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Filtering by Tag: Entwicklung

Verdammter Selous-Dammbau

Ruedi R. Suter

Vom Ausland aus will man die Zerstörung des Selous-Weltnaturerbes in Tansania durch einen Mega-Staudamm stoppen. Der WWF versucht plötzlich energisch Unternehmen wachzurütteln, Cyber-Aktivisten verlangen via Avaaz-Petition den Stopp der Bauarbeiten.

Und das Komitee für Weltkulturerbe der UNESCO droht, dem tansanischen Wildschutzreservat seinen Welterbe-Status zu entziehen. Weltweit sind 54 ähnliche Schutzgebiete durch industrielle Angriffe bedroht, aber keines ist so gross wie der 52’000 Quadratkilometer weite Selous.

Sie gerät zusehends unter internationalen Druck, die tansanische Regierung von Präsident John «Bulldozer» Magufuli. Grund: Die bereits gestartete Zerstörung des Weltnaturerbes und Wildschutzgebietes Selous durch den Bau eines gigantischen Staudammes im Rufiji-Fluss bei der Stiegler-Schlucht. Die begonnen Vorbereitungen erfordern schon jetzt Infrastrukturen wie Gebäude und Strassen sowie die Abholzung grosser Gebiete in der Umgebung.

Protest im Klartext kommt von der Weltnaturschutzunion IUCN , die auch das UNESCO-Welterbe-Zentrum berät. Gemeinsam wird in einer am 27. Juni publizierten Stellungnahme von der tansanischen Regierung die «sofortige Einstellung des Holzeinschlags und anderer Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Damm-Projekt» gefordert.

Bedrohtes Paradies: Büffel am Rufiji-Fluss |  © Foto by Helen Kimali Markwalder

Bedrohtes Paradies: Büffel am Rufiji-Fluss | © Foto by Helen Kimali Markwalder

Peter Shadie, Leiter des Welterbeprogramms der IUCN, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Das Staudammprojekt Stiegler's Gorge ist inakzeptabel. Es würde das Herz aus dem Selous-Reservat reissen, mit katastrophalen Auswirkungen auf die Wildtiere und Lebensräume des Gebietes.»

Das Engagement für den Schutz von Weltnaturerbe-Stätten zum Wohle der zukünftigen Generationen sei «ein kollektives, das weder Tansania noch ein anderes Land ignorieren» könne, stellt Shadie klar.

Deutschland fühlt sich besonders verpflichtet

Starke Bemühungen, das aus Umweltsicht verheerende Bauvorhaben im ältesten Schutzgebiet Afrikas zu stoppen, sind in Deutschland auszumachen. Kein Wunder, konnte der Selous - einmal abgesehen von den Elefantenmassakern Mitte dieses Jahrzehnts – vor allem auch mit deutscher Staats- und Privathilfe über Jahrzehnte mehr oder weniger erfolgreich gegen Wilderei und Grossprojekte geschützt werden.

Gestern nun, so meldet uns der deutsche Selous-Kenner Rolf D. Baldus, hat der WWF Deutschland für 76'600 Euro mit einem ganzseitigen Inserat die Wirtschaft aufgefordert, bei keiner Zerstörung des globalen Welterbes mitzumachen. Laut IUCN sind heute insgesamt 55 Schutzgebiete mit Weltnaturerbe-Status durch industrielle Projekte bedroht.

UNESCO: «Weltnaturerbe in Gefahr»

Zwar geht die Umweltorganisation mit keinem Wort auf den zurzeit besonders stossenden «Fall Selous» ein, den die UNESCO unterdessen als «Weltnaturerbe in Gefahr» einstuft. Hingegen erinnert der WWF in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)» die Unternehmer und Unternehmerinnen mahnend an ihre Verantwortung: «UNESCO-Welterbestätten stehen unter dem Schutz internationaler Abkommen und nationaler Gesetze - trotzdem sind sie durch die Industrialisierung bedroht.»

Appell an die Wirtschaft: WWF-Inserat in der FAZ |

Appell an die Wirtschaft: WWF-Inserat in der FAZ |

Zudem stellt die öfters als zu wirtschaftsfreundlich kritisierte Panda-Organisation eine überraschend kecke Frage: «Leisten Finanzierungsentscheidungen und Versicherungslösungen für Unternehmen und Projekte in Ihren Portfolios dieser Zerstörung zentralen Vorschub?»

Die Antwort wird gleich mitgeliefert: «Prüfen und bereinigen Sie Ihre Portfolios und entwickeln Sie Leitlinien und Vorgaben zur Steuerung zukünftiger Entscheidungen.» Denn Welterbestätten seien «die kostbarsten Schätze der Menschheit» sowie «Lebensgrundlage für Millionen Menschen und Tiere».

Baldus, der als deutscher Entwicklungs- und Naturschutzexperte sechs Jahre im Selous Game Reserve arbeitete und diesen zusammen mit den tansanischen Partnern stabilisierte, begrüsst grundsätzlich die Aktion der Umweltschutzorganisation, meint aber: «Der WWF engagiert sich seit Jahren für den Schutz des Selous – allerdings völlig ergebnislos.» 

Online-Petition: Aavaaz organisiert  Selous-Web-Protest  |  Screenshot

Online-Petition: Aavaaz organisiert Selous-Web-Protest | Screenshot

Tansania baut zurzeit ungerührt weiter an ihrem Projekt, dessen Vollendung und Nutzen Kennern des Landes zufolge in Frage gestellt werden müsse. Die aktuelle Bauphase wird durch ägyptische Banken und die nigerianische UBA-Bank in der Höhe von einer halben Milliarde Euro finanziert.

Gegen den Weiterbau haben jetzt auch die Cyber-Aktivisten der sozialen Bewegung Avaaz («Stimme») mobil gemacht. Ihre Online-Petition «Tanzania: Don't Dam Paradise!» spricht zwar noch von der (bereits überholten) Damm-Planung, will nun aber eine Million Stimmen gegen den Weiterbau sammeln: «Wir können sie nicht das Paradies fluten lassen – unterschreibe jetzt und erzähle es allen!» fss

Hintergrund zum Selous Game Reserve:

Afrikas Schutzgebiete in Gefahr - das Beispiel Welterbe «Selous»
Avaaz-Petition: Tanzania: Don’t Dam Paradise!
VIDEO: Rolf D. Baldus – Der Selous im März 2017

Rodungen drohen im Weltnaturerbe Selous
Im Weltnaturerbe Virunga & Salonga droht die Ölflut
«Darum wildere ich Tiere»

Übervölkerung: Schutzgebiete Tansanias in Frage gestellt

Ruedi R. Suter

Eine für Tansania und die Welt folgenschwere Entscheidung hat Staatspräsident John Magufuli getroffen: Der Status der Schutzgebiete und ihre Existenzberechtigung sollen überprüft werden, um der schnell wachsenden Bevölkerung und ihren Rinderherden mehr Lebensraum zu schaffen. Für Tierwelt und Tourismus ein denkbar schlechtes Omen, meint auch unser Kommentar.

Die vielen Schutzgebiete Tansanias geraten weiter unter Druck. Staatspräsident John Magufuli hat bei einem Ministertreffen von gestern Dienstag in Dar es Salaam den sofortigen Stopp der Vertreibung illegaler Siedler in Naturschutzgebieten angeordnet. Überdies gab er neue Richtlinien bekannt. Diese sollen dem schnellen Bevölkerungswachstum entgegenkommen – das zu Lasten der Schutzgebiete.

So sollen Nationalparks und Wildreservate jetzt genau unter die Lupe genommen werden, so melden heute tansanische Medien. Dort, wo «keine Wildtiere» mehr zu sehen seien, soll der Boden landlosen Bauern und Hirten zur Verfügung gestellt werden.

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen |  © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen | © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich darüber, dass Viehzüchter überall abgelehnt werden» zitiert «The Guardian» John Magufuli im Zusammenhang mit dem Vertreiben der Rinderherden aus den Schutzzonen. «Gibt es ein Naturschutzgebiet, das nicht genutzt wird, werden wir das Gesetz ändern und es an Viehzüchter und Bauern verteilen.»

Dasselbe gelte für Waldschutzgebiete mit fruchtbarem Boden und ohne nennenswerten Baumbestand, die Landwirten für den Anbau von Pflanzen übergeben werden sollen. Zu prüfen sei überdies der womöglich übertriebene Schutz der Wasserquellen. Der an den Flüssen lebenden Bevölkerung solle so das Leben erleichtert werden.

Die neuen Vorgaben aus Dar es Salaam lassen Alex Rechsteiner, Afrikadelegierter der Nichtregierungsorganisation «Freunde der Serengeti Schweiz (FSS)», Schlimmes befürchten: «Das ist vor allem für einige der abgelegenen Schutzgebiete der Anfang vom Ende.»

«Weises» Vorgehen gefordert

Das Ministerium für Naturressourcen und Tourismus wurde angewiesen, bei der Überprüfung der Schutzgebiete «weise» vorzugehen – und die weniger wichtigen Zonen den Menschen zur Nutzung zu überlassen. Gestoppt ist nun auch der Rauswurf von 366 Dörfern, die sich illegal in Schutzgebieten breit gemacht haben. Innert eines Monats soll dem Parlament eine neue Beurteilung unterbreitet werden.

Staatsoberhaupt Magufuli begründete die ins Auge gefassten Änderungen im Beisein von Hamisi Kigwangalla, dem Minister für Naturressourcen und Tourismus, von Generalsekretär John Kijazi, Abdallah Ulega, stellvertretender Minister für Vieh und Fischerei, Dorothy Mwanyika, Staatssekretär im Ministerium für Land, Wohnen und Siedlungen sowie weiteren hohen Beamten.

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder |  © Foto by Gian Schachenmann

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder | © Foto by Gian Schachenmann

Mehr Menschen, mehr Rinder brauchen mehr Land

John Magufuli, der sich kürzlich entschieden gegen die Schwangerschaftsverhütung ausgesprochen hat, verteidigte sein Vorgehen mit dem Argument, die Zahl der Menschen und Tiere in Tansania sei massiv angestiegen.

Tatsächlich bevölkerten 1961 beim Erreichen der Unabhängigkeit etwa 9 Millionen Menschen und 10 Millionen Rinder das Land. Heute sind es über 55 Millionen Menschen und 35 Millionen Rinder – und Tansania hat mit rund fünf Kindern pro Frau eine der höchsten Geburtenraten der Welt.

Doch dem starken Bevölkerungswachstum werden keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil, der Präsident verteufelt die Geburtenkontrolle. Den Bürgern und Bürgerinnen, von denen schätzungsweise die Hälfte unter der Armutsgrenze leben, befahl er letzten September 2018, jeder Empfängnisverhütung zu entsagen. fss

Kommentar

Weniger Naturschutz, mehr «Entwicklung»

Das neue Vorgehen des Präsidenten ist noch schwer zu beurteilen. Denn in jüngster Vergangenheit ging die Regierung noch mit harter Hand gegen illegale Siedler und Rinderherden in Nationalparks wie die Serengeti vor.

Dörfer innerhalb der Parkgrenzen wurden abgefackelt, Rinderherden konfisziert, Strafen verhängt. In Schutzgebieten wie Moyowosi, Kigose und Makere sollen sich überdies «Ausländer» niedergelassen haben, die jetzt zu weichen haben.

Präsident Magufulis Regierungsstil wird unterdessen oft als widersprüchlich, autokratisch und radikal kritisiert – zu wenig durchdacht und auf die Schnelle nicht umsetzbar, auch wenn vieles gut gemeint und sinnvoll sei.

Verwundert nimmt man etwa zur Kenntnis, dass die Regierung eben gerade die Schaffung des 26 Quadratkilometer grossen Magombera-Waldschutzgebiets im Kilombero-Distrikt beim Selous-Weltnaturerbe umgesetzt hat. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhundert wurde versucht, diesen artenreichen Wald zu schützen.

Magufuli wirkt widersprüchlich, bekannte er sich doch auch zur einheimischen Fauna: «Wir sind auch auf die Wildtiere angewiesen. Ich meine auch nicht, dass wir alle Nationalparks unseres Landes neu definieren sollen. Wir müssen die aktiven Schutzgebiete erhalten.»

Über einen fatalen Trend mag dies aber nicht hinwegzutäuschen: Das Staatsoberhaupt mit dem Übernahmen «Bulldozer» will den Naturschutz zurückbinden. Er legt sein Hauptgewicht auf die schnelle Wirtschaftsentwicklung des Landes – bislang ein globaler Champion im Naturschutz, weil fast ein Drittel seiner Fläche unter Schutz steht.

Diese zumeist rohstoffreichen Naturreserven sind jedoch längst schon im Visier internationaler Konzerne, zunehmend chinesischer Herkunft. Das scheint Magufuli als ehemaliger Bauminister mehr zu faszinieren als die Zukunftssicherung des für das Land bislang lebenswichtigen Tourismus, der ohne Fauna einbrechen wird.

Wie es weitergehen könnte, zeigt das älteste Wildschutzreservat Afrikas – der Selous. Ungeachtet weltweiter Proteste ist die Regierung entschlossen, in diesem Unesco-Weltnaturerbe Uran abzubauen, Wälder abzuholzen und einen gigantischen Staudamm hochzuziehen ­– mit unabsehbaren Folgen für die Wildtiere und das Ökosystem.

Die Zeiten des breitflächigen Naturschutzes in Tansania scheinen gezählt – vor allem nach den neusten Ankündigungen seines populistischen Präsidenten, dem weiteres Bevölkerungswachstum und Industrialisierung am Herzen liegen. Es ist auch ein fatales Signal an andere afrikanische Staaten, die mit der Öffnung ihrer letzten Schutzgebiete schnelles Geld machen wollen. Verlierer wird – einmal mehr – die Artenvielfalt mit ihren Tieren und Pflanzen sein. rs

Titelbild: Flamingos über Tansania |  © Foto by Gian Schachenmann

Weiterführende Themen

Afrikas Schutzgebiete in Gefahr – das Beispiel Weltnaturerbe Selous