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«Wir wilderten neben den Touristen»

Ruedi R. Suter

Täglich wird gewildert, täglich sterben unzählige Wildtiere durch die Hand von Wilderern. Auch im berühmten Serengeti-Nationalpark in Tansania. Höchste Zeit, einmal einem Wilderer zuzuhören, der die Seite gewechselt hat: Ronald Mochomba hilft heute den Wildhütern und Wildhüterinnen bei der Suche nach Drahtschlingen, in denen unzählige Wildtiere jeder Grösse erbärmlich verenden.

Von Ruedi Suter – FSS

Wilderer! Sie rotten die Nashörner aus, metzeln Elefanten nieder, leeren die Urwälder und Savannen Afrikas. Sie sind ein Dauerthema, eine unablässige Bedrohung für die Artenvielfalt. Und sie sind die Feinde des Wildes und aller tierliebenden Menschen.

Aber sie haben kein Gesicht, sind anonym, wirken so um so dämonischer. Kaum je ein Medienbeitrag, der differenziert, der zwischen Trophäen- und Fleischwilderern unterscheidet, der vor allem etwas aus ihrer Perspektive zu zeigen versucht. Sind Wilderer nur immer blutrünstige, skrupellose Gesellen, die schnell Geld machen wollen?

HABARI: Ronald, wann haben Sie das erste Tier gewildert?

Ronald Mochomba: Als 15-Jähriger. Wir jagten mit Hunden ein Warzenschwein – ein Ngiri, wie wir es auf Suaheli nennen.

Was haben Sie mit dem Ngiri gemacht?

Wir holten die Innereien heraus und schnitten es auseinander. Die grossen Stücke verkauften wir, um Geld zu machen.

Musste das sein?

Wir verdienten zu wenig, konnten uns keine Sachen für den Alltag kaufen. Den Rest des Warzenschweins assen wir in der Familie.

Wo leben Sie?

Wir leben bei Mugumu, dem Hauptort des Serengeti-Distrikts an der Ostgrenze des Nationalparks und der Tagora-Ebene.

Warum wurden Sie Berufswilderer?

Als ich zur Schule ging, wurde es noch schwieriger für meine Eltern. Sie hatten kein Einkommen. So begann ich, mit der Schlingenjagd das nötige Geld zu beschaffen. Die Wilderei wurde zum Geschäft, ich zum Berufswilderer.

Wie sollen wir uns das vorstellen?

In der Regel schlichen wir einmal im Monat in den Serengeti-Nationalpark. Und zwar für 10 bis 14 Tage. Gab es viel Wild, kam die Migration durch, blieben wir länger. Dann gingen auch noch weitere Gruppen raus. Jede Gruppe umfasste vier Mann. Waren viele Tiere in den Schlingen, mussten wir mehr rein und raus. Nachts schafften wir in Kolonnen die Beute raus, das Fleisch durfte ja nicht verderben.

Was haben Sie mit den Tieren in den Schlingen gemacht?

Wir töteten sie, wenn sie noch lebten. Dann weideten wir sie aus. Wir schnitten die Kadaver in Stücke und versuchten, das Fleisch innerhalb des Parks in Buschverstecken zu trocknen. Wir mussten schnell arbeiten, weil das Fleisch Hyänen anzog. Oder Geier, die am Himmel kreisten und so unsere Verstecke verraten konnten.

Wann haben Sie gearbeitet — am Tag, in der Nacht?

Niemand sollte etwas bemerken. Auch die Nachbarn und Dorfbewohner nicht. Wir schlichen nachts in den Park. Die Schlingen legten wir bei Vollmond oder im Taschenlampenlicht an Flussläufen, Wildwechseln oder Schattenbäumen. Wir lösten gefangene Tiere aus den Drahtschlingen und verschwanden tagsüber in unsere Verstecke. Wir präparierten das Fleisch und legten es wo möglich zum Trocknen aus. Wir assen zum Fleisch den mitgebrachten Ugali, tranken Wasser und schliefen bis zum Einbruch der Nacht.

Wie haben Sie die schweren Kadaverteile aus dem Park geschafft?

Das Fleisch schleppten wir auf den Schultern. Ein Mann vorne, einer hinten und dazwischen ein Ast oder ein dünner Stamm, an dem die Brocken hingen. Gingen viele Tiere in die Fallen, benutzten wir für den Transport auch Esel.

Welche Wildtiere geraten am häufigsten in die Schlingen?

Das kommt auf die Saison an. Während der Migration mit ihren Regen vor allem Gnus und Zebras. Während der Trockenheit auch alle anderen. Büffel fingen wir mit besonders dickem Draht. Oder Giraffen, für die wir in den Baumkronen Drahtschlaufen befestigten. Eine begehrte Beute für den Markt waren Zebras.

Und Leoparden, Löwen oder Geparde?

Wir fingen auch Löwen. Für diese gibt es ebenfalls einen Markt. Die traditionelle Medizin verwendet für Behandlungen gerne Löwenfett. Die Heiler zahlen hervorragende Preise für Löwenteile. Wir waren immer glücklich, wenn wir einen Löwen hatten.

«Ich musste meine Familie ernähren»:  Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

«Ich musste meine Familie ernähren»: Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

Wie haben Sie sie getötet, wenn sie in der Schlingenfalle noch lebten?

Mit Bogen und Giftpfeil.

Keine Gewehre?

Nein, wir achteten auf eine leise Jagd. Wir jagten ja auch in nächster Nähe zu den Lodges und Rangerposten. Ein Gewehrschuss ist viel zu laut. Giftpfeile, Lanzen oder Buschmesser töten leise. Noch lebende Büffel, Flusspferde oder Grossantilopen erledigten wir mit Speeren.

Was haben Sie daheim mit dem Fleisch gemacht?

Wir hatten nie Probleme, die Beute los zu werden. Unsere Kunden warteten ja, und wir brachten unser Fleisch rasch an den Mann. Aber nie alles, denn ein Teil fiel immer für unsere Familien ab.

Wer kaufte?

Wir verkauften an Kunden, die teils aus weit entfernten Gemeinden anreisten. Die hatten Kontakte zu verschiedenen Wilderergruppen. Mit dem Mobiltelefon ist das heute kein Problem mehr. Wir telefonierten ihnen oder schickten eine SMS-Meldung mit Angaben zu Beute und Treffpunkt. Aus den Städten kamen die Käufer per Auto. Aus den benachbarten Gemeinden mit Eseln oder Motorrädern. Früher brauchten sie Fahrräder.

Wie lange machten Sie diesen Job?

Ich war zehn Jahre lang Berufswilderer.

Alle Achtung!

Ronald Mochomba wirkt sympathisch, seine Antworten sind überlegt und ausführlich. Die Uniform steht ihm gut, sie ist ein krasser Gegensatz zu den zerrissenen Lumpen, die er als Wildfrevler trug. Ein Mann, der aus Not wilderte und so gar nicht ins dominierende Bild des schwer bewaffneten Tierkillers passt, der schnell schiesst und schnell reich werden möchte. Eric Winberg sagt: «Es ist ausserordentlich lehrreich mit diesen Jungs im Busch zu sein. Sie haben ein riesiges Wissen und unglaubliche Augen. Sie sehen Tiere und Schlingen in der Ferne, die wir nie sehen, selbst mit einem Fernglas nicht.»

Ronald, wurden Sie je verhaftet?

Ja, einmal. Wir mussten vielen Rangerpatrouillen ausweichen. Wir wussten genau, wo die Wildhüter durchkamen. Wir versteckten uns im Gras, in Senken, hinter Büschen, Felsen, Bäumen, was auch immer.

Wie kam es zur Verhaftung?

Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir während der Migration mit Fleisch beladen den Park verlassen wollten. Das war 1995. Plötzlich waren wir von Rangern umzingelt. Ich zahlte dem Gericht eine Strafe, deshalb musste ich nicht ins Gefängnis.

Ronald, Sie sind heute Schlingenspezialist und Ranger-Helfer. Warum dieser Seitenwechsel?

Ich wilderte, weil ich Geld für unseren Lebensunterhalt benötigte. Das war der Hauptgrund. Wir mussten von etwas leben. Eines Tages kamen Ranger der Nationalparkbehörde Tanapa und Leute der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ins Dorf. (Red: Dies im Rahmen des Cocoba Outreach Programms, das u.a. die umliegenden Gemeinden der Serengeti an den Einnahmen des Nationalparks teilhaben lässt.) Es gab ein Treffen. Man versprach uns Geld, damit wir ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Im Gegenzug mussten wir für den Kredit einen Vertrag unterschreiben. Und wir mussten versprechen, die Wilderei aufzugeben ...

… Sie versprachen wirklich, das Jagen abzubrechen?

Ja, wir vier aus unserer Wilderergruppe unterzeichneten alle das Abkommen. Es wurde von Leuten im Dorf überwacht. Wir arbeiten heute vor allem als Bauern und Handwerker. Einer wurde gar Lehrer. So schaffte auch ich den Ausstieg, ich musste nicht mehr in den Busch, konnte meine Familie ernähren und musste keine Angst mehr haben, gefasst zu werden.

Und warum sitzen Sie heute hier, im Hauptquartier der Serengeti-Ranger?

Im April 2017 wurden wir von Cocoba für das Programm «Schlingenfreie Serengeti» rekrutiert. Man unterstellte uns zwei alt gedienten Rangern, um von nun an Schlingenfallen zu finden. Wir kennen ja das Gebiet, kennen alle Tricks der Wilderei. Wir können nun unsere Erfahrungen weitergeben, ohne unsere Geschäfte daheim aufgeben zu müssen. Im Gegenzug erhalten wir Schlingenspezialisten einen zusätzlichen Lohn.

Ist die Serengeti also demnächst schlingenfrei?

Wir müssen das Entfernen der Schlingenfallen verstärken, um den Park richtig zu schützen. Wir brauchen auch mehr ehemalige Wilderer in der Truppe. Das ist durchaus möglich, weil die Leute eine Chance erhalten, ihren verbotenen Beruf mit einer legalen Arbeit zu tauschen.

Kann man denn um den Park ohne Wilderei überleben?

Wir sind nicht in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Aber wir können sie stark reduzieren. Es ist ja so, dass Bushmeat viel billiger ist als jenes unserer Kühe oder Ziegen. Steigen auf dem Markt die Preise, wird alles noch teurer.

Haben Sie eine Familie?

Ich habe eine Frau und sechs Kinder.

Und was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie mit der Wilderei aufgehört haben?

Sie ist glücklich. Ich muss nicht mehr in den Busch, aus dem ich manchmal fast nackt und mit gar nichts mehr heimkam, weil wir von Rangern entdeckt wurden und Hals über Kopf alles zurück lassen mussten — Nahrung, Kleider, Geschirr und Waffen. Heute komme ich sauber heim und ich bringe immer etwas mit – Geld, Nahrung, Kleider, Medikamente. Wir haben genügend zu essen, ein regelmässiges Einkommen, die Kinder können zur Schule und niemand hat mehr Angst, dass die Ranger ins Dorf kommen, um uns festzunehmen. Ja, unser Leben ist sicherer geworden – und einfacher.

Ronald Mochomba, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.

Titelbild: Roland Mochomba 2018 | © Fotos by Ruedi Suter

Weiterführende Themen

«Darum wildere ich Tiere» - Viele Gründe führen zur Ausrottung der afrikanischen Tierwelt

Afrikas Wildtierschutz beginnt – in der Schweiz

Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter