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Afrikas Zugvögel im Sperrfeuer Europas

Ruedi R. Suter

Fliegen Zugvögel von Europa nach Afrika oder zurück, erreichen viele ihr Ziel nie: Wilderer und Jäger schiessen sie zu Millionen vom Himmel.

So verlieren jedes Jahr weit über 50 Millionen Vögel ihr Leben. Hinzu kommen weitere Millionen, denen in Europa mit Fallen nachgestellt und allgemein die Lebensgrundlagen geraubt werden.

Die Forderung von Naturschützenden, wenigstens für gefährdete Vogelarten ein europaweites Jagdverbot durchzusetzen, verhallte bislang in den Weiten des Himmels. Dies nicht zuletzt auch zum Nachteil der afrikanischen Fauna.

Von Ruedi Suter - FSS

Es wird stiller und stiller – die Vogelgesänge erklingen immer seltener. Auch die Schwärme der Zugvögel nach Afrika nehmen ab. Es sind immer weniger. Die Vogelwelt ist gefährdet – sie ist am Verschwinden. Jede und jeder über Vierzigjährige mit Naturinteresse erfuhr den unaufhörlichen Rückgang.

Vor allem Büsche, Bäume und der Himmel wirken verwaist im Vergleich zu früher, die vielen Formationen grosser Zugvögel über unseren Köpfen werden heute als echte Sensation empfunden.

Der Mensch und seine Zivilisation mit ihren technischen Erleichterungen verunmöglichen gerade in Europa zusehends das Überleben der fliegenden Tiere – vom Insekt über die Fledermaus bis zum Vogel.

Bestätigt wird dies jetzt auch durch den Vogel-Expertenrat «European Bird Census Council (EBCC)». Ihm zufolge ist allein zwischen 1980 und 2016 die Zahl der Vögel um zirka 56 Prozent geschrumpft.


Vogeljagd Symbolbild |  © Foto    BirdLife Schweiz

Vogeljagd Symbolbild | © Foto BirdLife Schweiz

Schweiz: 40 Prozent der Vogelarten vor der Ausrottung

Die Schweiz, oft Sinnbild für «das Paradies», ist für Gefiederte zu einer Todesfalle verkommen. Denn auf der Roten Liste gefährdeter Vögel stehen in der Eidgenossenschaft dreimal mehr Arten als im weltweiten Vergleich: 40 Prozent der Vogelarten sind neuen Studien zufolge von der Ausrottung bedroht. Das betrifft zu einem guten Teil auch jene Zugvögel, die vor Einbruch des europäischen Winters der Wärme Afrikas entgegen fliegen.

Kaum vorstellbar sind in Europa all die Millionen von Gefiederten, welche alljährlich ihr Leben verlieren – durch vernichtende Angriffe auf ihre Lebensräume, durch den Zusammenprall mit Fahrzeugen wie Autos und Eisenbahnen, durch Glasfassaden, Stromleitungen, Windräder und Hauskatzen beispielsweise.

Angriffe auf die Insektenwelt

Aber auch durch die Intensiv-Landwirtschaft mit ihren heckenlosen und sumpffreien Flächen, Fettwiesen und Pestiziden, die zur Ausrottung der Insekten führen. Zahlreichen Vogelarten fehlen heute die Kerbtiere wie Mücken, Fliegen oder Käfer, die vor wenigen Jahrzehnten noch in Fülle unsere Wälder und Wiesen belebten.

«Innerhalb der kurzen Zeit von nur drei Jahrzehnten hat der Mensch in verschiedenen Gebieten die Insektenpopulationen um bis zu 75 Prozent dezimiert», warnt die Umweltschutzorganisation Pro Natura. 40 Prozent aller Insektenarten droht bereits das endgültige Verschwinden.

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris |  © Foto Ruedi Suter

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris | © Foto Ruedi Suter

Verstärkt wird die Massenvernichtung dieser wichtigen Vogelnahrung durch unzählige «naturverbundene» Gartenbesitzer. Sie pflegen ihre Gärten tot, mähen Teppichrasen, um ja nichts blühen zu lassen und pflegen Rosenstöcke, die kein Insekt nähren kann – die Kleinsttiere verhungern in der geschniegelten Grünöde.

Die Landschaft «verkommt zur Wüste»

Benoit Fontaine, Biologe am französischen Nationalen Museum für Naturgeschichte, bringt das Ignorieren der Bedürfnisse der Vögel, Amphibien und Insekten durch Landwirte (Bio-Bauern ausgenommen) auf den Punkt: «Unser ländlicher Raum verkommt zur Wüste!»

Der galoppierende Artenverlust in der Vogelwelt, so befürchten Forschende, werde durch die Klimaerwärmung noch massiv verstärkt.

Wird in Europa immer wieder in dramatischer Weise thematisiert, wie unerbittlich in Afrika die Wildtiere dezimiert werden, bleibt die Kritik am eigenen «Vernichtungsrausch» doch sehr verhalten.

Europas Jäger schiessen 53 Millionen Vögel ab

Wie viele Vögel jedes Jahr allein in Europa aufgrund menschlichen Einwirkens ihr Leben verlieren, versuchen vorab Vogelspezialisten und Umweltorganisationen mit zweistelligen Millionen zu beziffern. Die Schätzungen variieren, die Zahlen bilden eher Anhaltspunkte. Besonders bei den Gefiederten, die gewildert werden. So sollen «im Mittelmeerraum» allein 25 Millionen Wildvögel in Netzen, Fallen oder Käfigen umkommen. Hinzu kommt jedes Jahr mindestens das Doppelte an Jagdopfern.

Allein in der Jagdsaison 2014/15 sind in 24 EU-Staaten, der Schweiz und Norwegen «mindestens 53 Millionen» Wildvögel «legal» getötet worden. Die Zahl stammt vom Deutsche Rat für Vogelschutz. Und sie ist gut belegt, stützt sich doch seine Studie auf die offiziellen Jagdstatistiken.

Die meisten Opfer sind Zugvögel

Hinzu gezählt werden müssen Millionen weiterer Todesopfer in Ländern ohne auswertbare Daten: Grossbritanien, Irland, Niederlande und Griechenland. Plus alle jene Vögel, die im nicht erfassten Mittelmeerraum oder in Afrika selbst abgeschossen werden.

Ein Grossteil der in Europa umgebrachten Wildvögel sind, so die Studie, Zugvögel, die in etlichen Regionen bereits vor der Ausrottung stehen. In der Schweiz oder in Deutschland würden streng geschützte Kiebitze, Bekassinen, Feldlerchen oder Turteltauben auf ihrem Herbst-Zug ins Winterquartier «zu Hundertausenden in Frankreich und Südosteuropa» abgeschossen.

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht |  © Foto    Waldrapp-Team

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht | © Foto Waldrapp-Team

Tausende von Waldschnepfen und arktischen Gänsen verenden in den Schrotgarben deutscher, britischer, skandinavischer und osteuropäischer Jäger. Im Visier der Vogeljäger sind je nach europäischem Land auch Wachteln (total 1,6 Millionen) oder Singdrosseln (4,9 Mio.). Werde der Vogelwelt legal und illegal weiterhin so mörderisch zugesetzt, befürchten die Autoren, wäre das Zusammenbrechen der Bestände unvermeidlich.

Forderung: «Endlich Jagdverbote durchsetzen!»

Daraus folgert Heinz Schwarze, Vorsitzender des Komitees gegen den Vogelmord das: «Die Ergebnisse sind alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass die Jagd auf bestimmte Arten die Schutzbemühungen in anderen Ländern gefährdet oder sogar komplett zunichte macht.» Sein Komitees und der Deutsche Rat für Vogelschutz fordern deshalb vereint von der EU-Kommission, «endlich europaweite Jagdverbote für gefährdete Arten durchzusetzen.»

Das würde auch den Afrikanern und Afrikanerinnen entlang der Zugvogelrouten zu Gute kommen. Die Biodiversität ihrer Gegenden verlöre nicht so rasch die Vogelarten, welche heute auf ihrem Flug nach Afrika und zurück durch Europäer vom Himmel geschossen werden.

Vorwurf des grundlosen Tötens

In Afrika selbst wird über das Verhalten der Europäer oftmals der Kopf geschüttelt. So rang 2001 der togolesische Fernseh-Chefredaktor Joseph Adri D. Gnassengbe in der französischen Ardèche bei einer vom schweizerischen Umweltschützer Franz Weber organisierten Protestaktion gegen die Vogeljagd um eine Antwort.

Er fragte anwesende Jäger, weshalb in Europa die erlegten, jedoch nur selten verwerteten Vögel nicht alle auch gegessen würden? In Afrika, begründete der Journalist seine Frage, würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. Eine Antwort erhielt der Afrikaner keine.

Titelbild: Symbolbild Vogeljäger mit Beute | Screenshot. FSS

WEITERFÜHRENDE LINKS:
Frankreich: Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika
Interview mit Franz Weber über sein Lebenswerk: «Zorniger denn je!»

Wildtiere – auch Opfer des Totschweigens

Ruedi R. Suter

Das Leiden der gejagten Wildtiere Afrikas hat der bekannte Umweltjournalist Karl Ammann über 40 Jahre in Filmen, Büchern und Artikeln festgehalten. Ebenso den illegalen Wildtierhandel in Asien. Entstanden sind erschütternde Dokumentationen der Tierquälerei und Artenvernichtung. Sie müssten Umweltinstitutionen und Regierungen umgehend zum konsequenteren Handeln bewegen. 

Doch davon ist man weit entfernt. Eher werden Ammans Recherchen ignoriert, von den Medien «entschärft» oder von einem Teil des Publikums verdrängt. Opfer sind die letzten Jägervölker und deren Wildtiere. Betroffen sind aber auch jene Medienleute, die ehrlich auf derartige Missstände aufmerksam machen wollen, jedoch kaum mehr Gehör finden und ihre Arbeiten absetzen können. Grund: Die Welt hat überall angenehmer zu sein als sie in Wirklichkeit ist. Das torpediert die letzten Chancen einer Veränderung.

Von Ruedi Suter — FSS

Überbringer schlechter Nachrichten sind gefährdet. Nicht, weil sie – wie früher – nach Erfüllung ihrer Aufgabe umgebracht werden könnten. Immerhin sind wir Angehörige einer zivilisierten Gesellschaft, gebildet, aufgeklärt, scheinbar umfassend informiert. 

Doch Boten niederschmetternder Botschaften aus Krisengebieten riskieren mehr als ihr Leben. Wenn sie ihre Nachricht überbringen, müssen sie damit rechnen, dass man ihnen nicht glaubt – oder dass ihre Botschaft ignoriert wird und folgenlos bleibt. Das zehrt an den Nerven des Boten, lässt ihn zweifeln am Sinn seines Wirkens und – am Verstand all jener, welche nicht reagieren wollen. 

Müssen Leserinnen und Leser geschont werden?

Es ist ein Zustand, den Kriegsreporter oder Umweltjournalisten wie Karl Ammann nur allzu gut kennen. Ein Zustand, der sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Niedergang des Qualitätsjournalismus verstärkte. Dieser bemüht sich stets auch um vertiefte Hintergrundberichterstattung, um so den komplexen Realitäten einigermassen gerecht zu werden. 

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun |  © Foto by Ruedi Suter

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

Allerdings kennt auch der Qualitätsjournalismus seine Einschränkungen. Die vielen Toten der Kriege, Naturkatastrophen und Umweltzerstörungen werden bildlich kaum je gezeigt. Die Leserinnen und Leser sollen geschont werden. 

Mit der Schonung aber wird der Leserschaft ein entscheidender Teil der Wirklichkeit vorenthalten. Kriege werden – im Gegensatz zur einstigen Vietnam-Berichterstattung – für heutige Medienkonsumenten zu technischen Zaubereien, die Infrastrukturen verwüsten, aber kaum Menschen und Tiere treffen. Damit werden Kriege für die Zuschauer abstrakter und – erträglicher. Aber hilft das den Opfern?

«Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind»

«Nein», ist der Filmer Karl Ammann (71) überzeugt. «Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind. Die Menschen können selbst entscheiden, ob sie hinschauen wollen oder nicht.» Der Schweizer ist eine Art Kriegsreporter – im andauernden, von der Öffentlichkeit nur schemenhaft wahrgenommenen  Vernichtungsfeldzug gegen die tropische Fauna und Flora Afrikas und Asiens. 

Seit über 40 Jahren überbringt Bote Ammann aufgrund der Situationen vor Ort vorab schlechte Nachrichten. Dies mit dem Anspruch, wahrheitstreu zu rapportieren. Wo anhaltend getötet, vertrieben und zerstört wird, sind Momente der Hoffnung eine Seltenheit. Damit müssen Journalisten und Journalistinnen umgehen können. 

Es gilt, nicht durchzudrehen,abzustumpfen oder depressiv zu werden. Es gilt, die Erwartungen in die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu reduzieren. Wer informieren und aufklären will, Grundprinzipien eines engagierten Journalismus, muss sich bewusst sein, allenfalls gar nichts zu erreichen. 

«Niemand soll sagen können: Das haben wir nicht gewusst»

Karl Amman, geprägt von den heillosen Zuständen im afrikanischen Busch und den Märkten in asiatischen Boomstädten, hat im Laufe all der Jahre die Erwartungen in den investigativen Umweltjournalismus und dessen Wirkung aufs Publikum in einen Satz reduziert: «Niemand soll einmal sagen können: Das haben wir nicht gewusst.» Mehr erwartet er nicht mehr für seine Themen – Zerstörung der Artenvielfalt, Wilderei und weltweiter illegaler Wildtierhandel. 

2004 war ich erstmals mit ihm unterwegs – in den von Holzindustrien und Siedlern angegriffenen Urwäldern Kameruns. Für ihn eine Reise unter vielen – als Reporter und Zeuge in Sachen Naturzerstörung. Wiederholt wurden seine Reisen in die angetasteten Zonen des Kongobeckens durch behördliche Schikanen, Tiermassaker, Attacken, Unfälle, Krankheit oder Einschüchterungen erschwert. 

Karl Ammann hatte mich aufgefordert, mitzukommen. Ich solle mir selbst ein Bild von den Abholzungen, der Wilderei und dem Elend vertriebener «Pygmäen» machen. Eine gute Gelegenheit, den auch von beruflichem Neid und Missgunst seiner Kollegen verfolgten Mann kennenzulernen.

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas |  © Fotos by Karl Ammann

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas | © Fotos by Karl Ammann

Die Tragödie der konsumierten Natur

Ich wollte ja auch wissen, wie der mir bislang persönlich nicht bekannte und von Behörden und etlichen Umweltorganisationen angefeindete Schweizer arbeitete. Wer war der Kerl? Ein Selbstdarsteller? Einer, der in seinem äusserst schwierig nachprüfbaren Arbeitsgebiet schummelte? Ein Schwarzmaler oder Adrenalin-Junkie, der sich getrieben immer wieder unberechenbaren Gefahren aussetzen musste?

So trafen wir uns in Kamerun und reisten zusammen durch die Urwälder an die Grenze von Kongo-Brazzaville. Wir stiessen in nur zwei Wochen auf all das, was Ammann in seinem erschütternden Fotoband über Buschfleisch und das Umbringen von geschützten Tierarten für kommerzielle Zwecke («Consuming Nature») dem Europa Parlament zuvor gezeigte hatte.

Zu sehen waren vertriebene Ureinwohner, elendiglich eingesperrte oder angekettete Gorillas und Schimpansen, schmerzhaft verschnürte Reptilien, zerstückelte Antilopen, massakrierte Elefanten, zahllose erlegte Wildtiere für die Fleischmärkte in Afrika und Europa - kurzum eine Augen öffnende Dokumentation gegen das ultimative Leerwildern Afrikas und die unfassbare Gewalttätigkeit des Menschen gegenüber der Natur. Ein Buch, das einige Interessierte der quälenden Bilder wegen sofort wieder weglegten. 

Als «Radikaler» angefeindet oder abgewiesen

Ammann schien auf unserer Reise wie gewohnt zu arbeiten. Er zwang sich, überall genau hinzusehen und so gut wie möglich aufzuzeichnen, was uns begegnete und mitgeteilt wurde. Akribisch sammelte und filmte er alle Hinweise, wie nationale und internationale Unternehmen, Beamte, Militärs, Geschäftsleute, zugezogene Siedler und Lastwagenfahrer den Wildtieren und indigenen Jägervölkern die Lebensgrundlagen angreifen: Zeit, Koordinaten, Namen, Aussagen und Umstände.

Hierzu nützte dem in St. Gallen aufgewachsene Schweizer offensichtlich sein Wissen als Ökonom, seine Gabe als Filmer und seine Hartnäckigkeit als investigativer Journalist. 

Diese Kombination von Fähigkeiten hat ihm ebenso Auszeichnungen gebracht wie Kritiken in den Etagen von Umweltkonzernen wie World Wide Fund for Nature (WWF) und Wildlife Conservation Society (WCS). Sie kreiden dem Einzelgänger seine «Radikalität» an. Der gleiche Vorwurf kommt von Vertretern des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES, die ihn, so Ammann, lieber fern halten als seine Hinweise überprüfen würden. 

Vom Angebot in Afrika zur Nachfrage in Asien

Ich erlebte einen Kollegen, der mit ruhiger Stimme die komplexen Zusammenhänge der Zerstörung dieses grünen Paradieses erläuterte, den eine spürbare Liebe zum Mitwesen Tier bewegt, der jede Information sammelte und gegenprüfte und der jeweils mit feinem Humor die Unzulänglichkeiten des Menschseins kommentierte. Ein Humor, untermalt von einem leisen Lächeln, das dem Artenschützer über alle Frustrationen hinweg zu helfen scheint. 

Wie in Afrika Abholzungen, Fleisch- oder Trophäenwilderei sowie deren nationale und internationale Vermarktung funktionieren, dies hat Ammann jahrelang dokumentiert und via Artikel, Bücher und Filme der Fachwelt, Behörden, Gremien der UNO und des EU sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Längst ist ihm klar: «Afrika ist schlecht regiert, Korruption und Armut leisten dem Raubbau an der Natur Vorschub. Zudem hat es Afrika schwer, die Ressourcen für den Schutz der Wildtiere und Ökosysteme zu finden. So lange es eine Nachfrage in Asien gibt, wird es auch ein Angebot in Afrika geben. »

In den letzten Jahren hat sich der Schweizer jedoch auf unabhängige Recherchen und Berichte zur Nachfrage konzentriert. Also: Wie sieht der illegale Handel mit Wildtieren genau aus? Wohin werden die Tiere lebend oder tot gebracht? 

CITES in Kusch-Haltung vor China

Wie und wohin werden beispielsweise wild gefangene Menschenaffen, Elefanten, Grosskatzen, Vögel und Fische aus Afrika transportiert? Und wo landen die tierischen Körperteile wie Fleisch, Elfenbein, Rhino-Nasenhorn, Pangolin-Schuppen, Federn, Krallen, Häute, Fette und Innereien? In Asien, vorzugsweise in China, hat – neben anderen – Ammann unterdessen mit seinen teils verdeckten Recherchen festgehalten und vor allem via die angloamerikanischen Medien bekannt gemacht. 

«Trotz aller Beteuerungen sind die Kontrollsysteme in Ländern wie China, Laos, Vietnam, Burma und Thailand völlig unzureichend, der illegale Handel floriert im Versteckten», erkannte Ammann. Und das Artenschutzabkommen CITES wage es aus Angst vor China nicht einmal, seine Kompetenzen auszunutzen und Druck aufzusetzen, um dem Treiben ein Ende zu setzen.

In der Schweiz eingeschlagen ist unter anderem sein Film über die Häutung lebender Würgeschlangen in Asien, deren Häute vor ab an die schweizerische Uhren- und Lederindustrie geliefert werden. Trotzdem werden die Schlangenhäute weiter importiert. «Wir verlieren an allen Fronten und sind nicht bereit, uns diesen Realitäten zu stellen», meint der Filmer achselzuckend.

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof |  © Foto by Karl Ammann

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof | © Foto by Karl Ammann

Der unablässige «Verkauf schöner Gefühle»

Auch einflussreiche Medien versagen. Zeitungen verzichten ganz auf Ammans Berichte oder auf erschüttende Bilder in seinen Artikeln. Seine Filme werden immer mal wieder abgeschwächt, «zu harte Szenen» herausgeschnitten, dafür aber mit «Hoffnung machenden End-Szenen» ergänzt. Auch hier sollen Zuschauer und Leserschaft «geschont» werden. 

Eine Erfahrung, die auch andere Medienleute mit ähnlichem Interesse machen. Erst kürzlich hat ein Ressortleiter der «NZZ am Sonntag» einen Artikelvorschlag über die wachsenden und teils nicht bekannten Probleme der Serengeti abgelehnt. Begründung: Das sei zu kompliziert und zu wenig interessant für die Leserschaft.

Es sei die gleiche Haltung, diagnostiziert Ammann, hinter einer ähnlichen Methode, die einige grosse, auf Spenden und Sponsoren angewiesene Umweltkonzerne anwenden. Wunderbare Welten vorgaukeln, die teils schon nicht mehr existierten, diagnostiziert Journalist Ammann: «Anstelle der harten Realität werden einfach schöne Gefühle verkauft.» Und dies alles zu Lasten der Wahrheit, der Indigenen und der Wildtiere.

Adrian Schläpfer: «Wir müssen auch Trauriges wahrnehmen»

Dass es auch anders geht, dass es ein Interesse an unzensierten Vorgängen im Abwehrkampf gegen Artenschwund, Wilderei und illegalen Wildtierhandel gibt, zeigte sich am 27. April 2019 an der Mitgliederversammlung des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) in Zürich. «Wir müssen auch die traurigen Tatsachen wahrnehmen», begrüsste FSS-Präsident Adrian Schläpfer die rund 100 Interessierten, welche sich zum Vortrag von Karl Ammann eingefunden hatten. 

Als langjähriger Vizedirektor in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und als ehemaliger Botschafter in Tansania weiss Schläpfer, dass Probleme nur dann gelöst werden können, wenn sie zuerst einmal so umfassend wie möglich erkannt wurden. Sie aber in ihrem wahren Ausmass zu ignorieren, führt in die Katastrophe. Und in diesem Fall zum Kollaps der Artenvielfalt – mit unvorstellbaren Folgen für unsere Erde.

«Nichtstun ist keine Alternative!»

Eine Organisation wie der FSS müsse deshalb – neben der eigentlichen Schutzarbeit vor Ort – mehr denn je Sensibilisierung und Informationsvermittlung betreiben. «Wir wissen um die schlimmen Entwicklungen, lassen uns bei unserem Engagement in Tansania jedoch von einem realistischem Optimismus tragen. Denn Nichtstun ist keine Alternative!», schloss Schläpfer am Ende einer lebhaften Diskussion zwischen dem Referenten und dem Publikum, das sich mit bemerkenswertem Engagement dem schwierigen Thema stellte.

Der Zufall wollte es, dass um dieses Wochenende mit Ammans Vortrag zwei wichtige Ereignisse bekannt wurden. Erstens ging die Konferenz des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in Paris zu Ende. 132 Mitgliedstaaten unterschrieben einen Bericht über den alarmierenden Zustand beim globalen Artenschwund, was bereits als «grosser Erfolg» gefeiert wurde. Zweitens wurden 2018 gemäss dem Stockholmer internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI weltweit rund 1,82 Billionen US-Dollar für Militärausgaben verwendet – der höchste Stand seit dem Ende des Kalten Krieges.

Titelbild: Karl Ammann mit Satelliten-Telefon , 2004, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

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Verdrängte Artenschutzprobleme |Medienmitteilung FSS 2.5.19.jpg






























































«Ivory Queen»: Zu milde Haftstrafe

Ruedi R. Suter

Jubel löste in Februar 2019 die Verurteilung der schwerreichen Geschäftsfrau Yang Feng Glan in Tansania aus. Die chinesische Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmuggelrings hatte weltweit Aufmerksamkeit erregt. Selbst die Regierungen Tansanias und Chinas lobten wortreich das Verdikt.

Doch warum bekommt eine notorische Elefantentöterin eine Strafe von nur 15 Jahren, derweil beispielsweise ein Schweizer Geschäftsmann letzten Herbst 20 Jahre Gefängnis erhielt, weil er zwei gefundene Flusspferdzähne im Koffer hatte? Spielte die Politik eine Rolle beim Urteil? Weshalb standen keine hohen Beamten vor Gericht, ohne welche die «Queen» nie «Königin» geworden wäre? Versuch einer Klärung.

Von Ruedi Suter – FSS

Jetzt sitzt die rüstige Oma hinter Gittern. Und zwar in der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam. Ob in einer sauberen Einzelzelle oder in einem der üblichen, stickigen, mit Malariamücken bevölkerten Grossraum zusammen mit Dutzenden anderen Verurteilten, das ist uns nicht bekannt.

Der Gefängnisalltag einer Frau, die den Tod Hunderter, wenn nicht Tausender Elefanten mit auf dem Gewissen hat, scheint zurzeit wenig relevant. Hauptsache, die gebürtige Chinesin kann als kaltblütige Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmugglerrings keinen Schaden mehr anrichten. So hoffen jedenfalls Artenschützerinnen und Naturverteidiger auf der ganzen Welt.

Huruma Shaidi, Hauptrichter am Gerichtshof von Kisutu, hatte die 69 Jahre alte Yang Feng Glan am 19. Februar 2019 zusammen mit den tansanischen Komplizen Apia Philemon und Silvanus Matembo zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Nachgewiesen: 430 abgeschlachtete Elefanten

Die fliessend Kiswahili sprechende Yang Fen Glan, eine an der Universtität von Beijing ausgebildete Wirtschaftsfachfrau, war u.a. wegen Schmuggels und Verkaufs von 860 Elfenbeinstücken von 430 Elefanten im Wert von über 6,45 Millionen Dollar angeklagt worden. Das Elfenbein landete zwischen 2000 und 2014 über geheime Routen in China.

Oberrichter Shaidi sah es als erwiesen an, was ihm vier Staatsanwälte gegen das Trio vorgelegt hatten. Millionärin Yang Feng Glan, seit ihrer Schlagzeilen machenden Festnahme im Oktober 2015 von den Medien zur «Elfenbeinkönigin» (Ivory Queen) erkürt, muss überdies eine Geldbusse von rund 5 Millionen Euro zahlen.

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte |  Sceenshot

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte | Sceenshot

Verurteilt: «Strippenzieher statt kleine Fische»

Medien und Artenschutzorganisationen empfanden Gerichtsverfahren und Urteil als kompromisslos. Entsprechend wurde es kommentiert und begrüsst, wovon international die zahlreichen positiven Reaktionen zeugten.

Endlich ein wegweisender Erfolg gegen das illegale Umbringen von Elefanten in Ostafrika, endlich ein klares juristisches Zeichen gegen den kriminellen Handel mit dem Elfenbein.

«Sehr gut», freute sich etwa der WWF Deutschland über das Urteil von Dar es Salaam, dass es diesmal «statt der kleinen Fische» die «Strippenzieher» getroffen habe. Mit einem Verweis auf die unsäglichen Elefantenmassaker zwischen 2007 und 2016 in Tansania – von den rund 110'000 Tieren sollen nur 50'000 überlebt haben – meinte WWF-Sprecherin Katharina Trump: «Der illegale Artenhandel muss strafrechtlich härter verfolgt und die Wilderei als organisiertes Verbrechen ernst genommen werden, wie es hier in Tansania nun geschehen ist.»

China: Staatsbürgerin wird fallen gelassen

Selbst die Volksrepublik China, immer noch verrufen als Supermagnet für illegales Elfenbein, liess sich mit einem Kommentar gegen das verheerende Treiben ihrer Staatsbürgerin vernehmen. So begrüsste Geng Shuang, Sprecher des Aussenministeriums laut dem chinesischen Newsportal «China.org.cn» ausdrücklich die Entscheidung des Gerichts.

Seine Regierung, so Shuang entschieden, zeige «keine Toleranz gegenüber illegalem Handel mit gefährdeten Tieren und ihren Produkten». Und Tansania werde in diesem Zusammenhang voll unterstützt, zumal China Ende 2017 den Handel mit Elfenbein- und Elfenbeinprodukten verboten habe.

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben |  Screenshot

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben | Screenshot

Bemerkenswert ist die Reaktion des offiziellen Chinas auch deswegen, weil die Verurteilte mit ihrem noblen Restaurant in Dar es Salaam und als Geschäftsführerin des «Tansanischen China-Afrika- Wirtschaftsrats» (Tanzania China-Africa Business Council) eine wichtige Scharnierfunktion wahrnahm – zwischen bedeutenden Geschäftsleuten aus China und Mitgliedern der tansanischen Behörden und Businesswelt.

Die clevere, in den 1970er-Jahren eingewanderte und mit einem Tansanier verheiratete Yang Feng Glan war alles andere als eine harmlose Grossmutter. Mit dem offensichtlichen Fallenlassen von Yang Feng Glan untermauert Beijing seine 2015 von Staatsführer Xi Xingping angekündigten Anstrengungen, den illegalen Elfenbeinschmuggel nicht mehr zu tolerieren.

Tansania: «Riesiger Erfolg der Regierung»

Ungewöhnlich laut gefeiert wurde das Verdikt gegen die «Ivory Queen» aber auch von der tansanischen Regierung. Hamis Kigwangalla, Direktor der Staatsanwaltschaft und Minister für Naturressourcen und Tourismus, begrüsste auf Twitter den «riesigen Erfolg der Regierung». Er sei «eine klare Botschaft an alle, dass sich Wilderei nicht mehr lohnt».

Euphorisch blickte Minister Kigwangalla gleich auch noch in die Zukunft des Landes. Bis 2022 gebe es keine Wilderei mehr in Tansania, verkündete er zur Verblüffung all jener KennerInnen, welche das Ende jeder Wilderei erst mit dem Verschwinden des letzten Wildtiers für realistisch halten. Bereits heute, so begründete der Minister, könne man im Busch auf tote Elefanten stossen, deren Geld bringenden Stosszähne niemand mitnehmen wollte.

Strafmass I: Verdächtig viele offene Fragen

Bei genauem Hinsehen werfen aber Urteil und Strafmass Fragen auf. Weshalb erhielt die einflussreiche Grosskriminelle Yang Feng Glan nur 15 Jahre Haft, derweil letzten Herbst beispielsweise ein Schweizer Staatsbürger zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil man in seinem Gepäck zwei im Busch gefundene Flusspferdzähne fand?

Warum wird eine Drahtzieherin, die mindestens 500 Elefanten auf dem Gewissen hat, milder behandelt als ein regelmässiger Tansania-Besucher, dem bislang nie ein Vergehen angelastet wurde?

Oder warum erhielt der tansanische Fahrer Emmanuel Richard ebenfalls 20 Jahre Haft für den Besitz von fünf Flusspferd-Zähnen, für die er keine Genehmigung hatte? Warum wird ein kleiner Wilderer aus Mahenge zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Elefanten umgebracht hat?

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango |  © FB

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango | © FB

Überhaupt: Weshalb sitzen im ostafrikanischen Land weitere Menschen im Knast, die für vergleichsweise geringe Vergehen gegen das Gesetz (Wildlife Act) jahrelange Strafen erhielten, welche jene der chinesischen Geschäftsfrau weit übertreffen?

Und warum erhielt Boniface Matthew Maliango (Bild oben) – im Volksmund «Shetani», der Teufel, genannt – ein «Berufskollege» der Elfenbeinkönigin und Töter tausender Elefanten, als Elfenbeinschmuggler und Chef eines weit verzweigten Verbrechersyndikats nur gerade 12 Jahre Knast? Und schliesslich und vor allem: Weshalb standen keine hohen Staatsbeamten vor Gericht, ohne welche die «Ivory Queen» es nie in den Adel geschafft hätte?

Strafmass II: Ein Verdikt mit politischen Rücksichten?

Es sind Fragen, die wir hier nicht schlüssig beantworten können. Sie müssten aber zumindest von Medien, Artenschutz- und Menschenrechtsorganisationen gestellt werden. Und zwar bevor das Urteil gegen die «Ivory Queen» als «Durchbruch» und «wegweisend» bejubelt werden kann.

Ebenso bleibt zu fragen, weshalb die tansanische wie auch die chinesische Regierung dieses vergleichsweise milde Urteil derart laut und zustimmend kommentieren. Dass sich die beiden Länder derzeit in allen Belangen rasant näher kommen, ist ein offenes Geheimnis. Chinas geschicktes Vorgehen untergräbt zusehends das Verhältnis Tansanias zu seinen alten Geschäftspartnern und Sponsoren im Westen, die sich jetzt trotz jahrzehntelanger Milliardenhilfe in die historische Ecke ausbeuterischer Kolonisten gestellt sehen.

Schliesslich bleibt auch die gewichtige Frage, weshalb es um die Ermordung des in Ostafrika erfolgreichen Artenschützers und Direktors der investigativen US-Stiftung PAMS so still geworden ist? Wayne Lotter und sein Team sollen wesentlich am Auffliegen der «Ivory Queen» beteiligt gewesen sein. Wurde Wayne Lotter auch deswegen in Dar es Salaam erschossen?

Ist seine Ermordung bis heute nicht aufgeklärt worden, weil die Auftraggeber möglicherweise Regierungsleute mit guten Beziehungen zur chinesischen Wilderei-Mafia sind? Dies trotz des amtierenden Präsidenten John Magufuli, der sich einerseits mit Worten und Taten auch energisch für den Wildtierschutz einsetzt, anderseits die Wirtschaftsentwicklung favorisiert und das Weltnaturerbe Selous für Rohstoff- und Energiekonzerne öffnet?

Rückschau: So ging die Elfenbeinkönigin in die Falle

Kurzum: Es fehlt nicht an Fragen und Widersprüchlichkeiten im heutigen Tansania. Dass die Verhaftung und Verurteilung der «Elfenbeinkönigin» aber insgesamt ein grossartiger Erfolg ist, kann nicht angezweifelt werden.

Es begann alles im Oktober 2015, als sich die alte Dame mit der Brille als «Queen of Ivory» mühelos in die Schlagzeilen der internationalen Medien katapultierte. Die steinreiche Chinesin war in Dar es Salaam verhaftet worden – von der neuen, verblüffend erfolgreichen Spezialeinheit National and Transnational Serious Crimes Investigation Unit (NTSCIU).

Der Verdacht, dass die fürchterlichen Elefanten-Massaker der letzten Zeit mit der wachsenden Präsenz Chinas zu tun haben muss, wurde mit der Verhaftung der chinesischen Businessfrau erhärtet. Yang Feng Glan war laut Medienberichten in den 1980-er Jahren aus Beijing nach Tansania gereist, um als Übersetzerin zu arbeiten und für die Regierung den Export von Früchten abzuklären.

Spätestens ab 2006 habe sich die Frau eines Tansaniers aus der Küstenstadt Tanga und Mutter einer Tochter dann Einträglicherem zugewandt – dem Elfenbeinhandel, der teils über das von ihr eröffnete Restaurant abgewickelt wurde.

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung |  Screenshot

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung | Screenshot

Neue Erkenntnisse: Über Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels

Bald verkehrte die Ökonomin in den besseren Kreisen und machte einträgliche Geschäfte über die Landesgrenzen hinweg. Tonnen von Elfenbein waren ersten Ermittlungen zufolge via chinesische Firmen, Fischerboote und Transportschiffe voller Seegurken in Richtung Asien geschmuggelt worden. Dar es Salaam und später Sansibar dienten als Ausgangsort und Häfen.

Die Festnahme der «Elfenbeinkönigin»  erfolgte nach längerer Observierung und wurde weltweit gelobt und gefeiert. «Auf diese Verhaftung haben wir seit Jahren gewartet», freute sich Andrea Crosta, Mitbegründer von WildLeaks und der Elephant Action League. Und ein Sprecher der Elite-Einheit NTSCIU versicherte: «Die Verhaftung von  Mrs Glan ermöglicht es uns, die Verbindungen und Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels zu erkennen.»

Schmuggelrouten: Durch verschiedene Länder an den Indischen Ozean

Klar sei jedenfalls, dass Elfenbein auch über Burundi, Ruanda, Uganda und Kenia via Mombasa auf die Transportschiffe gelangte. Auch gebe es eine Südroute durch Malawi, Mosambik und Sambia.

Die verhaftete «Ivory Queen» wurde zunächst angeklagt, zusammen mit den beiden Tansaniern Manase Philemon und Salivius Matembo zwischen 2000 und 2014 total 706 Elfenbeinzähne im Wert von über 2,5 Millionen Franken geschmuggelt zu haben. Doch die verhaftete Chinesin liess damals über ihren Anwalt ausrichten, sie wisse von nichts und sei völlig unschuldig.

Erst im Februar 2019, nach der Anhörung von 11 Zeugen, welche die vier Staatsanwälte Faraja Nchimbi, Paul Kadushi, Wankyo Simon und Salim Msemo einbestellt hatten, wurde der Öffentlichkeit die Dimension der illegalen Geschäfte der Chinesin klar. Unter anderem versteckte die Frau das Elfenbein vor dem illegalen Transport in ihrer Farm nahe der Küstenstadt Tanga.

Die Frage, warum die Verhaftung der Chinesin nicht schon längst und erst knapp vor der Wahl des neuen Präsidenten John Magufuli erfolgte, und weshalb keine Namen von Zulieferern und weiteren Hintermännern genannt wurden, blieb bis heute unbeantwortet.

Weitere Verhaftung: «Satan und Elefantenkiller» Mariango

Die begründete Vermutung, die dunklen Geschäftsverbindungen der Dame reichten bis in tansanische Regierungskreise, blieb unwidersprochen.  Immerhin konnte wenig später Tansanias «Elefantenkiller No 1» gefasst werden:  Boniface Matthew Mariango (45) wurde nach einer über einjährigen Jagd Ende Oktober in einem Vorort Dar es Salaams während einer wilden Verfolgung durch die NTSCIU aufgespürt und dingfest gemacht.

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Damit war der offensichtlich zu allem entschlossenen Profitruppe in kurzer Zeit nach der Chinesin ein zweiter grosser Erfolg beschieden. Mariango hat sich im Lauf der Jahre den Übernamen «Shetani» (Teufel) erworben.

Er wird als «schwerer Junge» beschrieben, der sich schliesslich zum «most wanted» Elefantenwilderer und Elfenbeinhändler Ostafrikas mauserte. Tausende von Elefanten sollen in den letzten Jahren seinetwegen ihr Leben verloren haben.

Grosser Erfolg: Schlag gegen Wilderer-Mafia

Der «Teufel» ist laut der Wildtierorganisation Elephant Action League auch ein Organisationstalent: Als Manager von «über 15 Wilderer-Syndikaten» soll er neben Tansania auch noch in Kenia, Burundi, Sambia und Mosambik die Fäden gezogen haben.

Dieses Netz belieferte der clevere Gangster mit Waffen, Munition, Kommunikationsmitteln und Geländewagen. Und seine Verbindungen ermöglichten es ihm auch, mindestens sieben Mal vor dem Zugriff der Polizei das Weite zu suchen.

Rückgang Elefantenwilderei: Hoffnungen erfüllt

Mit der Verhaftung von Boniface Matthew Mariango und von Yang Feng Glan sind in Sachen Elefantenwilderei und Elfenbeinhandel zwei zentrale Personen gefasst worden. Von einer Truppe, die laut unbestätigten Berichten von den USA und der EU aufgerüstet und mit Geheimdienstinformationen beliefert wurde.

Die Neutralisierung der «Ivory Queen» und des «Teufels» liessen vor drei Jahren erstmals berechtigt hoffen, dass in nächster Zeit den schlimmsten Wilderer- und Verbrechersyndikaten Ost- und Zentralafrikas das Handwerk gelegt wird – und die hoch sensiblen Elefanten endlich wieder etwas zur Ruhe kommen können. Eine Hoffnung, die wenigstens im ehemals besonders heimgesuchten Tansania bis heute grösstenteils erfüllt wurde.

Titelbild: «Ivory Queen» Yang Feng Glan, Elefanten © Gian Schachenmann / Fotomontage FSS

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