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Übervölkerung: Schutzgebiete Tansanias in Frage gestellt

Ruedi R. Suter

Eine für Tansania und die Welt folgenschwere Entscheidung hat Staatspräsident John Magufuli getroffen: Der Status der Schutzgebiete und ihre Existenzberechtigung sollen überprüft werden, um der schnell wachsenden Bevölkerung und ihren Rinderherden mehr Lebensraum zu schaffen. Für Tierwelt und Tourismus ein denkbar schlechtes Omen, meint auch unser Kommentar.

Die vielen Schutzgebiete Tansanias geraten weiter unter Druck. Staatspräsident John Magufuli hat bei einem Ministertreffen von gestern Dienstag in Dar es Salaam den sofortigen Stopp der Vertreibung illegaler Siedler in Naturschutzgebieten angeordnet. Überdies gab er neue Richtlinien bekannt. Diese sollen dem schnellen Bevölkerungswachstum entgegenkommen – das zu Lasten der Schutzgebiete.

So sollen Nationalparks und Wildreservate jetzt genau unter die Lupe genommen werden, so melden heute tansanische Medien. Dort, wo «keine Wildtiere» mehr zu sehen seien, soll der Boden landlosen Bauern und Hirten zur Verfügung gestellt werden.

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen |  © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen | © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich darüber, dass Viehzüchter überall abgelehnt werden» zitiert «The Guardian» John Magufuli im Zusammenhang mit dem Vertreiben der Rinderherden aus den Schutzzonen. «Gibt es ein Naturschutzgebiet, das nicht genutzt wird, werden wir das Gesetz ändern und es an Viehzüchter und Bauern verteilen.»

Dasselbe gelte für Waldschutzgebiete mit fruchtbarem Boden und ohne nennenswerten Baumbestand, die Landwirten für den Anbau von Pflanzen übergeben werden sollen. Zu prüfen sei überdies der womöglich übertriebene Schutz der Wasserquellen. Der an den Flüssen lebenden Bevölkerung solle so das Leben erleichtert werden.

Die neuen Vorgaben aus Dar es Salaam lassen Alex Rechsteiner, Afrikadelegierter der Nichtregierungsorganisation «Freunde der Serengeti Schweiz (FSS)», Schlimmes befürchten: «Das ist vor allem für einige der abgelegenen Schutzgebiete der Anfang vom Ende.»

«Weises» Vorgehen gefordert

Das Ministerium für Naturressourcen und Tourismus wurde angewiesen, bei der Überprüfung der Schutzgebiete «weise» vorzugehen – und die weniger wichtigen Zonen den Menschen zur Nutzung zu überlassen. Gestoppt ist nun auch der Rauswurf von 366 Dörfern, die sich illegal in Schutzgebieten breit gemacht haben. Innert eines Monats soll dem Parlament eine neue Beurteilung unterbreitet werden.

Staatsoberhaupt Magufuli begründete die ins Auge gefassten Änderungen im Beisein von Hamisi Kigwangalla, dem Minister für Naturressourcen und Tourismus, von Generalsekretär John Kijazi, Abdallah Ulega, stellvertretender Minister für Vieh und Fischerei, Dorothy Mwanyika, Staatssekretär im Ministerium für Land, Wohnen und Siedlungen sowie weiteren hohen Beamten.

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder |  © Foto by Gian Schachenmann

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder | © Foto by Gian Schachenmann

Mehr Menschen, mehr Rinder brauchen mehr Land

John Magufuli, der sich kürzlich entschieden gegen die Schwangerschaftsverhütung ausgesprochen hat, verteidigte sein Vorgehen mit dem Argument, die Zahl der Menschen und Tiere in Tansania sei massiv angestiegen.

Tatsächlich bevölkerten 1961 beim Erreichen der Unabhängigkeit etwa 9 Millionen Menschen und 10 Millionen Rinder das Land. Heute sind es über 55 Millionen Menschen und 35 Millionen Rinder – und Tansania hat mit rund fünf Kindern pro Frau eine der höchsten Geburtenraten der Welt.

Doch dem starken Bevölkerungswachstum werden keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil, der Präsident verteufelt die Geburtenkontrolle. Den Bürgern und Bürgerinnen, von denen schätzungsweise die Hälfte unter der Armutsgrenze leben, befahl er letzten September 2018, jeder Empfängnisverhütung zu entsagen. fss

Kommentar

Weniger Naturschutz, mehr «Entwicklung»

Das neue Vorgehen des Präsidenten ist noch schwer zu beurteilen. Denn in jüngster Vergangenheit ging die Regierung noch mit harter Hand gegen illegale Siedler und Rinderherden in Nationalparks wie die Serengeti vor.

Dörfer innerhalb der Parkgrenzen wurden abgefackelt, Rinderherden konfisziert, Strafen verhängt. In Schutzgebieten wie Moyowosi, Kigose und Makere sollen sich überdies «Ausländer» niedergelassen haben, die jetzt zu weichen haben.

Präsident Magufulis Regierungsstil wird unterdessen oft als widersprüchlich, autokratisch und radikal kritisiert – zu wenig durchdacht und auf die Schnelle nicht umsetzbar, auch wenn vieles gut gemeint und sinnvoll sei.

Verwundert nimmt man etwa zur Kenntnis, dass die Regierung eben gerade die Schaffung des 26 Quadratkilometer grossen Magombera-Waldschutzgebiets im Kilombero-Distrikt beim Selous-Weltnaturerbe umgesetzt hat. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhundert wurde versucht, diesen artenreichen Wald zu schützen.

Magufuli wirkt widersprüchlich, bekannte er sich doch auch zur einheimischen Fauna: «Wir sind auch auf die Wildtiere angewiesen. Ich meine auch nicht, dass wir alle Nationalparks unseres Landes neu definieren sollen. Wir müssen die aktiven Schutzgebiete erhalten.»

Über einen fatalen Trend mag dies aber nicht hinwegzutäuschen: Das Staatsoberhaupt mit dem Übernahmen «Bulldozer» will den Naturschutz zurückbinden. Er legt sein Hauptgewicht auf die schnelle Wirtschaftsentwicklung des Landes – bislang ein globaler Champion im Naturschutz, weil fast ein Drittel seiner Fläche unter Schutz steht.

Diese zumeist rohstoffreichen Naturreserven sind jedoch längst schon im Visier internationaler Konzerne, zunehmend chinesischer Herkunft. Das scheint Magufuli als ehemaliger Bauminister mehr zu faszinieren als die Zukunftssicherung des für das Land bislang lebenswichtigen Tourismus, der ohne Fauna einbrechen wird.

Wie es weitergehen könnte, zeigt das älteste Wildschutzreservat Afrikas – der Selous. Ungeachtet weltweiter Proteste ist die Regierung entschlossen, in diesem Unesco-Weltnaturerbe Uran abzubauen, Wälder abzuholzen und einen gigantischen Staudamm hochzuziehen ­– mit unabsehbaren Folgen für die Wildtiere und das Ökosystem.

Die Zeiten des breitflächigen Naturschutzes in Tansania scheinen gezählt – vor allem nach den neusten Ankündigungen seines populistischen Präsidenten, dem weiteres Bevölkerungswachstum und Industrialisierung am Herzen liegen. Es ist auch ein fatales Signal an andere afrikanische Staaten, die mit der Öffnung ihrer letzten Schutzgebiete schnelles Geld machen wollen. Verlierer wird – einmal mehr – die Artenvielfalt mit ihren Tieren und Pflanzen sein. rs

Titelbild: Flamingos über Tansania |  © Foto by Gian Schachenmann

Weiterführende Themen

Afrikas Schutzgebiete in Gefahr – das Beispiel Weltnaturerbe Selous