Siegesgeheul der Wilderer aus der Kampfzone am Col de l'Escrinet zurück.

Nicht ein Vogel geschweige denn ein Schwarm hat sich in der Ardècher Nebelsuppe zeigen lassen. Zum Glück für die Medien sind die «Jäger» aufmarschiert, um sich und der Welt lautstark klarzumachen, dass sie weiterhin nach Lust und Laune Vögel abschiessen werden. Und das werden keine Tontauben sein - bis der Staat durchgreift.

Titelbild: Franz Weber an der Pressekonferenz beim Col de l’Escrinet | © Foto by Ruedi Suter

Erstpublikation: www.onlinereports.ch

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