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Filtering by Tag: Wildtiere

Afrikas Zugvögel im Sperrfeuer Europas

Ruedi R. Suter

Fliegen Zugvögel von Europa nach Afrika oder zurück, erreichen viele ihr Ziel nie: Wilderer und Jäger schiessen sie zu Millionen vom Himmel.

So verlieren jedes Jahr weit über 50 Millionen Vögel ihr Leben. Hinzu kommen weitere Millionen, denen in Europa mit Fallen nachgestellt und allgemein die Lebensgrundlagen geraubt werden.

Die Forderung von Naturschützenden, wenigstens für gefährdete Vogelarten ein europaweites Jagdverbot durchzusetzen, verhallte bislang in den Weiten des Himmels. Dies nicht zuletzt auch zum Nachteil der afrikanischen Fauna.

Von Ruedi Suter - FSS

Es wird stiller und stiller – die Vogelgesänge erklingen immer seltener. Auch die Schwärme der Zugvögel nach Afrika nehmen ab. Es sind immer weniger. Die Vogelwelt ist gefährdet – sie ist am Verschwinden. Jede und jeder über Vierzigjährige mit Naturinteresse erfuhr den unaufhörlichen Rückgang.

Vor allem Büsche, Bäume und der Himmel wirken verwaist im Vergleich zu früher, die vielen Formationen grosser Zugvögel über unseren Köpfen werden heute als echte Sensation empfunden.

Der Mensch und seine Zivilisation mit ihren technischen Erleichterungen verunmöglichen gerade in Europa zusehends das Überleben der fliegenden Tiere – vom Insekt über die Fledermaus bis zum Vogel.

Bestätigt wird dies jetzt auch durch den Vogel-Expertenrat «European Bird Census Council (EBCC)». Ihm zufolge ist allein zwischen 1980 und 2016 die Zahl der Vögel um zirka 56 Prozent geschrumpft.


Vogeljagd Symbolbild |  © Foto    BirdLife Schweiz

Vogeljagd Symbolbild | © Foto BirdLife Schweiz

Schweiz: 40 Prozent der Vogelarten vor der Ausrottung

Die Schweiz, oft Sinnbild für «das Paradies», ist für Gefiederte zu einer Todesfalle verkommen. Denn auf der Roten Liste gefährdeter Vögel stehen in der Eidgenossenschaft dreimal mehr Arten als im weltweiten Vergleich: 40 Prozent der Vogelarten sind neuen Studien zufolge von der Ausrottung bedroht. Das betrifft zu einem guten Teil auch jene Zugvögel, die vor Einbruch des europäischen Winters der Wärme Afrikas entgegen fliegen.

Kaum vorstellbar sind in Europa all die Millionen von Gefiederten, welche alljährlich ihr Leben verlieren – durch vernichtende Angriffe auf ihre Lebensräume, durch den Zusammenprall mit Fahrzeugen wie Autos und Eisenbahnen, durch Glasfassaden, Stromleitungen, Windräder und Hauskatzen beispielsweise.

Angriffe auf die Insektenwelt

Aber auch durch die Intensiv-Landwirtschaft mit ihren heckenlosen und sumpffreien Flächen, Fettwiesen und Pestiziden, die zur Ausrottung der Insekten führen. Zahlreichen Vogelarten fehlen heute die Kerbtiere wie Mücken, Fliegen oder Käfer, die vor wenigen Jahrzehnten noch in Fülle unsere Wälder und Wiesen belebten.

«Innerhalb der kurzen Zeit von nur drei Jahrzehnten hat der Mensch in verschiedenen Gebieten die Insektenpopulationen um bis zu 75 Prozent dezimiert», warnt die Umweltschutzorganisation Pro Natura. 40 Prozent aller Insektenarten droht bereits das endgültige Verschwinden.

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris |  © Foto Ruedi Suter

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris | © Foto Ruedi Suter

Verstärkt wird die Massenvernichtung dieser wichtigen Vogelnahrung durch unzählige «naturverbundene» Gartenbesitzer. Sie pflegen ihre Gärten tot, mähen Teppichrasen, um ja nichts blühen zu lassen und pflegen Rosenstöcke, die kein Insekt nähren kann – die Kleinsttiere verhungern in der geschniegelten Grünöde.

Die Landschaft «verkommt zur Wüste»

Benoit Fontaine, Biologe am französischen Nationalen Museum für Naturgeschichte, bringt das Ignorieren der Bedürfnisse der Vögel, Amphibien und Insekten durch Landwirte (Bio-Bauern ausgenommen) auf den Punkt: «Unser ländlicher Raum verkommt zur Wüste!»

Der galoppierende Artenverlust in der Vogelwelt, so befürchten Forschende, werde durch die Klimaerwärmung noch massiv verstärkt.

Wird in Europa immer wieder in dramatischer Weise thematisiert, wie unerbittlich in Afrika die Wildtiere dezimiert werden, bleibt die Kritik am eigenen «Vernichtungsrausch» doch sehr verhalten.

Europas Jäger schiessen 53 Millionen Vögel ab

Wie viele Vögel jedes Jahr allein in Europa aufgrund menschlichen Einwirkens ihr Leben verlieren, versuchen vorab Vogelspezialisten und Umweltorganisationen mit zweistelligen Millionen zu beziffern. Die Schätzungen variieren, die Zahlen bilden eher Anhaltspunkte. Besonders bei den Gefiederten, die gewildert werden. So sollen «im Mittelmeerraum» allein 25 Millionen Wildvögel in Netzen, Fallen oder Käfigen umkommen. Hinzu kommt jedes Jahr mindestens das Doppelte an Jagdopfern.

Allein in der Jagdsaison 2014/15 sind in 24 EU-Staaten, der Schweiz und Norwegen «mindestens 53 Millionen» Wildvögel «legal» getötet worden. Die Zahl stammt vom Deutsche Rat für Vogelschutz. Und sie ist gut belegt, stützt sich doch seine Studie auf die offiziellen Jagdstatistiken.

Die meisten Opfer sind Zugvögel

Hinzu gezählt werden müssen Millionen weiterer Todesopfer in Ländern ohne auswertbare Daten: Grossbritanien, Irland, Niederlande und Griechenland. Plus alle jene Vögel, die im nicht erfassten Mittelmeerraum oder in Afrika selbst abgeschossen werden.

Ein Grossteil der in Europa umgebrachten Wildvögel sind, so die Studie, Zugvögel, die in etlichen Regionen bereits vor der Ausrottung stehen. In der Schweiz oder in Deutschland würden streng geschützte Kiebitze, Bekassinen, Feldlerchen oder Turteltauben auf ihrem Herbst-Zug ins Winterquartier «zu Hundertausenden in Frankreich und Südosteuropa» abgeschossen.

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht |  © Foto    Waldrapp-Team

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht | © Foto Waldrapp-Team

Tausende von Waldschnepfen und arktischen Gänsen verenden in den Schrotgarben deutscher, britischer, skandinavischer und osteuropäischer Jäger. Im Visier der Vogeljäger sind je nach europäischem Land auch Wachteln (total 1,6 Millionen) oder Singdrosseln (4,9 Mio.). Werde der Vogelwelt legal und illegal weiterhin so mörderisch zugesetzt, befürchten die Autoren, wäre das Zusammenbrechen der Bestände unvermeidlich.

Forderung: «Endlich Jagdverbote durchsetzen!»

Daraus folgert Heinz Schwarze, Vorsitzender des Komitees gegen den Vogelmord das: «Die Ergebnisse sind alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass die Jagd auf bestimmte Arten die Schutzbemühungen in anderen Ländern gefährdet oder sogar komplett zunichte macht.» Sein Komitees und der Deutsche Rat für Vogelschutz fordern deshalb vereint von der EU-Kommission, «endlich europaweite Jagdverbote für gefährdete Arten durchzusetzen.»

Das würde auch den Afrikanern und Afrikanerinnen entlang der Zugvogelrouten zu Gute kommen. Die Biodiversität ihrer Gegenden verlöre nicht so rasch die Vogelarten, welche heute auf ihrem Flug nach Afrika und zurück durch Europäer vom Himmel geschossen werden.

Vorwurf des grundlosen Tötens

In Afrika selbst wird über das Verhalten der Europäer oftmals der Kopf geschüttelt. So rang 2001 der togolesische Fernseh-Chefredaktor Joseph Adri D. Gnassengbe in der französischen Ardèche bei einer vom schweizerischen Umweltschützer Franz Weber organisierten Protestaktion gegen die Vogeljagd um eine Antwort.

Er fragte anwesende Jäger, weshalb in Europa die erlegten, jedoch nur selten verwerteten Vögel nicht alle auch gegessen würden? In Afrika, begründete der Journalist seine Frage, würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. Eine Antwort erhielt der Afrikaner keine.

Titelbild: Symbolbild Vogeljäger mit Beute | Screenshot. FSS

WEITERFÜHRENDE LINKS:
Frankreich: Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika
Interview mit Franz Weber über sein Lebenswerk: «Zorniger denn je!»
Millionen Singvögel sterben jedes Jahr bei der Olivenernte wegen Maschinen

FSS begeht 35. Geburtstag mit Wahlen und Warnungen

Ruedi R. Suter

Seine 35. Jahresversammlung hielt der Verein Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) am 27. April in Zürich ab. Neu in den Vorstand wurden Karin und Erich Tschannen gewählt.

Kassier Robert Bickel, der sich als Pensionär neuen Aufgaben widmen will, übergab sein Amt an Barbara Trentini. In einer Gedenkminute wurde an den verstorbenen FSS-Mitgründer und langjährigen Afrika-Delegierten David Rechsteiner gedacht.

Zürich, 27. April 2019 – FSS-Präsident Adrian Schläpfer hielt mit einer Bildpräsentation Rückschau auf 2018. Tenor: Erfolge und Probleme halten sich die Waage, bedingt durch ein stets schwieriger werdendes Umfeld vorab in Tansania. Der FSS aber sei gut gerüstet, nicht zuletzt dank seiner engagierten Mitglieder und der Donatorinnen und Donatoren.

«Afrikas Wildtiere am Ende?»

So stand es provokativ in der Einladung zum Vortrag von Artenschützer Karl Ammann. Der investigative Filmer und Wirtschaftsfachmann beantwortete die Frage vor gegen 100 ZuhörerInnen mit Bedacht.

An allen Fronten werde dem Wild zugesetzt. Gegen Wilderei und illegaler Wildtierhandel würden die meisten Regierungsstellen und Artenschutzorganisationen vorab aus wirtschaftlichen Interessen zu wenig konsequent vorgehen. Auch die Medien würden den Ernst der Lage zu wenig erfassen und stattdessen hauptsächlich Wohlfühlgeschichten über Tiere und Wildnis publizieren.

Hier anzusetzen sei dringend, ansonsten die ultimativ letzte Chance zur Bewahrung der Wildtiere vertan sei, warnte Ammann in seinem erschütternden Vortrag zur masslosen Ausbeutung und Vermarktung der Fauna in Afrika und Asien.

Titelbild: Filmer Karl Ammann und FSS-Präsident Adrian Schläpfer | © Foto by R.Suter

Afrikas Wildtierschutz beginnt – in der Schweiz

Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter


Afrikas Schutzgebiete in Gefahr - das Beispiel Welterbe «Selous»

Ruedi R. Suter

Afrikas Weltnaturerbe und ältestem Naturschutzgebiet drohen Industrialisierung und die Vernichtung seines Wildbestandes und der Naturschönheiten. Im tansanischen Selous-Schutzgebiet haben sich Minenkonzerne bereits eingenistet, nun droht ein sinnloser Staudamm.

Wie anderswo auch will die Regierung mehr Industrialisierung und weniger Naturschutz. Was beispielhaft alles auf dem Spiel steht und wie alles kam und enden könnte, darüber berichtet hier Rolf D. Baldus. Der deutsche Entwicklungs- und Naturschutzexperte arbeitete jahrelang im Selous Game Reserve.

Von Rolf D. Baldus*

Das älteste und grösste unbewohnte Naturschutzgebiet Afrikas liegt in Tansania: Das Selous Game Reserve mit einer Fläche von über 50'000 Quadratkilometern. Aufgrund seiner globalen Bedeutung wurde es 1982 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Doch das Schutzgebiet wurde schlecht verwaltet, die Wilderei explodierte – allein der Bestand von über 100'000 Elefanten wurde auf weniger als 30'000 (1989) Tiere dezimiert.

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne |  © Foto by Rolf D. Baldus

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne | © Foto by Rolf D. Baldus

Dann kam der Wendepunkt: 1988 wurde das Selous Conservation Program (SCP) aus der Taufe gehoben. Das bis 2003 dauernde deutsch-tansanische Entwicklungsprojekt stoppte die Wilderei. Die Elefantenpopulation erholte sich wieder auf über 70'000 Elefanten (2003). Gleichzeitig konnten mehrere umweltschädliche Grossprojekte blockiert werden.

Früher war das Wildreservat völlig abhängig von den viel zu knappen Mitteln aus dem Gesamthaushalt der tansanischen Regierung, aber die SCP führte ein neues System ein, worauf 50 Prozent des Geldes aus dem Reservat behalten wurden. Bemerkenswert: 90 Prozent dieser Einnahmen stammten aus nachhaltiger Safari-Jagd, die sicherstellte, dass zuverlässige Schutzpraktiken umgesetzt werden konnten.

Krimineller Angriff auf das Schutzgebiet

Als die deutsche Unterstützung im Wildschutz Ende 2005 auslief, reduzierte der Direktor der Ministerialbehörde die Summe dieses Rücklagesystems sofort von jährlich drei Millionen US-Dollar auf gerade noch eine halbe Million. Wie zwei Dekaden zuvor brach die Parkverwaltung zusammen. Die Anstrengungen zur Verhütung der Wilderei wurden stark reduziert, das Abschlachten der Elefanten liess nicht auf sich warten. Im Nachhinein kann man nur zu einem Schluss kommen: Bei der ganzen Angelegenheit handelte es sich um einen gut vorbereiteten und kriminellen Angriff auf das Schutzgebiet.

Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 60'000 Elefanten getötet.

Das Elfenbein wurde über Sansibar, Pemba (Mosambik) und andere Inseln oder auf dem Luftweg durch chinesische Kartelle nach Südostasien und insbesondere nach China geschmuggelt – alles in Zusammenarbeit mit korrupten Beamten. Mehr als 100 Millionen US-Dollar wechselten den Besitzer. Die Wertschöpfungskette begann im afrikanischen Busch und endete in den asiatischen Märkten.

Das Geschäft lohnte sich für alle Beteiligten. Beschlagnahmungen in aller Welt zeigten, dass über Jahre hinweg nirgendwo sonst so viele Savannen-Elefanten umgebracht wurden wie im Selous-Niassa-Ökosystem. Eine Luft-Elefantenzählung im Jahr 2013 zeigte, dass nur etwa 13'000 der Dickhäuter im Selous-Ökosystem überlebt hatten.

«Weltkulturerbe in Gefahr»

Die UNESCO erklärte das Naturschutzgebiet nicht nur der Wilderei wegen zum Welterbe «in Gefahr». Sie wollte auch den geplanten Bergbauvorhaben sowie anderen Grossprojekten einen Riegel vorschieben. Ein Gebiet von 300 Quadratkilometern wurde im Südwesten des Reservats für ein russisches Uranmine-Unternehmen abgetrennt. Es will mit Wasser und einem besonders umweltschädlichen Bleichverfahren die uranhaltigen Stoffe aus dem Gestein herauslösen. Doch der Verfall der Uranpreise auf dem Weltmarkt hat dieses Projekt verzögert.

Es wurden aber andere Konzessionen für die Prospektion im Reservat vergeben. Bergbau steht jedoch im Widerspruch zur UNESCO-Welterbekonvention, die Tansania unterschrieben hat. Als die Weltkulturerbekommission der UNESCO grünes Licht für die Uranmine gab, geschah dies mit dem Verständnis, dass Tansania keine weiteren Grossprojekte ohne die Zustimmung der UNESCO auf den Weg bringen werde.

Die Ergebnisse der Elefantenzählung 2013 waren ein Weckruf. Die tansanische Regierung gelobte, die Wilderei zu bekämpfen, und das System der Selbstfinanzierung aus 50 Prozent der Einnahmen des Schutzgebietes wurde wieder eingeführt. Benson Kibonde, Manager im Ruhestand, wurde zurückgeholt, um an seine bemerkenswerten Erfolge als Reservatsverwalter anzuschliessen.

Überdies wurde auf Wunsch des Reservats vom Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) ein Sofortprogramm initiiert, unterstützt von der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Es stellte etwa 400'000 Euro als Nothilfe zur Verfügung, hauptsächlich in Form von Ausrüstung. Die Wilderei sank – 2015 war die Elefantenpopulation zumindest wieder stabilisiert.

Neues tansanisch-deutsches Kooperationsprojekt im Selous

Auf Antrag der tansanischen Regierung brachte Deutschland 2013 über die Deutsche Entwicklungsbank (KfW) eine neues Hilfsprogramm in Höhe von 18 Millionen Euro für den Selous auf den Weg. In Richtung und Ansatz orientierte es sich am Vorläuferprojekt «Selous Conservation Program» (1988 – 2003). Die seit geraumer Zeit im Selous bereits engagierte Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) sowie der World Wildlife Fund (WWF) sollten bestimmte Projektkomponenten übernehmen. Dieses Projekt wird jetzt - nach längerer Verzögerung - umgesetzt.

In Deutschland gibt es hochrangige Beamte und Politiker über die Parteigrenzen hinweg, welche die Naturschutzbemühungen in Tansania engagiert unterstützen, insbesondere in der Serengeti und im Selous. Das KfW-Instrumentarium ist für Naturschutzprojekte nicht wirklich geeignet und gestaltet sich extrem langwierig.

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm |  © Karten zVg

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm | © Karten zVg

Gleichzeitig sind viele der Verzögerungen bei der Projektvorbereitung auf die tansanische Regierung zurückzuführen. Dabei stellte sich die Frage: sind die staatlichen Behörden überhaupt noch daran interessiert, den Selous zu rehabilitieren? Heute kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, die Regierung gebe ihr langjähriges Engagement für den Naturschutz auf. Dennoch bleiben Tierwelt und Tourismus eine der wichtigsten Branchen und Devisenquellen des Landes.

Kein Gehör mehr für den Umweltschutz

Präsident John Magufuli, ein zunehmend autokratischer herrschender Populist, verfolgt immer mehr eine Politik, die an Nyereres afrikanischen Sozialismus erinnert. Mit starker Hand versucht er, Ordnung in seinem von Korruptionsskandalen erschütterten Land zu schaffen. Ob er erfolgreich sein wird, bleibt fraglich.

Der Wildtier-Tourismus, bislang der zweitwichtigste Wirtschaftssektor des Landes, verliert an politischer Priorität. Denn Magufuli träumt von einer staatlich kontrollierten Industrialisierung. Unter Nyerere ist die gleiche politische Vision kläglich gescheitert.

Ohne Rücksicht auf Umweltbelange hat Präsident Magufuli Pläne für den Bau einer Strasse in der Mitte des Selous (von Ilonga nach Liwale) im Wahlkampf zugesagt. Die grösste Bedrohung für die Selous ist jedoch die Entscheidung, einen Megadamm (2'100 Megawatt) im Herzen des Reservats an der Stiegler's Gorge zu bauen. Die Wirtschaftlichkeit des Projekts ist unklar, die Finanzierung nicht gesichert. Die ökologischen Folgen werden jedenfalls verheerend sein.

Die Stiegler-Schlucht – Begierdeobjekt seit 1982

Tansanias mächtigster Fluss, der Rufiji, durchschneidet den nördlichen Teil des Selous Game Reserve und bildet die südliche Grenze des für Fototourismus reservierten Gebiets. Südlich des Flusses wird das Reservat für einen nachhaltigen Jagdtourismus genutzt, der in der Vergangenheit mit Abstand der grösste Einkommensbringer des Reservats war. Bei Stiegler's Gorge fliesst der riesige Fluss durch eine enge Schlucht.

Um 1900 wurde das Gebiet bereits von der Kolonialregierung unter Schutz gestellt. Die Deutschen planten eine Strasse und prüften offenbar eine Flussüberquerung. Ein Schweizer Ingenieur namens Stiegler vermass 1907 das Land. Seine Gewohnheit, in der Freizeit Elefanten zu jagen, sollte ihm zum Verhängnis werden. Er verwundete einen Elefanten und folgte ihm. Plötzlich stürzte sich das Tier auf ihn und seinen Gewehrträger. Der ergriff die Flucht, leider mitsamt dem Gewehr – das war das Ende des armen Stiegler.

Der gigantische Fehltritt Norwegens

Kurz nach der Unabhängigkeit Tansanias war Norwegen, wie viele westlichen Geber von Entwicklungshilfe, den verführerischen Schriften und gewinnenden Worten von Präsident Nyerere auf den Leim gegangen. Trotz seiner Politik der «Eigenständigkeit» als offizielle Entwicklungsstrategie nahm Tansania diese Hilfe gerne an – und wurde zu einem der wichtigsten Hilfsempfänger in Afrika.

Eines der vielen norwegischen Projekte war die Vorbereitung eines gigantischen Staudamms in der Stiegler's Gorge. Die Norwegische Entwicklungsagentur (NORAD) gab in den 1970er-Jahren bis 1983 über 24 Millionen US-Dollar für die Vorbereitung des Projekts aus. Die Idee war, einen Staudamm von maximaler Grösse zu bauen, welcher ausschliesslich der Stromerzeugung dienen sollte.

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms |  © Foto by Rolf D. Baldus

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms | © Foto by Rolf D. Baldus

Bald stellte sich heraus, dass die enormen Kosten von zwei Milliarden US-Dollar Tansania für viele Jahrzehnte verschulden würden. Zudem wurde festgestellt, dass ein so mächtiger Damm nicht wirtschaftlich sein würde. Zwischen 1979 und 1982 wurden 27 grosse Studien durchgeführt, und es wurden viele weitere schwerwiegende negative und weitreichende Folgen festgestellt.

Der Damm und seine verheerenden Folgen

  • Hohe Sedimentation, was zu einer kurzen Lebensdauer führt

  • Seismische Störungen mit schwerwiegenden Folgen für den Damm und das stromabwärts gelegene Land

  • Übermässige Erosion stromabwärts

  • Das Rufiji-Delta, eines der fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebiete des Landes, würde nicht mehr auf natürliche Weise geflutet und gedüngt werden

  • Zerstörung von Mangroven mit entsprechenden Folgen für die Fisch- und Garnelenbestände und starke Reduzierung von Fischerei, Holzschlag usw. für die lokale Bevölkerung

  • Versalzung landwirtschaftlicher Flächen

  • Nur eine ganz spezielle Konstruktion des Damms konnte den von Zeit zu Zeit auftretenden grossen Überschwemmungen gerecht werden

  • Einführung von nicht einheimischen Schwimmpflanzen

  • Komplexe drastische und irreversible Auswirkungen auf die Vegetation und die Tierwelt im Schutzgebiet

  • Infrastrukturentwicklung, Bevölkerungszustrom und Wilderei würden das Schutzgebiet gefährden.

Bald wuchs der Widerstand der Wissenschaftler an der Universität von Dar es Salaam. Selbst die Mitarbeitenden von NORAD äusserten zunehmend Kritik, welche vorab auf die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Damms abzielte.

Seit 1982 Weltnaturerbe, Weltbank verweigert Mitfinanzierung

Ihre Bedenken konzentrierten sich auf Gesundheitsprobleme, unzureichenden Strombedarf des Landes, fehlende Wirtschaftlichkeit und technische Probleme des Baus und des Betriebs des Staudamms, die Tansania überfordern könnten. Die Weltbank weigerte sich gar, das Projekt mitzufinanzieren.

Es wird berichtet, dass Kritiker des Projekts marginalisiert wurden und dass ihnen der Zugang zum Projektgelände und zu den vorhandenen Studien und Plänen untersagt wurde. Dies bezog sich sogar auf offizielle tansanische Forschungseinrichtungen. Immer mehr wurde davor gewarnt, dass der Damm nach seiner Fertigstellung zu einer nationalen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Katastrophe führen würde.

1988 erklärte NORAD selbst, dass der Damm bei einer Realisierung zu einem wirtschaftlichen Desaster geworden wäre. Schliesslich wurde das Projekt um 1983 fallengelassen, die Arbeiter und Ingenieure gingen.

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden |  © Foto by Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden | © Foto by Rolf D. Baldus

Unterdessen – 1982 – hatte die UNESCO das Reservat zum Weltnaturerbe erklärt. Der Damm wurde in der technischen Überprüfung des Dokuments zur Anmeldung zum Welterbe von 1982 durch die IUCN als Bedrohung für das Überleben des Selous bezeichnet. Aber damals war bereits klar, dass er nicht gebaut werden würde. Trotz des neuen Status kümmerte sich niemand darum, die Infrastruktur wie Gebäude und Seilbahn oder die enorme Menge an Müll und Schrott, welche sich im Laufe der Jahre auf dem Gelände angesammelt hatte, zu beseitigen.

Zurückgelassen: Tonnen von Müll und Skelette von Elefanten und Rhinos

Als ich 1987 im Rahmen eines tansanisch-deutschen Regierungsabkommens im Selous zu arbeiten begann, bestand das Nordufer des Flusses über der Schlucht aus vielen verlassenen Gebäuden und ein paar Quadratkilometern voller Schutt und Müll. Niemand hatte sich die Mühe gegeben, die verlassene Baustelle in einen dem Welterbe angemessenen Zustand zu bringen. Die Wildhüter trauten sich nicht, denn sie waren weiterhin für das Gelände nicht zuständig.

Es gab sogar ein Seil über den Fluss und eine aufgegebene Seilbahn. Wir schafften es, den VW-Motor wieder in Gang zu bringen. Einige der mutigeren Wildhüter (nicht ich) versuchten, in der Gondel den Fluss zu überqueren. Doch auf halbem Weg verliess sie der Mut weiterzufahren. Dies waren die Reste der Vermessung der Schlucht, um festzustellen, ob sie zur Stromgewinnung für einen grossen Damm geeignet war.

Ich erinnere mich, dass ich durch viele tausend medizinische Ampullen in und um die Apotheken waten musste, die von den einst 2 000 Arbeitern am Standort gebraucht worden waren. Wir schrieben an die norwegische Botschaft, um sie auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Eine Antwort erhielten wir nie. Als die letzten Arbeiter gegangen waren, fand das Game Department heraus, dass fast alle Nashörner in der Gegend gewildert und die Elefanten drastisch reduziert worden waren.

Bei einer Zählung aus der Luft von 1981 wurde festgestellt, dass die Dichte der Elefantenskelette «am höchsten entlang des unteren Rufiji-Flusses» war. Es war der Start zum Niedergang der Dickhäuter im Reservat – zusammen mit den grossen Nashorn- und Elefantenwildereien, die gleichzeitig im südlichen Selous während der Ölexploration stattfanden.

Rubada, das teure Amt der Selbstverwalter

1975 gründete die Regierung die Rufiji Basin Development Authority (Rubada), um das Gebiet entlang des Flusses zu entwickeln. Das Hauptziel war eindeutig der Bau des Damms. Als dieses Projekt ins Stocken geriet, blieb das Parastatal bestehen, vergleichbar mit dem Ministerium für die Kolonien in Italien, welches auch das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebte.

Während das italienische Ministerium aber zumindest acht Jahre nach dem Verlust der Kolonien geschlossen wurde, blieb Rubada noch 35 Jahre bestehen. Eine hohe zweistellige Mitarbeiterzahl bewohnte ein weitläufiges, vierstöckiges Verwaltungsgebäude in Dar es Salaams Shekilanga Road. Seit seiner Gründung hat die halbstaatliche Rubada wenig getan, ausser den Mitarbeitern vergleichsweise hohe Gehälter zu zahlen und sich selbst zu verwalten.

1988 war mir klar, dass der Direktor von Rubada und seine Mitarbeitenden alles tun würden, um ihre Büros, Dienstwagen und Zulagen zu erhalten, und dass sie daher warten würden, bis ihre Chance gekommen war, die Pläne für die Stiegler-Schlucht wieder zum Leben zu erwecken. Ich versuchte, den Selous bei der Übernahme des Staumauer-Geländes zu unterstützen, aber da war nichts zu machen: Rubada klammerte sich an dem Besitz fest. Schliesslich war er die wesentliche Existenzberechtigung des Staatsunternehmens.

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | ©  Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | © Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Rubada zockt ab – und begeistert Wasserminister Lowassa

Rubadas einzige Selous-bezogene Tätigkeit in diesen Jahren bestand darin, ein paar herunter gekommene Gebäude in der Nähe der Schlucht an schnell wechselnde Tourveranstalter zu vermieten. Keiner von ihnen hatte nennenswerte Besucher, obwohl einer der Pächter sogar einen Hexendoktor mit in das Camp brachte, um mit dessen Hilfe seinen unternehmerischen Erfolg zu verbessern. Er wollte auch eine lebende Ziege mitbringen, die vom Medizinmann geschlachtet werden sollte, aber das genehmigte der Selous dann doch nicht. Denn gemäss Gesetz darf man kein Vieh in ein Wildreservat bringen.

In den 1990-er Jahren, so wird berichtet, begann Rubada auch Geld von den Lodgebetreibern entlang des Rufiji zu «erpressen», obwohl nur die Selous Game Reserve Administration das Recht hat, Pachtverträge für touristische Aktivitäten im Reservat zu vergeben. Angeblich mussten mehrere Lodgebesitzer erhebliche Beträge hinblättern.

Rubada hielt das Dammthema am Leben und fand schliesslich in der Person des Wasserministers Edward Lowassa einen Verbündeten. Dieser Minister liebte Grossprojekte. Er hatte Japan bereits davon überzeugt, einen Damm in Kidunda, am nordöstlichen Rand der Selous, zu bauen. Eine rationale Begründung für die Flusssperre an dieser Stelle fehlte. Die einzig logische Erklärung für dieses Vorhaben waren die finanziellen Vorteile, die sein Bau für interessierte Mitglieder der tansanischen Elite mit sich bringen würde.

Es gab ja viel bessere Möglichkeiten, Dar es Salaam mit Wasser zu versorgen. Und technisch war der Standort für einen Damm komplett ungeeignet, da das Gebiet völlig flach ist und andere Nachteile aufweist. Glücklicherweise konnten wir die japanische Regierung und später die Weltbank davon überzeugen, das Projekt nicht zu finanzieren.

Brasiliens Skandal-Konzern Odebrecht mischt jetzt mit

Es hätte die so genannte Gonabis Pan überschwemmt, eine flache Wildtierbewirtschaftungszone, die für das Futter der Antilopen und Büffel im nördlichen Sektor des Reservats unerlässlich ist. Heute, 15 Jahre später, wurde kein einziger Spatenstich durchgeführt. Lowassa hätte sowieso nicht davon profitiert. Er wurde 2005 Premierminister – und war einer der wenigen tansanischen Politiker, die wegen eines Korruptionsskandals aus einem hohen Amt geworfen wurden. Später wechselte er in die Oppositionspartei und kandidierte für das Amt des Präsidenten, verlor jedoch gegen den heutigen Amtsinhaber Magufuli.

Während Lowassas Zeit schlossen sich Rubada und die brasilianische Firma Odebrecht zusammen, um einen zweiten Versuch zum Bau des Staudamms von Stiegler zu unternehmen. Zwei Seelenverwandte hatten sich offensichtlich gefunden. Heute wissen wir, dass Odebrecht Regierungen und Politiker auf der ganzen Welt bestochen hat, und es ist schwer zu glauben, dass Tansania die einzige Ausnahme war.

Laut den Medien schuf Odebrecht den grössten Bestechungsring der Welt, und ein US-Gericht verhängte eine Multi-Milliarden-Strafe. In Tansania haben die Berater von Odebrecht die Baupläne weiterentwickelt. Ökologische Überlegungen oder gar eine Umweltverträglichkeitsprüfung waren kein Thema.

Selous-Verwaltung, UNESCO, Naturschutzverbände und ausländische Regierungen, namentlich Deutschland und die USA, welche versuchten, die tansanische Regierung bei der Rettung der verbleibenden Elefanten zu unterstützen, konnten die Entwicklungen nur mit ungläubigem Staunen verfolgen. Im Zuge des Odebrecht-Skandals verschwand das Unternehmen jedoch leise aus Tansania. Verschwunden sind auch der CEO und das Top-Management von Rubada im Rahmen eines Finanzskandals im Unternehmen.

 Tansanische Bauvorhaben beunruhigen Welterbekomitee

Ende 2017 wurde Rubada endgültig geschlossen. Die Verantwortung für den Bau des Damms wurde auf den halbstaatlichen Stromversorger Tanesco übertragen – ein weiteres Unternehmen, das für Ineffizienz und himmelschreiende Finanzskandale bekannt ist. Die Pläne zum Bau des Damms in der Stiegler-Schlucht aber waren inzwischen von der höchsten Autorität des Landes, dem Präsidenten, aufgegriffen worden.

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous |  © Foto by Sean Louis

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous | © Foto by Sean Louis

Das Welterbekomitee (WHC) beobachtete mit «grösster Sorge» die verschiedenen Grossprojekte, welche von der Regierung im Selous vorangetrieben wurden. Es erklärte, grosse Staudämme und Bergbaue seien mit dem Welterbestatus unvereinbar, da sie «den aussergewöhnlichen universellen Wert des Selous ernsthaft und irreversibel schädigen» würden. WHC forderte fortan und bei jeder Gelegenheit den Vertragsstaat auf, «die Pläne für die verschiedenen Entwicklungsprojekte, die mit dem Welterbestatus des Schutzgebietes unvereinbar sind, aufzugeben».

Gleichzeitig stimmte das WHC einer Grenzveränderung zu. Etwa 300 Quadratkilometer an der südöstlichen Ecke des Reservats wurden degradiert, um den Uranabbau am Mkuju-Fluss zu erleichtern. Die Regierung hatte die Erschliessung dieser Mine jahrelang unter Verletzung der Konventions-Regeln zugelassen. Es waren Fakten geschaffen worden, die das Welterbekomitee mehr oder weniger akzeptieren musste.

Die Entscheidung machte jedoch deutlich, dass die internationale Gemeinschaft von Tansania erwartete, keine Entwicklungen mehr «ohne Zustimmung des WHC im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone» durchzuführen. Tansania stimmte zu und unterzeichnete – die Uranlagerstätte lag jetzt nicht mehr innerhalb des Reservats. Der Plan Tansanias zum Bau des Damms wurde jedoch unverändert fortgesetzt.

«Illegitime Intervention in tansanische Angelegenheiten»

1982 beschloss das Welterbekomitee, das zwischenstaatliche Entscheidungsgremium der Welterbekonvention, das Selous Game Reserve in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Damit wurde der «Herausragende Universelle Wert» dieses riesigen Reservats geehrt. Es ist das älteste Schutzgebiet Afrikas und mit seinen über 50’000 Quadratkilometern grösser als die Schweiz. Ähnlich wichtige Schutzgebiete in Tansania sind die Serengeti, Ngorongoro und der Kilimandscharo.

Der Ehrentitel wurde nach dem Vorschlag und Antrag der Regierungen und nach intensiven Prüfungen durch die IUCN verliehen. Es mutete daher grotesk an, als in den letzten Jahren führende tansanische Politiker die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wegen «illegitimer Intervention in tansanische Angelegenheiten» kritisierten – dies, nachdem das Welterbekomitee die tansanische Regierung verpflichtet hatte, die Regeln der Konvention im Selous zu respektieren. Die UNESCO leitet das Sekretariat der Konvention. Sie soll überwachen, wie die Mitgliedstaaten ihre eigenen Verpflichtungen einhalten.

Bergbau ist in Welterbe-Landschaften nicht erlaubt. Die grossen internationalen Bergbauunternehmen haben mit der Konvention eine Vereinbarung getroffen, dort keine Rohstoffe zu suchen oder zu fördern. Aber: viele kleinere oder dubiose Unternehmen haben diese Vereinbarung nie unterzeichnet. So beteiligte sich die tansanische Regierung In den 90er-Jahren an der Suche nach Uran im Selous Game Reserve. Schliesslich erlaubte sie sogar einem kanadischen Unternehmen, eine Uranmine in der südwestlichen Ecke des Reservats aufzubauen.

Die Welterbekonvention war nicht amüsiert. Nach einem ausführlichen und kritischen Dialog und trotz der Proteste wichtiger Akteure, insbesondere aus dem Naturschutz, wurde dann aber doch während der COP 2012 in Sankt Petersburg eine Grenzveränderung vereinbart.

Massenweise Bergbaukonzessionen statt Schutz des Weltnaturerbes

Die Übereinkunft war ein Abkommen, das einem heillosen Durcheinander entwuchs. Obwohl es sich um eine «signifikante» Grenzveränderung handelte, wurde sie zur Erleichterung der Verfahren als «kleine» Grenzveränderung» verniedlicht. So sah sich das über 300 Quadratkilometer weite Minengebiet «Mkuju River» offiziell aus dem Weltkulturerbe entfernt. Nicht aber aus dem Reservat, da dies eine Änderung des tansanischen Rechts erfordert hätte.

Der Deal war im Grunde unvermeidlich, da bereits Millionen von Dollar in die Mine investiert worden waren und der Zeitpunkt der Umkehr Jahre zuvor überschritten worden war. Die Regierung hatte einfach Fakten geschaffen – und die Konvention überlistet. Um dies in Zukunft zu vermeiden, wurde auf der 36. Tagung des Welterbekomitee in Sankt-Petersburg (2012) vereinbart, dass Tansania im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone keine Entwicklungsaktivitäten durchführen wird ohne Zustimmung des Komitees.

Aber wiederum hat die tansanische Regierung die vereinbarten Verpflichtungen aus dem Abkommen nicht eingehalten. Unter anderem gewährte sie weitere 34 Bergbaukonzessionen im Reservat. Überdies begann sie mit der Entwicklung des nächsten Grossprojekts – des Staudamms an der Stiegler-Schlucht am Rufiji – und dies mitten in der Tourismuszone des Reservats.

Anstatt die Mine des Flusses Mkuju als einzige Ausnahme zu betrachten, wurde sie als Präzedenzfall verwendet. Dies mit dem Argument, auch der Staudammbereich des Stieglers könne aus dem Reservat herausgeschnitten werden. Für die UNESCO hingegen ist kristallklar: «Der Bau von Dämmen mit grossen Reservoirs innerhalb der Grenzen der Welterbegebiete ist mit ihrem Welterbestatus unvereinbar». (Beschluss 40 COM 7, Istanbul/UNESCO 2016).

Stiegler-Damm: 1'200 Quadratkilometer unter Wasser

Die zentrale Begründung für den Damm ist Strom. Nur ein Drittel der tansanischen Bevölkerung hat Zugang zu Strom, in ländlichen Gebieten weniger als ein Fünftel. Mehr Strom ist unerlässlich. Die einzige Frage ist: Was ist der beste Weg, um ihn herzustellen und zum Verbraucher zu transportieren?

Wie erwähnt, war Odebrecht aus Brasilien das erste Unternehmen, das mit dem Bau des Damms beauftragt wurde. Es ist Lateinamerikas grösster Baukonzern und verfügt über eine gute Erfolgsbilanz bei der Planung und Realisierung von funktionalen Projekten.

Sie stand aber auch im Mittelpunkt eines gewaltigen internationalen Korruptionsskandals und hat Regierungen auf der ganzen Welt im Austausch für profitable Verträge bestochen. Die Verhandlungen zwischen Brasilien und Tansania sind auf auf höchster Ebene geführt worden. 2012 wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das 2016 erneuert wurde.

Geplant ist der Bau eines 130 Meter hohen und 800 Meter langen betonierten Felsdamms quer durch die acht Kilometer lange und 100 Meter tiefe Stiegler-Schlucht. Darüber hinaus sollen vier Satteldämme mit einer Gesamtlänge von 14 Kilometer stromaufwärts gebaut werden. Der Stausee würde 22 Millionen Kubikmeter speichern und eine Fläche von über 1'200 Quadratkilometer unter Wasser setzen, was nur etwas kleiner ist als die Insel Sansibar. Der Vorschlag sieht eine installierte Leistung von 2'100 Megawatt vor. Ausserdem sind 400 Kilometer Übertragungsleitungen und 220 Kilometer Strassen geplant.

 Bauvertrag mit Ägypten für 3 Milliarden Dollar

2013 schätzte Odebrecht die Investitionskosten für den Damm auf 3,6 Milliarden US-Dollar – ohne die notwendigen Stromleitungen für den Anschluss an das nationale Netz. Inzwischen scheint es, dass Odebrecht nicht mehr beteiligt ist. Die tansanische Regierung hatte angedeutet, Äthiopien könne die Lücke schliessen. Ägyptische Zeitungen berichteten jedoch am 22. Oktober 2018, dass «Arab Contractors», grösstes Bauunternehmen Ägyptens, den Damm bauen wird.

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen |  © Foto by Rolf D. Baldus

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen | © Foto by Rolf D. Baldus

Die beiden Präsidenten würden gemeinsam den Grundstein «im Herzen eines der grössten noch verbliebenen Wildgebiete Afrikas» legen, wie es die ägyptische «Daily News» naiv ausdrückte. Am 12. Dezember wurde ein Bauvertrag von über 3 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Drei Jahre soll die Bauzeit in Anspruch nehmen.

Seit Beginn der Planung befindet sich das Projekt in technischen, wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen. Seine Umsetzung liegt Jahre hinter dem Plan zurück. Insbesondere ist bisher völlig unklar, wer die notwendigen Finanzmittel bereitstellen wird. Diese dürften sich realistischerweise auf geschätzte 5 bis 7 Milliarden US-Dollar insgesamt belaufen.

Die 3 Milliarden US-Dollar für die ägyptischen Baufirmen will Tansania aus dem Haushalt bereit stellen. Präsident Magufuli hat bekräftigt, dass das Land den Damm aus eigener Kraft bezahlen werde. Bisher hat das Ministerium für Energie und Mineralien im Jahr 2018 rund 300 Millionen US-Dollar bereitgestellt – immerhin 40 Prozent des Gesamtbudgets des Energieministeriums.

Zum Vergleich: Das gesamte nationale Budget des Landes beträgt rund zwölf Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die grossen Geber von Hilfsgeldern und die Weltbank haben bereits ihr «Nein» signalisiert. Die Afrikanische Entwicklungsbank erklärte im Oktober 2018, sie könne keinen Kredit gewähren. Die meisten Aktionäre der Bank werden jedoch darauf bestehen, dass das Regionalinstitut seine eigenen Umweltvorschriften befolgt.

Wird China im Selous Tansania aus seiner Konzeptlosigkeit helfen?

Die grosse Unbekannte aber bleibt China. Der Damm im Selous könnte in Chinas derzeitige massive afrikanische Infrastruktur-Initiative passen.

Im Gegensatz zu dem, was bei Grossinvestitionen dieser Art üblich ist, wurde das Projekt weder rigorosen wirtschaftlichen und technischen Machbarkeitsstudien unterzogen, noch wurden alternative Optionen geprüft. Externe Beobachter haben inzwischen massive Bedenken geäussert, dass Tansania im wirtschaftlich wichtigen Strombereich alles auf eine Karte setzt. Erdgas wurde in beachtlichen Mengen gefunden, wird aber nicht ausreichend berücksichtigt. Einige Experten argumentieren, dass eine Reihe kleinerer Dämme das Risiko im Vergleich zu einem einzigen grossen Damm verteilen könnten.

Das Wind- und Solarpotenzial wurde noch nicht einmal untersucht, obwohl dies der Ansatz ist, den viele Industrieländer derzeit verfolgen. Ohne ausreichende Daten ist unklar, ob die Flussströmung langfristig ausreichend und kontinuierlich genug ist. Wie sie durch den Klimawandel beeinflusst wird, ist eine weitere offene Frage. Studien gehen davon aus, dass die Niederschläge immer variabler werden und die Flüsse klimabedingten Störungen ausgesetzt sind.

Staatspräsident macht Risiko-Damm zur persönlichen Sache

Eine Kombination von alternativen Energie-Erzeugungsanlagen anstelle eines einzigen Mega-Produktionsstandortes würde die Risiken reduzieren und könnte insgesamt eine Kapazität von sogar mehr als 2'100 MW sichern, so Experten. Ein dezentrales Produktions- und Netzsystem würde auch die Stromversorgung abgelegener Gemeinden erleichtern.

Alle diese technischen und strategischen Fragen, welche die langfristige Tragfähigkeit des Projekts bestimmen, bleiben unbeantwortet. Antworten erfordern Studien und Beratungen. Es scheint, dass tansanische Experten zwar ihre Stimmen erhoben, aber bald zum Schweigen gebracht wurden. Präsident John Magufuli, Ende 2015 gewählt, hat den Damm zu seinem persönlichen Projekt gemacht. Zuvor war Magufuli Minister für Bau, Verkehr und Kommunikation.

Entwicklung heisst für ihn vor allem Infrastruktur und Grossinvestitionen. Während sein Spitzname «der Bulldozer» darauf hindeutet, dass er Strassen und Erdarbeiten liebt, beschreibt er nun auch, wie Magufuli die unter ihm stehenden Institutionen leitet und das Land führt.

Andere afrikanische Präsidenten bauten riesige Kirchen, Moscheen, Stadien oder Konferenzräume, um Denkmäler ihrer Präsidentschaft für die Nachwelt zu schaffen. Es scheint, dass Magufuli den Stieglers Staudamm zum wichtigsten Denkmal seiner Präsidentschaft erkoren hat. Alle Diskussionen und kritischen Anfragen zum Thema Damm wurden gestoppt.

Damm-Kritiker mit Gefängnis bedroht

Nachdem die Opposition darum gebeten hatte, wenigstens eine ordnungsgemässe Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zu erhalten, kündigte einer seiner Minister im Parlament an, Kritiker des Projekts kämen ins Gefängnis. Das renommierte Magazin «East Africa» bezeichnete dies in einem Kommentar eine «Fatwa» und «einfach idiotisch».

Die Bedrohung der Kritiker ist symptomatisch für die gegenwärtige politische Situation, welche die Europäische Union für ernst genug hielt, um sie im September 2018 vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen aufzugreifen.

Da hiess es: «Die EU ist besorgt über die Menschenrechtssituation in Tansania, einschliesslich der verstärkter Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit, der Verhaftung von und der Anklage gegen Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Blogger und Parlamentsabgeordneten. Eine freie und lebendige Zivilgesellschaft sowie starke und unabhängige Medien sind entscheidende Bestandteile für eine nachhaltige und effektive Entwicklung einer Gesellschaft sowie ein Eckpfeiler im Kampf gegen die Korruption.»

Angstvolles Schweigen zum Dammbau und seinen Folgen

Auf jeden Fall verstanden Kritiker, Naturschützer und Beamte die Botschaft der Regierung. Das Projekt wird nicht mehr offen diskutiert. Wie in jedem totalitären System wagt es niemand mehr, sich zu äussern – vor allem Beamte nicht.

Für den Staudamm Stiegler's Gorge besteht so die Gefahr, dass Fehlentwicklungen nicht korrigiert werden können, weil Dialog und kritische Analyse von oben verboten worden sind.  So können Fehler entstehen und Projekte als Fehlschlag enden. Der geplante Staudamm Stiegler's Gorge könnte zu einem «weissen Elefanten» werden – hinterlassen von Präsident Magufuli für die Nachwelt.

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee |  © Foto Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee | © Foto Rolf D. Baldus

Für viele Beobachter und Beobachterinnen sind die wichtigsten Aspekte die ökologischen Folgen. Das Projekt liegt im Herzen des ältesten und grössten Schutzgebiets Afrikas und wird sicherlich erhebliche negative Folgen haben. Für den Präsidenten scheinen die Dinge einfach und klar zu sein. In einem Treffen mit Gesandten im State House am 30. Juli 2018 erklärte Magufuli laut Medienberichten: «Man kann davon ausgehen, dass der  Naturschutz nach der Umsetzung des Projekts wirksamer als vorher ist.»

Er fügte hinzu, dass «... die Tierwelt im Vergleich zu früher genug Trinkwasser bekommt». Mit diesen Worten war für die meisten tansanischen Offiziellen die Umweltdebatte ein- für allemal abgeschlossen, so dass jegliche Umweltverträglichkeitsprüfung obsolet wurde. Für andere zeigten sie die völlige Verdrängung des Umweltthemas.

Lausige Umweltverträglichkeitsprüfung

Im Mai 2018 hat das University Consultancy Bureau der University of Dar es Salaam (Professor Rafaeli Mwalyosi et al.) eine Umweltverträglichkeitsprüfung eingereicht. Das Dokument beschränkt sich auf einige wenige Umweltfolgen, lässt aber die grossen aus. Experten zufolge enthält diese UVP viele Irrtümer, Sachfehler und Lücken. Darüber hinaus werde das Papier der Komplexität des geplanten Projekts nicht gerecht.

Der Bericht identifiziere einige negative Umweltfolgen des Damms, von denen die Autoren behaupten, dass sie gemildert werden können. In ihren Augen stellt der Damm keine Bedrohung für den aussergewöhnlichen universellen Wert des Reservats dar. Sie erwähnen positive Auswirkungen des Damms auf das Ökosystem wie eine Zunahme der Biodiversität. Externe Experten kritisieren diese Feststellungen als unbegründet und höchst fragwürdig. Auch die vorgeschlagenen Massnahmen zur Verringerung oder Abmilderung evtl. Schäden werden als schlecht begründet und unzureichend abgelehnt.

Nach Ansicht der Experten und einschlägigen internationalen Organisationen sind die Inhalte von erschreckend schlechter Qualität, sie erfüllen weder die grundlegendsten Anforderungen noch die internationalen Normen. Insbesondere stehen sie nicht im Einklang mit den Bewertungsgrundsätzen für Welterbestätten. Und die Umweltverträglichkeitsprüfung gibt auch keine Antworten auf die vielen Fragen, die das Welterbe-Komitee dem Vertragsstaat übermittelt hat.

Relevante Kommentatoren weisen darauf hin, dass die UVP des Universitätsberatungsbüros nicht einmal die grundlegendsten etablierten Erfordernisse und internationale Standards erfüllt. Sie identifiziert nicht die Risiken, Auswirkungen und den Nutzen des Projekts. Viele wichtige Aspekte fehlen, wie z.B. die Hydrologie, angemessene Grunddaten über Flora und Fauna, umfassende Sozial- und Ökosystembewertungen sowie die biologischen und ökologischen Prozesse, die den aussergewöhnlichen universellen Wert des Gutes ausmachen. Kurzum: Diese UVP verdient nicht den Namen, den sie trägt, ihre akademischen Autoren haben jegliche wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verloren.

Mangels einer seriösen UVP ist das einzige verfügbare Dokument über die möglichen Auswirkungen des Damms der 2017 veröffentlichte WWF-Bericht «The True Cost of Power». Der WWF betont, dass es «weitreichendere Auswirkungen gibt, als die Überschwemmung von 1'200 Quadratkilometer Land und der Bau des Damms, die berücksichtigt werden müssen. Es wird zu einer zunehmenden Erosion, einer möglichen Austrocknung der für den Wildtier-Tourismus wichtigen Seen, einer verminderten Fruchtbarkeit der Ackerflächen unterhalb des Rufiji-Deltas und einem möglichen Zusammenbruch der dort vorkommenden Fisch-, Garnelen- und Garnelenfischerei kommen. Dies könnte sich negativ auf die Lebensgrundlagen von über 200'000 Menschen auswirken.»

Gewaltige Schäden nach Bau des Selous-Dammes

Das Dokument enthält auch ein Kapitel über die zu erwartenden Auswirkungen des Damms. Die wichtigsten sind die Überschwemmungen der terrestrischen Lebensräume und die vielen Veränderungen aller Art stromabwärts. Erwähnt sind unter anderem:

  • Verringerung der biologischen Vielfalt und Vorkommens von Lebewesen im Wasser;

  • Veränderung der Fischgemeinschaften im Rufiji;

  • Sedimentabscheidung;

  • Eutrophierung und invasive Pflanzen;

  • Speicher- und Treibhausgasemissionen;

  • Wasserqualität;

  • Verdunstung;

  • Winderosion an der Ufern;

  • Erleichterter Zugang für Wilderer;

  • Temporäre Auswirkungen während der Bauphase;

  • Eingriffe in die Landschaft durch Strassen, Freileitungen, Lager, Industriegebiete, Steinbrüche, Abraumhalden, Mülldeponien etc;

  • Verringerung der Attraktivität für Touristen;

  • Kurzfristige Fluktuation der Wasserabflüsse;

  • Verringerung der saisonalen Schwankungen des Wasserflusses;;

  • Reduzierung der Sedimentfracht und Veränderungen in der Geomorphologie;

  • Verringerung der Ökosystemleistungen für die Bewohner Flussabwärts.

Uranmine und Damm im Selous dank illegaler Faktenschaffung

Nach einer Mission im Jahr 2017 bezeichnete die Weltnaturschutzunion (IUCN) das Projekt wegen seiner Auswirkungen auf die Ökologie des Selous und die Lebensgrundlagen von Menschen ausserhalb seiner Grenzen als «in einer verhängnisvollen Weise fehlerhaft« («fatally flawed»),. Das Welterbekomitee hat dies in seinem Beschluss von 2017 über das Gebiet zusammengefasst: «In Anbetracht der hohen Wahrscheinlichkeit einer schweren und irreversiblen Schädigung des aussergewöhnlichen Universellen Wertes durch das Wasserkraftprojekt Stiegler's Gorge fordert die WHC den Vertragsstaat nachdrücklich auf, das Projekt endgültig aufzugeben.»

Doch die tansanische Regierung tut genau das Gegenteil und schafft weitere Fakten. Es ist die gleiche Strategie, wie sie im Fall der Uranmine Mkuju erfolgreich praktiziert wurde. Die Vorbereitung der Konstruktion ist in vollem Gange. Es wurden breite Strassen von Kisaki, Mtemere und Kisarawe zum Gelände gebaut. Die Lastwagen befahren sie Tag und Nacht. Das Trinkwassersystem bei Stiegler's wird saniert. Wohnungen für eine grosse Belegschaft werden gebaut oder saniert. Ein chinesisches Bauunternehmen ist vor Ort präsent. Insgesamt gibt es bereits Hunderte von Arbeitern auf der Baustelle.

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji |  © Foto by René Stäheli

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji | © Foto by René Stäheli

Die tansanische Regierung beschloss überdies, 1'450 Quadratkilometer Wald roden zu lassen. Davon sind rund 2,6 Millionen Bäume betroffen. Laut Presseberichten erwarten die Behörden einen Umsatz von 62 Millionen US-Dollar. Es wäre nicht nur weltweit die grösste Waldzerstörung der letzten Zeit, dies würde auch einen erheblichen Verstoss gegen die tansanische Gesetzgebung darstellen.

Beobachter und Beobachterinnen fragen sich: Betrachtet sich die tansanische Regierung als über dem Gesetz stehend? Eine erste Ausschreibung für den Holzeinschlag ist gescheitert, aber eine chinesische Holzfirma wurde vor einigen Monaten auf einer Erkundungsmission in der Gegend gesehen. Der Einschlag hat noch nicht begonnen.

«Gefahr einer gigantischen Fehlinvestition»

Fassen wir zusammen: Tansania muss mehr Strom produzieren. Die Frage ist und muss sein, wie dies optimal und mit möglichst geringen Umweltschäden erreicht werden kann. Um dies zu beantworten, müssen alle Optionen untersucht und verglichen werden. Stattdessen verfolgt die tansanische Regierung eine andere Logik: Tansania benötigt Strom – und deshalb muss im Selous Game Reserve ein Mega-Wasserkraftwerk gebaut werden. Die Verkürzung des Entscheidungsprozesses birgt die Gefahr eines gigantischen Investitionsversagens und kann aufgrund seiner Grösse und Bedeutung die nationale Sicherheit gefährden.

Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob die Single Dam Option machbar ist und ob die damit verbundenen Risiken mit diesem Damm beherrschbar sind. Jemand muss dem Präsidenten mitteilen, dass er Gefahr läuft, seinen Platz in der tansanischen Geschichte als der Mann zu finden, der für die grösste Fehlinvestition des Landes verantwortlich ist. Und jemand sollte Tansania dabei unterstützen, die notwendigen Machbarkeits-, Technik- und Umweltstudien durchzuführen, um diese Gefahr zu vermeiden.

Der Damm befindet sich in einem der wichtigsten Schutzgebiete Afrikas, dessen aussergewöhnlicher Universeller Wert mit dem prestigeträchtigen und nur hochselektiv vergebenen Status des Weltkulturerbes ausgezeichnet wurde. Die negativen ökologischen Auswirkungen des Damms werden enorm sein. Unter anderem wird er wahrscheinlich die unterhalb gelegenen Feuchtgebiete zerstören, die aus Flussarmen, Seen, Sümpfen und Dickichten bestehen.

Sie bilden das «Herz» des Reservats und das wichtigste Touristengebiet direkt stromabwärts. Eine zuverlässige und seriöse Bewertung der Auswirkungen wurde noch nicht durchgeführt, ist aber dringend erforderlich. Wenn die tansanische Regierung das Projekt fortsetzt, wird die Konferenz der Vertragsparteien des Welterbes kaum eine andere Wahl haben, als dem Selous den Welterbes-Status zu entziehen – etwas das in der Geschichte der Konvention nur dreimal geschehen ist. Für Tansania bedeutete dies einen grossen internationalen Reputationsverlust. Die tansanischen Nationalpark- und Wildschutzgebiete waren bisher auf internationaler Ebene eine der herausragenden Attraktivitäten und Merkmale des Landes.

Will Regierung Ausbeutung des Selous – statt Bewahrung und Schutz?

Sobald der Selous den Welterbe-Status verliert, muss die deutsche Bundesregierung entscheiden, ob sie ihr laufendes Projekt zur Unterstützung der Bewirtschaftung des Selous (18 Millionen Euro in den Jahren 2018-2020) tatsächlich beenden wird, wie sie es bereits beschlossen und angekündigt hat.

Derzeit erscheint es unwahrscheinlich, dass die tansanische Regierung ihre Position ändern wird. Wenn sich in einigen Jahren herausstellt, dass der Damm aus welchen Gründen auch immer nicht fertig gestellt werden kann, wird der Schaden nie rückgängig gemacht werden können. Es gibt aber noch eine weitere Hypothese: Die Regierung strebt eine Verkleinerung des Selous an, um die reichen natürlichen Ressourcen ein für alle Mal und ohne Rücksicht auf die Nachhaltigkeit ausbeuten zu können.

Mitglieder der tansanischen Delegationen zu den Welterbekonventionen haben darauf hingewiesen, dass der derzeitige Präsident durchaus darauf hinarbeiten könnte, das Reservat erheblich zu verkleinern.

Dies würde die Abholzung der Miombo-Harthölzer im Wert von mehreren hundert Millionen US-Dollar erleichtern. Praktisch das gesamte wertvolle Holz ausserhalb des Reservats wurde in den letzten 25 Jahren abgeholzt. Es wurde illegal nach China exportiert. Uran wurde bereits gefunden und die Prospektion wird fortgesetzt, sobald die Weltmarktpreise wieder angestiegen sind.

Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung des Selous

Im Mai 2018 enthüllte der Geologische Dienst von Tansania, dass Metalle wie Kupfer, Silber, Kobalt, Zink und Gold entdeckt worden seien. «Wir gehen davon aus, dass mit dem technologischen Wandel der Zeitpunkt kommen wird, ab dem wir diese Mineralien leicht abbauen können», meinte der zuständige Geologe.

Mehrere wichtige Pufferzonen des Reservats wie die Kilombero Valley Ramsar Site oder die Gonabis Wildlife Management Area (JUKUMU) wurden bereits von Rinderherden übernommen. Viehhirten dringen zunehmend in Randgebiete des Reservats ein und die Besitzer der Rinder dürften bereits gierig auf die grünen Weiden des Schutzgebietes blicken. Viele von ihnen sind einflussreiche Leute, während die Hirten nur die Arbeit verrichten. Selbst die Wilderei und der Export von Elfenbein der letzten Jahre im Wert von 100 Millionen US-Dollar oder mehr dürfte nur der Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Reservats gewesen sein.

Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden

Als wir 2009 unser Buch über den Selous «Wild Heart of Africa» veröffentlichten, notierte ich einige Gedanken zur Zukunft des Reservats. Das Reservat hatte sich nach dem Beinahe-Kollaps in den 1980er-Jahren erholt und stand jahrelang unter hervorragender Leitung tansanischer Manager. Finanziell war das Schutzgebiet autark, vor allem aufgrund des nachhaltigen Jagdtourismus. Allerdings zeigten sich damals bereits wieder die ersten Bedrohungen. Das Schutzgebiet durfte nicht mehr die Hälfte seiner Einnahmen für Schutzzwecke einbehalten– und prompt breitete sich die Wilderei wieder aus.

Ich habe damals im Buch verschiedene Szenarien für die Zukunft des Selous skizziert. Eines davon war, dass das Reservat ohne jede Rücksicht auf die Umwelt ausgebeutet werden könnte. Dieses düstere Szenario hätte ein erneutes Abschlachten der Elefanten,, Bergbau und Grossprojekte im Selous bedeutet.

Ich sah eine solche Entwicklung als eine reale Bedrohung, aber dann schrieb ich: "Lasst uns positiv sein und hoffen, dass der Selous weiterhin eine starke Führung haben wird, die verhindert, dass ein solches Szenario Realität wird». Es scheint, dass ich mich geirrt habe. Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden. 


* Dr. Rolf D. Baldus (*1949), früher Referatsleiter im deutschen Entwicklungshilfeministerium und Bundeskanzleramt in Bonn, hat 13 Jahre im Wildschutz in Tansania gearbeitet, davon 6 Jahre im Selous Game Reserve. Heute schreibt er über Fragen des Schutzes und der nachhaltigen Nutzung von Wildtieren und beobachtet weiterhin die Entwicklungen im Selous. Seine Website bietet eine umfassende Sammlung von Arbeiten und Dokumenten zum Selous: http://www.wildlife-baldus.com/selous_game.html

LESETIPP
Wildes Herz von Afrika,
hrsg. von Rolf D. Baldus, Kosmos Verlag 2011
Wild Heart of Africa. The Selous Game Reserve in Tanzania. Edited by Rolf Baldus

Rowland Ward 2009 ISBN: 978-0-9802626-7-4
Die Bücher sind auch vom Autor erhältlich: rolfbaldus@t-online.de


Rhino-Tragödie: Acht Tiere tot nach Umsiedlung

Ruedi R. Suter

Unfassbare Tragödie: Acht von insgesamt vierzehn Spitzmaulnashörnern sind in Kenia nach einer kürzlich  erfolgten  Translokation verendet. Über die Ursache wird noch gerätselt.

Nairobi, 13. Juli 2018 – Die acht Tiere waren kürzlich vom Nairobi- und vom Lake Nakuru-Nationalpark in ein neues Gehege im des Tsavo East-Nationalparks transportiert worden, dies unter der Leitung des WWF und der kenianischen Wildschutzbehörde Kenya Wildlife Service (KWS). 

An was die Tiere  nach ihrer Umsiedlung genau starben, muss zuerst untersucht werden. Laut einer ersten Stellungnahme des kenianischen Ministeriums für Tourismus und Wildlife könnten die acht Rhinos an einer Salzvergiftung gestorben sein. In ihrer neuen Umgebung war der Salzgehalt des Trinkwassers höher als in ihrer ursprünglichen Heimat. Die Tiere tranken und tranken, ohne ihren Durst löschen zu können – so eine Mutmassung. 

Ist geschlampt worden?

Wie auch immer – der Tod dieser Spitzmaulnashörner, deren Art vom Aussterben bedroht ist, schockiert nicht nur die internationale Gemeinde der Tierschützer und -schützerinnen. Er wirft auch unbequeme Fragen nach der Professionalität der ausführenden Organisationen auf. «Der Verlust dieser Tiere ist ein komplettes Desaster», erklärte die prominente kenianische Umweltschützerin Paula Kahumbu von Wildlife Direct gegenüber Associated Press. 

Cathy Dean, Leiterin von Save the Rhino, forderte gegenüber dem Guardian eine lückenlose Erforschung der Todesursache durch internationale Expertinnen und Experten. Dean meinte ausserdem, in Kenia habe man weniger Erfahrung bei den immer heiklen Übersiedlungen von Nashörnern. Derweil solche Transporte mit dem vorherigen Einfangen und Narkotisieren in anderen Ländern jährlich erfolgten, würden in Kenia nur gerade alle drei bis vier Jahre Translokationen durchgeführt.

Verluste statt Fortpflanzung

Anstatt die Zahl der bedrohten Black Rhinos in Kenia in dem neuen, rund um die Uhr bewachten Nashornschutzgebiet des Ost-Tsavos mittelfristig zu erhöhen, hat nun das Land mit einem Schlag acht seiner rund 750 Schwarzen Nashörner verloren. Von diesen soll es  weltweit gerade noch etwa 5'500 Tiere geben. Letztes Jahr hat  Kenia ingsgesamt neun, dieses Jahr bisher drei Rhinos durch Wilderer verloren. 

Im Tsavo East, mit 21'812 Quadratkilometer der grösste Nationalpark des Landes, lebten einst geschätzte 2'000 Nashörner.  In den 1990er-Jahren fand die letzte Rhino-Translokation ins Gebiet statt. Heute dürften noch zwischen 10 und 20 Tiere hier leben, so mutmasst die Organisation Save the Rhino. Der benachbarte Tsavo West-Nationalpark grenzt übrigens an den tansanischen Mkomazi-Nationalpark, wo auch mit Hilfe der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) das erste voll überwachte Nashorngehege Tansanias mit über 30 Schwarzen Nashörnern eingerichtet wurde. fss

Titelbild: Breitmaulnashorn, Weisses Nashorn | © Symbolbild by Gian Schachenmann

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Frankreich: Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika

Ruedi R. Suter

Tausende von Zugvögeln werden in der französischen Ardèche von gewalttätigen Wilderern vom Himmel geschossen. Dies unter den Augen französischer Staatsbeamten. Nun haben französische Vogelfreunde die Hilfe des Schweizer Umweltschützers Franz Weber angefordert.

Am 17. März 2001 lud der streitbare Basler zusammen mit Gattin Judith und Tochter Vera Weber die internationale Presse mit Journalisten aus Afrika zu einer Informationsfahrt auf jenen Berg ein, wo die radikalen Jäger den Vogelschwärmen auflauern. Der Konvoi erreichte die Todeszone – unter Polizeischutz.

Von Ruedi Suter

Col de l'Escrinet. Strömender Regen. Die Scheibenwischer der Busse und Polizeiwagen im Konvoi schlagen im Schnellgang das Wasser weg. Zuvorderst hält sich ein Verkehrspolizist tapfer auf seinem BMW-Motorrad. Ihm wird nachgefahren, die Bergtrasse hoch zum Col de l'Escrinet. Der 787 Meter hohe Pass zwischen den Städten Aubenas und Privas im französischen Departement Ardèche ist eine Kampf- und Todeszone. 

Geschossen wird aus allen Rohren

Der Sattel ist seit Jahren fest in der Hand von radikalen Vogeljägern. Im März, wenn die Zugvogelschwärme von Afrika her via Spanien nordwärts fliegen, segeln die abgemagerten Tiere energiesparend knapp über den Sattel hinweg, um in einem leichten Sinkflug weiterzuziehen.

Das ist der Glücksmoment für die hinter Laubwerkständen lauernden Vogeljäger: Sie feuern aus allen Rohren, die Schrotgarben schlagen in die ahnungslosen Vögel und reissen grosse Lücken in ihre Schwärme. Zu Dutzenden fallen die getroffenen Tiere tot oder verletzt zu Boden.

Es sind viele geschützte darunter und insgesamt an die 130 Vogelarten, meistens Ringel- und Turteltauben, dann aber auch Mauersegler, Rauchschwalben, Feldlerchen, Stare, Zeisige, Girlitze, Bachstelzen und sogar Störche sowie Greifvögel, die so vom Himmel geputzt werden. Und dies selbst nach dem 31. Januar, wenn in Frankreich und dem EU-Europa die Jagdzeit längst beendet ist.

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz |  © Foto by Luis García

Im Visier der Vogeltöter: Zugvogel Girlitz | © Foto by Luis García

Wilderer geniessen den Schutz des Staates

Doch das kümmert die Vogeltöter nicht: Den Wilderern fällt niemand in den Arm, weder die Präfekten und Polizei, noch die zuständigen Ministerien in Paris. Und dies, obwohl nationale und internationale Gesetze sowie französische Gerichtsbeschlüsse vorhanden wären, um das mörderische Treiben auf all jenen Ardèche-Pässen, die von den Zugvögeln überflogen werden müssen, sofort zu stoppen. 

Doch der französische Staat kuscht. So ist der Col de l'Escrinet - einer der wichtigsten europäischen Beobachtungspunkte für Ornithologen, Vogel- und Naturschützer - im letzten Jahrzehnt mehr und mehr zur rechtsfreien Zone verkommen.

Hier herrscht heute die Willkür der Vogelkiller, und wer sich ihnen entgegensetzt, wird laut glaubhaften Zeugen mit Drohungen und Gewaltanwendung vom Berg gejagt und bei Bedarf auch gesellschaftlich fertiggemacht. Besonders den Tier- und Umweltschützern wird schnell mit Gewalt begegnet.

Franzosen hoffen auf die letzte Hilfe: Franz Weber

Deshalb fährt jetzt der Konvoi unter Polizeischutz die Passstrasse hoch. In den beiden Bussen sitzen Umweltschützer und an die 35 Medienvertreter aus Europa und Afrika. Immer wieder müssen die angeschlagenen Scheiben klargewischt werden, um einen Blick auf die Landschaft werfen zu können. Doch dicke Nebelschwaden verhindern die Sicht.

Mit im vorderen Bus sitzen auch die Initianten des riskanten Ausflugs: Der Schweizer Tier- und Umweltschützer Franz Weber mit Frau Judith und Tochter Vera. 

Die französische Vogelschutzförderation FRAPNA (Fédération Rhône-Alpes de la Nature) hatte in ihrer Verzweiflung bei der Fondation Franz Weber um ausländische Hilfe gebeten. Diese wollte der kampferbrobte Basler trotz seiner bald 74 Jahre der FRAPNA und anderen französischen Vogelschutzorganisationen nicht verwehren.

Da zu diesem Zeitpunkt auf dem Col de l'Escrinet ein von der Jägern bedrängter Bauer sein Haus und sein Land verkaufen wollte, versuchte die Fondation im Juni 1999 auf Antrag der FRAPNA das Gelände von der in Frankreich bei landwirtschaftlichem Boden immer zwischengeschalteten staatlichen Genossenschaft SAFER zu kaufen (etwa 165'000 CHF). Ziel: Sicherung der Vogelzüge und Einrichtung eines internationalen ornithologischen Forschungszentrums.  

Auch afrikanische Medienvertreter eingeflogen

Doch die SAFER verkaufte das strategisch wichtige Gelände - an die Vogeljäger. Webers darauf folgende Protestschreiben und Hilfsrufe an die französische Umweltschutzministerin Dominique Voynet, Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin blieben bislang ohne Erfolg. Nun lässt er juristisch einen Rekurs wegen Verfahrensfehler abklären.

Gleichzeitig lud er die internationale Presse ein, sich am 17. März 2001 selbst ein Bild «vom feigen und illegalen Zugvogelmassaker» zu machen. Journalisten afrikanischer Fernsehstationen aus Togo und Burkina Faso bezahlte er die Reise: Afrika, dem die Industrienationen besserwisserisch der Schutz seiner Wildtiere nahelegten, dürfe ruhig auch erfahren, wie ungehindert in Europa die Vögel abgemurkst und das gemeinsame Erbe der Zugvögel zerstört würden.

Normalerweise dauert die Fahrt vom Städtchen Aubenas auf den Col de l'Escrinet 20 Minuten. Doch diese Fahrt geht über Umwege und dauert viermal so lang. Am Vorabend wurde dem Carunternehmen derart gedroht, dass es für die Journalistenschar nur noch seine ältesten Busse zur Verfügung stellte. Um Polizeischutz hatte Weber die französische Regierung persönlich angefragt. Bei dem auch für diesen Samstag vorgesehenen Schützenfest auf die Zugvögel würden sich die Wilderer wohl nicht einfach stören lassen.  

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

Konfrontation im Nebelmeer auf dem Pass l’Ecrinet: Artenschützende + Wilderer, beobachtet von der Polizei

«Die Zugvögel gehören allen - Europäern und Afrikanern»

Doch jetzt scheint für die Tierschützer alles plötzlich zum medialen Desaster zu werden. In diesem Regen und bei diesem Nebel geht nicht einmal der fanatische Vogeljäger in Stellung, um auf gut Glück in die Wolken zu ballern.

Was, wenn die Wilderer, die Tags zuvor laut Ohrenzeugen bei klarem Himmel zwischen 7 und 9 Uhr morgens 212 Schüsse abgaben, so gescheit sind, sich gar nicht blicken zu lassen? Um so Franz Webers Medienoffensive ins bild- und eindruckslose Nichts stossen zu lassen? Was dann?

Da bliebe dann einfach die Erinnerung an die Pressekonferenz vom Vortag im - natürlich auf einen Vogelnamen getauften - Hotel "Ibis" in Aubenas. An die Brandrede eines plötzlich wieder um Jahre jünger aussehenden Wortgewaltigen, dem der Schalk aus den Augen blitzte, der aber gleichzeitig auch mit seinen beiden neben dem Gesicht nach hinten und vorne schwingenden Fäusten klarmachte, dass nun die Stunde gegen die "debilen Vogelmörder" geschlagen habe - nur schon darum, weil die schützenswerten Vögel «allen Afrikanern und Europäern» gehörten. 

Überzeugter Franz Weber: "Wir gewinnen die Schlacht!"

O-Ton Franz Weber: «Das ist ein Drama! Das ist ein Skandal: Seit 18 Jahren kämpfen hier die französischen Tier- und Umweltschutzorganisationen vergebens um den Schutz der Zugvögel. Das hier ist der Anfang einer Kampagne, die der französischen Regierung die Kraft geben wird, ihre eigenen Gesetze anzuwenden und die europäischen Richtlinien zu respektieren. Wir werden diese Schlacht gewinnen, weil wir alle Mittel ausschöpfen, um den Wilderern das Handwerk zu legen. Wir werden sie kriegen!»

Erinnern würde man sich auch an die Schilderungen der Vertreter der französischen Vogelschutzorganisationen wie Allain Bougrain Dubourg und Pierre Athanaze: Vom alarmierenden Schwund der Tauben von einst 15 Millionen (1980) auf heute 2 Millionen; von der Allmacht der rund 60 «Extremisten» unter den 13'200 Ardèche-Jäger, welche kein Gesetz respektierten, Tierschützer mit Todesdrohungen und schikanösen Anschlägen auf Autos und Heime zum Verlassen der Ardèche zwängen und von der Unmöglichkeit, mit diesen «Radikalen» einen Dialog zu führen oder die Behörden zum Einschreiten zu bewegen. 

"Lieber Ordnung als Recht"

Gegenüber dem FSS und dem Basler Internetportal OnlineReports interpretierte der französische Anwalt Eric Posak die Komplizenschaft des Staats mit den Wilderern als taktisches Kalkül: «Besonders die Präfekte wollen keine gefährlichen Konflikte. Sie wollen lieber die öffentliche Ordnung gewährleisten als das Recht durchsetzen, was zu gewalttätigen Reaktionen der Jäger führen könnte.»

Dies alles wüsste man, wenn sich die illegalen Jäger nicht zeigen würden. Immerhin. Den Medien aber fehlte die Meinung der so massiv Kritisierten, und Filme und Fotos gebe es auch keine.  

Je näher sich der Konvoi seinem Ziel nähert, desto mehr Gendarmen sind zu sehen. Im Führungsbus dudelt ein Handy. Allain Bograin Dubourg bekommt von einem Späher der «Ecolos» (Umweltschützer) mitgeteilt, die aus drei Departementen zusammengezogenen Gegner seien tatsächlich aufmarschiert. Erleichterung bei den Medienvertretern und Organisatoren - die Reise war also nicht umsonst. Die Wagen halten vor einer Kurve - Endstation.

Es giesst immer noch aus allen Kübeln. Doch nun gehts nur noch zu Fuss weiter, vorbei an Mannschaftswagen der nationalen Bereitschaftspolizei CRS, die mit ihren Einheiten strategische Punkte am Col de l'Escrinet besetzten. Webers Bitte um Begleitschutz wurde erhört. Frankreich will nicht riskieren, dass Bilder von zusammengeschlagenen oder womöglich gar angeschossenen Medienvertretern um die Welt gehen. 

Vogeltöter zu Artenschützern: «Haut ab, ihr Schwuchteln!»

Nach der letzten Kurve wird die Sicht frei auf den weitgehend vernebelten Pass. Unser Weg führt sanft hinab zu einem Hügel, der zwischen uns und der Passhöhe liegt. Dort stehen rund 150 Männer und ein paar Frauen unter farbigen Regenschirmen. Sie stehen an der Grenze des umstrittenen Grundstücks, zurückgehalten von CRS-Polizisten in Kampfmontur.

Deren Schilder bilden eine talwärts gerichtete Barriere. Hinter der CRS haben sich die Gendarmen mit ihren Wagen postiert. Sie wollen nur Medienleute zu den Jägern vorlassen. Um diese nicht zu provozieren, müssen die französischen Vogelschützer und die Familie Weber weit oben am Hang zurückbleiben. Als sich die ersten Journalisten den Weidmännern nähern, gibt's Krach. Petarden krepieren, Jagdhörner ertönen, Rufe erschallen: «Haut ab, ihr Schwuchteln!» 

Joseph Adri D. Gnassengbe, TV-Chefredaktor von Togo, ist zuerst bei der CRS-Phalanx und bittet die illegalen Jäger, von denen etliche der extremen Rechten angehören sollen, über die Polizeischilder hinweg um ihre Meinung. «Ich möchte sie verstehen», sagt Gnassenbe, der an der Pressekonferenz bereits fragte, weshalb man in Europa die geschossenen und kaum je verwerteten Vögel nicht alle auch esse? In Afrika würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. 

Wilderer und Jäger in Personalunion: «Wir lassen uns nicht erpressen!»

Einer der Wortführer schreit dem Afrikaner zu, die Medienleute sollten augenblicklich verschwinden, da sie manipuliert seien und nur immer die Jagd mies machten. «Wir lassen uns nicht erpressen, wir lassen uns nicht eine uralte Tradition verbieten!»

Die Umweltschützer erklärten zuvor, Vogelmassaker habe es früher nicht gegeben. Ein Vogelfreund, der die Szene im Regen beobachtete, erklärte gegenüber OnlineReports, die Wilderei habe auch eine soziale Komponente.

Die Jäger würden auch mit ihren Familien und Freunden die Pässe besetzen, picknicken, Vögel abschiessen und diese auch schon Mal zu einer Pastete verarbeiten. Diese Art von Jagd bedeute für eine kleine Minderheit ein Vergnügen, das mit einem Ferienaufenthalt der Reichen in Saint Tropez verglichen werden könne. 

Mit Eiern und Äpfel gegen die Medienvertreter

Das Gespräch zwischen Journalisten und Jägern erschöpft sich schnell. Plötzlich fliegen Eier und Äpfel gegen einen Fotografen und ein Fernsehteam, getroffen wird ein Gendarm. Nach mehr als einer Stunde ist der Spuk auf dem Col de l'Escrinet vorbei. Triefend nass zieht sich die Medienschar unter dem Siegesgeheul der Wilderer aus der Kampfzone am Col de l'Escrinet zurück.

Nicht ein Vogel geschweige denn ein Schwarm hat sich in der Ardècher Nebelsuppe zeigen lassen. Zum Glück für die Medien sind die «Jäger» aufmarschiert, um sich und der Welt lautstark klarzumachen, dass sie weiterhin nach Lust und Laune Vögel abschiessen werden. Und das werden keine Tontauben sein - bis der Staat durchgreift.

Titelbild: Franz Weber an der Pressekonferenz beim Col de l’Escrinet | © Foto by Ruedi Suter

Erstpublikation: www.onlinereports.ch

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