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Filtering by Tag: Schutzgebiete

Wildtier-Tourismus: Chancen für Büffel, Gepard & Co

Ruedi R. Suter

Was sind Wildtiere eigentlich wert? Die heikle Frage versucht der Welt-Reise und Tourismus-Rat mit einer Studie zu beantworten.

Sein Fazit: Wildtiere, die wir als Touristen in der Wildnis besuchen und beobachten können, bringen der Wirtschaft das Fünffache dessen, was illegale Wildtierhändler mit ihrem Tun anrichten. Neues zum boomenden Wildtier-Tourismus.

Von Ruedi Suter – FSS

In freier Wildbahn einem Leoparden, Elefanten, Affen, Chamäleon, Flusspferd, Gürteltier, Kudu oder Sekretär-Vogel zu begegnen, ist ein vielschichtiges Gefühl. Wahrscheinlich auch deshalb, weil in ihm stets auch eine seltsame Mischung aus Freude, Neugier, Ehrfurcht, Rätselhaftigkeit und Angst mitschwingt.

Das Tier, unser nächstes Mitwesen, vermag anzuziehen oder abzustossen, wir spüren wohl instinktiv eine Verwandtschaft, der wir uns nicht entziehen können. Die Faszination des so fremden wie bekannten Andersseins in Gesellschaften, die sich immer mehr den Maschinen ausliefern, bildet eine wesentliche Grundvoraussetzung für den Wildtiertourismus in den noch natürlich belassenen Steppen, Wäldern und Gewässern dieser Erde.

Sehnsucht nach dem Ursprung

Kein Wunder deshalb, dass auch der Wildtiertourismus stetig wächst. Die Menschen sehnen sich offensichtlich zunehmend nach ursprünglichen Gegenden mit ihren oft besonderen Tier- und Pflanzenarten. Und da das Reisen selbst in abgelegenen Gebieten kaum mehr mit Entbehrungen verbunden ist, leisten sich immer mehr Touristinnen und Touristen aus Europa, Amerika und Asien den erschwinglich gewordenen Luxus einer «Abenteuersafari».

Diese Reisen durch stets «berechenbarere» Wildnisse müssen nicht über gefühlsstarke Erlebnisse beschrieben sein, sie können schlicht auch mit wirtschaftlichen Massstäben definiert werden. Das zeigt die neue, knochentrockene Studie des Welt-Reise und Tourismus-Rats (World Travel & Tourism Council, WTTC).

Lieber lebend als tot:  Touristen erleben zu Fuss die Wildnis, Büffel, Tansania | ©  Foto by Gian Schachenmann

Lieber lebend als tot: Touristen erleben zu Fuss die Wildnis, Büffel, Tansania | © Foto by Gian Schachenmann

Killen, fangen oder nur beobachten?

Der Rat stellte sich für 2018 eine zentrale Frage: Was bringt in Ländern mit grossem Wildbestand mehr Geld? Der Wildtiertourismus? Oder der illegale zur Ausrottung führende Handel mit wilden Tieren? Die errechnete Antwort im Zusammenhang mit dem globalen Bruttoinlandprodukt (BIP): Der illegale Wildtierhandel bringt rund 23 Milliarden Dollar ein, der Wildtiertourismus hingegen mehr als das Fünffache - etwa 120 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt weltweit ein wichtiger «Nebeneffekt» – in Form von mehr als 9 Millionen Jobs, plus etwa 22 Millionen Arbeitsplätze, die vom Tiertourismus profitieren können. Das Besuchen und Beobachten von Wildtieren in ihrem natürlichen Lebensraum machte letztes Jahr laut WTTC bereits 4,4 Prozent des gesamten globalen Tourismus-Bruttoinlandprodukts aus.

Was lebt und fasziniert ist mehr wert

Gloria Guevara, Präsidentin und Leiterin von WTTC, fasst die Erkenntnisse für die Öffentlichkeit so zusammen: «Wildtiere sind lebend viel wertvoller als tote.» Für Gemeinschaften in Wildgebieten könne dies zu einem starken Anreiz werden, Tiere nicht für einen einmaligen Geldbetrag umzubringen, sondern sie für sich und die Welt zu schützen.

Die Erkenntnis ist nicht neu und wird von Naturschützenden mit Hilfe vorausblickender Regierungen schon seit Dekaden recht erfolgreich umgesetzt. Kurz zusammengefasst: Schutzgebiete mit Wild werden von der Bevölkerung erst dann akzeptiert und aktiv bewacht und verteidigt, wenn sie dafür auch Einnahmen und Gewinne in Form von Geld, Löhnen und Infrastrukturen erhalten.

Der grösste regionale Markt für Wildtiertourismus ist nicht Afrika, sondern Asien mit einem direkten BIP von etwas über 53 Milliarden Dollar und 4,5 Millionen Arbeitsplätzen. Erst an zweiter Stelle kommt Afrika mit einem direkten BIP von 29 Millionen Dollar und wo 3,6 Millionen Menschen vom Wildtiertourismus leben können. Mehr als ein Drittel des gesamten direkten Tourismus-BIP Afrikas sei 2018 auf die Attraktion der Wildtiere zurückzuführen gewesen, heisst es in der Studie des Welt-Reise und Tourismus-Rats.

Viel zu sehen:  Safari-Touristen in der Serengeti, Tansania |  © Foto by Gian Schachenmann

Viel zu sehen: Safari-Touristen in der Serengeti, Tansania | © Foto by Gian Schachenmann

Mehr Menschen, weniger Wildnis

An dritter Stelle folgt schliesslich Nordamerikas mit seiner Wildtier-Tourismuswirtschaft – mit 13,5 Milliarden Dollar und beinahe 22 Millionen Arbeitsplätzen. Der Wildtier-Tourismus wird mit dem zunehmenden Dichte-Stress auf der Welt und der vermehrten Sehnsucht nach Wildnissen und «unberührten» Landschaften mit «paradiesischem» Wildvorkommen weiter wachsen, sollten nicht neue Kriege oder Wirtschaftskollapse die Entwicklung stoppen.

Entwickelt sich der globale Tourismus jedoch weiterhin so dynamisch wie in den letzten Jahren, droht auch dem Wildtiertourismus der Schrecken des Overtourism, dem bestenfalls mit einem strengen Managements der Schutzgebiete und Natur-Destinationen beizukommen ist. Versagt hier die Weltgemeinschaft, dann droht den letzten Wildnissen dieser Erde der Kollaps und ihren Tieren und Pflanzen Überbeanspruchung, Stress und Niedergang.

Das Problem ist vielerorts bereits erkannt, notwendige Massnahmen werden teils schon ergriffen. Begriffe wie «Wildnis» oder «Wildtiere» werden so oder so jedoch eine andere Bedeutung erhalten, Weil der einst ursprüngliche Zustand unseres Planeten von uns Menschen grundlegend verändert wird. In der Regel auf Kosten der Wildnis und ihren Lebewesen.

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FSS für Einsatz geehrt

Ruedi R. Suter

Freude bei der Naturschutzorganisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS): Tansania lobt ihre Mitglieder für ihren jetzt 35 Jahre dauernden Einsatz beim Schutz der afrikanischen Natur als «Best Conservation Partner»,

Die bemerkenswerte Auszeichnung erhielt die Nichtregierungsorganisation FSS von der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA. Es ist ein Zertifikat zur «herausragenden Unterstützung für den Naturschutz und den nachhaltigen Tourismus» im ostafrikanischen Land.

Die Anerkennung in Form einer geprägten Platte mit Urkunde konnte die tansanische FSS-Projektassistentin Susan Peter Shio am 19. Juni 2019 in Anwesenheit von Hamisi Kigwangala, Minister für Naturressourcen und Tourismus, im Mount Meru Hotel in der nordtansanischen Stadt Arusha in Empfang nehmen (Titelbild).

FSS-Präsident Adrian Schläpfer erreichte die frohe Kunde im finnischen Helsinki. In einer ersten Reaktion zeigte er sich hocherfreut. Nicht zuletzt auch darum, weil der Schweizer Verein in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiern kann und die Auszeichnung als eine wichtige Würdigung aller bisherigen Bemühungen bei der Erhaltung der Natur und des Wildschutzes eingestuft werden könne.

Spezial-Anerkennung für David Rechsteiner

Susan Shio konnte aber auch noch eine zweite Auszeichnung in Empfang nehmen: Einen Sonderpreis für den kürzlich verstorbenen Unternehmer und FSS-Mitbegründer David Rechsteiner. Ihm hat die TANAPA unter anderem auch das Grundstück in Arusha zu verdanken, auf dem heute das Hauptquartier der Behörde steht.

Dem langjährige Afrika-Delegierten des FSS und seiner Familie wurde so post mortem für seine vielseitige Unterstützung beim Schutz der tansanischen Nationalparks gedankt.

«Wir fühlen uns sehr geehrt, diese Auszeichnungen erhalten zu haben», meldete Projektassistentin Susan Peter Shio in die Schweiz. Ebenfall im Vorstand wurden die Ehrungen mit grosser Befriedigung zur Kenntnis genommen. Auch deshalb, weil die Arbeit in Tansania mit seinen politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen alles andere als einfach ist und die Informationspolitik des FSS auch die Probleme offen thematisiert. rs / sps

Titelbild: Susan Shio nimmt Preis für den FSS entgegen | © Foto by TANAPA

Das Dokument, das den FSS ehrt.

Das Dokument, das den FSS ehrt.





«Wir wilderten neben den Touristen»

Ruedi R. Suter

Täglich wird gewildert, täglich sterben unzählige Wildtiere durch die Hand von Wilderern. Auch im berühmten Serengeti-Nationalpark in Tansania. Höchste Zeit, einmal einem Wilderer zuzuhören, der die Seite gewechselt hat: Ronald Mochomba hilft heute den Wildhütern und Wildhüterinnen bei der Suche nach Drahtschlingen, in denen unzählige Wildtiere jeder Grösse erbärmlich verenden.

Von Ruedi Suter – FSS

Wilderer! Sie rotten die Nashörner aus, metzeln Elefanten nieder, leeren die Urwälder und Savannen Afrikas. Sie sind ein Dauerthema, eine unablässige Bedrohung für die Artenvielfalt. Und sie sind die Feinde des Wildes und aller tierliebenden Menschen.

Aber sie haben kein Gesicht, sind anonym, wirken so um so dämonischer. Kaum je ein Medienbeitrag, der differenziert, der zwischen Trophäen- und Fleischwilderern unterscheidet, der vor allem etwas aus ihrer Perspektive zu zeigen versucht. Sind Wilderer nur immer blutrünstige, skrupellose Gesellen, die schnell Geld machen wollen?

HABARI: Ronald, wann haben Sie das erste Tier gewildert?

Ronald Mochomba: Als 15-Jähriger. Wir jagten mit Hunden ein Warzenschwein – ein Ngiri, wie wir es auf Suaheli nennen.

Was haben Sie mit dem Ngiri gemacht?

Wir holten die Innereien heraus und schnitten es auseinander. Die grossen Stücke verkauften wir, um Geld zu machen.

Musste das sein?

Wir verdienten zu wenig, konnten uns keine Sachen für den Alltag kaufen. Den Rest des Warzenschweins assen wir in der Familie.

Wo leben Sie?

Wir leben bei Mugumu, dem Hauptort des Serengeti-Distrikts an der Ostgrenze des Nationalparks und der Tagora-Ebene.

Warum wurden Sie Berufswilderer?

Als ich zur Schule ging, wurde es noch schwieriger für meine Eltern. Sie hatten kein Einkommen. So begann ich, mit der Schlingenjagd das nötige Geld zu beschaffen. Die Wilderei wurde zum Geschäft, ich zum Berufswilderer.

Wie sollen wir uns das vorstellen?

In der Regel schlichen wir einmal im Monat in den Serengeti-Nationalpark. Und zwar für 10 bis 14 Tage. Gab es viel Wild, kam die Migration durch, blieben wir länger. Dann gingen auch noch weitere Gruppen raus. Jede Gruppe umfasste vier Mann. Waren viele Tiere in den Schlingen, mussten wir mehr rein und raus. Nachts schafften wir in Kolonnen die Beute raus, das Fleisch durfte ja nicht verderben.

Was haben Sie mit den Tieren in den Schlingen gemacht?

Wir töteten sie, wenn sie noch lebten. Dann weideten wir sie aus. Wir schnitten die Kadaver in Stücke und versuchten, das Fleisch innerhalb des Parks in Buschverstecken zu trocknen. Wir mussten schnell arbeiten, weil das Fleisch Hyänen anzog. Oder Geier, die am Himmel kreisten und so unsere Verstecke verraten konnten.

Wann haben Sie gearbeitet — am Tag, in der Nacht?

Niemand sollte etwas bemerken. Auch die Nachbarn und Dorfbewohner nicht. Wir schlichen nachts in den Park. Die Schlingen legten wir bei Vollmond oder im Taschenlampenlicht an Flussläufen, Wildwechseln oder Schattenbäumen. Wir lösten gefangene Tiere aus den Drahtschlingen und verschwanden tagsüber in unsere Verstecke. Wir präparierten das Fleisch und legten es wo möglich zum Trocknen aus. Wir assen zum Fleisch den mitgebrachten Ugali, tranken Wasser und schliefen bis zum Einbruch der Nacht.

Wie haben Sie die schweren Kadaverteile aus dem Park geschafft?

Das Fleisch schleppten wir auf den Schultern. Ein Mann vorne, einer hinten und dazwischen ein Ast oder ein dünner Stamm, an dem die Brocken hingen. Gingen viele Tiere in die Fallen, benutzten wir für den Transport auch Esel.

Welche Wildtiere geraten am häufigsten in die Schlingen?

Das kommt auf die Saison an. Während der Migration mit ihren Regen vor allem Gnus und Zebras. Während der Trockenheit auch alle anderen. Büffel fingen wir mit besonders dickem Draht. Oder Giraffen, für die wir in den Baumkronen Drahtschlaufen befestigten. Eine begehrte Beute für den Markt waren Zebras.

Und Leoparden, Löwen oder Geparde?

Wir fingen auch Löwen. Für diese gibt es ebenfalls einen Markt. Die traditionelle Medizin verwendet für Behandlungen gerne Löwenfett. Die Heiler zahlen hervorragende Preise für Löwenteile. Wir waren immer glücklich, wenn wir einen Löwen hatten.

«Ich musste meine Familie ernähren»:  Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

«Ich musste meine Familie ernähren»: Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

Wie haben Sie sie getötet, wenn sie in der Schlingenfalle noch lebten?

Mit Bogen und Giftpfeil.

Keine Gewehre?

Nein, wir achteten auf eine leise Jagd. Wir jagten ja auch in nächster Nähe zu den Lodges und Rangerposten. Ein Gewehrschuss ist viel zu laut. Giftpfeile, Lanzen oder Buschmesser töten leise. Noch lebende Büffel, Flusspferde oder Grossantilopen erledigten wir mit Speeren.

Was haben Sie daheim mit dem Fleisch gemacht?

Wir hatten nie Probleme, die Beute los zu werden. Unsere Kunden warteten ja, und wir brachten unser Fleisch rasch an den Mann. Aber nie alles, denn ein Teil fiel immer für unsere Familien ab.

Wer kaufte?

Wir verkauften an Kunden, die teils aus weit entfernten Gemeinden anreisten. Die hatten Kontakte zu verschiedenen Wilderergruppen. Mit dem Mobiltelefon ist das heute kein Problem mehr. Wir telefonierten ihnen oder schickten eine SMS-Meldung mit Angaben zu Beute und Treffpunkt. Aus den Städten kamen die Käufer per Auto. Aus den benachbarten Gemeinden mit Eseln oder Motorrädern. Früher brauchten sie Fahrräder.

Wie lange machten Sie diesen Job?

Ich war zehn Jahre lang Berufswilderer.

Alle Achtung!

Ronald Mochomba wirkt sympathisch, seine Antworten sind überlegt und ausführlich. Die Uniform steht ihm gut, sie ist ein krasser Gegensatz zu den zerrissenen Lumpen, die er als Wildfrevler trug. Ein Mann, der aus Not wilderte und so gar nicht ins dominierende Bild des schwer bewaffneten Tierkillers passt, der schnell schiesst und schnell reich werden möchte. Eric Winberg sagt: «Es ist ausserordentlich lehrreich mit diesen Jungs im Busch zu sein. Sie haben ein riesiges Wissen und unglaubliche Augen. Sie sehen Tiere und Schlingen in der Ferne, die wir nie sehen, selbst mit einem Fernglas nicht.»

Ronald, wurden Sie je verhaftet?

Ja, einmal. Wir mussten vielen Rangerpatrouillen ausweichen. Wir wussten genau, wo die Wildhüter durchkamen. Wir versteckten uns im Gras, in Senken, hinter Büschen, Felsen, Bäumen, was auch immer.

Wie kam es zur Verhaftung?

Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir während der Migration mit Fleisch beladen den Park verlassen wollten. Das war 1995. Plötzlich waren wir von Rangern umzingelt. Ich zahlte dem Gericht eine Strafe, deshalb musste ich nicht ins Gefängnis.

Ronald, Sie sind heute Schlingenspezialist und Ranger-Helfer. Warum dieser Seitenwechsel?

Ich wilderte, weil ich Geld für unseren Lebensunterhalt benötigte. Das war der Hauptgrund. Wir mussten von etwas leben. Eines Tages kamen Ranger der Nationalparkbehörde Tanapa und Leute der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ins Dorf. (Red: Dies im Rahmen des Cocoba Outreach Programms, das u.a. die umliegenden Gemeinden der Serengeti an den Einnahmen des Nationalparks teilhaben lässt.) Es gab ein Treffen. Man versprach uns Geld, damit wir ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Im Gegenzug mussten wir für den Kredit einen Vertrag unterschreiben. Und wir mussten versprechen, die Wilderei aufzugeben ...

… Sie versprachen wirklich, das Jagen abzubrechen?

Ja, wir vier aus unserer Wilderergruppe unterzeichneten alle das Abkommen. Es wurde von Leuten im Dorf überwacht. Wir arbeiten heute vor allem als Bauern und Handwerker. Einer wurde gar Lehrer. So schaffte auch ich den Ausstieg, ich musste nicht mehr in den Busch, konnte meine Familie ernähren und musste keine Angst mehr haben, gefasst zu werden.

Und warum sitzen Sie heute hier, im Hauptquartier der Serengeti-Ranger?

Im April 2017 wurden wir von Cocoba für das Programm «Schlingenfreie Serengeti» rekrutiert. Man unterstellte uns zwei alt gedienten Rangern, um von nun an Schlingenfallen zu finden. Wir kennen ja das Gebiet, kennen alle Tricks der Wilderei. Wir können nun unsere Erfahrungen weitergeben, ohne unsere Geschäfte daheim aufgeben zu müssen. Im Gegenzug erhalten wir Schlingenspezialisten einen zusätzlichen Lohn.

Ist die Serengeti also demnächst schlingenfrei?

Wir müssen das Entfernen der Schlingenfallen verstärken, um den Park richtig zu schützen. Wir brauchen auch mehr ehemalige Wilderer in der Truppe. Das ist durchaus möglich, weil die Leute eine Chance erhalten, ihren verbotenen Beruf mit einer legalen Arbeit zu tauschen.

Kann man denn um den Park ohne Wilderei überleben?

Wir sind nicht in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Aber wir können sie stark reduzieren. Es ist ja so, dass Bushmeat viel billiger ist als jenes unserer Kühe oder Ziegen. Steigen auf dem Markt die Preise, wird alles noch teurer.

Haben Sie eine Familie?

Ich habe eine Frau und sechs Kinder.

Und was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie mit der Wilderei aufgehört haben?

Sie ist glücklich. Ich muss nicht mehr in den Busch, aus dem ich manchmal fast nackt und mit gar nichts mehr heimkam, weil wir von Rangern entdeckt wurden und Hals über Kopf alles zurück lassen mussten — Nahrung, Kleider, Geschirr und Waffen. Heute komme ich sauber heim und ich bringe immer etwas mit – Geld, Nahrung, Kleider, Medikamente. Wir haben genügend zu essen, ein regelmässiges Einkommen, die Kinder können zur Schule und niemand hat mehr Angst, dass die Ranger ins Dorf kommen, um uns festzunehmen. Ja, unser Leben ist sicherer geworden – und einfacher.

Ronald Mochomba, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.

Titelbild: Roland Mochomba 2018 | © Fotos by Ruedi Suter

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«Darum wildere ich Tiere» - Viele Gründe führen zur Ausrottung der afrikanischen Tierwelt

Weisser Rassismus: «Schwarze sind faule Kerle»

Ruedi R. Suter

Es waren in ihrer Klarheit Aufsehen erregende Feststellungen, welche David und Lilian Rechsteiner 2008 in einem Interview machten. Sie blickten zurück auf 50 Jahre Arbeit in Afrika und schilderten die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiss.

Diese sind teils bis heute geprägt von anhaltendem Rassismus der Weissen gegen die AfrikanerInnen, von Ausbeutung und kaum zu überbrückenden Mentalitätsunterschieden. Die Faszination der afrikanischen Natur mit ihren Menschen und Wildtieren liessen jedoch das Ehepaar dem Land die Treue halten – Erinnerungen an ein Stück erlebte Afrika-Geschichte.

Von Ruedi Suter – FSS

David Rechsteiner galt in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf. Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in andauernder Teamarbeit mit seiner Schweizer Gattin Lilian (77), die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah. Dem Paar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

David und Lilian Rechsteiner pendelten zwischen Tansania und dem Zürcher Oberland. Bei Bubikon bewirtschaftete das Ehepaar einen kleinen Bauernhof mit einer Apfelpflanzung. Dort protokollierten wir 2008 einige Erinnerungen und Erkenntnisse der Afrika-Schweizer, die wir heute nochmal in Erinnerung rufen.
 
David Rechsteiner: Es war René Gardi, der Schweizer Reiseschriftsteller, der mich für Afrika Feuer fangen liess. Als junger Mann sah ich einen seiner spannenden Dia-Vorträge – und da war mir sofort klar: Ich will nach Afrika. Als ich Anfang 1957 in Tansania ankam, musste ich in Arusha zuerst einen Monat im Managerhaus der grossen Burka-Kaffeefarm leben. Und zwar bei Hans Bucher, dem Schweizer Direktor, und seiner Frau

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere |  © Foto by R.Suter

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere | © Foto by R.Suter

Während die Farmarbeiter zum Frühstück etwas Tee erhielten, gab es hier immer nur das Beste: Speck und Ei, Brot, Fisch, Butter und Konfitüre, Kaffee, Tee – was du auch immer wolltest. Während wir assen, stand neben der Türe ein Afrikaner in Livree mit weissen Handschuhen. Auf dem Kopf hatte er einen Fez. Sobald Frau Bucher mit ihrem Glöckchen klingelte, kam er angerannt, um uns zu bedienen. Ich erlebte zum ersten Mal, wie man in Afrika als kleiner Schweizer plötzlich zum König wurde.

Die Mentalität der Weissen gegenüber den Afrikanern war anders. Man fragte sich nicht: Was können die Schwarzen? Die Weissen fühlten sich ihnen überall überlegen. Die Weissen waren immer im Recht – und sie hatten immer Recht. 

Diese Mentalität hat sich unterdessen ein wenig geändert. Wir kennen auch Weisse – Missionare, Entwicklungshelfer, Leute von Nichtregierungs-Organisationen – die sich aufopfern, die helfen und dabei von Afrikanern manchmal auch ausgenutzt werden. Doch die alte koloniale Mentalität ist immer noch weit verbreitet. Diese Leute denken immer noch, die Schwarzen seien faule Kerle, Taugenichtse und Säufer. Ich schätze, 70 Prozent der in Afrika lebenden Europäer denken insgeheim immer noch so. Bei denen hat sich die Haltung gegenüber den Schwarzen nicht geändert. Wir kennen auch in Tansania lebende Schweizer, die das heute noch klar aussprechen: Die "Neger" sind faule Kerle, sie lügen, sie stehlen.

Lilian Rechsteiner: Es gibt unter den Weissen natürlich auch das andere Extrem: Leute, die missionieren oder viel Gutes tun wollen. Und Leute, die überall Hilfe leisten, welche aber missverstanden wird und zum Schluss dann auch wieder nichts nützt. Ich glaube, nur der goldene Mittelweg ist Hilfe zur Selbsthilfe.

David: Ich muss vielleicht etwas vorgreifen. Als ich damals mit Lilian zusammen unsere Valhalla-Farm in Usa-River bewirtschaftete  und einen Gemüsegarten unterhielt, da kam einmal ein weisser Farmer zu mir und sagte: Ich glaube, du bist der einzige Weisse in ganz Tansania, der eine Hacke in die Finger nimmt. Ich habe noch nie einen Weissen gesehen, der eine Hacke in die Hand nimmt!  

Als ich 1957 auf der Burka mit einem Vier-Jahresvertrag anfing, merkte ich im Laufe der Zeit, dass den afrikanischen Farmarbeitern von den Schweizer Vorgesetzten Vorgaben gemacht wurden, die die Afrikaner gar nicht einhalten konnten. Diese Vorgaben waren schlichtweg nicht erfüllbar! Aber ich war ja neu, und ich wollte das für mich bewiesen haben. Ich war gesund, robust, gut genährt und ich habe in der Schweiz gebauert.  So habe ich auf der Burka einmal an einem Tag, als niemand mehr sonst auf dem Feld war, eine Hacke genommen, um selber zu erfahren, was eigentlich machbar war.

Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben.
— Zitat von Schweizern in Ostafrika

Nach fünf Stunden Hacken und Schwitzen war mir klar, was da geleistet wurde. Obwohl ich nur ein kleiner Fritze war, ging ich zum Chef und sagte: Herr Bucher, was da von den Schwarzen verlangt wird, das ist schlicht nicht erfüllbar. Doch der antwortete nur: Wenn die faulen Kerle nicht wollen, dann sollen sie halt in den Busch zurück! Es gab damals Leute in Arusha, die nur in die Dörfer gingen, um frische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Diese wurden dann mit Lastwagen herangekarrt, und zwar auch in die Camps der Burka-Plantage mit den dicht nebeneinander gebauten Hütten, wo jeweils zehn Menschen leben mussten. Auch das begriff ich nicht, und ich fragte Herrn Bucher: Sie, warum bekommen diese Arbeiter nicht mehr Platz? Es gibt doch hier genügend Raum. 

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 | © Foto by Ruedi Suter


Bucher sah mich nur komisch an und sagte: Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben! Irgendwann merkte ich auch, dass einige Afrikaner, die am Morgen bestenfalls nur einen Tee ohne Zucker tranken und ohne Morgenessen bis zum Mittag durcharbeiteten und dann fast zusammenbrachen, dieses Pensum so gar nicht erfüllen konnten, weil sie zuwenig Essen hatten. Trotzdem sagten die Weissen: Du bekommst diesen Taglohn nicht, diese 30 oder 50 Rappen, du musst dein Soll am nächsten Tag fertig erfüllen. 

Es war ja so: Die Afrikaner arbeiteten für einen Monatslohn. Dafür mussten sie pro Tag ein gewisses Pensum abarbeiten. Wir hatten ja damals keine chemische Unkrautbekämpfung, man machte alles von Hand. Jeder Arbeiter erhielt eine Monatskarte, die am Ende des Tages vom Office abgestempelt wurde. Anhand der Stempel wurde der Lohn bemessen. Wer aber das ganze Tagespensum nicht erfüllte, bekam auch keinen Stempel. Mich erschütterte, dass wenn die Leute aus Erschöpfung nicht mehr arbeiten konnten, sie ihren ganzen Tagesanteil verloren.

Man soff lieber und vergnügte sich mit Frauen.

Als ich bei der Burka begann, betrug der Monatslohn der Schwarzen 28 Schillinge, also vielleicht einen halben Franken. Dazu gab es noch wöchentliche Essrationen. Am Samstagmorgen bekam jeder zwei Kübelchen gemahlenen Mais, je ein Kübelchen Erdnüsse und Bohnen und ein Glas voll Öl. Das war alles, und das reichte nicht für die schwere Arbeit. Für mich waren diese Dinge himmeltraurig und das Schwierigste. Ich erlebte da einen Kolonialismus bis zum Geht-nicht-mehr.

Ich begriff bald, dass ich auf der Burka ganz andere Interessen hatte als die meisten übrigen Europäer. Da waren acht Europäer, die über das Land rein gar nichts wussten. Für sie waren das Clubleben und die Partys am Wochenende das Wichtigste, also der Jubel und Trubel. Wildtiere interessierten sie nicht, man soff lieber, man vergnügte sich mit Frauen und man pennte.

Ich fragte eines Tages meinen Chef, Burka-Direktor Hans Bucher, wie es denn in der Serengeti (Nationalpark, Red.)sei. Er sagte mir: Ja, die ist dort hinten irgendwo. Er wusste nicht einmal, wo sie lag. Und er war auch noch nie dort. Aber er hatte ein Foto, auf dem er mit einem erlegten Nashorn posierte. Seinen Fuss hatte er stolz auf den Schädel des toten Tieres gesetzt, das beim Manyara von ihm abgeschossen worden war.

Dies war bei den Farmern damals gang und gäbe: Du musstest so ein Foto haben, mit einem breiten Hut auf dem Kürbis (Kopf), das Gewehr in der Hand und wenn möglich einen erlegten Büffel oder ein anderes totgeschossenes Exemplar der Big Five (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel) unter dem Stiefel. Wer ein solches Bild an der Wand hatte, der galt gleich als toller Hecht und etwas Besseres.  Solche Dinge haben mich schon sehr angewidert, und ich dachte manchmal: Du stehst völlig neben den Schuhen in dieser Gesellschaft. Es gab Weisse, die waren jahrelang in Tansania, ohne je einmal in einem Nationalpark herumgereist zu sein!

Die Arbeit auf der Farm machte mir Spass, aber ich wollte auch etwas vom Land und seinen Leuten und Tieren sehen. Ich erkundigte mich, wie ich denn das Land kennen lernen könne. Man sagte mir: Du kannst Dir von der Burka einen Wagen mieten, damals kostete das 70 Cents pro Meile. Also mietete ich einen Wagen, kaufte etwas Essen und fuhr an meinen ersten Freitagen los. Bevor Lilian, meine zukünftige Gemahlin nach Tansania kam, fuhr ich zuerst immer mausallein in die Wildnis. Diese musste ich aber zuerst kennen lernen. Ich wollte überall hin, kreuz und quer, ich ging aber noch viel mehr zu Fuss und langsam bekam ich das Gefühl für den Busch.

Die Europäer schossen wahllos auf alles.

Wir hatten auf der Burka einen englischen Mechaniker, der eine Schweizerin zur Frau hatte. Er erzählte über die Jagd in einem Gebiet, wo die englische Regierung den Weissen fruchtbares Farmland zur Verfügung gestellt hatte. Man erklärte damals einfach über die Köpfe der Afrikaner hinweg: Das ist jetzt euer Land, hier könnt ihr eure Farmen aufbauen.

Der Mechaniker erzählte mir Folgendes über die Jagdmethoden damals: Die Weissen fuhren mit zwei Land-Rovern voraus. In jedem Wagen sassen zwei bis drei Europäer und schossen wahllos auf alles, was auftauchte: Strausse, Gnus, Elen-Antilopen, Büffel – einfach auf alles. Dort, wo die Tiere tot zusammenbrachen, steckten sie neben den Kadavern eine kleine Fahnenstange ein für den nachfolgenden Lastwagen, der die Beute einsammelte. Das war das Sonntagsvergnügen dieser Freizeitjäger. Das meiste Fleisch wurde dann unter den angestellten Afrikanern verteilt – als ein Teil ihres Lohnes.

Einmal besuchte ich eine Farm in der Nähe des Manyarasees. Ihr Gebiet war ebenfalls von der englischen Regierung dem Farmer zugeteilt worden. Von diesem wurde ich zum Mittagessen eingeladen. Während wir assen, kam plötzlich ein Kuhhirte und sagte meinem weissen Gastgeber: Bwana, da ist ein Löwe bei den Kühen! Der Farmer sprang auf, holte sein Gewehr und rannte zu seinem Wagen. Als er zurückkam, meinte er nur: Es war leider kein Löwe, ich habe einen Gepard geschossen. So ging das zu! Im Farmhaus drin war der Boden mit Fellen bedeckt. Ich dachte zuerst, das seien alles Kuhfelle. Aber es waren Löwenfelle! Kurzum: Der Weisse konnte damals machen, was er wollte. Und er hat auch gemacht, was er wollte. Das hat sich unterdessen Gott sei Dank etwas geändert.

Lilian Rechsteiner:
Einmal war ich mit David in der Massai-Steppe zwischen Arusha und dem Tarangire unterwegs. Das Gras war grün und frisch, und überall sahen wir Zebras. Plötzlich stiessen wir auf diese Wagen mit Sonntagsjägern. David gab sofort Gas und fuhr zwischen die Tiere und die Wagen, damit die Zebras flüchten und die Jäger nicht schiessen konnten. (Lacht) Ja, da war David noch richtig radikal!

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger |  © Foto by Ruedi Suter

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger | © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner: Ich fragte einmal Burka-Chef Hans Bucher um einen unbezahlten Urlaub. Die Antwort hiess: Wir stellen nicht Europäer an, damit die hier Ferien machen! Das war gerade in der Übergangszeit, als die Burka von Schweizern, der Familie Bruderer, aufgekauft wurde. Als wir keine Ferien erhielten, entschlossen wir uns, von der Burka Abschied zu nehmen. Wir kauften uns eine kleine Farm am Kilimanjaro, die uns ja später weggenommen und verstaatlicht wurde. Herr Bruderer, der neue Besitzer, suchte uns einmal auf und fragte, weshalb wir die Burka verlassen hätten? Niemand habe ihn informiert. Er wolle, dass wir zurückkommen.

Aber wir hatten uns entschieden. Wir sagten ihm:  Wenn Not an Mann ist, melden Sie sich doch bei uns. Ein paar Jahre später war die Burka so heruntergewirtschaftet, dass uns Herr Bruderer kontaktierte. Es war gerade die Zeit, nachdem man unsere Farm am Kilimanjaro verstaatlicht hatte und wir uns mit Tourismus über Wasser halten mussten.

Ich stellte meine Bedingungen. Die Wichtigste war für mich, dass Herr Bucher die Burka verliess. Herr Bruderer ging auf alle Forderungen ein und wir kehrten auf die Burka zurück. Die Buchers gingen dann nach Südafrika, wo sie eine kleine Farm kaufen konnten. Hans Bucher starb dann ziemlich bald, und seine Frau kam nach etwa zehn Jahren wieder nach Tansania. Sie war völlig verblüfft, dass Tansania nach seiner Unabhängigkeit nicht im Chaos versunken war. Die Buchers hatten, wie viele Kolonialisten, immer das Gefühl, ohne Weisse gehe alles kaputt.

Wer als Weisser für die Afrikaner Partei ergriff, war ein Verräter.

Wenn man damals miteinander sprach, hatte man im Zusammenhang mit den Afrikanern vor allem eine Meinung: Die Kaffern sind nichts wert! Es war Mode, so zu reden. Und kaum jemand hätte sich dagegen gestellt und gesagt: Die sind doch gar nicht so! Wer für die Afrikaner Partei ergriff, wurde behandelt als sei er ein Verräter oder als einer, der von Afrika keine Ahnung hatte.

Oder man erklärte ihn zum Aussenseiter. Wie uns. Wir waren immer Aussenseiter! Wir führten auch ein ganz anderes Leben. Wir hatten keine Parties und all das gesellschaftliche Zeugs, wir hatten den Busch. Der war für uns das Schönste, was wir uns vorstellen konnten. Wir waren mit unseren Goofen (Kindern) schon im Tarangire, als andere Eltern ihre Ein- und Zweijährigen im Kinderwagen durch Arusha stossen liessen. 

Lilian Rechsteiner: Wir haben unsere Kinder einfach mitgeschleift (mitgenommen). Auch zu Hause lebten wir anders. Wir schenkten unseren Angestellten unser Vertrauen und schlossen nichts ab. Denn normalerweise liefen die weissen Frauen mit grossen Schlüsselbunden herum und schlossen alles ab, was nicht niet- und nagelfest war. Für sie war klar: Schwarze klauen alles, vom Zucker über Werkzeuge bis zum Geld – alles. Ich aber dachte für mich: Ich würde wohl auch klauen, wenn man mir dauernd misstraut und vor meiner Nase immer alles auf- und abschliessen würde. 

David Rechsteiner: Die Mentalität der Schwarzen und Weissen unterscheidet sich, das ist ganz klar. Die Afrikaner sind zum Teil völlig anders als wir. Vielleicht, weil sie anders erzogen wurden, in einer anderen Umgebung aufwuchsen, in einem härteren Klima leben, es gibt da bestimmt verschiedene Gründe. Und dann hat sicher auch vieles mit den Finanzen zu tun. Ich gebe ein Beispiel. Nehmen wir einmal an, der Tarangire-Nationalpark bekommt von einer Organisation einen Geländewagen gespendet. Ein tansanischer Ranger soll ihn lenken. Der Fahrer, nennen wir ihn Julius, erhält also den Wagen mit der Bitte: Trag Sorge zum Auto, fahr vorsichtig und prüfe regelmässig den Ölstand – so, dass uns der Wagen lange erhalten bleibt. 

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen |  © Foto by Ruedi Suter

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen | © Foto by Ruedi Suter

Wenig später kommt aber der Kollege des Julius. Dieser sagt: Du, Bruder, an meinem Wagen funktioniert die Benzinpumpe nicht mehr richtig. Könnten wir diese nicht gegen deine neue umtauschen? Julius antwortet: Ja, Herrgott, das ist schwierig, ich kann doch nicht einfach ... Der Kollege beruhigt ihn aber und Julius lenkt schliesslich ein: Ok, gib mir 100 Dollar und du kannst die neue Pumpe haben. Aber du hältst den Mund!

So wird die alte Pumpe gegen die neue ausgetauscht, die gut an die 2000 Dollar kostet. Das sind Dinge, die häufig passieren in Afrika. Warum? Das frage ich mich oft. Weil viele Leute bitterarm sind und denken, ich komme sowieso nie auf einen grünen Zweig? Oder weil die Weissen oder die Oberen als skrupellose Ausbeuter empfunden werden? Ich kann ein solches Verhalten, das ja auch nicht alle haben, nicht nachvollziehen. Da habe ich meine Mühe damit. Natürlich darf man so etwas nicht einfach verallgemeinern. Aber in vielen Bereichen läuft es genau so ab.

Die Afrikaner und Afrikanerinnen sehen doch, wie wir prassen und protzen!

Natürlich sind die Einkommensunterschiede zwischen Europäern und Afrikanern in der Regel riesig. Nehmen wir an, ein Afrikaner verdiene im Monat rund 1000 Dollar. Doch ein Toyota Landcruiser, den man immer öfters sieht in Tansania, kann man mit 1000 Dollar Salär nicht kaufen. Und trotzdem will der Angestellte ebenfalls einen Geländewagen, weil ihm vielleicht sein Kleinwagen, wenn er überhaupt einen hat, zu mickerig erscheint. Da denkt er sich: Wenn ich etwas drehe, komme ich auch zu einem Landcruiser. Die meisten wollen ja ebenfalls so leben wie wir Weisse. Denn wir sind das Vorbild.

Er sieht doch, in was für Villen wir leben! Er weiss, dass wir uns Fernseher, Radio und Reisen leisten können und mit was für tollen Wagen wir in seinem Land herumfahren. Und er sieht auch, wie wir protzen und prassen. Wenn im Restaurant der Kellner oder das Serviermädchen am nächsten Tag die Flaschen abräumen muss und sieht, was da getrunken und gegessen wurde!

Und wenn sie sich ausrechnen, was das alles gekostet hat – nun, ich glaube, da würden vielleicht auch wir sagen: So möchte ich auch leben können! Eine ganz natürliche Überlegung, die ich gut nachvollziehen kann. Dem gegenüber stehen allerdings jene afrikanischen Männer und Frauen, die sich sagen: Ich habe ja einen rechten Lohn, mir geht es soweit recht, und weiter hinauf komme ich sowieso nicht, ich finde mich mit meiner Situation ab.

Als wohlhabender Arbeitgeber, egal ob ich Europäer, Asiate oder Afrikaner bin, kann ich nur etwas machen: die Angestellten fair behandeln und anständige Löhne zahlen. Natürlich besteht die Gefahr, dass manche immer noch mehr wollen, aber das ist bei uns ja auch nicht anders. Insgesamt aber ist die Situation sehr komplex.

Denn einerseits besuchen hier die Afrikaner die Schule, man sagt ihnen: Zwei und zwei ist vier, lerne etwas, dann wirst du auch etwas. Und dann kommen die jungen Leute aus der Schule – und finden keine Arbeit. Dann können sie auch nichts verdienen. Finden sie aber trotzdem einen Job, verdienen sie zuwenig für das, was sie sich erhofft haben. Sie wollen ja auch da oben schwimmen, wie wir, und auf der Strasse nicht den Staub der Europäerwagen schlucken müssen."

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt.

Wir empfinden dies als Tragödie. Auf der einen Seite fördern wir die Afrikaner, dass sie die Schule besuchen und motivieren sie, einen Beruf zu erlernen. Auf der anderen Seite haben sie aber keine Möglichkeit, einen Beruf ausüben zu können. Man gibt ihnen eine Chance, und dann, nach der Schule, ist fertig – keineBüetz(Arbeit). Ja, wohin steuert Afrika? Ich weiss es auch nicht.

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt. Ein Stück Land können die meisten nicht mehr bezahlen. Wenn man hört, was für Preise jetzt auch hier für Land bezahlt werden – das kann sich der normale Afrikaner nicht mehr leisten. Früher konnte er sich noch ausrechnen: Ich habe drei Kühe, ich verkaufe eine und mit dem Erlös kann sich mein Sohn ein Stückchen Land kaufen. Das ist nicht mehr möglich, und schon gar nicht in den fruchtbaren Gebieten. Die Preise sind zu hoch, das Land ist zu knapp, weil die Bevölkerung wächst und immer mehr ausländisches Kapital ins Land kommt. Die Preise werden von den Ausländern hochgetrieben.

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Ein Beispiel: Wir hatten lange Zeit einen Arbeiter. Er hiess Husseini und arbeitete bei uns auf der Valhalla in Usa River bei Arusha. Das war noch zu der Zeit, als die Farm viel Umschwung hatte. Während der Verstaatlichungsaktion der Regierung entschlossen wir uns, alles bis auf 20 Hektar abzugeben. Denn Präsident Julius Nyerere hatte erklärt: Jeder, der mehr als 20 Hektar hat, ist ein Grossgrundbesitzer und läuft Gefahr, dass ihm das Land weggenommen wird. Also schrieben wir: Liebe Regierung, wir wollen mit der Landwirtschaft aufhören und unsere Farm auf 19 Hektar verkleinern. Und das taten wir dann auch.

Das übrige Land schenkten wir unseren Angestellten. Jeder konnte abstecken, was er wollte, und den Rest übernahm die Regierung. Husseini nahm etwa 10 Hektar.  Als er später starb, kam eines Tages seine Frau und sagte uns: Ich zahle euch die Schulden zurück. Ich sagte: Donnerwetter, was ist denn jetzt passiert? Sie erklärte uns, sie habe Land verkauft. Ein Grieche, der ihr Land unbedingt haben wollte, hatte ihr das Zehnfache des aktuellen Preises bezahlt. Von da an ist in unserer Gegend der Preis nur noch hochgegangen. Das Beispiel machte Schule, was ja verständlich ist. Niemand mehr wollte sein Land billig hergeben.

So schlecht sind die Alten gar nicht.

Lilian Rechsteiner: Das Land hier am Fuss des Mount Meru ist sehr begehrt. Bis zur Nationalparkgrenze wurden alle diese Plots (Parzellen) vor allem an Europäer verkauft. An Deutsche, Schweizer, Griechen, kurzum, an Leute aus allen Nationen, die das Land besiedelten.

David Rechsteiner: Ein Missionar hatte uns einmal gesagt: Was sind schon 10’000 Dollar für eine Ecke Land? Darauf kann ich mir doch ein Häuschen stellen und gut darauf leben! Wir fragen uns: Wie soll ein Afrikaner, der im Tag gerade einmal zwei Dollar verdient, je zu 10'000 Dollar kommen? An diesen Zuständen sind wir aber auch beteiligt. Wir sind ein Teil dieser Entwicklung. Das einzige, was wir versuchen können, ist unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen so weit wie möglich entgegen zu kommen, grosszügig zu sein und sie zu schätzen. Ich denke mir: Wenn meine Leute ihre Arbeit gut machen, dann arbeiten sie auch gut, wenn der Alte einmal nicht da ist. Und dies, so glaube ich, zahlt sich aus. Es kann doch nicht sein, dass wir so häufig in der Schweiz sind, und auf unseren beiden Farmen in Tansania läuft während unserer Abwesenheit alles recht. Es wird gut gearbeitet und praktisch nichts geklaut. Das ist nur so, weil wir einigermassen gerecht sind.

Lilian Rechsteiner: Und die Leute auch einbeziehen bei unseren Entscheiden ...

David Rechsteiner: Ja, und das ist aus meiner Sicht auch der einzige Weg: Vertrauen schenken. Ich rede viel mit den Leuten und erfahre so einiges über ihre Probleme und ihr Denken. Einmal habe ich auch die vielen Diebstähle auf den Farmen und in den Geschäften angesprochen. Ich fragte: Sagt mir, warum passiert das? Sie erklärten uns: Euch wird nichts gestohlen, weil ihr anders seid. Das war ihre Aussage. Das ist vielleicht nur, weil unsere Angestellten das Gefühl haben: So schlecht sind die Alten gar nicht, es gibt Schlimmeres, uns geht es vergleichsweise etwas besser.

Lilian Rechsteiner: Ich glaube auch, dass man mehr verlangen kann, wenn man die gleiche Arbeit selber auch schon gemacht hat und mitarbeitet. Das fördert doch den Respekt, und sie sehen, du selbst kannst es auch. Das macht wahnsinnig viel aus, wenn sie merken, dass du dich auskennst und ebenfalls eine Hacke in die Finger nehmen kannst. Oder wenn David mit der Burka-Fussballmannschaft ins Stadium von Arusha ging und dort gegen die anderen Firmenteams spielte. Er war der einzige Weisse auf dem Feld. Und auf der Tribune sass, ausser mir, noch ein alter Engländer zwischen den Afrikanern und Afrikanerinnen.

Es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel.

David Rechsteiner: Wenn man den Zeitungen glaubt, heisst die Tendenz in Afrika: Raus mit den Weissen! Wir haben es erlebt in Tansania, von einem Tag auf den anderen haben wir in den siebzigerr Jahren unsere Farm verloren. Es würde mich nicht wundern, wenn so etwas wieder passiert. Es ist ihr Land! Das müssen wir ganz klar sehen. Wir Weisse und Asiaten und einige wenige Afrikaner sind die Grossgrundbesitzer, wir haben das fruchtbare Land! Und der kleine Mann hier kann sich kein gutes Land mehr kaufen, weil ihm das Geld fehlt.

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Er kann es nicht mehr! Ich sehe das so: Solange der Weisse anständig ist, politisch und privat keine Schwierigkeiten macht, viele Leute anstellt, die einen anständigen Zapfen (Lohn) bekommen, sind wir hier noch geduldet. Ich rede aber nur von Tansania, denn in den anderen Ländern Afrikas sieht alles wieder anders aus. Jedenfalls sagte ich auch schon zu unseren beiden Söhnen Alex und Dani: Ihr müsst immer damit rechnen, dass ihr eines Tages gehen müsst und hier alles verliert.

Lilian Rechsteiner: Wir sagen ihnen, ihr müsst euch nicht wundern, wenn unser Land einmal verstaatlicht wird, weil die Afrikaner ihr Land brauchen.

David Rechsteiner: Ja. Denn es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel (hergelaufene Ausländer, Red.).

LilianRechsteiner:Das Land gehört dem Staat.

DavidRechsteiner:Klar, und man muss die Situation vom kleinen Fritze aus beurteilen. Der Vater hat vielleicht sieben Söhne, die erhalten in Arusha keine Arbeit und wollen in die Landwirtschaft, haben aber kein Land und sehen die grosse Farm des weissen Nachbarn. Und dann könnten sie doch sagen: Siehst du, wenn ich dort ein Plätzchen hätte ... Woher denn sonst noch etwas Land bekommen? Die Regierung, die in den letzten Jahrzehnten auch für den Tourismus riesige Gebiete zu Schutzgebieten erklärte, wird nicht zurückkrebsen, weil diese laut Presseberichten immer mehr Devisen bringen. Ja, und was dann? Das Problem könnte mit einer neuen Verstaatlichungswelle gelöst werden, auch wenn diese nicht einmal mittelfristig das Problem der Bevölkerungszunahme und Landknappheit lösen könnte.

Es gibt sicher auch noch andere Szenarien. Wir sind nicht sehr viele Weisse in Tansania. Die Weissen haben in der Regel Know-how, sie stützen die Wirtschaft, bringen Devisen und so weiter. Vielleicht überlegt sich die Regierung auch: Wenn wir die Weissen rauswerfen, bricht hier einiges zusammen. Wie aber die Zukunft aussehen wird, das können wir, ehrlich gesagt, nicht sagen. Julius Nyerere, den wir persönlich kannten und schätzten, erklärte zu Beginn: Was die Weissen können, können wir auch. Seine Wirtschaftspolitik ist aber gescheitert. Vielleicht hat man gelernt, dass uns nur ein gutes Zusammenleben weiterbringt.

LilianRechsteiner:Unser afrikanischer Nachbar, der selber Farmen besitzt, lässt diese von Weissen führen.

David Rechsteiner:Ja, aber es gibt auch viele kleine afrikanische Farmer, die sagen klar: Das können wir viel besser ohne die Weissen. Wie sich Tansania entwickelt hat? Das kommt auf den Blickwinkel an. Ist das Glas halb voll? Oder ist es halb leer? Ich finde allgemein, Afrika wird aus weisser Sicht zu negativ beurteilt. Man sieht nur das, was nicht klappt. Wenn man hört, dass am Kilimanjaro ein paar Holzdiebe Edelholz fällten, dann heisst es gleich: Der ganze Kilimanjaro wird abgeholzt. Insgesamt meine ich, geben sich die Tansanier Mühe, ihre Natur zu erhalten. Den Schutz der Wildtiere und der Pflanzenwelt hierzulande würde ich positiv beurteilen. Natürlich wird auch schwer gefrevelt, wird abgeholzt und gewildert. Aber die Anstrengungen, das alles zu verhindern, sind doch bemerkenswert.

Die Wilderei wird von ganz oben gesteuert.

Wir haben den Niedergang mitbekommen, die Katastrophe mit der Wilderei der Nashörner, der Elefanten und aller anderen Tiere. In dieser Zeit wurde unsere Kaffeefarm verstaatlicht und wir waren gezwungen, uns mit Privatsafaris über Wasser zu halten. Wir gehörten zu den ersten, die so im bescheidenen Rahmen Touristen das Land zeigten. Auch so bekamen wir mit, wie die Nashörner abgeschlachtet wurden.

Wir merkten, dass diese Wilderei von oben gesteuert sein musste, vom Direktor der Nationalparks oder noch von weiter oben, von Regierungsstellen. Jedenfalls waren die Drahtzieher nicht die kleinen Leute. Im Ngorongoro-Krater sagten uns die Ranger, welche die Nashörner bewachten, sie müssten auf Befehl von oben nachts einen anderen Teil des Kraters bewachen. 

Genau in dieser Nacht wurden auf der Gegenseite Nashörner gewildert. Dort begannen wir zu stutzen. Wie konnte das sein, dass die Ranger Order vonoben erhielten, auf der rechten Kraterseite zu patrouillieren, worauf zwei Nashörner auf der linken Seite gewildert wurden? Da merkten wir, das Umbringen musste von oben gesteuert sein.

Lilian Rechsteiner: Wenn du mich fragst, wie ich die Zukunft dieses Landes sehe, versuche ich zu unterscheiden. Wenn du Arusha siehst, mit seinem Verkehrschaos und den vielen Menschen, die in den letzten Jahren hierher kamen, so ist das eine boomende Stadt, aber nicht das typische Tansania. Geh nur einmal nach Tanga, in die vor langer Zeit ebenfalls boomende Hafenstadt am Indischen Ozean. Tanga wirkt heute völlig verschlafen. Dagegen ist Arusha mit seinem Tohuwabohu geradezu ein Hexenkessel. Das hat mit dem Edelsteinhandel zu tun, mit dem wachsenden Tourismus, mit der UNO, die hier ihr Ruanda-Tribunal hat, und mit dem fruchtbaren Land am Fuss des Mount Meru.

David Rechsteiner: Ja, aber der so genannte Fortschritt, den wollen heute alle, auch in den ländlichen Gebieten. Da kannst du überall hingehen, überall will man einen Platz an der Sonne. Ich glaube, das schöne und ruhige Afrika ist vermutlich vorbei. Aber speziell hier – ich rede da weder vom Kongo noch von Westafrika –, speziell hier in Tansania, wo der Naturschutz Devisen bringt und ein zentrales Anliegen ist, kann sich die Regierung nicht leisten, alles aufzugeben.

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover |  © Foto by Ruedi Suter

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover | © Foto by Ruedi Suter

Obwohl man negative Nachrichten hört, wie die Herausgabe von Konzessionen an Araber und Amerikaner. Hingegen ist das, was wir hier mit dem Naturschutz bis heute erlebten, insgesamt sehr, sehr positiv. Davon bin ich absolut überzeugt. Natürlich wird es immer wieder Rückschläge geben. Die Menschen werden immer Bäume fällen, Holzkohle machen, Wildtiere umbringen und so weiter. Aber im Ganzen gesehen, kann wohl kein Minister mehr sagen: Die Ecke dieses Nationalparks trennen wir ab und machen Felder daraus. Ich glaube, das ist vorbei, das kann nicht mehr passieren.

Lilian Rechsteiner: Oder denke an das hügelige Gebiet hinter dem Mount Meru an der Strasse nach Nairobi, das war nicht mehr bewaldet. Dort werden heute überall Bäume angepflanzt, und man findet keinen Hof, wo keine jungen Bäume stehen. Das gab es früher nicht.

David Rechsteiner: Aber weisst du, immer wenn wir in den Tarangire-Nationalpark fahren und diese friedlich grasenden Elefanten sehen, inmitten einer wundervollen Natur, die Gott sei Dank noch einigermassen intakt ist, dann kommen wir froh und beglückt zurück. Was morgen ist, soll – wenn wir dann einmal im Grab liegen – nicht mehr unsere Sorge sein, sagt meine Gemahlin richtig. Aber im Augenblick können wir noch etwas dazu beitragen, dass in Tansania diese grossartige Natur mit ihren wundervollen Tieren erhalten bleibt. Allein das ist schon enorm viel wert! Und darum sind wir immer auch glücklich und dankbar.

Titelbild: David Rechsteiner, anfangs der neunziger Jahre in West-Tansania | © Foto by Ruedi Suter
Erstpublikationen dieses Textes: HABARI 3-2007 | www.OnlineReports.ch ( Februar 2008)


David und Lilian - unzertrennlich und engagiert

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam stets seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme greift. 

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte, genoss der am 31. März 2019 verstorbene Artenschützer trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt. Das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Zudem waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führten oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken liessen. Aber auch gedanklich war man unterwegs: David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

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