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Filtering by Category: WILDEREI-BEKÄMPFUNG

Scheinheilig: «WWF-Gräuel» waren bekannt

Ruedi R. Suter

Jetzt sieht sich der Umweltkonzern WWF weltweit mit schlimmsten Vorwürfen konfrontiert. Er habe toleriert, dass in seinem Wirkungsbereich gemordet, gefoltert, vergewaltigt und geprügelt wurde.

Thomas Vellacott, Direktor des WWF Schweiz, versicherte am 7. März dem Schweizer Radio SRF: «Wir sind erschüttert!» Warum, das ist unklar: Der WWF weiss spätestens seit 2004, dass im Kongobecken von der Panda Organisation bezahlte Ranger Menschenrechtsverletzungen an den Baka-«Pygmäen» verüben.

Von Ruedi Suter – FSS

So können zumindest einige der schweren Vorwürfe gegen den World Wide Fund for Nature (WWF) für die Konzernverantwortlichen weder neu noch überraschend sein. Der Umweltschutzgigant sieht sich schon seit Beginn des Jahrtausends mit Vorwürfen zu Menschenrechtsvergehen von Mitarbeitern im Kongobecken konfrontiert.

Das Basler Newsportal OnlineReports machte 2004 in einer Kamerun-Urwaldreportage und in einem Interview mit dem Schweizer Investigativ-Journalisten und Filmer Karl Ammann auf Misshandlungen von Baka-«Pygmäen» in Kamerun durch Wildhüter aufmerksam, welche vom WWF finanziert wurden.

Auch die Umweltorganisationen Greenpeace Schweiz und Rettet den Regenwald Deutschland wiesen auf die problematischen Zustände im Kongobecken hin. Die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) berichteten in ihrem Magazin «Habari» regelmässig über die teils gut belegten Vorwürfe, die später von der Menschenrechtsorganisation Survival International (SI) noch ergänzt wurden.

Sie reichten von Vertreibungen und Schikanen über körperliche Misshandlungen bis zur aktiven Unterstützung von Wilderern durch die kamerunischen und vom WWF besoldeten Rangern.

Keine Antworten auf konkrete Fragen

Schriftliche Anfragen beim WWF International im schweizerischen Gland wurden mit umfangreichen Briefen beantwortet. Doch die konkret angesprochenen und belegten Fälle von Misshandlungen blieben ebenso unbeantwortet wie die Frage, weshalb Wildhüter angestellt seien, welche offensichtlich mit den Wilderern zusammenarbeiteten, wie uns damals ein Ranger während eines Interviews an einem geheimen Ort berichtete. Hartnäckiges Nachfragen beim WWF International führte schliesslich zu einem Informationsembargo.

Der WWF Schweiz beantwortete In den folgenden Jahren Anfragen zu neuen Vorwürfen, welche vor allem die Menschenrechtsorganisation Survival International vorbrachte. Die Antworten hatten stets den gleichen Tenor: Der WWF arbeite in einem schwierigen Gebiet, er sei sich der Probleme bewusst, toleriere aber keinesfalls Korruption und Menschenrechtsverletzungen.

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

OECD nimmt WWF unter die Lupe

Auf konkrete Missbrauchsfälle wurde wiederum nicht eingetreten, obwohl sich anfangs 2017 auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit den Menschenrechtsverletzungsvorwürfen befasste, welche den Konzern in Kamerun belasteten.

Heute nun sieht sich der WWF plötzlich auf breiter Front mit diesen und ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Grund: Das amerikanische Medienunternehmen mit seiner Webseite BuzzFeed.News hatte zwei Journalisten auf den WWF angesetzt. Sie recherchierten ein Jahr lang. Jetzt publizierten sie unter der Rubrik «WWFs Geheimer Krieg» eine erste Tranche ihrer offensichtlich erschütternden Recherchenergebnisse.

WWF-Vergehen: Erst der Anfang ist bekannt

Diesmal nahm auch die Neue Zürcher Zeitung das Thema auf. Sie thematisierte den Bericht der Journalisten Tsering D. Gurung (Kathmandu Post), Tom Warren und Katie Baker (BuzzFeed.News). Das Trio vermeldete den Fall des zu Tode geprügelten Bauern Shikharam Chaudhary in Nepal. Er sei von Rangern des Chitwan National Parks. umgebracht worden. Diese stünden im Sold des WWF, der den gewaltsamen Tod Chaudharys habe versanden lassen wollen.

Mehr noch: Dem Umweltkonzern wird auch die Tolerierung von Mord, Folter, Vergewaltigung und Schlägen vorgeworfen. Schliesslich verspricht BuzzFeed.News weitere schwerwiegende Enthüllungen im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern in den WWF-Einsatzgebieten von weiteren sechs Ländern in Asien und Afrika.

Wachsende Probleme in den Urwäldern des Kongobeckens

Zahlreiche der «neuen» Vorwürfe sind alt, und sie sind teils vom WWF selbst untersucht worden. Aber die Panda-Organisation hat aus journalistischer Wahrnehmung lieber gemauert anstatt öffentlich aktiv über die immer brisanter werdende Konfrontation zwischen den verschiedenen Interessensgruppen beispielsweise in den Wäldern des Kongobeckens zu informieren.

Dort sehen sich Indigene und Wildtiere von eindringenden Rohstoffkonzernen, Bantu-Siedlern, Wilderern , Bushmeat-Händlern, Soldaten und korrupten Beamten zusehends eingekesselt und in ihrer Existenz bedroht.

Der WWF stellte sich bislang auf den Standpunkt, bei Konflikten besser zu schweigen als sich über die Probleme seiner zweifellos schwierigen Arbeit in den Tropen und dem stets heikler werdenden Balanceakt zwischen Wirtschaftsinteressen, Artenschutz und Menschenrechten auszulassen.

«Wird der WWF das Problem endlich angehen?»

Stephen Corry, Menschenrechtler und Direktor von Survival International, sowie Afrikakenner Karl Amman sehen sich jetzt bestätigt. Der WWF vertusche seit Jahren seine Skandale. Besonders stossend: das Geld seiner Unterstützer und Unterstützerinnen finanziere somit auch gewalttätige Wildhüter.

Für Stephen Corry ist klar: «Macht der WWF nach diesen wirklich schockierenden Enthüllungen weiter <Business as usual> oder wird er das Problem endlich angehen? Sein Name und sein Logo sind für viele Indigene gleichbedeutend mit Gewalt, Verfolgung und Angst.»

Eine Ironie der Geschichte, denn damit sieht sich der WWF wieder mit einem Vorwurf aus seinen Anfangszeiten konfrontiert. Damals und lange danach wurde ihm vorgeworfen, er kümmere sich zwar um Tiere und Bäume, vernachlässige aber die Menschen.

Konkrete Vorwürfe an den WWF

> Nepal 2006: Tod nach mutmasslicher Folterung eines Bauern durch Wildhüter des Chitwan-Nationalparks. Der Mann wurde verdächtigt, seinem Sohn beim Verstecken eines Rhino-Nasenhorns geholfen zu haben.

> Nepal: Der WWF habe über Jahre durch Ranger und Soldaten begangene Menschenrechtsverletzungen bei der Wilderei-Bekämpfung in Chitwan-Nationalpark toleriert und teils verschärft. Angeführt werden Folter, systematische Gewalt, sexueller Missbrauch und andere Erniedrigungen.

> Kamerun: Billigung oder Unterstützung von Attacken durch vom WWF besoldete und ausgerüstete Wildhüter auf Urwalddörfer um den Lobéké- Nationalpark.

> Kamerun: Enge, vom WWF lange abgestrittene Zusammenarbeit mit unzimperlichen Regierungstruppen wie etwa die schnelle Eingreiftruppe BIR, der auch schon vorgeworfen wurde, unbewaffnete Zivilisten getötet zu haben.

> Kamerun 2017: Misshandlung eines Elfjährigen durch Wildhüter vor dessen Eltern. Der Fall sei von den Dorfbewohnern dem WWF gemeldet worden. Die Umweltorganisation habe nie darauf reagiert.

> Zentralafrikanische Republik: WWF-Mitarbeiter sollen gegen die eigenen Richtlinien versucht haben, von der wegen Gräueltaten verrufenen Armee Gewehre zu kaufen. Ein Vorwurf, der allerdings schlecht belegt ist.

Alle diese Fälle wurden von den beiden BuzzFeed News-Reportern in einem Jahr zusammengetragen und veröffentlicht.

Erste Reaktionen des WWF

Von einer proaktiven offiziellen Stellungnahme ist dem FSS nichts bekannt. Angeschlossen an die Medienverteiler von WWF International, dem Dachverband, und WWF Schweiz ist von diesen Stellen bis heute jedenfalls keine Stellungnahme eingetroffen.

Dies entspricht der jahrelangen Informationspolitik des Umweltkonzerns: Von sich aus wird zu Problemfällen aktiv nichts kommuniziert. Man konzentriert sich auf allgemeine Warnungen oder Erfolgsmeldungen. Bei Problemen haben Medien anzufragen, selbst bei einem GAU wie den Vorwürfen, mit der BuzzFeed News den teils sehr guten Ruf der grössten internationalen Umweltschutzorganisation (40 Länder) jetzt konkret in Zweifel zieht.

Medien, welche den WWF International aufgrund der Publikationen von BuzzFeed News anfragten, erhielten den Bescheid, man sei betroffen und werde handeln – mit einer unabhängigen Untersuchung unter der Führung von Menschenrechtsexperten. In seiner Reaktion sagt der WWF-International: «Wir sehen es als unsere dringende Verantwortung an, den Anschuldigungen durch BuzzFeed bis auf den Grund nachzugehen.»

Bleibt die Frage: Warum erst jetzt?

Titelbild: BuzzFeed.News: Bewaffneter Panda, Screenshot

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«Ivory Queen»: Zu milde Haftstrafe

Ruedi R. Suter

Jubel löste in Februar 2019 die Verurteilung der schwerreichen Geschäftsfrau Yang Feng Glan in Tansania aus. Die chinesische Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmuggelrings hatte weltweit Aufmerksamkeit erregt. Selbst die Regierungen Tansanias und Chinas lobten wortreich das Verdikt.

Doch warum bekommt eine notorische Elefantentöterin eine Strafe von nur 15 Jahren, derweil beispielsweise ein Schweizer Geschäftsmann letzten Herbst 20 Jahre Gefängnis erhielt, weil er zwei gefundene Flusspferdzähne im Koffer hatte? Spielte die Politik eine Rolle beim Urteil? Weshalb standen keine hohen Beamten vor Gericht, ohne welche die «Queen» nie «Königin» geworden wäre? Versuch einer Klärung.

Von Ruedi Suter – FSS

Jetzt sitzt die rüstige Oma hinter Gittern. Und zwar in der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam. Ob in einer sauberen Einzelzelle oder in einem der üblichen, stickigen, mit Malariamücken bevölkerten Grossraum zusammen mit Dutzenden anderen Verurteilten, das ist uns nicht bekannt.

Der Gefängnisalltag einer Frau, die den Tod Hunderter, wenn nicht Tausender Elefanten mit auf dem Gewissen hat, scheint zurzeit wenig relevant. Hauptsache, die gebürtige Chinesin kann als kaltblütige Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmugglerrings keinen Schaden mehr anrichten. So hoffen jedenfalls Artenschützerinnen und Naturverteidiger auf der ganzen Welt.

Huruma Shaidi, Hauptrichter am Gerichtshof von Kisutu, hatte die 69 Jahre alte Yang Feng Glan am 19. Februar 2019 zusammen mit den tansanischen Komplizen Apia Philemon und Silvanus Matembo zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Nachgewiesen: 430 abgeschlachtete Elefanten

Die fliessend Kiswahili sprechende Yang Fen Glan, eine an der Universtität von Beijing ausgebildete Wirtschaftsfachfrau, war u.a. wegen Schmuggels und Verkaufs von 860 Elfenbeinstücken von 430 Elefanten im Wert von über 6,45 Millionen Dollar angeklagt worden. Das Elfenbein landete zwischen 2000 und 2014 über geheime Routen in China.

Oberrichter Shaidi sah es als erwiesen an, was ihm vier Staatsanwälte gegen das Trio vorgelegt hatten. Millionärin Yang Feng Glan, seit ihrer Schlagzeilen machenden Festnahme im Oktober 2015 von den Medien zur «Elfenbeinkönigin» (Ivory Queen) erkürt, muss überdies eine Geldbusse von rund 5 Millionen Euro zahlen.

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte |  Sceenshot

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte | Sceenshot

Verurteilt: «Strippenzieher statt kleine Fische»

Medien und Artenschutzorganisationen empfanden Gerichtsverfahren und Urteil als kompromisslos. Entsprechend wurde es kommentiert und begrüsst, wovon international die zahlreichen positiven Reaktionen zeugten.

Endlich ein wegweisender Erfolg gegen das illegale Umbringen von Elefanten in Ostafrika, endlich ein klares juristisches Zeichen gegen den kriminellen Handel mit dem Elfenbein.

«Sehr gut», freute sich etwa der WWF Deutschland über das Urteil von Dar es Salaam, dass es diesmal «statt der kleinen Fische» die «Strippenzieher» getroffen habe. Mit einem Verweis auf die unsäglichen Elefantenmassaker zwischen 2007 und 2016 in Tansania – von den rund 110'000 Tieren sollen nur 50'000 überlebt haben – meinte WWF-Sprecherin Katharina Trump: «Der illegale Artenhandel muss strafrechtlich härter verfolgt und die Wilderei als organisiertes Verbrechen ernst genommen werden, wie es hier in Tansania nun geschehen ist.»

China: Staatsbürgerin wird fallen gelassen

Selbst die Volksrepublik China, immer noch verrufen als Supermagnet für illegales Elfenbein, liess sich mit einem Kommentar gegen das verheerende Treiben ihrer Staatsbürgerin vernehmen. So begrüsste Geng Shuang, Sprecher des Aussenministeriums laut dem chinesischen Newsportal «China.org.cn» ausdrücklich die Entscheidung des Gerichts.

Seine Regierung, so Shuang entschieden, zeige «keine Toleranz gegenüber illegalem Handel mit gefährdeten Tieren und ihren Produkten». Und Tansania werde in diesem Zusammenhang voll unterstützt, zumal China Ende 2017 den Handel mit Elfenbein- und Elfenbeinprodukten verboten habe.

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben |  Screenshot

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben | Screenshot

Bemerkenswert ist die Reaktion des offiziellen Chinas auch deswegen, weil die Verurteilte mit ihrem noblen Restaurant in Dar es Salaam und als Geschäftsführerin des «Tansanischen China-Afrika- Wirtschaftsrats» (Tanzania China-Africa Business Council) eine wichtige Scharnierfunktion wahrnahm – zwischen bedeutenden Geschäftsleuten aus China und Mitgliedern der tansanischen Behörden und Businesswelt.

Die clevere, in den 1970er-Jahren eingewanderte und mit einem Tansanier verheiratete Yang Feng Glan war alles andere als eine harmlose Grossmutter. Mit dem offensichtlichen Fallenlassen von Yang Feng Glan untermauert Beijing seine 2015 von Staatsführer Xi Xingping angekündigten Anstrengungen, den illegalen Elfenbeinschmuggel nicht mehr zu tolerieren.

Tansania: «Riesiger Erfolg der Regierung»

Ungewöhnlich laut gefeiert wurde das Verdikt gegen die «Ivory Queen» aber auch von der tansanischen Regierung. Hamis Kigwangalla, Direktor der Staatsanwaltschaft und Minister für Naturressourcen und Tourismus, begrüsste auf Twitter den «riesigen Erfolg der Regierung». Er sei «eine klare Botschaft an alle, dass sich Wilderei nicht mehr lohnt».

Euphorisch blickte Minister Kigwangalla gleich auch noch in die Zukunft des Landes. Bis 2022 gebe es keine Wilderei mehr in Tansania, verkündete er zur Verblüffung all jener KennerInnen, welche das Ende jeder Wilderei erst mit dem Verschwinden des letzten Wildtiers für realistisch halten. Bereits heute, so begründete der Minister, könne man im Busch auf tote Elefanten stossen, deren Geld bringenden Stosszähne niemand mitnehmen wollte.

Strafmass I: Verdächtig viele offene Fragen

Bei genauem Hinsehen werfen aber Urteil und Strafmass Fragen auf. Weshalb erhielt die einflussreiche Grosskriminelle Yang Feng Glan nur 15 Jahre Haft, derweil letzten Herbst beispielsweise ein Schweizer Staatsbürger zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil man in seinem Gepäck zwei im Busch gefundene Flusspferdzähne fand?

Warum wird eine Drahtzieherin, die mindestens 500 Elefanten auf dem Gewissen hat, milder behandelt als ein regelmässiger Tansania-Besucher, dem bislang nie ein Vergehen angelastet wurde?

Oder warum erhielt der tansanische Fahrer Emmanuel Richard ebenfalls 20 Jahre Haft für den Besitz von fünf Flusspferd-Zähnen, für die er keine Genehmigung hatte? Warum wird ein kleiner Wilderer aus Mahenge zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Elefanten umgebracht hat?

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango |  © FB

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango | © FB

Überhaupt: Weshalb sitzen im ostafrikanischen Land weitere Menschen im Knast, die für vergleichsweise geringe Vergehen gegen das Gesetz (Wildlife Act) jahrelange Strafen erhielten, welche jene der chinesischen Geschäftsfrau weit übertreffen?

Und warum erhielt Boniface Matthew Maliango (Bild oben) – im Volksmund «Shetani», der Teufel, genannt – ein «Berufskollege» der Elfenbeinkönigin und Töter tausender Elefanten, als Elfenbeinschmuggler und Chef eines weit verzweigten Verbrechersyndikats nur gerade 12 Jahre Knast? Und schliesslich und vor allem: Weshalb standen keine hohen Staatsbeamten vor Gericht, ohne welche die «Ivory Queen» es nie in den Adel geschafft hätte?

Strafmass II: Ein Verdikt mit politischen Rücksichten?

Es sind Fragen, die wir hier nicht schlüssig beantworten können. Sie müssten aber zumindest von Medien, Artenschutz- und Menschenrechtsorganisationen gestellt werden. Und zwar bevor das Urteil gegen die «Ivory Queen» als «Durchbruch» und «wegweisend» bejubelt werden kann.

Ebenso bleibt zu fragen, weshalb die tansanische wie auch die chinesische Regierung dieses vergleichsweise milde Urteil derart laut und zustimmend kommentieren. Dass sich die beiden Länder derzeit in allen Belangen rasant näher kommen, ist ein offenes Geheimnis. Chinas geschicktes Vorgehen untergräbt zusehends das Verhältnis Tansanias zu seinen alten Geschäftspartnern und Sponsoren im Westen, die sich jetzt trotz jahrzehntelanger Milliardenhilfe in die historische Ecke ausbeuterischer Kolonisten gestellt sehen.

Schliesslich bleibt auch die gewichtige Frage, weshalb es um die Ermordung des in Ostafrika erfolgreichen Artenschützers und Direktors der investigativen US-Stiftung PAMS so still geworden ist? Wayne Lotter und sein Team sollen wesentlich am Auffliegen der «Ivory Queen» beteiligt gewesen sein. Wurde Wayne Lotter auch deswegen in Dar es Salaam erschossen?

Ist seine Ermordung bis heute nicht aufgeklärt worden, weil die Auftraggeber möglicherweise Regierungsleute mit guten Beziehungen zur chinesischen Wilderei-Mafia sind? Dies trotz des amtierenden Präsidenten John Magufuli, der sich einerseits mit Worten und Taten auch energisch für den Wildtierschutz einsetzt, anderseits die Wirtschaftsentwicklung favorisiert und das Weltnaturerbe Selous für Rohstoff- und Energiekonzerne öffnet?

Rückschau: So ging die Elfenbeinkönigin in die Falle

Kurzum: Es fehlt nicht an Fragen und Widersprüchlichkeiten im heutigen Tansania. Dass die Verhaftung und Verurteilung der «Elfenbeinkönigin» aber insgesamt ein grossartiger Erfolg ist, kann nicht angezweifelt werden.

Es begann alles im Oktober 2015, als sich die alte Dame mit der Brille als «Queen of Ivory» mühelos in die Schlagzeilen der internationalen Medien katapultierte. Die steinreiche Chinesin war in Dar es Salaam verhaftet worden – von der neuen, verblüffend erfolgreichen Spezialeinheit National and Transnational Serious Crimes Investigation Unit (NTSCIU).

Der Verdacht, dass die fürchterlichen Elefanten-Massaker der letzten Zeit mit der wachsenden Präsenz Chinas zu tun haben muss, wurde mit der Verhaftung der chinesischen Businessfrau erhärtet. Yang Feng Glan war laut Medienberichten in den 1980-er Jahren aus Beijing nach Tansania gereist, um als Übersetzerin zu arbeiten und für die Regierung den Export von Früchten abzuklären.

Spätestens ab 2006 habe sich die Frau eines Tansaniers aus der Küstenstadt Tanga und Mutter einer Tochter dann Einträglicherem zugewandt – dem Elfenbeinhandel, der teils über das von ihr eröffnete Restaurant abgewickelt wurde.

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung |  Screenshot

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung | Screenshot

Neue Erkenntnisse: Über Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels

Bald verkehrte die Ökonomin in den besseren Kreisen und machte einträgliche Geschäfte über die Landesgrenzen hinweg. Tonnen von Elfenbein waren ersten Ermittlungen zufolge via chinesische Firmen, Fischerboote und Transportschiffe voller Seegurken in Richtung Asien geschmuggelt worden. Dar es Salaam und später Sansibar dienten als Ausgangsort und Häfen.

Die Festnahme der «Elfenbeinkönigin»  erfolgte nach längerer Observierung und wurde weltweit gelobt und gefeiert. «Auf diese Verhaftung haben wir seit Jahren gewartet», freute sich Andrea Crosta, Mitbegründer von WildLeaks und der Elephant Action League. Und ein Sprecher der Elite-Einheit NTSCIU versicherte: «Die Verhaftung von  Mrs Glan ermöglicht es uns, die Verbindungen und Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels zu erkennen.»

Schmuggelrouten: Durch verschiedene Länder an den Indischen Ozean

Klar sei jedenfalls, dass Elfenbein auch über Burundi, Ruanda, Uganda und Kenia via Mombasa auf die Transportschiffe gelangte. Auch gebe es eine Südroute durch Malawi, Mosambik und Sambia.

Die verhaftete «Ivory Queen» wurde zunächst angeklagt, zusammen mit den beiden Tansaniern Manase Philemon und Salivius Matembo zwischen 2000 und 2014 total 706 Elfenbeinzähne im Wert von über 2,5 Millionen Franken geschmuggelt zu haben. Doch die verhaftete Chinesin liess damals über ihren Anwalt ausrichten, sie wisse von nichts und sei völlig unschuldig.

Erst im Februar 2019, nach der Anhörung von 11 Zeugen, welche die vier Staatsanwälte Faraja Nchimbi, Paul Kadushi, Wankyo Simon und Salim Msemo einbestellt hatten, wurde der Öffentlichkeit die Dimension der illegalen Geschäfte der Chinesin klar. Unter anderem versteckte die Frau das Elfenbein vor dem illegalen Transport in ihrer Farm nahe der Küstenstadt Tanga.

Die Frage, warum die Verhaftung der Chinesin nicht schon längst und erst knapp vor der Wahl des neuen Präsidenten John Magufuli erfolgte, und weshalb keine Namen von Zulieferern und weiteren Hintermännern genannt wurden, blieb bis heute unbeantwortet.

Weitere Verhaftung: «Satan und Elefantenkiller» Mariango

Die begründete Vermutung, die dunklen Geschäftsverbindungen der Dame reichten bis in tansanische Regierungskreise, blieb unwidersprochen.  Immerhin konnte wenig später Tansanias «Elefantenkiller No 1» gefasst werden:  Boniface Matthew Mariango (45) wurde nach einer über einjährigen Jagd Ende Oktober in einem Vorort Dar es Salaams während einer wilden Verfolgung durch die NTSCIU aufgespürt und dingfest gemacht.

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Damit war der offensichtlich zu allem entschlossenen Profitruppe in kurzer Zeit nach der Chinesin ein zweiter grosser Erfolg beschieden. Mariango hat sich im Lauf der Jahre den Übernamen «Shetani» (Teufel) erworben.

Er wird als «schwerer Junge» beschrieben, der sich schliesslich zum «most wanted» Elefantenwilderer und Elfenbeinhändler Ostafrikas mauserte. Tausende von Elefanten sollen in den letzten Jahren seinetwegen ihr Leben verloren haben.

Grosser Erfolg: Schlag gegen Wilderer-Mafia

Der «Teufel» ist laut der Wildtierorganisation Elephant Action League auch ein Organisationstalent: Als Manager von «über 15 Wilderer-Syndikaten» soll er neben Tansania auch noch in Kenia, Burundi, Sambia und Mosambik die Fäden gezogen haben.

Dieses Netz belieferte der clevere Gangster mit Waffen, Munition, Kommunikationsmitteln und Geländewagen. Und seine Verbindungen ermöglichten es ihm auch, mindestens sieben Mal vor dem Zugriff der Polizei das Weite zu suchen.

Rückgang Elefantenwilderei: Hoffnungen erfüllt

Mit der Verhaftung von Boniface Matthew Mariango und von Yang Feng Glan sind in Sachen Elefantenwilderei und Elfenbeinhandel zwei zentrale Personen gefasst worden. Von einer Truppe, die laut unbestätigten Berichten von den USA und der EU aufgerüstet und mit Geheimdienstinformationen beliefert wurde.

Die Neutralisierung der «Ivory Queen» und des «Teufels» liessen vor drei Jahren erstmals berechtigt hoffen, dass in nächster Zeit den schlimmsten Wilderer- und Verbrechersyndikaten Ost- und Zentralafrikas das Handwerk gelegt wird – und die hoch sensiblen Elefanten endlich wieder etwas zur Ruhe kommen können. Eine Hoffnung, die wenigstens im ehemals besonders heimgesuchten Tansania bis heute grösstenteils erfüllt wurde.

Titelbild: «Ivory Queen» Yang Feng Glan, Elefanten © Gian Schachenmann / Fotomontage FSS

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«Wir wilderten neben den Touristen»

Ruedi R. Suter

Täglich wird gewildert, täglich sterben unzählige Wildtiere durch die Hand von Wilderern. Auch im berühmten Serengeti-Nationalpark in Tansania. Höchste Zeit, einmal einem Wilderer zuzuhören, der die Seite gewechselt hat: Ronald Mochomba hilft heute den Wildhütern und Wildhüterinnen bei der Suche nach Drahtschlingen, in denen unzählige Wildtiere jeder Grösse erbärmlich verenden.

Von Ruedi Suter, FSS

Wilderer! Sie rotten die Nashörner aus, metzeln Elefanten nieder, leeren die Urwälder und Savannen Afrikas. Sie sind ein Dauerthema, eine unablässige Bedrohung für die Artenvielfalt. Und sie sind die Feinde des Wildes und aller tierliebenden Menschen.

Aber sie haben kein Gesicht, sind anonym, wirken so um so dämonischer. Kaum je ein Medienbeitrag, der differenziert, der zwischen Trophäen- und Fleischwilderern unterscheidet, der vor allem etwas aus ihrer Perspektive zu zeigen versucht. Sind Wilderer nur immer blutrünstige, skrupellose Gesellen, die schnell Geld machen wollen?

HABARI: Ronald, wann haben Sie das erste Tier gewildert?

Ronald Mochomba: Als 15-Jähriger. Wir jagten mit Hunden ein Warzenschwein – ein Ngiri, wie wir es auf Suaheli nennen.

Was haben Sie mit dem Ngiri gemacht?

Wir holten die Innereien heraus und schnitten es auseinander. Die grossen Stücke verkauften wir, um Geld zu machen.

Musste das sein?

Wir verdienten zu wenig, konnten uns keine Sachen für den Alltag kaufen. Den Rest des Warzenschweins assen wir in der Familie.

Wo leben Sie?

Wir leben bei Mugumu, dem Hauptort des Serengeti-Distrikts an der Ostgrenze des Nationalparks und der Tagora-Ebene.

Warum wurden Sie Berufswilderer?

Als ich zur Schule ging, wurde es noch schwieriger für meine Eltern. Sie hatten kein Einkommen. So begann ich, mit der Schlingenjagd das nötige Geld zu beschaffen. Die Wilderei wurde zum Geschäft, ich zum Berufswilderer.

Wie sollen wir uns das vorstellen?

In der Regel schlichen wir einmal im Monat in den Serengeti-Nationalpark. Und zwar für 10 bis 14 Tage. Gab es viel Wild, kam die Migration durch, blieben wir länger. Dann gingen auch noch weitere Gruppen raus. Jede Gruppe umfasste vier Mann. Waren viele Tiere in den Schlingen, mussten wir mehr rein und raus. Nachts schafften wir in Kolonnen die Beute raus, das Fleisch durfte ja nicht verderben.

Was haben Sie mit den Tieren in den Schlingen gemacht?

Wir töteten sie, wenn sie noch lebten. Dann weideten wir sie aus. Wir schnitten die Kadaver in Stücke und versuchten, das Fleisch innerhalb des Parks in Buschverstecken zu trocknen. Wir mussten schnell arbeiten, weil das Fleisch Hyänen anzog. Oder Geier, die am Himmel kreisten und so unsere Verstecke verraten konnten.

Wann haben Sie gearbeitet — am Tag, in der Nacht?

Niemand sollte etwas bemerken. Auch die Nachbarn und Dorfbewohner nicht. Wir schlichen nachts in den Park. Die Schlingen legten wir bei Vollmond oder im Taschenlampenlicht an Flussläufen, Wildwechseln oder Schattenbäumen. Wir lösten gefangene Tiere aus den Drahtschlingen und verschwanden tagsüber in unsere Verstecke. Wir präparierten das Fleisch und legten es wo möglich zum Trocknen aus. Wir assen zum Fleisch den mitgebrachten Ugali, tranken Wasser und schliefen bis zum Einbruch der Nacht.

Wie haben Sie die schweren Kadaverteile aus dem Park geschafft?

Das Fleisch schleppten wir auf den Schultern. Ein Mann vorne, einer hinten und dazwischen ein Ast oder ein dünner Stamm, an dem die Brocken hingen. Gingen viele Tiere in die Fallen, benutzten wir für den Transport auch Esel.

Welche Wildtiere geraten am häufigsten in die Schlingen?

Das kommt auf die Saison an. Während der Migration mit ihren Regen vor allem Gnus und Zebras. Während der Trockenheit auch alle anderen. Büffel fingen wir mit besonders dickem Draht. Oder Giraffen, für die wir in den Baumkronen Drahtschlaufen befestigten. Eine begehrte Beute für den Markt waren Zebras.

Und Leoparden, Löwen oder Geparde?

Wir fingen auch Löwen. Für diese gibt es ebenfalls einen Markt. Die traditionelle Medizin verwendet für Behandlungen gerne Löwenfett. Die Heiler zahlen hervorragende Preise für Löwenteile. Wir waren immer glücklich, wenn wir einen Löwen hatten.

«Ich musste meine Familie ernähren»:  Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

«Ich musste meine Familie ernähren»: Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

Wie haben Sie sie getötet, wenn sie in der Schlingenfalle noch lebten?

Mit Bogen und Giftpfeil.

Keine Gewehre?

Nein, wir achteten auf eine leise Jagd. Wir jagten ja auch in nächster Nähe zu den Lodges und Rangerposten. Ein Gewehrschuss ist viel zu laut. Giftpfeile, Lanzen oder Buschmesser töten leise. Noch lebende Büffel, Flusspferde oder Grossantilopen erledigten wir mit Speeren.

Was haben Sie daheim mit dem Fleisch gemacht?

Wir hatten nie Probleme, die Beute los zu werden. Unsere Kunden warteten ja, und wir brachten unser Fleisch rasch an den Mann. Aber nie alles, denn ein Teil fiel immer für unsere Familien ab.

Wer kaufte?

Wir verkauften an Kunden, die teils aus weit entfernten Gemeinden anreisten. Die hatten Kontakte zu verschiedenen Wilderergruppen. Mit dem Mobiltelefon ist das heute kein Problem mehr. Wir telefonierten ihnen oder schickten eine SMS-Meldung mit Angaben zu Beute und Treffpunkt. Aus den Städten kamen die Käufer per Auto. Aus den benachbarten Gemeinden mit Eseln oder Motorrädern. Früher brauchten sie Fahrräder.

Wie lange machten Sie diesen Job?

Ich war zehn Jahre lang Berufswilderer.

Alle Achtung!

Ronald Mochomba wirkt sympathisch, seine Antworten sind überlegt und ausführlich. Die Uniform steht ihm gut, sie ist ein krasser Gegensatz zu den zerrissenen Lumpen, die er als Wildfrevler trug. Ein Mann, der aus Not wilderte und so gar nicht ins dominierende Bild des schwer bewaffneten Tierkillers passt, der schnell schiesst und schnell reich werden möchte. Eric Winberg sagt: «Es ist ausserordentlich lehrreich mit diesen Jungs im Busch zu sein. Sie haben ein riesiges Wissen und unglaubliche Augen. Sie sehen Tiere und Schlingen in der Ferne, die wir nie sehen, selbst mit einem Fernglas nicht.»

Ronald, wurden Sie je verhaftet?

Ja, einmal. Wir mussten vielen Rangerpatrouillen ausweichen. Wir wussten genau, wo die Wildhüter durchkamen. Wir versteckten uns im Gras, in Senken, hinter Büschen, Felsen, Bäumen, was auch immer.

Wie kam es zur Verhaftung?

Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir während der Migration mit Fleisch beladen den Park verlassen wollten. Das war 1995. Plötzlich waren wir von Rangern umzingelt. Ich zahlte dem Gericht eine Strafe, deshalb musste ich nicht ins Gefängnis.

Ronald, Sie sind heute Schlingenspezialist und Ranger-Helfer. Warum dieser Seitenwechsel?

Ich wilderte, weil ich Geld für unseren Lebensunterhalt benötigte. Das war der Hauptgrund. Wir mussten von etwas leben. Eines Tages kamen Ranger der Nationalparkbehörde Tanapa und Leute der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ins Dorf. (Red: Dies im Rahmen des Cocoba Outreach Programms, das u.a. die umliegenden Gemeinden der Serengeti an den Einnahmen des Nationalparks teilhaben lässt.) Es gab ein Treffen. Man versprach uns Geld, damit wir ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Im Gegenzug mussten wir für den Kredit einen Vertrag unterschreiben. Und wir mussten versprechen, die Wilderei aufzugeben ...

… Sie versprachen wirklich, das Jagen abzubrechen?

Ja, wir vier aus unserer Wilderergruppe unterzeichneten alle das Abkommen. Es wurde von Leuten im Dorf überwacht. Wir arbeiten heute vor allem als Bauern und Handwerker. Einer wurde gar Lehrer. So schaffte auch ich den Ausstieg, ich musste nicht mehr in den Busch, konnte meine Familie ernähren und musste keine Angst mehr haben, gefasst zu werden.

Und warum sitzen Sie heute hier, im Hauptquartier der Serengeti-Ranger?

Im April 2017 wurden wir von Cocoba für das Programm «Schlingenfreie Serengeti» rekrutiert. Man unterstellte uns zwei alt gedienten Rangern, um von nun an Schlingenfallen zu finden. Wir kennen ja das Gebiet, kennen alle Tricks der Wilderei. Wir können nun unsere Erfahrungen weitergeben, ohne unsere Geschäfte daheim aufgeben zu müssen. Im Gegenzug erhalten wir Schlingenspezialisten einen zusätzlichen Lohn.

Ist die Serengeti also demnächst schlingenfrei?

Wir müssen das Entfernen der Schlingenfallen verstärken, um den Park richtig zu schützen. Wir brauchen auch mehr ehemalige Wilderer in der Truppe. Das ist durchaus möglich, weil die Leute eine Chance erhalten, ihren verbotenen Beruf mit einer legalen Arbeit zu tauschen.

Kann man denn um den Park ohne Wilderei überleben?

Wir sind nicht in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Aber wir können sie stark reduzieren. Es ist ja so, dass Bushmeat viel billiger ist als jenes unserer Kühe oder Ziegen. Steigen auf dem Markt die Preise, wird alles noch teurer.

Haben Sie eine Familie?

Ich habe eine Frau und sechs Kinder.

Und was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie mit der Wilderei aufgehört haben?

Sie ist glücklich. Ich muss nicht mehr in den Busch, aus dem ich manchmal fast nackt und mit gar nichts mehr heimkam, weil wir von Rangern entdeckt wurden und Hals über Kopf alles zurück lassen mussten — Nahrung, Kleider, Geschirr und Waffen. Heute komme ich sauber heim und ich bringe immer etwas mit – Geld, Nahrung, Kleider, Medikamente. Wir haben genügend zu essen, ein regelmässiges Einkommen, die Kinder können zur Schule und niemand hat mehr Angst, dass die Ranger ins Dorf kommen, um uns festzunehmen. Ja, unser Leben ist sicherer geworden – und einfacher.

Ronald Mochomba, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.

Titelbild: Roland Mochomba 2018 | © Fotos by Ruedi Suter

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«Darum wildere ich Tiere» - Viele Gründe führen zur Ausrottung der afrikanischen Tierwelt

Rhino-Tragödie: Acht Tiere tot nach Umsiedlung

Ruedi R. Suter

Unfassbare Tragödie: Acht von insgesamt vierzehn Spitzmaulnashörnern sind in Kenia nach einer kürzlich  erfolgten  Translokation verendet. Über die Ursache wird noch gerätselt.

Nairobi, 13. Juli 2018 – Die acht Tiere waren kürzlich vom Nairobi- und vom Lake Nakuru-Nationalpark in ein neues Gehege im des Tsavo East-Nationalparks transportiert worden, dies unter der Leitung des WWF und der kenianischen Wildschutzbehörde Kenya Wildlife Service (KWS). 

An was die Tiere  nach ihrer Umsiedlung genau starben, muss zuerst untersucht werden. Laut einer ersten Stellungnahme des kenianischen Ministeriums für Tourismus und Wildlife könnten die acht Rhinos an einer Salzvergiftung gestorben sein. In ihrer neuen Umgebung war der Salzgehalt des Trinkwassers höher als in ihrer ursprünglichen Heimat. Die Tiere tranken und tranken, ohne ihren Durst löschen zu können – so eine Mutmassung. 

Ist geschlampt worden?

Wie auch immer – der Tod dieser Spitzmaulnashörner, deren Art vom Aussterben bedroht ist, schockiert nicht nur die internationale Gemeinde der Tierschützer und -schützerinnen. Er wirft auch unbequeme Fragen nach der Professionalität der ausführenden Organisationen auf. «Der Verlust dieser Tiere ist ein komplettes Desaster», erklärte die prominente kenianische Umweltschützerin Paula Kahumbu von Wildlife Direct gegenüber Associated Press. 

Cathy Dean, Leiterin von Save the Rhino, forderte gegenüber dem Guardian eine lückenlose Erforschung der Todesursache durch internationale Expertinnen und Experten. Dean meinte ausserdem, in Kenia habe man weniger Erfahrung bei den immer heiklen Übersiedlungen von Nashörnern. Derweil solche Transporte mit dem vorherigen Einfangen und Narkotisieren in anderen Ländern jährlich erfolgten, würden in Kenia nur gerade alle drei bis vier Jahre Translokationen durchgeführt.

Verluste statt Fortpflanzung

Anstatt die Zahl der bedrohten Black Rhinos in Kenia in dem neuen, rund um die Uhr bewachten Nashornschutzgebiet des Ost-Tsavos mittelfristig zu erhöhen, hat nun das Land mit einem Schlag acht seiner rund 750 Schwarzen Nashörner verloren. Von diesen soll es  weltweit gerade noch etwa 5'500 Tiere geben. Letztes Jahr hat  Kenia ingsgesamt neun, dieses Jahr bisher drei Rhinos durch Wilderer verloren. 

Im Tsavo East, mit 21'812 Quadratkilometer der grösste Nationalpark des Landes, lebten einst geschätzte 2'000 Nashörner.  In den 1990er-Jahren fand die letzte Rhino-Translokation ins Gebiet statt. Heute dürften noch zwischen 10 und 20 Tiere hier leben, so mutmasst die Organisation Save the Rhino. Der benachbarte Tsavo West-Nationalpark grenzt übrigens an den tansanischen Mkomazi-Nationalpark, wo auch mit Hilfe der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) das erste voll überwachte Nashorngehege Tansanias mit über 30 Schwarzen Nashörnern eingerichtet wurde. fss

Titelbild: Breitmaulnashorn, Weisses Nashorn | © Symbolbild by Gian Schachenmann

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Tschad: Glückliche Rückkehr der Rhinos

Ruedi R. Suter

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N’Djamena, Johannesburg, 5. Mai 2018 – Im Tschad leben wieder Nashörner! Und zwar seit dem gestrigen Freitag, als ein Transportflugzeug mit sechs Spitzmaulnashörnern im südlichen Zakouma-Nationalpark landete und die Tiere auf tschadischen Boden ausgeladen wurden. Am Donnerstag waren die aus dem südafrikanischen Addo-Nationalpark stammenden Tiere im Flughafen von Port Elizabeth in Kisten an Bord des Transportflugzeugs gehievt worden.

Die erfolgreiche Translokation sei das Resultat einer «beispiellose Zusammenarbeit zwischen der tschadischen und der südafrikanischen Regierung, African Parks und SANParks», schreibt African Parks in ihrer Medienmitteilung. Die Aktion sei in den letzten beiden Jahren intensiv vorbereitet worden. In Tschad galten Nashörner für fast ein halbes Jahrhundert als ausgerottet. 

Sechs Rhinos für den Zakouma-Nationalpark

Die Regierungen Südafrikas und des Tschad hatten im Oktober 2017 eine Absichtserklärung zur Wiedereinführung der sechs Spitzmaulnashörner in den Zakouma-Nationalpark unterschrieben. In Begleitung eines Teams von erfahrenen Tierärzten wurden die Nashörner während der gesamten Reise betreut, um nach der Landung  zur genauen Überwachung und Akklimatisierung in ein eigens errichtetes Gehege getrieben zu werden. In den folgenden Wochen werden die Nashörner in ein umfassend geschütztes Schutzgebiet im Park entlassen, um ein reibungsloses Einleben in ihre neue Umgebung zu gewährleisten. 

Die in verschiedenen afrikanischen Ländern wirkende Naturschutzorganisation African Parks übernahm 2010 in Zusammenarbeit mit der Regierung der Republik Tschad die Verwaltung des Zakouma-Nationalparks. Sie verwandelte den Park in ein weitgehend sicheres Schutzgebiet durch die Anwendung strenger Gesetze wie auch durch umfangreiche Gemeinschaftsprogramme und spezifische Sicherheitsvorkehrungen für die Wiedereinführung von Nashörnern.

Beitrag zur Erhaltung der zentralafrikanischen Rhino-Population

Peter Fearnhead, der Direktor von African Parks: «Durch unsere Partnerschaft mit der Regierung des Tschad konnten wir die Sicherheit in Zakouma wiederherstellen und eine Möglichkeit schaffen, eine zentralafrikanische Population dieser Art in einem sicheren und funktionierenden Park zu bringen. Die heutige Wiederansiedlung ist ein wichtiger Beitrag zur langfristigen Erhaltung der Nashörner in Afrika wie auch zur Bereicherung des Naturerbes im Tschad.»

Zakouma, einst Tummelfeld von Wilderern, gilt heute als sicheres Gebiet für einige der wichtigsten Wildtierpopulationen der Region. Erstmals wächst auch die Elefantenpopulation wieder. Dies ist nicht zuletzt dem Wirken von Ex-Parkdirektor Rian und seine Gattin Lorna Labuschagne zu verdanken, welche massgeblich am Wiederaufbau des Parks beteiligt waren und heute für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt den Serengeti-Nationalpark in Tansania  sichern helfen.

Die beiden waren in den neunziger Jahren auch für das vom FSS  aufgepäppelte Nashorn-Waisenkind Richi verantwortlich, das per Flugzeug tansanischen Kilimanjaro-Airport zur Blutauffrischung nach Port Elizabeth und schliesslich in den südafrikanischen Addo-Nationalpark transferiert wurde.  Für die Wiederansiedlung der Nashörner im tschadischen Zakouma-Nationalpark wurden nebst anderem eine berittene Rhino-Ranger-Einheit formiert sowie eine Luftraumüberwachung installiert.  fss

Foto: Betäubtes Nashorn wird in Südafrika für den Flug nach Tschad «verpackt».          Screenshot: www.african-parks.org  

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Rhinohorn-Handel: Vom Potenzmittel zum Protzartikel

Mkomazi – die unglaubliche Wiedergeburt eines Wildreservats

Ruedi R. Suter

Das ist die erstaunliche Geschichte eines Wildreservats, das bereits aufgegeben und beinahe leergewildert worden war. Doch dank dem Teamwork des Tansaniers Hezekiah Mungure, dem Engländer Tony Fitzjohn und der Amerikanerin Kirn Ellis erlebt das nordtansanische Mkomazi-Wildreservat (3'200 Quadratkilometer) an der Grenze zum kenianischen Tsavo-Nationalpark eine fast unglaubliche Wiedergeburt. Eine Reportage über die Schutzerfolge in einer abgelegenen Gegend, die den Wildtieren wieder zurückgegeben werden soll.

Von Ruedi Suter – FSS

Es ist April, und die Anfahrt zum Mkomazi verspricht Schwierigkeiten. Immer noch drohen schwere Regenwolken über dem Land. Es hat wieder geregnet letzte Nacht, hat wieder die fruchtbare Erde des Kilimanjaros auf die Strasse zwischen Arusha und Moshi geschwemmt. Die abgeholzten und beackerten Hänge der auslaufenden Hänge des Kilis leisten den sintflutartigen Regenfällen nur noch geringen Widerstand.

Ganze Felder hat es weggespült. Unheilvolle Folgen des Bevölkerungsdrucks auf den fruchtbaren Berg. Wo noch etwas Platz ist, werden Busch und Bäume abgeholzt, werden Felder angelegt. Der Mensch muss essen. Die unteren Hänge des riesigen Kilimanjaros wirken schon viel zu kahl. Wie wird es hier wohl in zehn Jahren aussehen? 

Das Tempo muss reduziert werden, zu viel Erde auf der Asphaltstrasse. Links und rechts waten die Fussgängerinnen und Fussgänger im knöcheltiefen Schlamm. Barfuss die meisten und vorsichtig, weil der Grund rutschig wie Seife ist. In den Häusern mit festgestampftem Boden ist jetzt die Erde aufgeweicht. Lange kam kein Regen, jetzt regnet es zuviel. So viel wie seit 20 Jahren nicht mehr. Unberechenbar ist sie geworden, die Natur. Auf den jetzt grünen Feldern der Ebenen hacken Frauen und Männer zwischen den kniehohen Maisstauden das hochschiessende Unkraut um. Auch der Mais hat jetzt zuviel Wasser, er wird nie mehr richtig wachsen.

Ein pfiffiger und effizienter Parkchef

Von Arusha nach Same braucht man heute nur noch etwa drei Stunden. Auf zumeist guten Asphaltstrassen. In Same, am südöstlichen Fusse des Pare-Gebirgs, ist die Abbiegung für ins Mkomazi Game Reserve. Man fährt auf der alten Strasse Richtung Tanga, die früher nördlich der Pare-Berge entlang führte. Zirka fünf Kilometer nach Same steht neben der Naturstrasse – sie bildet weitgehend auch die südliche Grenze des Schutzgebietes - ein steinernes Schild: «Hier beginnt das 1951 gegründete Game Reserve». 

Unweit davon steht unter schattigen Bäumen das Hauptquartier der Mkomazi-Ranger. Ein paar Häuser, eine abgetakelte Raubkatzenfalle, ein früher von Elefantenwilderern beschlagnahmter Landrover mit platten Pneus, ein Haufen neuer Backsteine und ein neuer Toyota Land Cruiser. Chef der nur aus 26 Männern bestehenden Rangertruppe des 3'200 Quadratkilometer grossen Reservats ist Hezekiah Mungure. Ein pfiffiger, humorvoller und effizienter Tansanier, der an den Hängen des Mount Meru bei Arusha aufgewachsen ist.

Der Mehrfrontenkampf des Hezekiah Mungure

Seine Karriere begann er 1968 in der Wildlife-Division, welche sich um die 15 Wildreservate des Landes kümmert. Mungure spezialisierte sich in der Wildererbekämpfung, war in Tabora, Mwanza, im Selous, auf Rubondo, in Dar es Salaam in der Game Divison und schliesslich wirkte er als Regional Game Officer in Moshi, wo er sich mit der Wiederbelebung des im Laufe der letzten Jahrzehnte völlig vernachlässigten, beinahe leergewilderten und von unzähligen Rinderherden heimgesuchten Mkomazi-Wildschutzreservats zu befassen begann. 

Die tansanische Regierung wollte den an den kenianischen Tsavo-Nationalpark angrenzenden Mkomazi nicht aufgeben, obwohl ihm nahe des im mittleren Südteils gelegenen Njiro-Postens 1968 bereits ein grosses Stück ausgerissen und den Bauern zur Bewirtschaftung übergeben worden war. 1988 hob die Regierung das Mkomazi-Wildreservat­Rehabilitationsprojekt aus der Taufe – und ernannte Hezekiah Mungure zu dessen Direktor.

Viel Widerstand in der Bevölkerung

In Mungures einfachem Büro stehen ein Tisch mit einem Stoss Papier darauf, daneben ein Funkgerät, ein kleiner Kasten, drei Stühle, an der Wand eine Parkkarte und Postkarten, sonst nichts. Während er in blumigen Bildern über seine Arbeit erzählt, wechselt sein Gesichtsaudruck zwischen fröhlich und bedrückt. «Manchmal», sagt er, «meine ich verrückt zu werden mit dieser Schufterei. Wir sind zu wenige, haben kaum Mittel und kämpfen gegen alle – gegen die Wilderer; gegen die Bauern, die im Reservat anpflanzen; gegen Hirten, die im Schutzgebiet verbotenerweise ihre Rinderherden weiden lassen und gegen die Natur, welche die damals zur Kolonialzeit angelegten Stauseen austrocknen und die Strassen völlig verfallen liessen. Doch nicht genug: Den härtesten Kampf müssen wir gegen die lokalen Politiker führen, Sie halten das  Reservat schlicht für überflüssig. Die Führer hier sind für die Menschen, nicht für die Tiere. Sie wollen nur Land. Kurzum, wir mussten hier ganz von vorne anfangen.»

«Hier schossen die Somali-Wilderer alle Elefanten»

Mungure steht auf, zeigt auf der Karte. Was für ein riesiges Gebiet! «Dafür sollte ich mindestens 40 Ranger haben», sagt der Mkomazi-Chef. Er hat aber nur 26 und für die Kontrollfahrten nur ein einziges Fahrzeug. Die vier alten Rangerposten werden jetzt renoviert, sieben neue sind an strategisch wichtigen Punkten geplant Mungures Zeigefinger gleitet an die südöstliche Parkgrenze, zum Umba-Fluss, in Richtung Tanga und zum Indischen Ozean. «In dieser Gegend wüteten die Somali aus Tanga. Hier schossen sie alle Elefanten. Jetzt haben wir aber Ruhe, auch dank des Cites-Banns.»

Mkomazi, früher Wildschutzgebiet, später Nationalpar&nbsp; | © Map by Wikipedia)

Mkomazi, früher Wildschutzgebiet, später Nationalpar  | © Map by Wikipedia)

 

Jetzt führt· der Mkomazi-Chef seine Gäste (die FSS-Mitglieder René Binder, Alex Rechsteiner und den Berichterstatter) zur Vorratskammer. Hier liegen Mais und Zucker. «Das haben wir mit dem Geld des FSS kaufen können. Die Nahrung ist die erste Voraussetzung dafür, dass meine Männer überhaupt richtig arbeiten können. Wir hatten häufig nicht genug zum Essen. Wir haben einfach zuwenig Geld. Ohne Essen geht aber nichts. Eure Hilfe ist darum äusserst wertvoll.»

«Müde und manchmal auch sehr allein»

Man habe schon etliches erreicht, meint Mungure: Im Reservat grasen immer weniger Rinderherden, die Wilderei sei einigermassen im Griff, viele Pisten seien wieder befahrbar, und jetzt kämen langsam langsam auch wieder die Wildtiere zurück. Mungure reicht uns das unerlässliche Gästebuch: Nur 24 Menschen haben das Reservat zwischen dem 1. Januar und 1. Mai 1992 besucht. Zum Schluss gesteht Hezekiah Mungure, er fühle sich manchmal «sehr müde und manchmal auch sehr allein».

Vor allem der fehlenden Mittel, aber noch mehr des politischen Drucks wegen, der von der umliegenden Bevölkerung auf ihn und seine Leute ausgeübt würde. «Die Leute verstehen den Sinn eines Reservates noch nicht. Ohne Tony Fitzjohn hätte ich hier wahrscheinlich längst schon aufgegeben.»

Besiedlung und Viehherden als Dauergefahren

Nächstes Ziel: Das Kisima-Camp. Es liegt mitten im Reservat, ist seit über zwei Jahren das neue Zuhause von Tony Fitzjohn und seiner Lebensgefährtin Kirn Ellys. Rechts erheben sich die schon ziemlich kahl geholzten Pare-Mountains. Ein imponierender Gebirgszug, der im Osten von den Usambara-Bergen abgelöst wird. Die Piste ist gut. Links, Richtung Kenia, das Reservat mit weiten Ebenen und blauen Bergen.

Plötzlich aber reiht sich links ein Feld ans andere bis tief ins Land hinein – es ist das Gebiet, welches die Politiker der Bevölkerung öffneten. Eindruckvolles Beispiel dafür, wie rasch und gründlich Wildnis vom Menschen in Beschlag genommen werden kann. Es bräuchte nur wenig Zeit, und die Naturschutzgebiete des Landes wären bei ihrer Aufhebung im Nu bevölkert, besiedelt, bepflanzt, das Wild gejagt, vertrieben oder eben ausgerottet.

Nach dem besiedelten Reservatsgebiet führt eine Piste links in den Busch zum Njiro-Posten. Weiter führt jetzt die Piste durch dichten Busch, in dem – ausser ein paar Dik-Dik und 

Hornbills keine Tiere zu sehen sind. Hier lebten einst zahlreiche Schwarze Nashörner und grosse Elefantenherden. Nashörner scheint es heute keine mehr zu geben, und der Elefantenbestand wurde um schätzungsweise 75 Prozent dezimiert.

Mit Insektiziden gegen die Raubkatzen

Kaum mehr zu sehen sind auch Geparde. Wildhunde sind ganz aus dem Wildreservat verschwunden, auch wenn im Mai 1991 zwei an der kenianischen Grenze gesehen wurden. Kommt hinzu, dass in diesem Gebiet zahlreiche Raubkatzen, vorab Löwen, Geparden und Leoparden von den Hirten mit einem Insektizid vergiftet wurden.

Hingegen leben im Mkomazi unter anderem noch Giraffen, Impala, Kleine Kudus, Zebras, Kuhantilopen, Gerenuks, Grant Gazellen, Eland-Antilopen, 233 Vogelarten, Büffel, Löwen und Leoparden. Lange, vergleicht René Binder, der das Reservat seit lange kennt, seien die Tiere der Wilderei wegen extrem scheu gewesen. Erst in letzter Zeit flöhen sie nicht mehr, wenn ein Fahrzeug auch nur schon in der Ferne auftauche.

Vier Fahrstunden nach der Abfahrt in Arusha öffnet sich der Busch und lässt den Blick frei auf einen Berghang mit einem unauffällig in die Landschaft eingepassten Steinhaus: Das Anwesen des Tierschützers Tony Fitzjohn und seiner Lebensgefährtin, der Filmerin Kim Ellys. Sandalen, Shorts, nackt-sehniger, braungebrannter Oberkörper, mittellanges Haar und gutmütige Augen in einem kantig-harten Gesicht – Tony Fitzjohn begrüsst herzlich die Ankommenden und heisst sie im Schatten des Esszelts Platz nehmen.

Tony Fitzjohn - Raubein mit sanftem Herzen

Von hier aus schweift der Blick über die nördlichen Berge des Reservats bis hin zur unsichtbaren Grenzlinie zwischen Kenia und Tansania. Von hier aus können an klaren Tagen sogar der Kilimanjaro und die Taita-Hills gesehen werden. Am Fusse des Kisima-Camps wurden zwei quer zueinander liegende Landepisten für Tonys Kleinflugzeug in den Busch geschlagen. 

Tony Fitzjohn vor altem Game Reserve-«Schild» |  © Foto by WildlifeNOW

Tony Fitzjohn vor altem Game Reserve-«Schild» | © Foto by WildlifeNOW

 

Wer ist dieser Mann, was tut er hier in dieser gottverlassenen Gegend? Der 47-jährige Engländer gibt ohne Umschweife in seiner rauen Sprache Auskunft. Tony Fitzjohn lebt und arbeitete 18 Jahre lang mit George Adamson zusammen, in Kora, einem Reservat in Nordkenia. George Adamson, zusammen mit seiner Frau Joy durch die erzählte und verfilmte Geschichte «Die Löwin Elsa» bekannt geworden, beschäftigte sich mit der Wiederauswilderung von durch Menschen aufgezogenen Löwen.

Fitzjohn half Ihm  dabei ebenso wie beim Aufbau des Kora-Reservats. Die beiden wurden zu guten Freunden und Partnern. Nach zehn Jahren Lehrzeit startete Fitzjohn sein eigenes Programm: Die Wiedereinführung von Leoparden in Kora. 1985 stiess die Filmerin Kirn Ellis zum Duo, um deren Arbeit schriftlich und filmisch zu dokumentieren. Als Adamson 83-jährig durch Banditen am 20. August 1989 erschossen wurde, verloren Tony und Kim einen engen Freund.

Tansanische Regierung froh um Hilfe

Auf Drängen Adamsons hatte Fitzjohn jedoch bereits damals ein neues Gebiet gesucht, wo er bedrohte Tiere wieder heimisch machen konnte. Seine Wahl fiel auf das seit 1966 völlig vernachlässigte und vergessene Mkomazi­Reservat Dies auch darum, weil die tansanische Regierung an der Wiederbelebung dieses Gebietes sehr interessiert war und

dem Engländer jede mögliche Unterstützung versprach. Fitzjohn setzte sich mit Mungure in Verbindµng. Daraus entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern auch eine effiziente Zusammenarbeit, die zu einer verhältnismässig raschen Erholung des Reservats führte. Das Resultat des über zweijährigen Aufbaus provozierte beim nationalen Direktor der Wildlife Division, Costa Mlay, anlässlich seines Besuchs im Mai eine uneingeschränkte Anerkennung.

Zuerst musste das Reservat wieder hergestellt werden

Nicht ohne Grund, war doch das Trio Mungure-Fitzjohn-Ellis tatsächlich sehr rührig.  Zunächst wurden die Herden aus dem Reservat getrieben und der Wilderei wo immer nur möglich der Riegel geschoben. Dabei setzte Fitzjohn sein Flugzeug ein. Er meldete Mungure per Funk, wo sich Rinder, Hirten, Sammler von Halbedelsteinen und Wilderer aufhielten. Mungure und seine Leute sorgten dann am Boden für Ordnung.

Bald spürte die umliegende Bevölkerung, dass im Mkomazi nicht mehr einfach alles gemacht werden konnte. «Wir sind darum nicht gerade populär hier», bedauert Fitzjohn. In dieser Zeit wurde mir aber auch klar, dass der Mkomazi zunächst wieder zum Reservat gemacht werden musste, bevor ich überhaupt an eine Wiedereinsetzung von Geparden und Wildhunden denken konnte. Denn deswegen hatte ich ja schliesslich im Auftrag der tansanischen Regierung dieses Gebiet hier ausgesucht.»

Hilfe aus Europa und den USA

Derweil Tony Fitzjohn und Kim Ellis im abgelegenen Kisima im Herzen des Mkomazi mit viel Mühe eine eigentliche Basis mit Haus, Zelten, Landepisten und einer kleinen Werktstatt errichteten, mussten sie auch gleichzeitig Geld in Europa und den USA beschaffen. Dies wurde mit dem George Adamson Wildlife Preservation Trust (England) und den später gegründeten Tony Fitzjohn/George Adamson African Wildlife Preservation Trusts (USA und Canada) wie auch mit öffentlichen Auftritten und Filmen bewerkstelligt.

Persönliche Kontakte zu Filmgrössen in Hollywood zahlten sich dabei besonders aus. "The Mkomazi Projekt" wurde so auch in Amerika und Europa bekanntgemacht. «Auf diese Weise», so Fitzjohn, «erhielten wir bis heute jährlich rund 20'000 Pfund und 180'000 Dollars. «Das Geld wurde gleich wieder investiert – in Saläre, Nahrungsmittel, Treibstoff, Baumaterial, vier Geländefahrzeuge, ein Lastwagen, ein Traktor, Solar- und Windanlagen für Stromgewinnung, in den Bau von Landepisten, in die Wiederherstellung von fast 500 Pistenkilometer und anderes mehr.

Keine Wildtiere: Von Rinderherden und Wilderei verdrängt |&nbsp; © Foto by Kimali Markwalder

Keine Wildtiere: Von Rinderherden und Wilderei verdrängt | © Foto by Kimali Markwalder

Stark ausgebautes Funknetz

«Kommt mit!» Fitzjohn geht zu seinem dachlosen Uralt-Landrover, an dem nur noch Motor, Schaltung und Räder zu funktionieren scheinen, lässt seine Besucher aufsteigen und fährt sie auf einem kürzlich angelegten, halsbrecherisch steilen Weg zum nahen, 3'500 Fuss hohen Kisiwani-Berg hoch. Von hier oben sieht man weit ins Land hinaus, eine prächtige Sicht auf die benachbarten Berge und Täler.

Hier oben steht aber auch eines der wichtigsten Hilfsmittel: Ein Relais-Turm für den Funkverkehr im ganzen Reservat zwischen Fitzjohn, Mungure und seiner Truppe. Zwei feste Funkstationen sind in Fitzjohns Basiscamp Kisima und im Mungures Hauptquartier Zange. hinzu kommen noch die sechs Walkie-Talkies der Ranger sowie die Funkgeräte in den Fahrzeugen und im Flugzeug. Die Funkverbindung steigere nicht nur enorm die Arbeitseffizienz, sie hebe auch ganz wesentlich die Moral, sagt Tony: «Denn die ist schon manchmal ziemlich nahe dem Nullpunkt.»

Video-Aufklärung für die Bevölkerung

Zur Hebung der Moral tragen auch die Uniformen bei, welche die kanadische Regierung schickte, sowie das vom FSS finanzierte Bonus-System für festgenommene Wilderer oder beschlagnahmte Schlingen und Waffen. Des weitern führten Fitzjohn und Mungure die kontrollierten Frühbrände ein.

Und sie rüsteten einen kleinen Suzuki mit Video aus, um der Bevölkerung entlang des Reservats Sinn und Zweck des Tier- und Naturschutzes vor Augen zu führen. Gleichzeitig helfe man ihr mit Medikamenten. Fitzjohn: «Die Leute müssen einen  direkten Nutzen aus dem Reservat ziehen können. Und wir finden tatsächlich auch weniger Schlingen als früher.» 

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Unterdessen gründeten Freunde auch die «Friends of Mkomazi», mit deren Hilfe schon einige kleinere Anschaffungen getätigt wurden. Und schon scheut das Wild nicht mehr so. Trotz der relativ breiten Unterstützung fehlt es den Mkomazi-Leuten immer wieder an finanziellen Mitteln, betonen Mungure und Fitzjohn.

Zuweilen reiche nicht einmal der Treibstoff, um mit dem zurzeit einzigen Patrouillenfahrzeug Überwachungsfahrten in entlegene Reservatsecken zu unternehmen. Um das Reservat auch für Touristen attraktiv zu machen, müsste das Pistennetz verbessert und vergrössert werden. Vor allem aber sollte das Schutzgebiet so gut überwacht werden können, dass sich das Wild wieder sicher fühlen kann. 

In dieser Beziehung geben sich Tony Fitzjohn, Kirn Ellis und Hezekiah Mungure zuversichtlich. Das Wild, vor zwei Jahren noch schrecklich scheu, lasse Menschen und Fahrzeuge bereits erstaunlich nahe an sich herein. Am meisten Freude bereiten Fitzjohn die Elefanten: «Als ich hier anfing, zählte ich mit dem Flugzeug sage und schreibe nur elf Elefanten im Reservat. Heute dürften sich bereits 200 bis 300 permanent im Gebiet aufhalten. Wir haben hier aber auch schon gegen 600 gezählt.»

Neue Gesetze notwendig

Und die Zukunft? Der FSS will auch 1993 die Mkomazi-Ranger und ihre Familien mit CHF 2'000 unterstützen. Das Verhältnis zu den tansanischen Behörden sei derart «freundschaftlich», dass man auch von dieser Seite weiterhin auf volle moralische Unterstützung rechnen dürfe, meint Fitzjohn. Am Mkomazi hänge man auch darum, weil in ihm schon Generationen von Wildhütern ausgebildet wurden. Um das Reservat allerdings selbsttragend zu machen, müsse es für den Tourismus attraktiver gestaltet werden.

Nein, ein Nationalpark soll Mkomazi nicht werden, aber Gesetze müssten her, die den Schutz des Reservats gewährleisteten. In diesem Zusammenhang muss aber das Engagement des neuen Direktors of Wildlife, Muhidin Ndolanga, abgewartet werden. Er übernimmt in Dar es Salaam den Posten von Costa Mlay, der dem Mkomazi sehr gewogen war.

Vorgesehen ist zudem die Errichtung von Campingplätzen und einer Lodge für betuchte Kundschaft. Tony Fitzjohn: «Pläne haben wir noch haufenweise, aber realisieren können wir sie nur langsam. Mit viel Geduld. Und nur Schritt für Schritt.»

Noch ahnen wir nicht, dass der Mkomazi später doch noch zum Nationalpark werden wird – mit dem ersten und rund um die Uhr bewachten Rhino-Schutzgehege Tansanias.

 

Mkomazi-Wildreservat
Schätze und Schwierigkeiten

Lage: Nordtansania, an der Grenze zu Kenia und seinem grössten Nationalpark, dem Tsavo. Nordöstlich der Pare-Berge. Gründung: 1951. Fläche: 3'200 km2.  Zustand: In einer Erholungs- und Konsolidierungsphase (1992). Hauptquartier: Zange Gate. Leiter des Reservats: Hezekiah Mungure. Hauptprobleme: Rinderherden, illegaler Feldanbau, Wilderei. Tierbestand: Sich erholend oder wieder zuwandernd. Tourismus: Kleine Lodge und Zeltplätze geplant.

Zwei Tierschätzungen wurden 1991 im Mkomazi Wildresetvat vom Tanzania Wildlife  Conservation Monitoring vorgenommen: die erste während der Regenzeit im Juni, die zweite während der Trockenzeit im Oktober. Resultate: Büffel in der Trockenzeit 4804 ( Regenzeit 11 ); Eland 2506(102); Elefant 273 (l719); Elefanten-Skelette: während der Regenzeit des Vegetation wegen nicht sichtbar, (46); Giraffe 945 (561); Grant-Gazelle 382 (176); lmpala 0 (714 ); Kongoni 797 (23); Kleiner Kudu 207 (22); Oryx.325 (77); Strauss275 (215); Rietbock 48 (11); Warzenschwein 526 (78); Zebra 2531 (1 '030) . 

Die Schätzungspräzision variiert von Tierart zu Tierart. Gesichtet wurden im Mkomazi zudem eine kleine Anzahl von Gerenuks und Dik Diks, von Füchsen und Löwen.

Titelbild: Mkomazi-Berge | © Foto by Kimali Helen Markwalder

Weiterführende Links
- Brief History of Mkomazi Game Reserve (Pre- 1969)