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Wildtiere – auch Opfer des Totschweigens

Ruedi R. Suter

Das Leiden der gejagten Wildtiere Afrikas hat der bekannte Umweltjournalist Karl Ammann über 40 Jahre in Filmen, Büchern und Artikeln festgehalten. Ebenso den illegalen Wildtierhandel in Asien. Entstanden sind erschütternde Dokumentationen der Tierquälerei und Artenvernichtung. Sie müssten Umweltinstitutionen und Regierungen umgehend zum konsequenteren Handeln bewegen. 

Doch davon ist man weit entfernt. Eher werden Ammans Recherchen ignoriert, von den Medien «entschärft» oder von einem Teil des Publikums verdrängt. Opfer sind die letzten Jägervölker und deren Wildtiere. Betroffen sind aber auch jene Medienleute, die ehrlich auf derartige Missstände aufmerksam machen wollen, jedoch kaum mehr Gehör finden und ihre Arbeiten absetzen können. Grund: Die Welt hat überall angenehmer zu sein als sie in Wirklichkeit ist. Das torpediert die letzten Chancen einer Veränderung.

Von Ruedi Suter — FSS

Überbringer schlechter Nachrichten sind gefährdet. Nicht, weil sie – wie früher – nach Erfüllung ihrer Aufgabe umgebracht werden könnten. Immerhin sind wir Angehörige einer zivilisierten Gesellschaft, gebildet, aufgeklärt, scheinbar umfassend informiert. 

Doch Boten niederschmetternder Botschaften aus Krisengebieten riskieren mehr als ihr Leben. Wenn sie ihre Nachricht überbringen, müssen sie damit rechnen, dass man ihnen nicht glaubt – oder dass ihre Botschaft ignoriert wird und folgenlos bleibt. Das zehrt an den Nerven des Boten, lässt ihn zweifeln am Sinn seines Wirkens und – am Verstand all jener, welche nicht reagieren wollen. 

Müssen Leserinnen und Leser geschont werden?

Es ist ein Zustand, den Kriegsreporter oder Umweltjournalisten wie Karl Ammann nur allzu gut kennen. Ein Zustand, der sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Niedergang des Qualitätsjournalismus verstärkte. Dieser bemüht sich stets auch um vertiefte Hintergrundberichterstattung, um so den komplexen Realitäten einigermassen gerecht zu werden. 

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun |  © Foto by Ruedi Suter

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

Allerdings kennt auch der Qualitätsjournalismus seine Einschränkungen. Die vielen Toten der Kriege, Naturkatastrophen und Umweltzerstörungen werden bildlich kaum je gezeigt. Die Leserinnen und Leser sollen geschont werden. 

Mit der Schonung aber wird der Leserschaft ein entscheidender Teil der Wirklichkeit vorenthalten. Kriege werden – im Gegensatz zur einstigen Vietnam-Berichterstattung – für heutige Medienkonsumenten zu technischen Zaubereien, die Infrastrukturen verwüsten, aber kaum Menschen und Tiere treffen. Damit werden Kriege für die Zuschauer abstrakter und – erträglicher. Aber hilft das den Opfern?

«Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind»

«Nein», ist der Filmer Karl Ammann (71) überzeugt. «Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind. Die Menschen können selbst entscheiden, ob sie hinschauen wollen oder nicht.» Der Schweizer ist eine Art Kriegsreporter – im andauernden, von der Öffentlichkeit nur schemenhaft wahrgenommenen  Vernichtungsfeldzug gegen die tropische Fauna und Flora Afrikas und Asiens. 

Seit über 40 Jahren überbringt Bote Ammann aufgrund der Situationen vor Ort vorab schlechte Nachrichten. Dies mit dem Anspruch, wahrheitstreu zu rapportieren. Wo anhaltend getötet, vertrieben und zerstört wird, sind Momente der Hoffnung eine Seltenheit. Damit müssen Journalisten und Journalistinnen umgehen können. 

Es gilt, nicht durchzudrehen,abzustumpfen oder depressiv zu werden. Es gilt, die Erwartungen in die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu reduzieren. Wer informieren und aufklären will, Grundprinzipien eines engagierten Journalismus, muss sich bewusst sein, allenfalls gar nichts zu erreichen. 

«Niemand soll sagen können: Das haben wir nicht gewusst»

Karl Amman, geprägt von den heillosen Zuständen im afrikanischen Busch und den Märkten in asiatischen Boomstädten, hat im Laufe all der Jahre die Erwartungen in den investigativen Umweltjournalismus und dessen Wirkung aufs Publikum in einen Satz reduziert: «Niemand soll einmal sagen können: Das haben wir nicht gewusst.» Mehr erwartet er nicht mehr für seine Themen – Zerstörung der Artenvielfalt, Wilderei und weltweiter illegaler Wildtierhandel. 

2004 war ich erstmals mit ihm unterwegs – in den von Holzindustrien und Siedlern angegriffenen Urwäldern Kameruns. Für ihn eine Reise unter vielen – als Reporter und Zeuge in Sachen Naturzerstörung. Wiederholt wurden seine Reisen in die angetasteten Zonen des Kongobeckens durch behördliche Schikanen, Tiermassaker, Attacken, Unfälle, Krankheit oder Einschüchterungen erschwert. 

Karl Ammann hatte mich aufgefordert, mitzukommen. Ich solle mir selbst ein Bild von den Abholzungen, der Wilderei und dem Elend vertriebener «Pygmäen» machen. Eine gute Gelegenheit, den auch von beruflichem Neid und Missgunst seiner Kollegen verfolgten Mann kennenzulernen.

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas |  © Fotos by Karl Ammann

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas | © Fotos by Karl Ammann

Die Tragödie der konsumierten Natur

Ich wollte ja auch wissen, wie der mir bislang persönlich nicht bekannte und von Behörden und etlichen Umweltorganisationen angefeindete Schweizer arbeitete. Wer war der Kerl? Ein Selbstdarsteller? Einer, der in seinem äusserst schwierig nachprüfbaren Arbeitsgebiet schummelte? Ein Schwarzmaler oder Adrenalin-Junkie, der sich getrieben immer wieder unberechenbaren Gefahren aussetzen musste?

So trafen wir uns in Kamerun und reisten zusammen durch die Urwälder an die Grenze von Kongo-Brazzaville. Wir stiessen in nur zwei Wochen auf all das, was Ammann in seinem erschütternden Fotoband über Buschfleisch und das Umbringen von geschützten Tierarten für kommerzielle Zwecke («Consuming Nature») dem Europa Parlament zuvor gezeigte hatte.

Zu sehen waren vertriebene Ureinwohner, elendiglich eingesperrte oder angekettete Gorillas und Schimpansen, schmerzhaft verschnürte Reptilien, zerstückelte Antilopen, massakrierte Elefanten, zahllose erlegte Wildtiere für die Fleischmärkte in Afrika und Europa - kurzum eine Augen öffnende Dokumentation gegen das ultimative Leerwildern Afrikas und die unfassbare Gewalttätigkeit des Menschen gegenüber der Natur. Ein Buch, das einige Interessierte der quälenden Bilder wegen sofort wieder weglegten. 

Als «Radikaler» angefeindet oder abgewiesen

Ammann schien auf unserer Reise wie gewohnt zu arbeiten. Er zwang sich, überall genau hinzusehen und so gut wie möglich aufzuzeichnen, was uns begegnete und mitgeteilt wurde. Akribisch sammelte und filmte er alle Hinweise, wie nationale und internationale Unternehmen, Beamte, Militärs, Geschäftsleute, zugezogene Siedler und Lastwagenfahrer den Wildtieren und indigenen Jägervölkern die Lebensgrundlagen angreifen: Zeit, Koordinaten, Namen, Aussagen und Umstände.

Hierzu nützte dem in St. Gallen aufgewachsene Schweizer offensichtlich sein Wissen als Ökonom, seine Gabe als Filmer und seine Hartnäckigkeit als investigativer Journalist. 

Diese Kombination von Fähigkeiten hat ihm ebenso Auszeichnungen gebracht wie Kritiken in den Etagen von Umweltkonzernen wie World Wide Fund for Nature (WWF) und Wildlife Conservation Society (WCS). Sie kreiden dem Einzelgänger seine «Radikalität» an. Der gleiche Vorwurf kommt von Vertretern des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES, die ihn, so Ammann, lieber fern halten als seine Hinweise überprüfen würden. 

Vom Angebot in Afrika zur Nachfrage in Asien

Ich erlebte einen Kollegen, der mit ruhiger Stimme die komplexen Zusammenhänge der Zerstörung dieses grünen Paradieses erläuterte, den eine spürbare Liebe zum Mitwesen Tier bewegt, der jede Information sammelte und gegenprüfte und der jeweils mit feinem Humor die Unzulänglichkeiten des Menschseins kommentierte. Ein Humor, untermalt von einem leisen Lächeln, das dem Artenschützer über alle Frustrationen hinweg zu helfen scheint. 

Wie in Afrika Abholzungen, Fleisch- oder Trophäenwilderei sowie deren nationale und internationale Vermarktung funktionieren, dies hat Ammann jahrelang dokumentiert und via Artikel, Bücher und Filme der Fachwelt, Behörden, Gremien der UNO und des EU sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Längst ist ihm klar: «Afrika ist schlecht regiert, Korruption und Armut leisten dem Raubbau an der Natur Vorschub. Zudem hat es Afrika schwer, die Ressourcen für den Schutz der Wildtiere und Ökosysteme zu finden. So lange es eine Nachfrage in Asien gibt, wird es auch ein Angebot in Afrika geben. »

In den letzten Jahren hat sich der Schweizer jedoch auf unabhängige Recherchen und Berichte zur Nachfrage konzentriert. Also: Wie sieht der illegale Handel mit Wildtieren genau aus? Wohin werden die Tiere lebend oder tot gebracht? 

CITES in Kusch-Haltung vor China

Wie und wohin werden beispielsweise wild gefangene Menschenaffen, Elefanten, Grosskatzen, Vögel und Fische aus Afrika transportiert? Und wo landen die tierischen Körperteile wie Fleisch, Elfenbein, Rhino-Nasenhorn, Pangolin-Schuppen, Federn, Krallen, Häute, Fette und Innereien? In Asien, vorzugsweise in China, hat – neben anderen – Ammann unterdessen mit seinen teils verdeckten Recherchen festgehalten und vor allem via die angloamerikanischen Medien bekannt gemacht. 

«Trotz aller Beteuerungen sind die Kontrollsysteme in Ländern wie China, Laos, Vietnam, Burma und Thailand völlig unzureichend, der illegale Handel floriert im Versteckten», erkannte Ammann. Und das Artenschutzabkommen CITES wage es aus Angst vor China nicht einmal, seine Kompetenzen auszunutzen und Druck aufzusetzen, um dem Treiben ein Ende zu setzen.

In der Schweiz eingeschlagen ist unter anderem sein Film über die Häutung lebender Würgeschlangen in Asien, deren Häute vor ab an die schweizerische Uhren- und Lederindustrie geliefert werden. Trotzdem werden die Schlangenhäute weiter importiert. «Wir verlieren an allen Fronten und sind nicht bereit, uns diesen Realitäten zu stellen», meint der Filmer achselzuckend.

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof |  © Foto by Karl Ammann

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof | © Foto by Karl Ammann

Der unablässige «Verkauf schöner Gefühle»

Auch einflussreiche Medien versagen. Zeitungen verzichten ganz auf Ammans Berichte oder auf erschüttende Bilder in seinen Artikeln. Seine Filme werden immer mal wieder abgeschwächt, «zu harte Szenen» herausgeschnitten, dafür aber mit «Hoffnung machenden End-Szenen» ergänzt. Auch hier sollen Zuschauer und Leserschaft «geschont» werden. 

Eine Erfahrung, die auch andere Medienleute mit ähnlichem Interesse machen. Erst kürzlich hat ein Ressortleiter der «NZZ am Sonntag» einen Artikelvorschlag über die wachsenden und teils nicht bekannten Probleme der Serengeti abgelehnt. Begründung: Das sei zu kompliziert und zu wenig interessant für die Leserschaft.

Es sei die gleiche Haltung, diagnostiziert Ammann, hinter einer ähnlichen Methode, die einige grosse, auf Spenden und Sponsoren angewiesene Umweltkonzerne anwenden. Wunderbare Welten vorgaukeln, die teils schon nicht mehr existierten, diagnostiziert Journalist Ammann: «Anstelle der harten Realität werden einfach schöne Gefühle verkauft.» Und dies alles zu Lasten der Wahrheit, der Indigenen und der Wildtiere.

Adrian Schläpfer: «Wir müssen auch Trauriges wahrnehmen»

Dass es auch anders geht, dass es ein Interesse an unzensierten Vorgängen im Abwehrkampf gegen Artenschwund, Wilderei und illegalen Wildtierhandel gibt, zeigte sich am 27. April 2019 an der Mitgliederversammlung des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) in Zürich. «Wir müssen auch die traurigen Tatsachen wahrnehmen», begrüsste FSS-Präsident Adrian Schläpfer die rund 100 Interessierten, welche sich zum Vortrag von Karl Ammann eingefunden hatten. 

Als langjähriger Vizedirektor in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und als ehemaliger Botschafter in Tansania weiss Schläpfer, dass Probleme nur dann gelöst werden können, wenn sie zuerst einmal so umfassend wie möglich erkannt wurden. Sie aber in ihrem wahren Ausmass zu ignorieren, führt in die Katastrophe. Und in diesem Fall zum Kollaps der Artenvielfalt – mit unvorstellbaren Folgen für unsere Erde.

«Nichtstun ist keine Alternative!»

Eine Organisation wie der FSS müsse deshalb – neben der eigentlichen Schutzarbeit vor Ort – mehr denn je Sensibilisierung und Informationsvermittlung betreiben. «Wir wissen um die schlimmen Entwicklungen, lassen uns bei unserem Engagement in Tansania jedoch von einem realistischem Optimismus tragen. Denn Nichtstun ist keine Alternative!», schloss Schläpfer am Ende einer lebhaften Diskussion zwischen dem Referenten und dem Publikum, das sich mit bemerkenswertem Engagement dem schwierigen Thema stellte.

Der Zufall wollte es, dass um dieses Wochenende mit Ammans Vortrag zwei wichtige Ereignisse bekannt wurden. Erstens ging die Konferenz des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in Paris zu Ende. 132 Mitgliedstaaten unterschrieben einen Bericht über den alarmierenden Zustand beim globalen Artenschwund, was bereits als «grosser Erfolg» gefeiert wurde. Zweitens wurden 2018 gemäss dem Stockholmer internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI weltweit rund 1,82 Billionen US-Dollar für Militärausgaben verwendet – der höchste Stand seit dem Ende des Kalten Krieges.

Titelbild: Karl Ammann mit Satelliten-Telefon , 2004, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

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Verdrängte Artenschutzprobleme |Medienmitteilung FSS 2.5.19.jpg






























































«Wir wilderten neben den Touristen»

Ruedi R. Suter

Täglich wird gewildert, täglich sterben unzählige Wildtiere durch die Hand von Wilderern. Auch im berühmten Serengeti-Nationalpark in Tansania. Höchste Zeit, einmal einem Wilderer zuzuhören, der die Seite gewechselt hat: Ronald Mochomba hilft heute den Wildhütern und Wildhüterinnen bei der Suche nach Drahtschlingen, in denen unzählige Wildtiere jeder Grösse erbärmlich verenden.

Von Ruedi Suter – FSS

Wilderer! Sie rotten die Nashörner aus, metzeln Elefanten nieder, leeren die Urwälder und Savannen Afrikas. Sie sind ein Dauerthema, eine unablässige Bedrohung für die Artenvielfalt. Und sie sind die Feinde des Wildes und aller tierliebenden Menschen.

Aber sie haben kein Gesicht, sind anonym, wirken so um so dämonischer. Kaum je ein Medienbeitrag, der differenziert, der zwischen Trophäen- und Fleischwilderern unterscheidet, der vor allem etwas aus ihrer Perspektive zu zeigen versucht. Sind Wilderer nur immer blutrünstige, skrupellose Gesellen, die schnell Geld machen wollen?

HABARI: Ronald, wann haben Sie das erste Tier gewildert?

Ronald Mochomba: Als 15-Jähriger. Wir jagten mit Hunden ein Warzenschwein – ein Ngiri, wie wir es auf Suaheli nennen.

Was haben Sie mit dem Ngiri gemacht?

Wir holten die Innereien heraus und schnitten es auseinander. Die grossen Stücke verkauften wir, um Geld zu machen.

Musste das sein?

Wir verdienten zu wenig, konnten uns keine Sachen für den Alltag kaufen. Den Rest des Warzenschweins assen wir in der Familie.

Wo leben Sie?

Wir leben bei Mugumu, dem Hauptort des Serengeti-Distrikts an der Ostgrenze des Nationalparks und der Tagora-Ebene.

Warum wurden Sie Berufswilderer?

Als ich zur Schule ging, wurde es noch schwieriger für meine Eltern. Sie hatten kein Einkommen. So begann ich, mit der Schlingenjagd das nötige Geld zu beschaffen. Die Wilderei wurde zum Geschäft, ich zum Berufswilderer.

Wie sollen wir uns das vorstellen?

In der Regel schlichen wir einmal im Monat in den Serengeti-Nationalpark. Und zwar für 10 bis 14 Tage. Gab es viel Wild, kam die Migration durch, blieben wir länger. Dann gingen auch noch weitere Gruppen raus. Jede Gruppe umfasste vier Mann. Waren viele Tiere in den Schlingen, mussten wir mehr rein und raus. Nachts schafften wir in Kolonnen die Beute raus, das Fleisch durfte ja nicht verderben.

Was haben Sie mit den Tieren in den Schlingen gemacht?

Wir töteten sie, wenn sie noch lebten. Dann weideten wir sie aus. Wir schnitten die Kadaver in Stücke und versuchten, das Fleisch innerhalb des Parks in Buschverstecken zu trocknen. Wir mussten schnell arbeiten, weil das Fleisch Hyänen anzog. Oder Geier, die am Himmel kreisten und so unsere Verstecke verraten konnten.

Wann haben Sie gearbeitet — am Tag, in der Nacht?

Niemand sollte etwas bemerken. Auch die Nachbarn und Dorfbewohner nicht. Wir schlichen nachts in den Park. Die Schlingen legten wir bei Vollmond oder im Taschenlampenlicht an Flussläufen, Wildwechseln oder Schattenbäumen. Wir lösten gefangene Tiere aus den Drahtschlingen und verschwanden tagsüber in unsere Verstecke. Wir präparierten das Fleisch und legten es wo möglich zum Trocknen aus. Wir assen zum Fleisch den mitgebrachten Ugali, tranken Wasser und schliefen bis zum Einbruch der Nacht.

Wie haben Sie die schweren Kadaverteile aus dem Park geschafft?

Das Fleisch schleppten wir auf den Schultern. Ein Mann vorne, einer hinten und dazwischen ein Ast oder ein dünner Stamm, an dem die Brocken hingen. Gingen viele Tiere in die Fallen, benutzten wir für den Transport auch Esel.

Welche Wildtiere geraten am häufigsten in die Schlingen?

Das kommt auf die Saison an. Während der Migration mit ihren Regen vor allem Gnus und Zebras. Während der Trockenheit auch alle anderen. Büffel fingen wir mit besonders dickem Draht. Oder Giraffen, für die wir in den Baumkronen Drahtschlaufen befestigten. Eine begehrte Beute für den Markt waren Zebras.

Und Leoparden, Löwen oder Geparde?

Wir fingen auch Löwen. Für diese gibt es ebenfalls einen Markt. Die traditionelle Medizin verwendet für Behandlungen gerne Löwenfett. Die Heiler zahlen hervorragende Preise für Löwenteile. Wir waren immer glücklich, wenn wir einen Löwen hatten.

«Ich musste meine Familie ernähren»:  Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

«Ich musste meine Familie ernähren»: Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

Wie haben Sie sie getötet, wenn sie in der Schlingenfalle noch lebten?

Mit Bogen und Giftpfeil.

Keine Gewehre?

Nein, wir achteten auf eine leise Jagd. Wir jagten ja auch in nächster Nähe zu den Lodges und Rangerposten. Ein Gewehrschuss ist viel zu laut. Giftpfeile, Lanzen oder Buschmesser töten leise. Noch lebende Büffel, Flusspferde oder Grossantilopen erledigten wir mit Speeren.

Was haben Sie daheim mit dem Fleisch gemacht?

Wir hatten nie Probleme, die Beute los zu werden. Unsere Kunden warteten ja, und wir brachten unser Fleisch rasch an den Mann. Aber nie alles, denn ein Teil fiel immer für unsere Familien ab.

Wer kaufte?

Wir verkauften an Kunden, die teils aus weit entfernten Gemeinden anreisten. Die hatten Kontakte zu verschiedenen Wilderergruppen. Mit dem Mobiltelefon ist das heute kein Problem mehr. Wir telefonierten ihnen oder schickten eine SMS-Meldung mit Angaben zu Beute und Treffpunkt. Aus den Städten kamen die Käufer per Auto. Aus den benachbarten Gemeinden mit Eseln oder Motorrädern. Früher brauchten sie Fahrräder.

Wie lange machten Sie diesen Job?

Ich war zehn Jahre lang Berufswilderer.

Alle Achtung!

Ronald Mochomba wirkt sympathisch, seine Antworten sind überlegt und ausführlich. Die Uniform steht ihm gut, sie ist ein krasser Gegensatz zu den zerrissenen Lumpen, die er als Wildfrevler trug. Ein Mann, der aus Not wilderte und so gar nicht ins dominierende Bild des schwer bewaffneten Tierkillers passt, der schnell schiesst und schnell reich werden möchte. Eric Winberg sagt: «Es ist ausserordentlich lehrreich mit diesen Jungs im Busch zu sein. Sie haben ein riesiges Wissen und unglaubliche Augen. Sie sehen Tiere und Schlingen in der Ferne, die wir nie sehen, selbst mit einem Fernglas nicht.»

Ronald, wurden Sie je verhaftet?

Ja, einmal. Wir mussten vielen Rangerpatrouillen ausweichen. Wir wussten genau, wo die Wildhüter durchkamen. Wir versteckten uns im Gras, in Senken, hinter Büschen, Felsen, Bäumen, was auch immer.

Wie kam es zur Verhaftung?

Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir während der Migration mit Fleisch beladen den Park verlassen wollten. Das war 1995. Plötzlich waren wir von Rangern umzingelt. Ich zahlte dem Gericht eine Strafe, deshalb musste ich nicht ins Gefängnis.

Ronald, Sie sind heute Schlingenspezialist und Ranger-Helfer. Warum dieser Seitenwechsel?

Ich wilderte, weil ich Geld für unseren Lebensunterhalt benötigte. Das war der Hauptgrund. Wir mussten von etwas leben. Eines Tages kamen Ranger der Nationalparkbehörde Tanapa und Leute der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ins Dorf. (Red: Dies im Rahmen des Cocoba Outreach Programms, das u.a. die umliegenden Gemeinden der Serengeti an den Einnahmen des Nationalparks teilhaben lässt.) Es gab ein Treffen. Man versprach uns Geld, damit wir ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Im Gegenzug mussten wir für den Kredit einen Vertrag unterschreiben. Und wir mussten versprechen, die Wilderei aufzugeben ...

… Sie versprachen wirklich, das Jagen abzubrechen?

Ja, wir vier aus unserer Wilderergruppe unterzeichneten alle das Abkommen. Es wurde von Leuten im Dorf überwacht. Wir arbeiten heute vor allem als Bauern und Handwerker. Einer wurde gar Lehrer. So schaffte auch ich den Ausstieg, ich musste nicht mehr in den Busch, konnte meine Familie ernähren und musste keine Angst mehr haben, gefasst zu werden.

Und warum sitzen Sie heute hier, im Hauptquartier der Serengeti-Ranger?

Im April 2017 wurden wir von Cocoba für das Programm «Schlingenfreie Serengeti» rekrutiert. Man unterstellte uns zwei alt gedienten Rangern, um von nun an Schlingenfallen zu finden. Wir kennen ja das Gebiet, kennen alle Tricks der Wilderei. Wir können nun unsere Erfahrungen weitergeben, ohne unsere Geschäfte daheim aufgeben zu müssen. Im Gegenzug erhalten wir Schlingenspezialisten einen zusätzlichen Lohn.

Ist die Serengeti also demnächst schlingenfrei?

Wir müssen das Entfernen der Schlingenfallen verstärken, um den Park richtig zu schützen. Wir brauchen auch mehr ehemalige Wilderer in der Truppe. Das ist durchaus möglich, weil die Leute eine Chance erhalten, ihren verbotenen Beruf mit einer legalen Arbeit zu tauschen.

Kann man denn um den Park ohne Wilderei überleben?

Wir sind nicht in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Aber wir können sie stark reduzieren. Es ist ja so, dass Bushmeat viel billiger ist als jenes unserer Kühe oder Ziegen. Steigen auf dem Markt die Preise, wird alles noch teurer.

Haben Sie eine Familie?

Ich habe eine Frau und sechs Kinder.

Und was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie mit der Wilderei aufgehört haben?

Sie ist glücklich. Ich muss nicht mehr in den Busch, aus dem ich manchmal fast nackt und mit gar nichts mehr heimkam, weil wir von Rangern entdeckt wurden und Hals über Kopf alles zurück lassen mussten — Nahrung, Kleider, Geschirr und Waffen. Heute komme ich sauber heim und ich bringe immer etwas mit – Geld, Nahrung, Kleider, Medikamente. Wir haben genügend zu essen, ein regelmässiges Einkommen, die Kinder können zur Schule und niemand hat mehr Angst, dass die Ranger ins Dorf kommen, um uns festzunehmen. Ja, unser Leben ist sicherer geworden – und einfacher.

Ronald Mochomba, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.

Titelbild: Roland Mochomba 2018 | © Fotos by Ruedi Suter

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