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News

Ohne Naturschutz-Management keine Zukunft

Ruedi R. Suter

Je mehr Menschen die Erde bevölkern, desto wichtiger wird ein professioneller Schutz der letzten Naturschutzgebiete. Eine Erkenntnis, die sich auch in Tansania durchsetzt und von WissenschafterInnen umgesetzt wird.

Jetzt haben drei Studierende erstmals einen Master für Naturschutz-Management abschliessen können – dank der internationalen Zusammenarbeit  einer Stiftung, einer Universität und eines Instituts. Was für die so dringende wie notwendige Ausbildung noch fehlt, ist die tatkräftige Unterstützung durch tansanische Stellen.  

Von Monica Borner

Nationalparks und andere Naturschutzgebiete sind eine wichtige Einnahmequelle für Tansania und andere afrikanische Länder. Das Serengeti-Ökosystem zum Beispiel generiert über 150 Millionen US-Dollar pro Jahr (Greater Serengeti Conservation Society, Hopcraft). Der langfristige Schutz dieser Gebiete ist deshalb auch für die ökonomische Zukunft der Länder von zentraler Bedeutung.

Leider gibt es zur Zeit immer wieder Regierungsentscheide, die dieser Tatsache keine Rechnung tragen — und die Anlass zu Sorge geben. Deshalb ist es sehr wichtig, dass tansanische Wissenschafterinnen und Wissenschafter jene leitenden Personen in der Verwaltung beraten können, welche die Entscheidungen fällen müssen.

Neue Generation von Naturschutz-SpezialistInnen

Denn für all die Herausforderungen, welche die Serengeti bedrohen, gibt es Lösungen, die sowohl den Anwohnern wie dem langfristigen Wohlbefinden des Ökosystems mit seinen Tieren und Pflanzen zugute kommen.

Leopard im Baum : Kann nur überleben, wenn er effizient geschützt wird |  © Foto KET

Leopard im Baum: Kann nur überleben, wenn er effizient geschützt wird | © Foto KET

Diese Lösungen ergeben sich aus der Interpretation und Nutzung der Langzeit-Daten, die auch die Menschen als Teil des Ökosystems einbeziehen, und aus einer dafür besonders ausgebildeten neuen Generation von tansanischen Wissenschaftern und Managerinnen.

Um die Serengeti effektiv und nachhaltig zu beschützen, braucht es ein gut ausgebildetes Team von WissenschafterInnen. Sie managen die Ressourcen, betreiben die Wildlife Institutionen und unterstützen die Regierung bei den Richtlinien.

Diese Überlegungen bewogen die Karimjee Jivanjee Foundation (KJF), Master Training Kurse für Naturschutz-Management zu entwickeln und zu ermöglichen: die KJF hat sich verpflichtet, drei tansanische Studenten pro Jahr mit Ausbildung und Unterhalt zu unterstützen.

Dieses Programm «Conservation Management of African Ecosystems» (CMAE) ist ein besonderes Masters Programm der Universität Glasgow und des Nelson Mandela Instituts für Wissenschaft und Technologie in Arusha.

Naturschutz-Management will gelernt sein

Das Programm besteht aus zwei Semester-Kursen in Glasgow. Danach werden die StudentInnen in Tansania mit Unterstützung des Nelson Mandela Instituts für Wissenschaft und Technologie ausgebildet und führen Forschungsprojekte in einem der wichtigen Naturschutzgebiete in Tansania durch.

Das Programm wird von den beiden Instituten gemeinsam betrieben. Es vermittelt Einsichten in die Grundlagen des Naturschutz-Managements: Biodiversitätsvermessung, angewandte Ökologie, menschliche Aspekte von Umweltschutz und Epidemiologie von Krankheiten, die bedrohte Arten gefährden.

Die Studierenden lernen Planung von Studien, Datenanalysen sowie das Verfassen und Kommunizieren wissenschaftlicher Studien für verschiedenste Zielgruppen, wie zum Beispiel für Regierung, EntscheidungsträgerInnen und die breitere Öffentlichkeit.

Auch das Tanzanian Wildlife Research Institute (TAWIRI) unterstützt Studierende, welche Projekte dieses Programmes durchführen.

Das CMAE Programm ist jetzt im 3. Jahr. Die ersten StudentInnen schlossen im November 2018 alle mit Auszeichnung ab. Besonders erfreulich: die beiden Frauen Zabibu Kabalika und Evaline Munisi wie auch der Warden Ronald Vincent sind hoch motiviert, sich mit ganzer Kraft für den Naturschutz in Tansania einzusetzen.

Warten auf den fälligen Segen der Universitätskommission

Die zweite Gruppe führt zur Zeit Feldprojekte in Tansania durch. Die dritte Gruppe schliesst gerade ihr Studium an der Uni Glasgow ab und bereitet sich auf ihr Feldprogramm in Tansania später in diesem Jahr vor. Für die ersten drei Jahre des Programms wurden 9 TansanierInnen und 14 internationale StudentInnen unter vielen Bewerbungen ausgewählt.

Prüfungsfeier in Glasgow, UK . Von links: Grant Hopcraft (Dozent), Ronald, (hinten: John Claxton, MSc-Kurs) Evaline, Zabibu, Barbara Mable and Markus Borner (Dozenten) |  Foto zVg.

Prüfungsfeier in Glasgow, UK. Von links: Grant Hopcraft (Dozent), Ronald, (hinten: John Claxton, MSc-Kurs) Evaline, Zabibu, Barbara Mable and Markus Borner (Dozenten) | Foto zVg.

Leider hat der Projektpartner in Tansania, die Nelson Mandela African Institution of Science and Technology (NM-AIST) immer noch Schwierigkeiten, dieses (und auch andere) Programme offiziell von der Tanzanian Commission for Universities (TCU) registrieren zu lassen.

Das bedeutet, dass Tansanier und Tansanierinnen nicht den ursprünglich vorgesehenen doppelten MSc bekommen, sondern nur einen einfachen (von Glasgow) und eine Studienbestätigung von NM-AIST. Leider verunmöglicht das auch internationalen StudentInnen zur Zeit, den Studiengang abzuschliessen, da sie die nötige Studienbewilligung in Tansania nicht erhalten. Sie machen deswegen vor allem Literaturstudien zu ihrer Diplomarbeit.

Das Trio: Kabalika, Munisi und Vincent

Im Herbst 2018 haben die ersten drei tansanischen AbsolventInnen des dreijährigen Master-Kurses erfolgreich an der Uni Glasgow abgeschlossen. Alle drei schlossen mit Auszeichnung ab. Zabibu Kabalika  arbeitete vorher für den Serengeti Nationalpark im Gemeinde-Ressort. Sie hat jetzt ein hochangesehenes Commonwealth-Stipendium gewonnen für ein vierjähriges PhD-Studium in Community Conservation in Glasgow.

Evaline Munisi arbeitet weiterhin (wie vor diesem Master-Kurs) für TAWIRI (Tanzanian Wildlife Research Institute). Ronald Vincent arbeitete als Warden in Charge von Moru und ist jetzt zurück in der Serengeti als Rhino Warden. Er hat ein kleines National Geographic-Stipendium erhalten – zur Erforschung der Nashorn-Genetik. fss

Titelbild: Flusspferd in Tansania | © Foto by Adrian Schläpfer

Rhinos: Heikle Luftreisen

Ruedi R. Suter

«Sambesi» hat die anstrengende Luftreise nicht überlebt. Wie der Grumeti Fund jetzt mitteilt, ist das Spitzmaulnashorn aus dem Port Lympne-Reservat auf dem Transport vom englischen Kent nach Tansania in den Westkorridor der Serengeti gestorben. Nicht so das Ende letztes Jahr aus dem Zoo Zürich stammende Rhinoweibchen «Olmoti», das heil in Afrika landete.

Weshalb «Sambesi» den Flug nach Ostafrika trotz professioneller Betreuung nicht überlebte, weiss man nicht. Die Todesursache soll nun aber untersucht werden. Der Grumeti Fund hat die von einem erfahrenen Team durchgeführte Aktion zusammen mit der Aspinall Foundation organisiert.

Die Stiftung hat bereits acht Spitzmaulnashörner aus ihren Wildtierparks bei Kent nach Afrika geflogen, um die auf wenige Exemplare zusammengeschrumpften Bestände in der Wildnis zu beleben. 2018 landete der aus dem kalifornischen San Diego Safari-Park eingeflogene «Eric» zur Auswilderung in der westlichen Serengeti.

Rhino-Blutauffrischung ohne «Sambesi»

«Sambesi» hätte im paramilitärisch und mit modernsten Methoden gesicherten Gebiet des Grumeti Fund für Blutauffrischung sorgen sollen. Auch die nördlich vom Grumeti-Fluss gelegene Gegend war einst von zahlreichen Rhinos bevölkert worden, die wie anderswo in Tansania mit Ausnahme von wenigen Exemplaren alle umgebracht worden waren.

Vogelperspektive: Spitzmaulnashorn im Grumeti-Gebiet |  Screenshot from Grumeti Fund

Vogelperspektive: Spitzmaulnashorn im Grumeti-Gebiet | Screenshot from Grumeti Fund

Unterdessen gibt es iim ostafrikanischen Land wieder ein paar kleine Nashorn-Populationen: an drei Orten in der Serengeti, worunter jene vom Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) mit geschützte Gruppe bei den Moru-Kopjes, dann im Ngorongoro-Gebiet und in dem vom FSS ebenfalls unterstützten Gehege des Mkomazi-Nationalparks.

Der Tod von «Sambesi» werde den Wiederaufbau einer genetisch gesunden Nashornpopulation im eigenen Schutzgebiet nicht stoppen, schrieb Stephen Cunliffe, Exekutivdirektor des Grumeti Fund, in einer Medienmitteilung; «Wir dürfen den Mut oder den Blick auf das Gesamtbild und die Vision einer neuen Brutpopulation von frei lebenden Ostafrikanischen Spitzmaulnashörnern in der West-Serengeti nicht verlieren. Wir werden weiterhin eng mit der Aspinall Foundation zusammenzuarbeiten, um die Probleme zu verstehen, die zum frühzeitigen Tod von <Sambesi> beigetragen haben.»


Keine Transportprobleme bei der Zürcherin «Olmoti»

Glücklicher verlief der Transport von «Olmoti», der Spitzmaulnashornkuh, die bis 2015 im Zürcher Zoo lebte. 2014 geboren, wurde Sie zusammen mit der Mutter «Samira» aufgrund des Umbaus des damaligen Afrikahauses zuerst nach England ins Flamingo Land und später in den Zoo von Dvur Králové verlegt.

Im November 2018 wurde «Olmoti» im Rahmen des Europäischen Rhino-Erhaltungszuchtprogramms zusammen mit vier weiteren Ostafrikanischen Spitzmaulnashörnern nach Ruanda in den Akagera-Nationalpark geflogen. Der Transfer der fünf Rhinos wurde als der grösste Nashorntransport aller Zeiten von Europa nach Afrika bejubelt.

Rhino-Flug 3 Grumeti-WEB©GrumetiShot.jpg

Wildtiere werden zunehmend herum transportiert

Auch in Tansania selbst wird das immer mit grossem Stress verbundene Betäuben, Verladen, Transportieren und wieder Auswildern von Wildtieren zunehmend als etwas Normales betrachtet. So erklärte Hamisi Kigwangalla, der Minister für Natürliche Ressourcen und Tourismus, laut «The Citizen» (9. Juni 2019), der kritisierte Transfer von Wildtieren von einem Park in den anderen sei eine wissenschaftlich abgesicherte Methode.

Sie werden überall angewendet: «Wir haben dies schon in der Vergangenheit gemacht, und wir erwarten zehn Rhinos aus dem Ausland, welche eine Blutauffrischung ermöglichen.» Die bisherigen Überführungen seien erfolgreich verlaufen und das Wild gewöhne sich an seine neue Umgebung, versuchte der Minister die Bedenken zu zerstreuen.

Aktuell soll der neu erstellte Burigi-Chato-Nationalpark mit diversen Wildtieren aus anderen Parks belebt werden. Dass die Tiere aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen werden, spielt offensichtlich keine Rolle. Der geplante Transfer wird als Spezialaktion angepriesen: Präsident John Magufuli stammt aus dem Gebiet. fss

Titelbild: Luftaufnahme Rhino | Screenshot von der Website Grumetifonds

Afrikas Zugvögel im Sperrfeuer Europas

Ruedi R. Suter

Fliegen Zugvögel von Europa nach Afrika oder zurück, erreichen viele ihr Ziel nie: Wilderer und Jäger schiessen sie zu Millionen vom Himmel.

So verlieren jedes Jahr weit über 50 Millionen Vögel ihr Leben. Hinzu kommen weitere Millionen, denen in Europa mit Fallen nachgestellt und allgemein die Lebensgrundlagen geraubt werden.

Die Forderung von Naturschützenden, wenigstens für gefährdete Vogelarten ein europaweites Jagdverbot durchzusetzen, verhallte bislang in den Weiten des Himmels. Dies nicht zuletzt auch zum Nachteil der afrikanischen Fauna.

Von Ruedi Suter - FSS

Es wird stiller und stiller – die Vogelgesänge erklingen immer seltener. Auch die Schwärme der Zugvögel nach Afrika nehmen ab. Es sind immer weniger. Die Vogelwelt ist gefährdet – sie ist am Verschwinden. Jede und jeder über Vierzigjährige mit Naturinteresse erfuhr den unaufhörlichen Rückgang.

Vor allem Büsche, Bäume und der Himmel wirken verwaist im Vergleich zu früher, die vielen Formationen grosser Zugvögel über unseren Köpfen werden heute als echte Sensation empfunden.

Der Mensch und seine Zivilisation mit ihren technischen Erleichterungen verunmöglichen gerade in Europa zusehends das Überleben der fliegenden Tiere – vom Insekt über die Fledermaus bis zum Vogel.

Bestätigt wird dies jetzt auch durch den Vogel-Expertenrat «European Bird Census Council (EBCC)». Ihm zufolge ist allein zwischen 1980 und 2016 die Zahl der Vögel um zirka 56 Prozent geschrumpft.


Vogeljagd Symbolbild |  © Foto    BirdLife Schweiz

Vogeljagd Symbolbild | © Foto BirdLife Schweiz

Schweiz: 40 Prozent der Vogelarten vor der Ausrottung

Die Schweiz, oft Sinnbild für «das Paradies», ist für Gefiederte zu einer Todesfalle verkommen. Denn auf der Roten Liste gefährdeter Vögel stehen in der Eidgenossenschaft dreimal mehr Arten als im weltweiten Vergleich: 40 Prozent der Vogelarten sind neuen Studien zufolge von der Ausrottung bedroht. Das betrifft zu einem guten Teil auch jene Zugvögel, die vor Einbruch des europäischen Winters der Wärme Afrikas entgegen fliegen.

Kaum vorstellbar sind in Europa all die Millionen von Gefiederten, welche alljährlich ihr Leben verlieren – durch vernichtende Angriffe auf ihre Lebensräume, durch den Zusammenprall mit Fahrzeugen wie Autos und Eisenbahnen, durch Glasfassaden, Stromleitungen, Windräder und Hauskatzen beispielsweise.

Angriffe auf die Insektenwelt

Aber auch durch die Intensiv-Landwirtschaft mit ihren heckenlosen und sumpffreien Flächen, Fettwiesen und Pestiziden, die zur Ausrottung der Insekten führen. Zahlreichen Vogelarten fehlen heute die Kerbtiere wie Mücken, Fliegen oder Käfer, die vor wenigen Jahrzehnten noch in Fülle unsere Wälder und Wiesen belebten.

«Innerhalb der kurzen Zeit von nur drei Jahrzehnten hat der Mensch in verschiedenen Gebieten die Insektenpopulationen um bis zu 75 Prozent dezimiert», warnt die Umweltschutzorganisation Pro Natura. 40 Prozent aller Insektenarten droht bereits das endgültige Verschwinden.

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris |  © Foto Ruedi Suter

Ausstellungsobjekt Vögel: Ausgestopft unter Glasglocke, Paris | © Foto Ruedi Suter

Verstärkt wird die Massenvernichtung dieser wichtigen Vogelnahrung durch unzählige «naturverbundene» Gartenbesitzer. Sie pflegen ihre Gärten tot, mähen Teppichrasen, um ja nichts blühen zu lassen und pflegen Rosenstöcke, die kein Insekt nähren kann – die Kleinsttiere verhungern in der geschniegelten Grünöde.

Die Landschaft «verkommt zur Wüste»

Benoit Fontaine, Biologe am französischen Nationalen Museum für Naturgeschichte, bringt das Ignorieren der Bedürfnisse der Vögel, Amphibien und Insekten durch Landwirte (Bio-Bauern ausgenommen) auf den Punkt: «Unser ländlicher Raum verkommt zur Wüste!»

Der galoppierende Artenverlust in der Vogelwelt, so befürchten Forschende, werde durch die Klimaerwärmung noch massiv verstärkt.

Wird in Europa immer wieder in dramatischer Weise thematisiert, wie unerbittlich in Afrika die Wildtiere dezimiert werden, bleibt die Kritik am eigenen «Vernichtungsrausch» doch sehr verhalten.

Europas Jäger schiessen 53 Millionen Vögel ab

Wie viele Vögel jedes Jahr allein in Europa aufgrund menschlichen Einwirkens ihr Leben verlieren, versuchen vorab Vogelspezialisten und Umweltorganisationen mit zweistelligen Millionen zu beziffern. Die Schätzungen variieren, die Zahlen bilden eher Anhaltspunkte. Besonders bei den Gefiederten, die gewildert werden. So sollen «im Mittelmeerraum» allein 25 Millionen Wildvögel in Netzen, Fallen oder Käfigen umkommen. Hinzu kommt jedes Jahr mindestens das Doppelte an Jagdopfern.

Allein in der Jagdsaison 2014/15 sind in 24 EU-Staaten, der Schweiz und Norwegen «mindestens 53 Millionen» Wildvögel «legal» getötet worden. Die Zahl stammt vom Deutsche Rat für Vogelschutz. Und sie ist gut belegt, stützt sich doch seine Studie auf die offiziellen Jagdstatistiken.

Die meisten Opfer sind Zugvögel

Hinzu gezählt werden müssen Millionen weiterer Todesopfer in Ländern ohne auswertbare Daten: Grossbritanien, Irland, Niederlande und Griechenland. Plus alle jene Vögel, die im nicht erfassten Mittelmeerraum oder in Afrika selbst abgeschossen werden.

Ein Grossteil der in Europa umgebrachten Wildvögel sind, so die Studie, Zugvögel, die in etlichen Regionen bereits vor der Ausrottung stehen. In der Schweiz oder in Deutschland würden streng geschützte Kiebitze, Bekassinen, Feldlerchen oder Turteltauben auf ihrem Herbst-Zug ins Winterquartier «zu Hundertausenden in Frankreich und Südosteuropa» abgeschossen.

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht |  © Foto    Waldrapp-Team

Erfolg: Waldrappen in Europa ausgerottet, neu angesiedelt. Bleibt stark bedroht | © Foto Waldrapp-Team

Tausende von Waldschnepfen und arktischen Gänsen verenden in den Schrotgarben deutscher, britischer, skandinavischer und osteuropäischer Jäger. Im Visier der Vogeljäger sind je nach europäischem Land auch Wachteln (total 1,6 Millionen) oder Singdrosseln (4,9 Mio.). Werde der Vogelwelt legal und illegal weiterhin so mörderisch zugesetzt, befürchten die Autoren, wäre das Zusammenbrechen der Bestände unvermeidlich.

Forderung: «Endlich Jagdverbote durchsetzen!»

Daraus folgert Heinz Schwarze, Vorsitzender des Komitees gegen den Vogelmord das: «Die Ergebnisse sind alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass die Jagd auf bestimmte Arten die Schutzbemühungen in anderen Ländern gefährdet oder sogar komplett zunichte macht.» Sein Komitees und der Deutsche Rat für Vogelschutz fordern deshalb vereint von der EU-Kommission, «endlich europaweite Jagdverbote für gefährdete Arten durchzusetzen.»

Das würde auch den Afrikanern und Afrikanerinnen entlang der Zugvogelrouten zu Gute kommen. Die Biodiversität ihrer Gegenden verlöre nicht so rasch die Vogelarten, welche heute auf ihrem Flug nach Afrika und zurück durch Europäer vom Himmel geschossen werden.

Vorwurf des grundlosen Tötens

In Afrika selbst wird über das Verhalten der Europäer oftmals der Kopf geschüttelt. So rang 2001 der togolesische Fernseh-Chefredaktor Joseph Adri D. Gnassengbe in der französischen Ardèche bei einer vom schweizerischen Umweltschützer Franz Weber organisierten Protestaktion gegen die Vogeljagd um eine Antwort.

Er fragte anwesende Jäger, weshalb in Europa die erlegten, jedoch nur selten verwerteten Vögel nicht alle auch gegessen würden? In Afrika, begründete der Journalist seine Frage, würde nur gejagt, um den Hunger zu stillen. Eine Antwort erhielt der Afrikaner keine.

Titelbild: Symbolbild Vogeljäger mit Beute | Screenshot. FSS

WEITERFÜHRENDE LINKS:
Frankreich: Feuer frei auf Zugvögel aus Afrika
Interview mit Franz Weber über sein Lebenswerk: «Zorniger denn je!»

Verdammter Selous-Dammbau

Ruedi R. Suter

Vom Ausland aus will man die Zerstörung des Selous-Weltnaturerbes in Tansania durch einen Mega-Staudamm stoppen. Der WWF versucht plötzlich energisch Unternehmen wachzurütteln, Cyber-Aktivisten verlangen via Avaaz-Petition den Stopp der Bauarbeiten.

Und das Komitee für Weltkulturerbe der UNESCO droht, dem tansanischen Wildschutzreservat seinen Welterbe-Status zu entziehen. Weltweit sind 54 ähnliche Schutzgebiete durch industrielle Angriffe bedroht, aber keines ist so gross wie der 52’000 Quadratkilometer weite Selous.

Sie gerät zusehends unter internationalen Druck, die tansanische Regierung von Präsident John «Bulldozer» Magufuli. Grund: Die bereits gestartete Zerstörung des Weltnaturerbes und Wildschutzgebietes Selous durch den Bau eines gigantischen Staudammes im Rufiji-Fluss bei der Stiegler-Schlucht. Die begonnen Vorbereitungen erfordern schon jetzt Infrastrukturen wie Gebäude und Strassen sowie die Abholzung grosser Gebiete in der Umgebung.

Protest im Klartext kommt von der Weltnaturschutzunion IUCN , die auch das UNESCO-Welterbe-Zentrum berät. Gemeinsam wird in einer am 27. Juni publizierten Stellungnahme von der tansanischen Regierung die «sofortige Einstellung des Holzeinschlags und anderer Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Damm-Projekt» gefordert.

Bedrohtes Paradies: Büffel am Rufiji-Fluss |  © Foto by Helen Kimali Markwalder

Bedrohtes Paradies: Büffel am Rufiji-Fluss | © Foto by Helen Kimali Markwalder

Peter Shadie, Leiter des Welterbeprogramms der IUCN, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Das Staudammprojekt Stiegler's Gorge ist inakzeptabel. Es würde das Herz aus dem Selous-Reservat reissen, mit katastrophalen Auswirkungen auf die Wildtiere und Lebensräume des Gebietes.»

Das Engagement für den Schutz von Weltnaturerbe-Stätten zum Wohle der zukünftigen Generationen sei «ein kollektives, das weder Tansania noch ein anderes Land ignorieren» könne, stellt Shadie klar.

Deutschland fühlt sich besonders verpflichtet

Starke Bemühungen, das aus Umweltsicht verheerende Bauvorhaben im ältesten Schutzgebiet Afrikas zu stoppen, sind in Deutschland auszumachen. Kein Wunder, konnte der Selous - einmal abgesehen von den Elefantenmassakern Mitte dieses Jahrzehnts – vor allem auch mit deutscher Staats- und Privathilfe über Jahrzehnte mehr oder weniger erfolgreich gegen Wilderei und Grossprojekte geschützt werden.

Gestern nun, so meldet uns der deutsche Selous-Kenner Rolf D. Baldus, hat der WWF Deutschland für 76'600 Euro mit einem ganzseitigen Inserat die Wirtschaft aufgefordert, bei keiner Zerstörung des globalen Welterbes mitzumachen. Laut IUCN sind heute insgesamt 55 Schutzgebiete mit Weltnaturerbe-Status durch industrielle Projekte bedroht.

UNESCO: «Weltnaturerbe in Gefahr»

Zwar geht die Umweltorganisation mit keinem Wort auf den zurzeit besonders stossenden «Fall Selous» ein, den die UNESCO unterdessen als «Weltnaturerbe in Gefahr» einstuft. Hingegen erinnert der WWF in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)» die Unternehmer und Unternehmerinnen mahnend an ihre Verantwortung: «UNESCO-Welterbestätten stehen unter dem Schutz internationaler Abkommen und nationaler Gesetze - trotzdem sind sie durch die Industrialisierung bedroht.»

Appell an die Wirtschaft: WWF-Inserat in der FAZ |

Appell an die Wirtschaft: WWF-Inserat in der FAZ |

Zudem stellt die öfters als zu wirtschaftsfreundlich kritisierte Panda-Organisation eine überraschend kecke Frage: «Leisten Finanzierungsentscheidungen und Versicherungslösungen für Unternehmen und Projekte in Ihren Portfolios dieser Zerstörung zentralen Vorschub?»

Die Antwort wird gleich mitgeliefert: «Prüfen und bereinigen Sie Ihre Portfolios und entwickeln Sie Leitlinien und Vorgaben zur Steuerung zukünftiger Entscheidungen.» Denn Welterbestätten seien «die kostbarsten Schätze der Menschheit» sowie «Lebensgrundlage für Millionen Menschen und Tiere».

Baldus, der als deutscher Entwicklungs- und Naturschutzexperte sechs Jahre im Selous Game Reserve arbeitete und diesen zusammen mit den tansanischen Partnern stabilisierte, begrüsst grundsätzlich die Aktion der Umweltschutzorganisation, meint aber: «Der WWF engagiert sich seit Jahren für den Schutz des Selous – allerdings völlig ergebnislos.» 

Online-Petition: Aavaaz organisiert  Selous-Web-Protest  |  Screenshot

Online-Petition: Aavaaz organisiert Selous-Web-Protest | Screenshot

Tansania baut zurzeit ungerührt weiter an ihrem Projekt, dessen Vollendung und Nutzen Kennern des Landes zufolge in Frage gestellt werden müsse. Die aktuelle Bauphase wird durch ägyptische Banken und die nigerianische UBA-Bank in der Höhe von einer halben Milliarde Euro finanziert.

Gegen den Weiterbau haben jetzt auch die Cyber-Aktivisten der sozialen Bewegung Avaaz («Stimme») mobil gemacht. Ihre Online-Petition «Tanzania: Don't Dam Paradise!» spricht zwar noch von der (bereits überholten) Damm-Planung, will nun aber eine Million Stimmen gegen den Weiterbau sammeln: «Wir können sie nicht das Paradies fluten lassen – unterschreibe jetzt und erzähle es allen!» fss

Hintergrund zum Selous Game Reserve:

Afrikas Schutzgebiete in Gefahr - das Beispiel Welterbe «Selous»
Avaaz-Petition: Tanzania: Don’t Dam Paradise!
VIDEO: Rolf D. Baldus – Der Selous im März 2017

Rodungen drohen im Weltnaturerbe Selous
Im Weltnaturerbe Virunga & Salonga droht die Ölflut
«Darum wildere ich Tiere»

FSS für Einsatz geehrt

Ruedi R. Suter

Freude bei der Naturschutzorganisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS): Tansania lobt ihre Mitglieder für ihren jetzt 35 Jahre dauernden Einsatz beim Schutz der afrikanischen Natur als «Best Conservation Partner»,

Die bemerkenswerte Auszeichnung erhielt die Nichtregierungsorganisation FSS von der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA. Es ist ein Zertifikat zur «herausragenden Unterstützung für den Naturschutz und den nachhaltigen Tourismus» im ostafrikanischen Land.

Die Anerkennung in Form einer geprägten Platte mit Urkunde konnte die tansanische FSS-Projektassistentin Susan Peter Shio am 19. Juni 2019 in Anwesenheit von Hamisi Kigwangala, Minister für Naturressourcen und Tourismus, im Mount Meru Hotel in der nordtansanischen Stadt Arusha in Empfang nehmen (Titelbild).

FSS-Präsident Adrian Schläpfer erreichte die frohe Kunde im finnischen Helsinki. In einer ersten Reaktion zeigte er sich hocherfreut. Nicht zuletzt auch darum, weil der Schweizer Verein in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiern kann und die Auszeichnung als eine wichtige Würdigung aller bisherigen Bemühungen bei der Erhaltung der Natur und des Wildschutzes eingestuft werden könne.

Spezial-Anerkennung für David Rechsteiner

Susan Shio konnte aber auch noch eine zweite Auszeichnung in Empfang nehmen: Einen Sonderpreis für den kürzlich verstorbenen Unternehmer und FSS-Mitbegründer David Rechsteiner. Ihm hat die TANAPA unter anderem auch das Grundstück in Arusha zu verdanken, auf dem heute das Hauptquartier der Behörde steht.

Dem langjährige Afrika-Delegierten des FSS und seiner Familie wurde so post mortem für seine vielseitige Unterstützung beim Schutz der tansanischen Nationalparks gedankt.

«Wir fühlen uns sehr geehrt, diese Auszeichnungen erhalten zu haben», meldete Projektassistentin Susan Peter Shio in die Schweiz. Ebenfall im Vorstand wurden die Ehrungen mit grosser Befriedigung zur Kenntnis genommen. Auch deshalb, weil die Arbeit in Tansania mit seinen politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen alles andere als einfach ist und die Informationspolitik des FSS auch die Probleme offen thematisiert. rs / sps

Titelbild: Susan Shio nimmt Preis für den FSS entgegen | © Foto by TANAPA

Das Dokument, das den FSS ehrt.

Das Dokument, das den FSS ehrt.





Bald Safaris ohne Plastikmüll?

Ruedi R. Suter

Selbst der «Natur-Kontinent» Afrika mit seinen Wildtieren droht im Plastik zu ersticken. Etliche Länder haben den endlos scheinenden Kampf gegen den kaum abbaubaren Kunststoff aufgenommen. So auch Tansania, das ab jetzt Reisenden mit Plastiktüten die Leviten lesen will.

Plastik, Plastik, überall Plastik. Plastikabfall am Boden, Plastikpartikel im Wasser, Plastiksäcke in den Baumkronen, vom Wind in die Äste geweht, Mikroplastik im Essen, in den Mägen der Wildtiere und der Menschen, kurzum – kaum mehr ein Plätzchen auf dieser Erde ohne Plastik. Auch im einst so wilden und weitläufigen Naturkontinent Afrika nicht, was im Magazin «Habari» schon vor Jahren thematisiert wurde.

Steht dem Menschen die Plastikflut am Hals, sollte er zu handeln beginnen.

In Afrika ist man da in gewissen Gebieten schon vorbildhaft initiativ. Immer mehr Länder erklären den Plastik zum Staatsfeind. Zum Beispiel in Ghana, Uganda, Marokko und Eritrea. Selbst im kriegszerrütteten Kongo-Kinshasa versucht im Osten die Stadt Goma ein Verbot umzusetzen.

Auch Tansania wacht auf

Im nahen Tansania hat sich in dieser Woche die Regierung ebenfalls durchgerungen, dem gewaltigen Plastikproblem vermehrt den Kampf anzusagen. So veröffentlichte das Büro des Vizepräsidenten am 16. Mai 2019 eine «Notiz an die Reisenden, welche Tansania besuchen möchten».

Die Weisung fordert, keine Plastiktragtaschen und Ähnliches mehr mitzuführen: «to avoid carrying plastic carrier bags or packing plastic carrier bags or items in plastic carrier bags...». Wer dennoch so etwas mitbringe, müsse es bei seiner Ankunft abgeben. In besonderen Fällen können Ausnahmen gemacht werden. In seiner Notiz (siehe unten) versichert das Büro des Vizepräsidenten, die Umwelt schützen zu wollen, «um unser Land sauber und schön» zu halten.

Ist der Plastikmüll noch zu bewältigen?

Doch vor allem um Städte und Dörfer ist nichts mehr «sauber gehalten». Dass es dazu noch gigantische Anstrengungen braucht, ist auf Anhieb überall sichtbar. Und dass Plastik nicht nur in Einkaufs- und Tragtüten, sondern heute in fast jedem Gebrauchsgegenstand, in der Bauindustrie, Landwirtschaft und Autoindustrie beispielsweise verwendet wird, sieht sich Afrika wie die ganze Welt bei der Eliminierung des Erdölprodukts Plastik vor einer womöglich unlösbaren Aufgabe gestellt.

Eingedämmt werden aber kann wenigstens das «Plastifizieren» des Planeten.

Nicht zuletzt in Afrika, wo Kenia 2017 ein strenges Kein-Plastik-Gesetz erliess. Wer sich da noch an einer Plastiktüte vergreift, kann für vier Jahre ins Gefängnis wandern. Oder PlastiksünderInnen müssen bis zu 40 000 US-Dollar hinblättern.

Ruanda macht der Schweiz etwas vor

Den konsequentesten Plastik-Bann haben aber die Menschen Ruandas umgesetzt. Seit Jahren schon wird – dank klarem Gesetz und guten Kontrollen mit harten Strafen – auf den Umweltkiller Plastik verzichtet.

Mit verblüffendem Erfolg, melden uns Reisende aus Ruanda. Das Land sei vielerorts sauberer als die Schweiz, das dem Kunststoff auch mangels Alternativen immer noch kräftig zuspricht – und in dem Kühe und Wildtiere zuweilen an verspeistem Plastikmüll sterben. fss

Titelbild: Kollage – Impalaherde mit alter Blumenzucht-Anlage und zerschlissenem Sondermüll-Plastik, von denen es viele hat in Ostafrika | © Fotos by R.Suter

Das Schreiben aus dem Büro des tansanischen Vizepräsidiums:

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Wildtiere – auch Opfer des Totschweigens

Ruedi R. Suter

Das Leiden der gejagten Wildtiere Afrikas hat der bekannte Umweltjournalist Karl Ammann über 40 Jahre in Filmen, Büchern und Artikeln festgehalten. Ebenso den illegalen Wildtierhandel in Asien. Entstanden sind erschütternde Dokumentationen der Tierquälerei und Artenvernichtung. Sie müssten Umweltinstitutionen und Regierungen umgehend zum konsequenteren Handeln bewegen. 

Doch davon ist man weit entfernt. Eher werden Ammans Recherchen ignoriert, von den Medien «entschärft» oder von einem Teil des Publikums verdrängt. Opfer sind die letzten Jägervölker und deren Wildtiere. Betroffen sind aber auch jene Medienleute, die ehrlich auf derartige Missstände aufmerksam machen wollen, jedoch kaum mehr Gehör finden und ihre Arbeiten absetzen können. Grund: Die Welt hat überall angenehmer zu sein als sie in Wirklichkeit ist. Das torpediert die letzten Chancen einer Veränderung.

Von Ruedi Suter — FSS

Überbringer schlechter Nachrichten sind gefährdet. Nicht, weil sie – wie früher – nach Erfüllung ihrer Aufgabe umgebracht werden könnten. Immerhin sind wir Angehörige einer zivilisierten Gesellschaft, gebildet, aufgeklärt, scheinbar umfassend informiert. 

Doch Boten niederschmetternder Botschaften aus Krisengebieten riskieren mehr als ihr Leben. Wenn sie ihre Nachricht überbringen, müssen sie damit rechnen, dass man ihnen nicht glaubt – oder dass ihre Botschaft ignoriert wird und folgenlos bleibt. Das zehrt an den Nerven des Boten, lässt ihn zweifeln am Sinn seines Wirkens und – am Verstand all jener, welche nicht reagieren wollen. 

Müssen Leserinnen und Leser geschont werden?

Es ist ein Zustand, den Kriegsreporter oder Umweltjournalisten wie Karl Ammann nur allzu gut kennen. Ein Zustand, der sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Niedergang des Qualitätsjournalismus verstärkte. Dieser bemüht sich stets auch um vertiefte Hintergrundberichterstattung, um so den komplexen Realitäten einigermassen gerecht zu werden. 

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun |  © Foto by Ruedi Suter

Nachforschungen: Karl Ammann mit Polizeioffizier, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

Allerdings kennt auch der Qualitätsjournalismus seine Einschränkungen. Die vielen Toten der Kriege, Naturkatastrophen und Umweltzerstörungen werden bildlich kaum je gezeigt. Die Leserinnen und Leser sollen geschont werden. 

Mit der Schonung aber wird der Leserschaft ein entscheidender Teil der Wirklichkeit vorenthalten. Kriege werden – im Gegensatz zur einstigen Vietnam-Berichterstattung – für heutige Medienkonsumenten zu technischen Zaubereien, die Infrastrukturen verwüsten, aber kaum Menschen und Tiere treffen. Damit werden Kriege für die Zuschauer abstrakter und – erträglicher. Aber hilft das den Opfern?

«Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind»

«Nein», ist der Filmer Karl Ammann (71) überzeugt. «Wir müssen die Dinge zeigen wie sie sind. Die Menschen können selbst entscheiden, ob sie hinschauen wollen oder nicht.» Der Schweizer ist eine Art Kriegsreporter – im andauernden, von der Öffentlichkeit nur schemenhaft wahrgenommenen  Vernichtungsfeldzug gegen die tropische Fauna und Flora Afrikas und Asiens. 

Seit über 40 Jahren überbringt Bote Ammann aufgrund der Situationen vor Ort vorab schlechte Nachrichten. Dies mit dem Anspruch, wahrheitstreu zu rapportieren. Wo anhaltend getötet, vertrieben und zerstört wird, sind Momente der Hoffnung eine Seltenheit. Damit müssen Journalisten und Journalistinnen umgehen können. 

Es gilt, nicht durchzudrehen,abzustumpfen oder depressiv zu werden. Es gilt, die Erwartungen in die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu reduzieren. Wer informieren und aufklären will, Grundprinzipien eines engagierten Journalismus, muss sich bewusst sein, allenfalls gar nichts zu erreichen. 

«Niemand soll sagen können: Das haben wir nicht gewusst»

Karl Amman, geprägt von den heillosen Zuständen im afrikanischen Busch und den Märkten in asiatischen Boomstädten, hat im Laufe all der Jahre die Erwartungen in den investigativen Umweltjournalismus und dessen Wirkung aufs Publikum in einen Satz reduziert: «Niemand soll einmal sagen können: Das haben wir nicht gewusst.» Mehr erwartet er nicht mehr für seine Themen – Zerstörung der Artenvielfalt, Wilderei und weltweiter illegaler Wildtierhandel. 

2004 war ich erstmals mit ihm unterwegs – in den von Holzindustrien und Siedlern angegriffenen Urwäldern Kameruns. Für ihn eine Reise unter vielen – als Reporter und Zeuge in Sachen Naturzerstörung. Wiederholt wurden seine Reisen in die angetasteten Zonen des Kongobeckens durch behördliche Schikanen, Tiermassaker, Attacken, Unfälle, Krankheit oder Einschüchterungen erschwert. 

Karl Ammann hatte mich aufgefordert, mitzukommen. Ich solle mir selbst ein Bild von den Abholzungen, der Wilderei und dem Elend vertriebener «Pygmäen» machen. Eine gute Gelegenheit, den auch von beruflichem Neid und Missgunst seiner Kollegen verfolgten Mann kennenzulernen.

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas |  © Fotos by Karl Ammann

Aus “Consuming Nature”: Buschfleisch, rechts Hand eines geschützten Gorillas | © Fotos by Karl Ammann

Die Tragödie der konsumierten Natur

Ich wollte ja auch wissen, wie der mir bislang persönlich nicht bekannte und von Behörden und etlichen Umweltorganisationen angefeindete Schweizer arbeitete. Wer war der Kerl? Ein Selbstdarsteller? Einer, der in seinem äusserst schwierig nachprüfbaren Arbeitsgebiet schummelte? Ein Schwarzmaler oder Adrenalin-Junkie, der sich getrieben immer wieder unberechenbaren Gefahren aussetzen musste?

So trafen wir uns in Kamerun und reisten zusammen durch die Urwälder an die Grenze von Kongo-Brazzaville. Wir stiessen in nur zwei Wochen auf all das, was Ammann in seinem erschütternden Fotoband über Buschfleisch und das Umbringen von geschützten Tierarten für kommerzielle Zwecke («Consuming Nature») dem Europa Parlament zuvor gezeigte hatte.

Zu sehen waren vertriebene Ureinwohner, elendiglich eingesperrte oder angekettete Gorillas und Schimpansen, schmerzhaft verschnürte Reptilien, zerstückelte Antilopen, massakrierte Elefanten, zahllose erlegte Wildtiere für die Fleischmärkte in Afrika und Europa - kurzum eine Augen öffnende Dokumentation gegen das ultimative Leerwildern Afrikas und die unfassbare Gewalttätigkeit des Menschen gegenüber der Natur. Ein Buch, das einige Interessierte der quälenden Bilder wegen sofort wieder weglegten. 

Als «Radikaler» angefeindet oder abgewiesen

Ammann schien auf unserer Reise wie gewohnt zu arbeiten. Er zwang sich, überall genau hinzusehen und so gut wie möglich aufzuzeichnen, was uns begegnete und mitgeteilt wurde. Akribisch sammelte und filmte er alle Hinweise, wie nationale und internationale Unternehmen, Beamte, Militärs, Geschäftsleute, zugezogene Siedler und Lastwagenfahrer den Wildtieren und indigenen Jägervölkern die Lebensgrundlagen angreifen: Zeit, Koordinaten, Namen, Aussagen und Umstände.

Hierzu nützte dem in St. Gallen aufgewachsene Schweizer offensichtlich sein Wissen als Ökonom, seine Gabe als Filmer und seine Hartnäckigkeit als investigativer Journalist. 

Diese Kombination von Fähigkeiten hat ihm ebenso Auszeichnungen gebracht wie Kritiken in den Etagen von Umweltkonzernen wie World Wide Fund for Nature (WWF) und Wildlife Conservation Society (WCS). Sie kreiden dem Einzelgänger seine «Radikalität» an. Der gleiche Vorwurf kommt von Vertretern des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES, die ihn, so Ammann, lieber fern halten als seine Hinweise überprüfen würden. 

Vom Angebot in Afrika zur Nachfrage in Asien

Ich erlebte einen Kollegen, der mit ruhiger Stimme die komplexen Zusammenhänge der Zerstörung dieses grünen Paradieses erläuterte, den eine spürbare Liebe zum Mitwesen Tier bewegt, der jede Information sammelte und gegenprüfte und der jeweils mit feinem Humor die Unzulänglichkeiten des Menschseins kommentierte. Ein Humor, untermalt von einem leisen Lächeln, das dem Artenschützer über alle Frustrationen hinweg zu helfen scheint. 

Wie in Afrika Abholzungen, Fleisch- oder Trophäenwilderei sowie deren nationale und internationale Vermarktung funktionieren, dies hat Ammann jahrelang dokumentiert und via Artikel, Bücher und Filme der Fachwelt, Behörden, Gremien der UNO und des EU sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Längst ist ihm klar: «Afrika ist schlecht regiert, Korruption und Armut leisten dem Raubbau an der Natur Vorschub. Zudem hat es Afrika schwer, die Ressourcen für den Schutz der Wildtiere und Ökosysteme zu finden. So lange es eine Nachfrage in Asien gibt, wird es auch ein Angebot in Afrika geben. »

In den letzten Jahren hat sich der Schweizer jedoch auf unabhängige Recherchen und Berichte zur Nachfrage konzentriert. Also: Wie sieht der illegale Handel mit Wildtieren genau aus? Wohin werden die Tiere lebend oder tot gebracht? 

CITES in Kusch-Haltung vor China

Wie und wohin werden beispielsweise wild gefangene Menschenaffen, Elefanten, Grosskatzen, Vögel und Fische aus Afrika transportiert? Und wo landen die tierischen Körperteile wie Fleisch, Elfenbein, Rhino-Nasenhorn, Pangolin-Schuppen, Federn, Krallen, Häute, Fette und Innereien? In Asien, vorzugsweise in China, hat – neben anderen – Ammann unterdessen mit seinen teils verdeckten Recherchen festgehalten und vor allem via die angloamerikanischen Medien bekannt gemacht. 

«Trotz aller Beteuerungen sind die Kontrollsysteme in Ländern wie China, Laos, Vietnam, Burma und Thailand völlig unzureichend, der illegale Handel floriert im Versteckten», erkannte Ammann. Und das Artenschutzabkommen CITES wage es aus Angst vor China nicht einmal, seine Kompetenzen auszunutzen und Druck aufzusetzen, um dem Treiben ein Ende zu setzen.

In der Schweiz eingeschlagen ist unter anderem sein Film über die Häutung lebender Würgeschlangen in Asien, deren Häute vor ab an die schweizerische Uhren- und Lederindustrie geliefert werden. Trotzdem werden die Schlangenhäute weiter importiert. «Wir verlieren an allen Fronten und sind nicht bereit, uns diesen Realitäten zu stellen», meint der Filmer achselzuckend.

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof |  © Foto by Karl Ammann

Gejagt, gefangen, geplagt und «geschützt»: Schimpanse im Autofriedhof | © Foto by Karl Ammann

Der unablässige «Verkauf schöner Gefühle»

Auch einflussreiche Medien versagen. Zeitungen verzichten ganz auf Ammans Berichte oder auf erschüttende Bilder in seinen Artikeln. Seine Filme werden immer mal wieder abgeschwächt, «zu harte Szenen» herausgeschnitten, dafür aber mit «Hoffnung machenden End-Szenen» ergänzt. Auch hier sollen Zuschauer und Leserschaft «geschont» werden. 

Eine Erfahrung, die auch andere Medienleute mit ähnlichem Interesse machen. Erst kürzlich hat ein Ressortleiter der «NZZ am Sonntag» einen Artikelvorschlag über die wachsenden und teils nicht bekannten Probleme der Serengeti abgelehnt. Begründung: Das sei zu kompliziert und zu wenig interessant für die Leserschaft.

Es sei die gleiche Haltung, diagnostiziert Ammann, hinter einer ähnlichen Methode, die einige grosse, auf Spenden und Sponsoren angewiesene Umweltkonzerne anwenden. Wunderbare Welten vorgaukeln, die teils schon nicht mehr existierten, diagnostiziert Journalist Ammann: «Anstelle der harten Realität werden einfach schöne Gefühle verkauft.» Und dies alles zu Lasten der Wahrheit, der Indigenen und der Wildtiere.

Adrian Schläpfer: «Wir müssen auch Trauriges wahrnehmen»

Dass es auch anders geht, dass es ein Interesse an unzensierten Vorgängen im Abwehrkampf gegen Artenschwund, Wilderei und illegalen Wildtierhandel gibt, zeigte sich am 27. April 2019 an der Mitgliederversammlung des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) in Zürich. «Wir müssen auch die traurigen Tatsachen wahrnehmen», begrüsste FSS-Präsident Adrian Schläpfer die rund 100 Interessierten, welche sich zum Vortrag von Karl Ammann eingefunden hatten. 

Als langjähriger Vizedirektor in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und als ehemaliger Botschafter in Tansania weiss Schläpfer, dass Probleme nur dann gelöst werden können, wenn sie zuerst einmal so umfassend wie möglich erkannt wurden. Sie aber in ihrem wahren Ausmass zu ignorieren, führt in die Katastrophe. Und in diesem Fall zum Kollaps der Artenvielfalt – mit unvorstellbaren Folgen für unsere Erde.

«Nichtstun ist keine Alternative!»

Eine Organisation wie der FSS müsse deshalb – neben der eigentlichen Schutzarbeit vor Ort – mehr denn je Sensibilisierung und Informationsvermittlung betreiben. «Wir wissen um die schlimmen Entwicklungen, lassen uns bei unserem Engagement in Tansania jedoch von einem realistischem Optimismus tragen. Denn Nichtstun ist keine Alternative!», schloss Schläpfer am Ende einer lebhaften Diskussion zwischen dem Referenten und dem Publikum, das sich mit bemerkenswertem Engagement dem schwierigen Thema stellte.

Der Zufall wollte es, dass um dieses Wochenende mit Ammans Vortrag zwei wichtige Ereignisse bekannt wurden. Erstens ging die Konferenz des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in Paris zu Ende. 132 Mitgliedstaaten unterschrieben einen Bericht über den alarmierenden Zustand beim globalen Artenschwund, was bereits als «grosser Erfolg» gefeiert wurde. Zweitens wurden 2018 gemäss dem Stockholmer internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI weltweit rund 1,82 Billionen US-Dollar für Militärausgaben verwendet – der höchste Stand seit dem Ende des Kalten Krieges.

Titelbild: Karl Ammann mit Satelliten-Telefon , 2004, Ostkamerun | © Foto by Ruedi Suter

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The man risking his life to expose the destruction of the tiger (Mai 2019, “Washington Post”)

Verdrängte Artenschutzprobleme |Medienmitteilung FSS 2.5.19.jpg






























































David Rechsteiners letzte Safari

Ruedi R. Suter

David Rechsteiner hat seine letzte Safari angetreten. Der Schweizer Artenschützer, Kaffeeproduzent und Tansaniakenner ist am 31. März 2019 kurz nach seiner Rückkehr ins Zürcher Oberland nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben.

Als treibende Urkraft des Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) hat er zusammen mit seiner Frau Lilian der Organisation in Tansania nachhaltig Respekt verschafft. Wir erinnern uns an einen aussergewöhnlich vielseitigen Manager, Buschläufer, Tier- und Menschenfreund.

David Rechsteiner war ein Kämpfer. Und er hätte in Afrika schon viele Tode sterben können. Aber das Schicksal war ihm hold. Immer entkam er auf seinen zahllosen Märschen durch die Wildnis Elefanten, Nashörnern, Flusspferden oder Grosskatzen, denen er unbeabsichtigt zu nahe kam. Er überlebte den giftigen Biss einer Puffotter und erwachte wieder aus einem tagelangen Koma.

Schlangen faszinierten ihn besonders, und wenn er den Kopf einer aufgerichteten Python aus dem hohen Gras ragen sah, packte er sie wenn möglich am Hals, um sie näher betrachten zu können. Einmal mussten ihn Ranger aus der Umschlingung einer in der Grösse unterschätzten Würgeschlange herauswinden, natürlich ohne die Schlange zu verletzen.

Er trank das Leben in grossen Zügen und hatte viel Glück auf seinen vielen Reisen durch alle Kontinente, vor allem aber in Afrika. David Rechsteiner überlebte auch Tropenkrankheiten, den Speerstich eines Wilderers in die Flanke, lange Märsche unter sengender Sonne ohne einen Schluck Wasser, weil der Wagen zusammengebrochen war. Viel mehr wissen wir nicht, weil er solche Geschichten nicht von sich aus erzählte. Man musste sie ihm «entwinden». Klar war jedoch, das Blut des Abenteuers pulste in seinen Adern.

Auch Zweifelnder und Suchender

Aber er hatte auch ein grosses Herz. Dies war auf Anhieb nicht immer gleich spürbar. Der Sensible und Vielbegabte hatte sich eine raue Schale zugelegt, seine Sprache war ungeschminkt und klar, die Wortwahl oftmals radikal. Wer ihn näher kennenlernen konnte, der erfuhr einen Mann, dem das Wohl der Mitmenschen und die Liebe zu den Tieren und der Natur ein zentrales Anliegen war.

David Rechsteiner, 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner, 2007 | © Foto by Ruedi Suter

Auf seinen vielen Buschexpeditionen, bei denen ihn oft auch seine Gattin Lilian Rechsteiner begleitete, nahm er nie eine Waffe mit. Gewalt war ihm zuwider, beschäftigte ihn aber dauernd, besonders abends am Lagerfeuer. Hier wandelte sich der Buschläufer zum Philosophen, zum Fragenden, zum Zweifelnden und nach Antworten Suchenden.

Das Anders-Sein der Afrikaner und Afrikanerinnen faszinierte ihn und bewunderte er, vor allem jenes der letzten Jäger- und Sammlervölker oder der Rindernomaden wie die Massai. Ihnen fühlte er sich irgendwie verwandt.

Fragen nach den Widersprüchen des Seins

Gleichzeitig konnte er, der Macher und Organisator, sich aufregen über den Fatalismus und das Laissez-faire, mit dem sich so viele afrikanischer Menschen durch das Leben bewegen. Das passte nicht zu seinem Temperament. Doch zum Rassisten wurde David Rechsteiner deswegen nie, im Gegensatz zu anderen Europäern. Vielmehr interessierten ihn mit zunehmendem Alter grundlegende Fragen des Menschseins.

«Warum sind wir Menschen nicht fähig, friedlicher zu leben? Warum gehen wir aufeinander los und warum zerstören wir unsere Lebensgrundlagen? Warum sehen wir die Wildtiere als unsere Feinde an?». Fragen dieser Art beschäftigten, nein, plagten David Rechsteiner in besinnlichen Momenten.

Die grösste aller Fragen, was nach dem Tode sei, blieb auch unbeantwortet. «Dave», wie ihn seine Freunde nannten, hat in der Wildnis mit ihrem Fressen und Gefressenwerden oftmals den Tod gesehen. Wildhunde zu beobachten, wenn sie als Rudel ein Gnu bei lebendigem Leib in Stücke reissen und verschlingen, lehrt uns den Gang der Dinge zu akzeptieren. Leben heisst auch töten.

Humor und Geschäftssinn

Aber wo «Dave» ein Tier in Not sah, da griff er gezielt auch ein. Keine Frage beim Loslösen eine Zebras aus einer Drahtschlinge, keine Frage beim Herausziehen eines jungen Elefanten oder Gnus aus einem Sumpf. Da spielte er selbst Schicksal.

Es gab aber auch noch den «anderen» David Rechsteiner. Beispielsweise den von den Tansaniern respektierten «Mzee», den Alten, der einerseits streng war, andererseits mit seinem Humor und seinen Sprüchen regelmässig für schallendes Gelächter sorgte.

Und schliesslich galt der Schweizer aus dem Zürcher Oberland in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf.

Vom Gärtner zum Farmbesitzer und Naturschützer

Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in Teamarbeit mit seiner schweizerischen Gattin Lilian, die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah.

Dem Ehepaar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

Zentrale Mitbegründer des FSS anno 1984

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme griff. 

Mit Rangern Wilderer gestellt

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Fleischwilderer waren für ihn nicht einfach Verbrecher. Immer wieder verwies er auf die mögliche Not hungernder Dorfbewohnern an den Rändern der Schutzgebiete.

Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte und ohne deren Einwilligung er als Privatperson oder FSS-Afrikadelegierter in den Schutzgebieten nichts unternahm, genoss der Verstorbene trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt.

Doch trotz aller Afrika-Faszination: das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Arbeiten, reisen und lesen

Überdies waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führen oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken lassen. Aber auch gedanklich war man unterwegs. Was sich in der Schweiz und in der Welt abspielte, wurde vorab mit Zeitungen und Magazinen, später auch am Fernseher wahrgenommen. David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

Bei seinen letzten Besuchen auf der «Valhalla»-Farm in Usa River bei Arusha suchte «Mzee» Rechsteiner immer wieder den Blickkontakt zum alten Krokodil, dem letzten Wildtier eines einst bunten Privatzoos. Zwischen den beiden schien ein lautloses Zwiegespräch stattzufinden.

Die letzten Jahre

David Rechsteiners letzten Jahre waren von einem dauernden Kampf um die Gesundheit geprägt. Die jahrelange Sonnenbelastung führte zu heimtückischen Hautkrebsen. Und er, der stets mit einem ausgezeichneten Gedächtnis verblüffte, konnte sich am Schluss kaum mehr erinnern, was in seinem bewegten Leben war.

Lilian Rechsteiner half ihm in bewundernswerter Weise bis zur letzten Minute. Am 31. März 2019 hat nun «Dave», der Kämpfer, in Bubikon seine letzte für uns wahrnehmbare Reise angetreten. Ruedi Suter


Eine persönliche Erinnerung

Der nachdenkliche Buschläufer

Etwas Sinnloseres schien es nicht zu geben – so, wie der Mann mit dem abgeschnittenen Busch auf die überall züngelnden Flammen eindrosch. Die abgelegene Ebene stand in Flammen, überall frass sich das Buschfeuer durch das strohgelbe Gras einer viel zu dürren Serengeti, eine qualmende, tiefschwarz verkohlte Landschaft hinter sich lassend.

Und dieser Wahnsinnige versuchte mit wuchtigen Schlägen das Feuer wenigstens dort auszulöschen, wo er gerade stand, weil in seinem Rücken eine unsichtbare Welt hilfloser Insekten, Schildkröten, Vogelnester und Kleintiere elendiglich zu verbrennen drohte. «Schau nicht einfach zu! Hol einen Ast und hilf mit !», keuchte mir der Verschwitzte zu, und bald drosch auch ich ebenfalls auf das Gezüngel ein.

Tatsächlich schafften wir es, einen breiten Streifen zu löschen. Wenigstens hier würde sich das Feuer nicht mehr weiter fressen, wenigstens hier schien die Katastrophe verzögert, vielleicht ja sogar ganz verhindert worden zu sein.

Nachts jeweils, nach den Patrouillenfahrten mit den Rangern, dem Aufspüren und Verhaften von Wilderern, dem Leeren ihrer randvoll mit Fleisch gefüllten Verstecke, dem Loslösen von den in Schlingen verhedderten Tieren, oder nach der Bestandesaufnahme zu reparierender Fahrzeuge, Furten und Häuser und nach dem Befragen der Wildhüter über ihre aktuellen Bedürfnisse, diskutierten wir über das knisternde Lagerfeuer hinweg den Sinn unseres Engagements.

Ein intensiver Gedankenaustausch, nur unterbrochen von den Stimmen der Löwen, Hyänen, Buschbabys oder der im nahen Grumeti-Fluss lärmenden Flusspferde. Das war zu Beginn der neunziger Jahres des letzten Jahrhunderts. Es gab es noch keine Schnellstrassen in die Serengeti, noch keinen Massentourismus, noch keine Mobiltelefone, die das Konzert der tierischen Nachtstimmen störte. Und jede Reise hatte noch den Charakter einer gut vorzubereitenden Expedition.

David Rechsteiner, der in der Serengeti aufgrund seines langjährigen Engagements Sonderrechte genoss, lernte mir zusammen mit den Rangern das Gehen in der tierreichen Wildnis. Anstelle der von Furcht geprägten Fantasien plötzlich angreifenden Büffel, Elefanten oder Löwen traten Respekt sowie angstfreie Aufmerksamkeit.

Und ich lernte hinter der rauen Schale meines Afrika-Lehrers einen sensiblen, belesenen und selbstkritischen Menschen kennen.

Ihn beelendete die Not armer Völker und die globale Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem bedrückte ihn aber, dass er selbst immer auch aktiver Teil dieser Zerstörung war – als Konsument, als Reisender, als Berufsmann. 

Unweigerlich landeten wir bei der Sinnfrage: «Können wir überhaupt etwas ausrichten? Sind nicht alle Anstrengungen letzten Endes sinnlos?» Klar, dass da auch die Aktivitäten der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) angesprochen wurden. Wir trösteten uns mit der Feststellung, dass alles, was wir tun, eine Wirkung haben müsse. Und sei es auch nur eine aufschiebende.

Denn hätten sich Bernhard Grzimek und Julius Nyerere oder später Organisationen wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt oder der FSS und viele engagierte EinzelkämpferInnen nicht für das Wildparadies Serengeti eingesetzt, gäbe es dieses heute kaum mehr.

Sollte also unser Leben einen Sinn haben, so können wir alle auf unsere Weise mit Arbeit, mit Vernetzung, mit Ideen oder mit Geld etwas bewirken. Wie beispielsweise das Ehepaar Rechsteiner. Weil es nichts anbrennen und nichts abbrennen liess – so lange die Wahrscheinlichkeit bestand, wenigstens ein Stückchen ihrer lieb gewonnenen Welt vor dem Verschwinden zu bewahren. Ruedi Suter

Titelbild: David Rechsteiner | © Foto by Ruedi Suter

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Scheinheilig: «WWF-Gräuel» waren bekannt

Ruedi R. Suter

Jetzt sieht sich der Umweltkonzern WWF weltweit mit schlimmsten Vorwürfen konfrontiert. Er habe toleriert, dass in seinem Wirkungsbereich gemordet, gefoltert, vergewaltigt und geprügelt wurde.

Thomas Vellacott, Direktor des WWF Schweiz, versicherte am 7. März dem Schweizer Radio SRF: «Wir sind erschüttert!» Warum, das ist unklar: Der WWF weiss spätestens seit 2004, dass im Kongobecken von der Panda Organisation bezahlte Ranger Menschenrechtsverletzungen an den Baka-«Pygmäen» verüben.

Von Ruedi Suter – FSS

So können zumindest einige der schweren Vorwürfe gegen den World Wide Fund for Nature (WWF) für die Konzernverantwortlichen weder neu noch überraschend sein. Der Umweltschutzgigant sieht sich schon seit Beginn des Jahrtausends mit Vorwürfen zu Menschenrechtsvergehen von Mitarbeitern im Kongobecken konfrontiert.

Das Basler Newsportal OnlineReports machte 2004 in einer Kamerun-Urwaldreportage und in einem Interview mit dem Schweizer Investigativ-Journalisten und Filmer Karl Ammann auf Misshandlungen von Baka-«Pygmäen» in Kamerun durch Wildhüter aufmerksam, welche vom WWF finanziert wurden.

Auch die Umweltorganisationen Greenpeace Schweiz und Rettet den Regenwald Deutschland wiesen auf die problematischen Zustände im Kongobecken hin. Die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) berichteten in ihrem Magazin «Habari» regelmässig über die teils gut belegten Vorwürfe, die später von der Menschenrechtsorganisation Survival International (SI) noch ergänzt wurden.

Sie reichten von Vertreibungen und Schikanen über körperliche Misshandlungen bis zur aktiven Unterstützung von Wilderern durch die kamerunischen und vom WWF besoldeten Rangern.

Keine Antworten auf konkrete Fragen

Schriftliche Anfragen beim WWF International im schweizerischen Gland wurden mit umfangreichen Briefen beantwortet. Doch die konkret angesprochenen und belegten Fälle von Misshandlungen blieben ebenso unbeantwortet wie die Frage, weshalb Wildhüter angestellt seien, welche offensichtlich mit den Wilderern zusammenarbeiteten, wie uns damals ein Ranger während eines Interviews an einem geheimen Ort berichtete. Hartnäckiges Nachfragen beim WWF International führte schliesslich zu einem Informationsembargo.

Der WWF Schweiz beantwortete In den folgenden Jahren Anfragen zu neuen Vorwürfen, welche vor allem die Menschenrechtsorganisation Survival International vorbrachte. Die Antworten hatten stets den gleichen Tenor: Der WWF arbeite in einem schwierigen Gebiet, er sei sich der Probleme bewusst, toleriere aber keinesfalls Korruption und Menschenrechtsverletzungen.

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

Beissend: So sieht BuzzFeed das WWF-Maskottchen | Screenshot

OECD nimmt WWF unter die Lupe

Auf konkrete Missbrauchsfälle wurde wiederum nicht eingetreten, obwohl sich anfangs 2017 auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit den Menschenrechtsverletzungsvorwürfen befasste, welche den Konzern in Kamerun belasteten.

Heute nun sieht sich der WWF plötzlich auf breiter Front mit diesen und ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Grund: Das amerikanische Medienunternehmen mit seiner Webseite BuzzFeed.News hatte zwei Journalisten auf den WWF angesetzt. Sie recherchierten ein Jahr lang. Jetzt publizierten sie unter der Rubrik «WWFs Geheimer Krieg» eine erste Tranche ihrer offensichtlich erschütternden Recherchenergebnisse.

WWF-Vergehen: Erst der Anfang ist bekannt

Diesmal nahm auch die Neue Zürcher Zeitung das Thema auf. Sie thematisierte den Bericht der Journalisten Tsering D. Gurung (Kathmandu Post), Tom Warren und Katie Baker (BuzzFeed.News). Das Trio vermeldete den Fall des zu Tode geprügelten Bauern Shikharam Chaudhary in Nepal. Er sei von Rangern des Chitwan National Parks. umgebracht worden. Diese stünden im Sold des WWF, der den gewaltsamen Tod Chaudharys habe versanden lassen wollen.

Mehr noch: Dem Umweltkonzern wird auch die Tolerierung von Mord, Folter, Vergewaltigung und Schlägen vorgeworfen. Schliesslich verspricht BuzzFeed.News weitere schwerwiegende Enthüllungen im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern in den WWF-Einsatzgebieten von weiteren sechs Ländern in Asien und Afrika.

Wachsende Probleme in den Urwäldern des Kongobeckens

Zahlreiche der «neuen» Vorwürfe sind alt, und sie sind teils vom WWF selbst untersucht worden. Aber die Panda-Organisation hat aus journalistischer Wahrnehmung lieber gemauert anstatt öffentlich aktiv über die immer brisanter werdende Konfrontation zwischen den verschiedenen Interessensgruppen beispielsweise in den Wäldern des Kongobeckens zu informieren.

Dort sehen sich Indigene und Wildtiere von eindringenden Rohstoffkonzernen, Bantu-Siedlern, Wilderern , Bushmeat-Händlern, Soldaten und korrupten Beamten zusehends eingekesselt und in ihrer Existenz bedroht.

Der WWF stellte sich bislang auf den Standpunkt, bei Konflikten besser zu schweigen als sich über die Probleme seiner zweifellos schwierigen Arbeit in den Tropen und dem stets heikler werdenden Balanceakt zwischen Wirtschaftsinteressen, Artenschutz und Menschenrechten auszulassen.

«Wird der WWF das Problem endlich angehen?»

Stephen Corry, Menschenrechtler und Direktor von Survival International, sowie Afrikakenner Karl Amman sehen sich jetzt bestätigt. Der WWF vertusche seit Jahren seine Skandale. Besonders stossend: das Geld seiner Unterstützer und Unterstützerinnen finanziere somit auch gewalttätige Wildhüter.

Für Stephen Corry ist klar: «Macht der WWF nach diesen wirklich schockierenden Enthüllungen weiter <Business as usual> oder wird er das Problem endlich angehen? Sein Name und sein Logo sind für viele Indigene gleichbedeutend mit Gewalt, Verfolgung und Angst.»

Eine Ironie der Geschichte, denn damit sieht sich der WWF wieder mit einem Vorwurf aus seinen Anfangszeiten konfrontiert. Damals und lange danach wurde ihm vorgeworfen, er kümmere sich zwar um Tiere und Bäume, vernachlässige aber die Menschen.

Konkrete Vorwürfe an den WWF

> Nepal 2006: Tod nach mutmasslicher Folterung eines Bauern durch Wildhüter des Chitwan-Nationalparks. Der Mann wurde verdächtigt, seinem Sohn beim Verstecken eines Rhino-Nasenhorns geholfen zu haben.

> Nepal: Der WWF habe über Jahre durch Ranger und Soldaten begangene Menschenrechtsverletzungen bei der Wilderei-Bekämpfung in Chitwan-Nationalpark toleriert und teils verschärft. Angeführt werden Folter, systematische Gewalt, sexueller Missbrauch und andere Erniedrigungen.

> Kamerun: Billigung oder Unterstützung von Attacken durch vom WWF besoldete und ausgerüstete Wildhüter auf Urwalddörfer um den Lobéké- Nationalpark.

> Kamerun: Enge, vom WWF lange abgestrittene Zusammenarbeit mit unzimperlichen Regierungstruppen wie etwa die schnelle Eingreiftruppe BIR, der auch schon vorgeworfen wurde, unbewaffnete Zivilisten getötet zu haben.

> Kamerun 2017: Misshandlung eines Elfjährigen durch Wildhüter vor dessen Eltern. Der Fall sei von den Dorfbewohnern dem WWF gemeldet worden. Die Umweltorganisation habe nie darauf reagiert.

> Zentralafrikanische Republik: WWF-Mitarbeiter sollen gegen die eigenen Richtlinien versucht haben, von der wegen Gräueltaten verrufenen Armee Gewehre zu kaufen. Ein Vorwurf, der allerdings schlecht belegt ist.

Alle diese Fälle wurden von den beiden BuzzFeed News-Reportern in einem Jahr zusammengetragen und veröffentlicht.

Erste Reaktionen des WWF

Von einer proaktiven offiziellen Stellungnahme ist dem FSS nichts bekannt. Angeschlossen an die Medienverteiler von WWF International, dem Dachverband, und WWF Schweiz ist von diesen Stellen bis heute jedenfalls keine Stellungnahme eingetroffen.

Dies entspricht der jahrelangen Informationspolitik des Umweltkonzerns: Von sich aus wird zu Problemfällen aktiv nichts kommuniziert. Man konzentriert sich auf allgemeine Warnungen oder Erfolgsmeldungen. Bei Problemen haben Medien anzufragen, selbst bei einem GAU wie den Vorwürfen, mit der BuzzFeed News den teils sehr guten Ruf der grössten internationalen Umweltschutzorganisation (40 Länder) jetzt konkret in Zweifel zieht.

Medien, welche den WWF International aufgrund der Publikationen von BuzzFeed News anfragten, erhielten den Bescheid, man sei betroffen und werde handeln – mit einer unabhängigen Untersuchung unter der Führung von Menschenrechtsexperten. In seiner Reaktion sagt der WWF-International: «Wir sehen es als unsere dringende Verantwortung an, den Anschuldigungen durch BuzzFeed bis auf den Grund nachzugehen.»

Bleibt die Frage: Warum erst jetzt?

Titelbild: BuzzFeed.News: Bewaffneter Panda, Screenshot

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«Ivory Queen»: Zu milde Haftstrafe

Ruedi R. Suter

Jubel löste in Februar 2019 die Verurteilung der schwerreichen Geschäftsfrau Yang Feng Glan in Tansania aus. Die chinesische Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmuggelrings hatte weltweit Aufmerksamkeit erregt. Selbst die Regierungen Tansanias und Chinas lobten wortreich das Verdikt.

Doch warum bekommt eine notorische Elefantentöterin eine Strafe von nur 15 Jahren, derweil beispielsweise ein Schweizer Geschäftsmann letzten Herbst 20 Jahre Gefängnis erhielt, weil er zwei gefundene Flusspferdzähne im Koffer hatte? Spielte die Politik eine Rolle beim Urteil? Weshalb standen keine hohen Beamten vor Gericht, ohne welche die «Queen» nie «Königin» geworden wäre? Versuch einer Klärung.

Von Ruedi Suter – FSS

Jetzt sitzt die rüstige Oma hinter Gittern. Und zwar in der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam. Ob in einer sauberen Einzelzelle oder in einem der üblichen, stickigen, mit Malariamücken bevölkerten Grossraum zusammen mit Dutzenden anderen Verurteilten, das ist uns nicht bekannt.

Der Gefängnisalltag einer Frau, die den Tod Hunderter, wenn nicht Tausender Elefanten mit auf dem Gewissen hat, scheint zurzeit wenig relevant. Hauptsache, die gebürtige Chinesin kann als kaltblütige Drahtzieherin eines effizienten Elfenbein-Schmugglerrings keinen Schaden mehr anrichten. So hoffen jedenfalls Artenschützerinnen und Naturverteidiger auf der ganzen Welt.

Huruma Shaidi, Hauptrichter am Gerichtshof von Kisutu, hatte die 69 Jahre alte Yang Feng Glan am 19. Februar 2019 zusammen mit den tansanischen Komplizen Apia Philemon und Silvanus Matembo zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Nachgewiesen: 430 abgeschlachtete Elefanten

Die fliessend Kiswahili sprechende Yang Fen Glan, eine an der Universtität von Beijing ausgebildete Wirtschaftsfachfrau, war u.a. wegen Schmuggels und Verkaufs von 860 Elfenbeinstücken von 430 Elefanten im Wert von über 6,45 Millionen Dollar angeklagt worden. Das Elfenbein landete zwischen 2000 und 2014 über geheime Routen in China.

Oberrichter Shaidi sah es als erwiesen an, was ihm vier Staatsanwälte gegen das Trio vorgelegt hatten. Millionärin Yang Feng Glan, seit ihrer Schlagzeilen machenden Festnahme im Oktober 2015 von den Medien zur «Elfenbeinkönigin» (Ivory Queen) erkürt, muss überdies eine Geldbusse von rund 5 Millionen Euro zahlen.

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte |  Sceenshot

Eine «Elfenbeinkönigin» vor Gericht: Google zeigt Berichte | Sceenshot

Verurteilt: «Strippenzieher statt kleine Fische»

Medien und Artenschutzorganisationen empfanden Gerichtsverfahren und Urteil als kompromisslos. Entsprechend wurde es kommentiert und begrüsst, wovon international die zahlreichen positiven Reaktionen zeugten.

Endlich ein wegweisender Erfolg gegen das illegale Umbringen von Elefanten in Ostafrika, endlich ein klares juristisches Zeichen gegen den kriminellen Handel mit dem Elfenbein.

«Sehr gut», freute sich etwa der WWF Deutschland über das Urteil von Dar es Salaam, dass es diesmal «statt der kleinen Fische» die «Strippenzieher» getroffen habe. Mit einem Verweis auf die unsäglichen Elefantenmassaker zwischen 2007 und 2016 in Tansania – von den rund 110'000 Tieren sollen nur 50'000 überlebt haben – meinte WWF-Sprecherin Katharina Trump: «Der illegale Artenhandel muss strafrechtlich härter verfolgt und die Wilderei als organisiertes Verbrechen ernst genommen werden, wie es hier in Tansania nun geschehen ist.»

China: Staatsbürgerin wird fallen gelassen

Selbst die Volksrepublik China, immer noch verrufen als Supermagnet für illegales Elfenbein, liess sich mit einem Kommentar gegen das verheerende Treiben ihrer Staatsbürgerin vernehmen. So begrüsste Geng Shuang, Sprecher des Aussenministeriums laut dem chinesischen Newsportal «China.org.cn» ausdrücklich die Entscheidung des Gerichts.

Seine Regierung, so Shuang entschieden, zeige «keine Toleranz gegenüber illegalem Handel mit gefährdeten Tieren und ihren Produkten». Und Tansania werde in diesem Zusammenhang voll unterstützt, zumal China Ende 2017 den Handel mit Elfenbein- und Elfenbeinprodukten verboten habe.

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben |  Screenshot

Elfenbeinschitzereien in China: Tausende Afrikanische Elefanten zahlen mit ihrem Leben | Screenshot

Bemerkenswert ist die Reaktion des offiziellen Chinas auch deswegen, weil die Verurteilte mit ihrem noblen Restaurant in Dar es Salaam und als Geschäftsführerin des «Tansanischen China-Afrika- Wirtschaftsrats» (Tanzania China-Africa Business Council) eine wichtige Scharnierfunktion wahrnahm – zwischen bedeutenden Geschäftsleuten aus China und Mitgliedern der tansanischen Behörden und Businesswelt.

Die clevere, in den 1970er-Jahren eingewanderte und mit einem Tansanier verheiratete Yang Feng Glan war alles andere als eine harmlose Grossmutter. Mit dem offensichtlichen Fallenlassen von Yang Feng Glan untermauert Beijing seine 2015 von Staatsführer Xi Xingping angekündigten Anstrengungen, den illegalen Elfenbeinschmuggel nicht mehr zu tolerieren.

Tansania: «Riesiger Erfolg der Regierung»

Ungewöhnlich laut gefeiert wurde das Verdikt gegen die «Ivory Queen» aber auch von der tansanischen Regierung. Hamis Kigwangalla, Direktor der Staatsanwaltschaft und Minister für Naturressourcen und Tourismus, begrüsste auf Twitter den «riesigen Erfolg der Regierung». Er sei «eine klare Botschaft an alle, dass sich Wilderei nicht mehr lohnt».

Euphorisch blickte Minister Kigwangalla gleich auch noch in die Zukunft des Landes. Bis 2022 gebe es keine Wilderei mehr in Tansania, verkündete er zur Verblüffung all jener KennerInnen, welche das Ende jeder Wilderei erst mit dem Verschwinden des letzten Wildtiers für realistisch halten. Bereits heute, so begründete der Minister, könne man im Busch auf tote Elefanten stossen, deren Geld bringenden Stosszähne niemand mitnehmen wollte.

Strafmass I: Verdächtig viele offene Fragen

Bei genauem Hinsehen werfen aber Urteil und Strafmass Fragen auf. Weshalb erhielt die einflussreiche Grosskriminelle Yang Feng Glan nur 15 Jahre Haft, derweil letzten Herbst beispielsweise ein Schweizer Staatsbürger zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil man in seinem Gepäck zwei im Busch gefundene Flusspferdzähne fand?

Warum wird eine Drahtzieherin, die mindestens 500 Elefanten auf dem Gewissen hat, milder behandelt als ein regelmässiger Tansania-Besucher, dem bislang nie ein Vergehen angelastet wurde?

Oder warum erhielt der tansanische Fahrer Emmanuel Richard ebenfalls 20 Jahre Haft für den Besitz von fünf Flusspferd-Zähnen, für die er keine Genehmigung hatte? Warum wird ein kleiner Wilderer aus Mahenge zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Elefanten umgebracht hat?

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango |  © FB

Professioneller Elefanten-Wilderer: Boniface Matthew Maliango | © FB

Überhaupt: Weshalb sitzen im ostafrikanischen Land weitere Menschen im Knast, die für vergleichsweise geringe Vergehen gegen das Gesetz (Wildlife Act) jahrelange Strafen erhielten, welche jene der chinesischen Geschäftsfrau weit übertreffen?

Und warum erhielt Boniface Matthew Maliango (Bild oben) – im Volksmund «Shetani», der Teufel, genannt – ein «Berufskollege» der Elfenbeinkönigin und Töter tausender Elefanten, als Elfenbeinschmuggler und Chef eines weit verzweigten Verbrechersyndikats nur gerade 12 Jahre Knast? Und schliesslich und vor allem: Weshalb standen keine hohen Staatsbeamten vor Gericht, ohne welche die «Ivory Queen» es nie in den Adel geschafft hätte?

Strafmass II: Ein Verdikt mit politischen Rücksichten?

Es sind Fragen, die wir hier nicht schlüssig beantworten können. Sie müssten aber zumindest von Medien, Artenschutz- und Menschenrechtsorganisationen gestellt werden. Und zwar bevor das Urteil gegen die «Ivory Queen» als «Durchbruch» und «wegweisend» bejubelt werden kann.

Ebenso bleibt zu fragen, weshalb die tansanische wie auch die chinesische Regierung dieses vergleichsweise milde Urteil derart laut und zustimmend kommentieren. Dass sich die beiden Länder derzeit in allen Belangen rasant näher kommen, ist ein offenes Geheimnis. Chinas geschicktes Vorgehen untergräbt zusehends das Verhältnis Tansanias zu seinen alten Geschäftspartnern und Sponsoren im Westen, die sich jetzt trotz jahrzehntelanger Milliardenhilfe in die historische Ecke ausbeuterischer Kolonisten gestellt sehen.

Schliesslich bleibt auch die gewichtige Frage, weshalb es um die Ermordung des in Ostafrika erfolgreichen Artenschützers und Direktors der investigativen US-Stiftung PAMS so still geworden ist? Wayne Lotter und sein Team sollen wesentlich am Auffliegen der «Ivory Queen» beteiligt gewesen sein. Wurde Wayne Lotter auch deswegen in Dar es Salaam erschossen?

Ist seine Ermordung bis heute nicht aufgeklärt worden, weil die Auftraggeber möglicherweise Regierungsleute mit guten Beziehungen zur chinesischen Wilderei-Mafia sind? Dies trotz des amtierenden Präsidenten John Magufuli, der sich einerseits mit Worten und Taten auch energisch für den Wildtierschutz einsetzt, anderseits die Wirtschaftsentwicklung favorisiert und das Weltnaturerbe Selous für Rohstoff- und Energiekonzerne öffnet?

Rückschau: So ging die Elfenbeinkönigin in die Falle

Kurzum: Es fehlt nicht an Fragen und Widersprüchlichkeiten im heutigen Tansania. Dass die Verhaftung und Verurteilung der «Elfenbeinkönigin» aber insgesamt ein grossartiger Erfolg ist, kann nicht angezweifelt werden.

Es begann alles im Oktober 2015, als sich die alte Dame mit der Brille als «Queen of Ivory» mühelos in die Schlagzeilen der internationalen Medien katapultierte. Die steinreiche Chinesin war in Dar es Salaam verhaftet worden – von der neuen, verblüffend erfolgreichen Spezialeinheit National and Transnational Serious Crimes Investigation Unit (NTSCIU).

Der Verdacht, dass die fürchterlichen Elefanten-Massaker der letzten Zeit mit der wachsenden Präsenz Chinas zu tun haben muss, wurde mit der Verhaftung der chinesischen Businessfrau erhärtet. Yang Feng Glan war laut Medienberichten in den 1980-er Jahren aus Beijing nach Tansania gereist, um als Übersetzerin zu arbeiten und für die Regierung den Export von Früchten abzuklären.

Spätestens ab 2006 habe sich die Frau eines Tansaniers aus der Küstenstadt Tanga und Mutter einer Tochter dann Einträglicherem zugewandt – dem Elfenbeinhandel, der teils über das von ihr eröffnete Restaurant abgewickelt wurde.

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung |  Screenshot

Bekanntmachung des Urteils: Verdikt mit grosser Breitenwirkung | Screenshot

Neue Erkenntnisse: Über Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels

Bald verkehrte die Ökonomin in den besseren Kreisen und machte einträgliche Geschäfte über die Landesgrenzen hinweg. Tonnen von Elfenbein waren ersten Ermittlungen zufolge via chinesische Firmen, Fischerboote und Transportschiffe voller Seegurken in Richtung Asien geschmuggelt worden. Dar es Salaam und später Sansibar dienten als Ausgangsort und Häfen.

Die Festnahme der «Elfenbeinkönigin»  erfolgte nach längerer Observierung und wurde weltweit gelobt und gefeiert. «Auf diese Verhaftung haben wir seit Jahren gewartet», freute sich Andrea Crosta, Mitbegründer von WildLeaks und der Elephant Action League. Und ein Sprecher der Elite-Einheit NTSCIU versicherte: «Die Verhaftung von  Mrs Glan ermöglicht es uns, die Verbindungen und Netzwerke des internationalen Elfenbeinschmuggels zu erkennen.»

Schmuggelrouten: Durch verschiedene Länder an den Indischen Ozean

Klar sei jedenfalls, dass Elfenbein auch über Burundi, Ruanda, Uganda und Kenia via Mombasa auf die Transportschiffe gelangte. Auch gebe es eine Südroute durch Malawi, Mosambik und Sambia.

Die verhaftete «Ivory Queen» wurde zunächst angeklagt, zusammen mit den beiden Tansaniern Manase Philemon und Salivius Matembo zwischen 2000 und 2014 total 706 Elfenbeinzähne im Wert von über 2,5 Millionen Franken geschmuggelt zu haben. Doch die verhaftete Chinesin liess damals über ihren Anwalt ausrichten, sie wisse von nichts und sei völlig unschuldig.

Erst im Februar 2019, nach der Anhörung von 11 Zeugen, welche die vier Staatsanwälte Faraja Nchimbi, Paul Kadushi, Wankyo Simon und Salim Msemo einbestellt hatten, wurde der Öffentlichkeit die Dimension der illegalen Geschäfte der Chinesin klar. Unter anderem versteckte die Frau das Elfenbein vor dem illegalen Transport in ihrer Farm nahe der Küstenstadt Tanga.

Die Frage, warum die Verhaftung der Chinesin nicht schon längst und erst knapp vor der Wahl des neuen Präsidenten John Magufuli erfolgte, und weshalb keine Namen von Zulieferern und weiteren Hintermännern genannt wurden, blieb bis heute unbeantwortet.

Weitere Verhaftung: «Satan und Elefantenkiller» Mariango

Die begründete Vermutung, die dunklen Geschäftsverbindungen der Dame reichten bis in tansanische Regierungskreise, blieb unwidersprochen.  Immerhin konnte wenig später Tansanias «Elefantenkiller No 1» gefasst werden:  Boniface Matthew Mariango (45) wurde nach einer über einjährigen Jagd Ende Oktober in einem Vorort Dar es Salaams während einer wilden Verfolgung durch die NTSCIU aufgespürt und dingfest gemacht.

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Lebensfreude: Spielende Elefanten, Süd-Tansania | © Foto Beni Arnet

Damit war der offensichtlich zu allem entschlossenen Profitruppe in kurzer Zeit nach der Chinesin ein zweiter grosser Erfolg beschieden. Mariango hat sich im Lauf der Jahre den Übernamen «Shetani» (Teufel) erworben.

Er wird als «schwerer Junge» beschrieben, der sich schliesslich zum «most wanted» Elefantenwilderer und Elfenbeinhändler Ostafrikas mauserte. Tausende von Elefanten sollen in den letzten Jahren seinetwegen ihr Leben verloren haben.

Grosser Erfolg: Schlag gegen Wilderer-Mafia

Der «Teufel» ist laut der Wildtierorganisation Elephant Action League auch ein Organisationstalent: Als Manager von «über 15 Wilderer-Syndikaten» soll er neben Tansania auch noch in Kenia, Burundi, Sambia und Mosambik die Fäden gezogen haben.

Dieses Netz belieferte der clevere Gangster mit Waffen, Munition, Kommunikationsmitteln und Geländewagen. Und seine Verbindungen ermöglichten es ihm auch, mindestens sieben Mal vor dem Zugriff der Polizei das Weite zu suchen.

Rückgang Elefantenwilderei: Hoffnungen erfüllt

Mit der Verhaftung von Boniface Matthew Mariango und von Yang Feng Glan sind in Sachen Elefantenwilderei und Elfenbeinhandel zwei zentrale Personen gefasst worden. Von einer Truppe, die laut unbestätigten Berichten von den USA und der EU aufgerüstet und mit Geheimdienstinformationen beliefert wurde.

Die Neutralisierung der «Ivory Queen» und des «Teufels» liessen vor drei Jahren erstmals berechtigt hoffen, dass in nächster Zeit den schlimmsten Wilderer- und Verbrechersyndikaten Ost- und Zentralafrikas das Handwerk gelegt wird – und die hoch sensiblen Elefanten endlich wieder etwas zur Ruhe kommen können. Eine Hoffnung, die wenigstens im ehemals besonders heimgesuchten Tansania bis heute grösstenteils erfüllt wurde.

Titelbild: «Ivory Queen» Yang Feng Glan, Elefanten © Gian Schachenmann / Fotomontage FSS

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«Wir wilderten neben den Touristen»

Ruedi R. Suter

Täglich wird gewildert, täglich sterben unzählige Wildtiere durch die Hand von Wilderern. Auch im berühmten Serengeti-Nationalpark in Tansania. Höchste Zeit, einmal einem Wilderer zuzuhören, der die Seite gewechselt hat: Ronald Mochomba hilft heute den Wildhütern und Wildhüterinnen bei der Suche nach Drahtschlingen, in denen unzählige Wildtiere jeder Grösse erbärmlich verenden.

Von Ruedi Suter – FSS

Wilderer! Sie rotten die Nashörner aus, metzeln Elefanten nieder, leeren die Urwälder und Savannen Afrikas. Sie sind ein Dauerthema, eine unablässige Bedrohung für die Artenvielfalt. Und sie sind die Feinde des Wildes und aller tierliebenden Menschen.

Aber sie haben kein Gesicht, sind anonym, wirken so um so dämonischer. Kaum je ein Medienbeitrag, der differenziert, der zwischen Trophäen- und Fleischwilderern unterscheidet, der vor allem etwas aus ihrer Perspektive zu zeigen versucht. Sind Wilderer nur immer blutrünstige, skrupellose Gesellen, die schnell Geld machen wollen?

HABARI: Ronald, wann haben Sie das erste Tier gewildert?

Ronald Mochomba: Als 15-Jähriger. Wir jagten mit Hunden ein Warzenschwein – ein Ngiri, wie wir es auf Suaheli nennen.

Was haben Sie mit dem Ngiri gemacht?

Wir holten die Innereien heraus und schnitten es auseinander. Die grossen Stücke verkauften wir, um Geld zu machen.

Musste das sein?

Wir verdienten zu wenig, konnten uns keine Sachen für den Alltag kaufen. Den Rest des Warzenschweins assen wir in der Familie.

Wo leben Sie?

Wir leben bei Mugumu, dem Hauptort des Serengeti-Distrikts an der Ostgrenze des Nationalparks und der Tagora-Ebene.

Warum wurden Sie Berufswilderer?

Als ich zur Schule ging, wurde es noch schwieriger für meine Eltern. Sie hatten kein Einkommen. So begann ich, mit der Schlingenjagd das nötige Geld zu beschaffen. Die Wilderei wurde zum Geschäft, ich zum Berufswilderer.

Wie sollen wir uns das vorstellen?

In der Regel schlichen wir einmal im Monat in den Serengeti-Nationalpark. Und zwar für 10 bis 14 Tage. Gab es viel Wild, kam die Migration durch, blieben wir länger. Dann gingen auch noch weitere Gruppen raus. Jede Gruppe umfasste vier Mann. Waren viele Tiere in den Schlingen, mussten wir mehr rein und raus. Nachts schafften wir in Kolonnen die Beute raus, das Fleisch durfte ja nicht verderben.

Was haben Sie mit den Tieren in den Schlingen gemacht?

Wir töteten sie, wenn sie noch lebten. Dann weideten wir sie aus. Wir schnitten die Kadaver in Stücke und versuchten, das Fleisch innerhalb des Parks in Buschverstecken zu trocknen. Wir mussten schnell arbeiten, weil das Fleisch Hyänen anzog. Oder Geier, die am Himmel kreisten und so unsere Verstecke verraten konnten.

Wann haben Sie gearbeitet — am Tag, in der Nacht?

Niemand sollte etwas bemerken. Auch die Nachbarn und Dorfbewohner nicht. Wir schlichen nachts in den Park. Die Schlingen legten wir bei Vollmond oder im Taschenlampenlicht an Flussläufen, Wildwechseln oder Schattenbäumen. Wir lösten gefangene Tiere aus den Drahtschlingen und verschwanden tagsüber in unsere Verstecke. Wir präparierten das Fleisch und legten es wo möglich zum Trocknen aus. Wir assen zum Fleisch den mitgebrachten Ugali, tranken Wasser und schliefen bis zum Einbruch der Nacht.

Wie haben Sie die schweren Kadaverteile aus dem Park geschafft?

Das Fleisch schleppten wir auf den Schultern. Ein Mann vorne, einer hinten und dazwischen ein Ast oder ein dünner Stamm, an dem die Brocken hingen. Gingen viele Tiere in die Fallen, benutzten wir für den Transport auch Esel.

Welche Wildtiere geraten am häufigsten in die Schlingen?

Das kommt auf die Saison an. Während der Migration mit ihren Regen vor allem Gnus und Zebras. Während der Trockenheit auch alle anderen. Büffel fingen wir mit besonders dickem Draht. Oder Giraffen, für die wir in den Baumkronen Drahtschlaufen befestigten. Eine begehrte Beute für den Markt waren Zebras.

Und Leoparden, Löwen oder Geparde?

Wir fingen auch Löwen. Für diese gibt es ebenfalls einen Markt. Die traditionelle Medizin verwendet für Behandlungen gerne Löwenfett. Die Heiler zahlen hervorragende Preise für Löwenteile. Wir waren immer glücklich, wenn wir einen Löwen hatten.

«Ich musste meine Familie ernähren»:  Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

«Ich musste meine Familie ernähren»: Ex-Wilderer Roland Mochomba beim Interview in der Serengeti

Wie haben Sie sie getötet, wenn sie in der Schlingenfalle noch lebten?

Mit Bogen und Giftpfeil.

Keine Gewehre?

Nein, wir achteten auf eine leise Jagd. Wir jagten ja auch in nächster Nähe zu den Lodges und Rangerposten. Ein Gewehrschuss ist viel zu laut. Giftpfeile, Lanzen oder Buschmesser töten leise. Noch lebende Büffel, Flusspferde oder Grossantilopen erledigten wir mit Speeren.

Was haben Sie daheim mit dem Fleisch gemacht?

Wir hatten nie Probleme, die Beute los zu werden. Unsere Kunden warteten ja, und wir brachten unser Fleisch rasch an den Mann. Aber nie alles, denn ein Teil fiel immer für unsere Familien ab.

Wer kaufte?

Wir verkauften an Kunden, die teils aus weit entfernten Gemeinden anreisten. Die hatten Kontakte zu verschiedenen Wilderergruppen. Mit dem Mobiltelefon ist das heute kein Problem mehr. Wir telefonierten ihnen oder schickten eine SMS-Meldung mit Angaben zu Beute und Treffpunkt. Aus den Städten kamen die Käufer per Auto. Aus den benachbarten Gemeinden mit Eseln oder Motorrädern. Früher brauchten sie Fahrräder.

Wie lange machten Sie diesen Job?

Ich war zehn Jahre lang Berufswilderer.

Alle Achtung!

Ronald Mochomba wirkt sympathisch, seine Antworten sind überlegt und ausführlich. Die Uniform steht ihm gut, sie ist ein krasser Gegensatz zu den zerrissenen Lumpen, die er als Wildfrevler trug. Ein Mann, der aus Not wilderte und so gar nicht ins dominierende Bild des schwer bewaffneten Tierkillers passt, der schnell schiesst und schnell reich werden möchte. Eric Winberg sagt: «Es ist ausserordentlich lehrreich mit diesen Jungs im Busch zu sein. Sie haben ein riesiges Wissen und unglaubliche Augen. Sie sehen Tiere und Schlingen in der Ferne, die wir nie sehen, selbst mit einem Fernglas nicht.»

Ronald, wurden Sie je verhaftet?

Ja, einmal. Wir mussten vielen Rangerpatrouillen ausweichen. Wir wussten genau, wo die Wildhüter durchkamen. Wir versteckten uns im Gras, in Senken, hinter Büschen, Felsen, Bäumen, was auch immer.

Wie kam es zur Verhaftung?

Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir während der Migration mit Fleisch beladen den Park verlassen wollten. Das war 1995. Plötzlich waren wir von Rangern umzingelt. Ich zahlte dem Gericht eine Strafe, deshalb musste ich nicht ins Gefängnis.

Ronald, Sie sind heute Schlingenspezialist und Ranger-Helfer. Warum dieser Seitenwechsel?

Ich wilderte, weil ich Geld für unseren Lebensunterhalt benötigte. Das war der Hauptgrund. Wir mussten von etwas leben. Eines Tages kamen Ranger der Nationalparkbehörde Tanapa und Leute der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ins Dorf. (Red: Dies im Rahmen des Cocoba Outreach Programms, das u.a. die umliegenden Gemeinden der Serengeti an den Einnahmen des Nationalparks teilhaben lässt.) Es gab ein Treffen. Man versprach uns Geld, damit wir ein kleines Geschäft aufbauen konnten. Im Gegenzug mussten wir für den Kredit einen Vertrag unterschreiben. Und wir mussten versprechen, die Wilderei aufzugeben ...

… Sie versprachen wirklich, das Jagen abzubrechen?

Ja, wir vier aus unserer Wilderergruppe unterzeichneten alle das Abkommen. Es wurde von Leuten im Dorf überwacht. Wir arbeiten heute vor allem als Bauern und Handwerker. Einer wurde gar Lehrer. So schaffte auch ich den Ausstieg, ich musste nicht mehr in den Busch, konnte meine Familie ernähren und musste keine Angst mehr haben, gefasst zu werden.

Und warum sitzen Sie heute hier, im Hauptquartier der Serengeti-Ranger?

Im April 2017 wurden wir von Cocoba für das Programm «Schlingenfreie Serengeti» rekrutiert. Man unterstellte uns zwei alt gedienten Rangern, um von nun an Schlingenfallen zu finden. Wir kennen ja das Gebiet, kennen alle Tricks der Wilderei. Wir können nun unsere Erfahrungen weitergeben, ohne unsere Geschäfte daheim aufgeben zu müssen. Im Gegenzug erhalten wir Schlingenspezialisten einen zusätzlichen Lohn.

Ist die Serengeti also demnächst schlingenfrei?

Wir müssen das Entfernen der Schlingenfallen verstärken, um den Park richtig zu schützen. Wir brauchen auch mehr ehemalige Wilderer in der Truppe. Das ist durchaus möglich, weil die Leute eine Chance erhalten, ihren verbotenen Beruf mit einer legalen Arbeit zu tauschen.

Kann man denn um den Park ohne Wilderei überleben?

Wir sind nicht in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Aber wir können sie stark reduzieren. Es ist ja so, dass Bushmeat viel billiger ist als jenes unserer Kühe oder Ziegen. Steigen auf dem Markt die Preise, wird alles noch teurer.

Haben Sie eine Familie?

Ich habe eine Frau und sechs Kinder.

Und was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie mit der Wilderei aufgehört haben?

Sie ist glücklich. Ich muss nicht mehr in den Busch, aus dem ich manchmal fast nackt und mit gar nichts mehr heimkam, weil wir von Rangern entdeckt wurden und Hals über Kopf alles zurück lassen mussten — Nahrung, Kleider, Geschirr und Waffen. Heute komme ich sauber heim und ich bringe immer etwas mit – Geld, Nahrung, Kleider, Medikamente. Wir haben genügend zu essen, ein regelmässiges Einkommen, die Kinder können zur Schule und niemand hat mehr Angst, dass die Ranger ins Dorf kommen, um uns festzunehmen. Ja, unser Leben ist sicherer geworden – und einfacher.

Ronald Mochomba, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.

Titelbild: Roland Mochomba 2018 | © Fotos by Ruedi Suter

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«Darum wildere ich Tiere» - Viele Gründe führen zur Ausrottung der afrikanischen Tierwelt

Afrikas Wildtierschutz beginnt – in der Schweiz

Ruedi R. Suter

Überall auf dem Globus sind Wildtiere durch menschliche Tätigkeiten vom Aussterben oder von der Ausrottung bedroht. Wo Interessen der Menschen auf dem Spiel stehen, sind Wildtiere die grossen Verlierer.

Dies betrifft keineswegs nur die Fauna Afrikas, dies spielt sich in der reichen Schweiz genauso ab. Dabei hätten wir hier alle Mittel, der Natur umfassend Sorge zu tragen. Doch davon sind wir weit entfernt. Dafür fordern wir forsch von Völkern in den Tropen mehr Rücksicht, obwohl diese oft um das Überleben kämpfen müssen.

Von Matthias Brunner

Besser geschützte Nationalparks und Wildschutzgebiete sollen helfen, die Wildtiere vor der Ausrottung durch die Menschen zu bewahren. Dafür ist – das haben unterdessen die meisten Umweltschutzorganisationen kapiert – eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung die wichtigste Voraussetzung.

Denn ohne das Verständnis der Einheimischen, ohne ihren Willen, die Fauna schützen zu helfen und den wandernden Tieren Korridore offen zu lassen, ist jede Schutzbemühung zum Scheitern verurteilt. Ein Grund, weshalb die Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) als NGO in Ostafrika auf diesen Grundsatz seit ihrer Gründung 1984 grössten Wert legte.

Hier der Schutzgedanke, dort der Überlebenskampf

Doch immer weniger stossen die Tier- und Artenschützenden aus dem Westen auf Verständnis. Faktoren wie Klimakrisen, Kriege, menschliche Überbevölkerung, Siedlungsdruck, Industrialisierung oder auch einfach Hunger erschweren die Umsetzung naturerhaltender Projekte.

Manchmal werden Schutzmassnahmen sogar sabotiert. So dringen beispielsweise Massai mit ihren Viehherden und Siedlungen in Schutzgebiete ein, um ihre von der Dürre geplagten Tiere vor dem Hungertod zu retten. Oder sie, die sonst nicht jagen, bringen aus Protest gezielt Elefanten um, weil ihre Gebiete ohne wirtschaftliche Kompensation von Touristenunternehmen benutzt werden. Solche und andere Probleme sind immer auch Ausdruck schwer zu überwindender Interessenkonflikte.

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli |  © Foto by Ruedi Suter

Praktisch chancenlos in der Schweiz: Wilde Bären. Tierpark Dählhölzli | © Foto by Ruedi Suter

Erinnerungen an helvetische Löwen, Bären und Adler

In einem technisch hochzivilisierten und reichen Land wie der Schweiz sollte der Schutz der Wildtiere vergleichsweise einfach und selbstverständlich sein. Fast in jedem Dorf findet sich ein Restaurant mit dem Namen «Bären», «zum Hirschen», «Greifen», «Löwen» oder ähnlich. Manche Schweizer Kantone haben einen Bären, Steinbock, Adler oder Löwen in ihrem Wappen.

Bern hat seinem Wappentier sogar nach dem tristen Bärengraben einen eigenen Bärenpark an der Aare gewidmet. Es scheint so auf den ersten Blick, als lebten die Eidgenossen und Eidgenossinnen im Einklang mit ihrer heimischen Fauna. Doch stimmt dieser Eindruck mit der Realität tatsächlich überrein?

Im «schönen» Garten verhungern Insekten und Vögel

Aus der Vogelperspektive betrachtet ist das Mittelland geprägt durch eine Vielzahl an Einfamilienhaus-Siedlungen, streng abgetrennte Ackerflächen und durchschnitten von Autobahnen. Abgesehen von einigen Waldstücken ist kaum mehr natürlicher Lebensraum für Tiere vorhanden. Eine Landschaft, wie sie typisch ist für die heutige Schweiz.

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen |  © Foto Ruedi Suter

Verhungernde Insekten dank herausgeputzte Gärten und öden Wiesen | © Foto Ruedi Suter

Rund ums Einfamilienhaus erstreckt sich ein eintöniger, kurz getrimmter englischer Rasen – aus Sicht der Insekten die reine Wüste. Zudem werden die «schönen», doch eigentlich toten Gärten oft abgegrenzt von einer für viele Lebewesen giftigen Thuja-Hecke. Weder Insekten, Igel noch Vögel können in einem derart sterilen Umfeld Unterschlupf finden!

Kein Platz mehr für wilde Tiere

Die industrialisierte Landwirtschaft präsentiert sich durchrationalisiert und optimiert. Da ist kein Platz mehr für Lebendhecken, Brachen, Moore oder gesäumte Waldränder – alles Lebensräume, von denen unzählige Tierarten abhängig sind. Ein Opfer dieser Entwicklung ist beispielsweise der Feldhase, der schon beinahe ausgestorben wäre. Und bei den Vogelarten sollen seit 1950 drei Viertel verschwunden sein!

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr |  © Foto Ruedi Suter

Wildfeindliche Schweiz: Siedlungen, Schienen, Strassen und Verkehr | © Foto Ruedi Suter

Mit viel Aufwand wird von Naturschützenden versucht, wieder Buntbrachen anzulegen und Hecken zu pflanzen. Dies bringt auch Lebensräume für andere Tiere wie Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Die Bauern werden für den Verlust an rentablem Ackerboden entschädigt und erhalten zudem für die Pflege dieser ökologischen Ausgleichsflächen Subventionen.

Kaum sind Luchs und Biber zurück sollen sie wieder verschwinden

Auch andere Tierarten, die in der Schweiz bereits ausgerottet waren, versucht man wieder anzusiedeln. So wurden Projekte für Luchs, Bartgeier, Biber oder Fledermäuse lanciert. Doch kaum hat sich beispielsweise irgendwo ein Biberpaar in einem Revier installiert, folgen rasch Reklamationen. Sei es, weil die Nager zu viele Bäume fällen oder durch ihre Tätigkeit einen benachbarten Golfplatz unter Wasser setzen.

Bereits werden in gewissen Regionen Rufe laut, der Biberbestand müsse reguliert und störende Einzeltiere aus einem betroffenen Gebiet «entnommen» werden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Flüsse und Bäche zuvor künstlich begradigt wurden und Bauten sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen viel zu nah ans Ufer reichen.

«Störenfriede» im Visier: Kormorane, Schwäne und Krähen

Derweil beklagen sich Fischer über zu viele Kormorane, die ihnen ihren Fang streitig machten. Deshalb fordern sie den Abschuss der Vögel. Nicht besser ergeht es Schwänen am Seeufer oder Krähen, die auf Bäumen in der Stadt brüten, wodurch sich gewisse «sensible» Menschen gestört fühlen.

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll |  © Foto Ruedi Suter

Sündenbock Kormoran, der «alles» leer fischen soll | © Foto Ruedi Suter

Nicht nur bei Menschen in den Ballungszentren und Agglomerationen ist die Toleranzgrenze schnell erreicht, bis Wildtiere als störend empfunden werden. Auch die Bergbevölkerung hat sich von der sie umgebenden Natur entfremdet, die je länger je mehr nur noch als folkloristische Kulisse für die Touristen und die Freizeitindustrie dient.

Schauermärchen über den «bösen» Wolf

Seit 1995 Wölfe von Italien her in die Schweiz einwandern und inzwischen vier Rudel entstanden sind, blühen alte Schauermärchen von der blutrünstigen Bestie auf, als habe es die Epoche der Aufklärung nie gegeben.

Dabei gehört der Wolf grundsätzlich zu den streng geschützten Tieren gemäss der «Berner Konvention», einem internationalen Artenschutzabkommen. Vergreift sich ein Wolf jedoch wiederholt an ein paar Schafen einer ungeschützten Herde, wird er mit behördlicher Genehmigung umgehend zum Abschuss frei gegeben.

Hysterie beim Auftauchen eines Bären

Währenddessen kommen jährlich bei der Sömmerung rund 4000 Schafe durch Abstürze, Verletzungen und Krankheiten ums Leben. Denn die meisten Herden leben sich selbst überlassen, ohne Hirt. Wenn sich zufällig einmal ein einzelner Bär in unser Land verirrt, bricht schon fast eine öffentliche Panik aus, oft noch angefeuert durch die Boulevard-Medien. «Besorgte» Bürgerinnen und Bürger haben sogar eigens einen Verein «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegründet.

Das Sekretariat ist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) untergebracht, die vorwiegend von den Kantonen finanziert wird. Noch bevor der Wolf hierzulande überhaupt nur eine überlebensfähige Population bilden konnte, soll er also erneut ausgerottet werden.

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich |  © Foto Ruedi Suter

«Angstmacher» und «Schädling» Wolf, Zoo Zürich | © Foto Ruedi Suter

Noch in diesem Jahr entscheidet das eidgenössische Parlament darüber, ob der Schutz des Wolfes markant abgewertet werden soll. Gemäss dem aktuellen Entwurf der Umweltkommission des Nationalrates könnte der Wolf faktisch während fünf Monaten im Jahr bejagt werden. Dabei könnten die Kantone einfach die Bejagung bewilligen – ohne Billigung durch den Bund. Für den Fall, dass dieser Vorschlag tatsächlich angenommen wird, haben zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen bereits ein Referendum angekündigt.

Die panische Angst im Wallis vor Luchs und Wolf

Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben ergeben, dass vermehrt Luchse in jenen Gebieten vorkommen, in denen gleichzeitig ihre Akzeptanz in der Bevölkerung am grössten ist. Während beispielsweise im Jura etliche Luchse gezählt wurden, waren im Wallis kaum welche nachweisbar.

Im Wallis stösst auch der Wolf landesweit auf die grösste Ablehnung, während in anderen Kantonen diese Grossraubtiere nicht gross zu Diskussionen führen. Massgebend für das Überleben der Wildtiere ist also in der Schweiz wie überall auf diesem Planeten, ob sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden oder nicht.

Ach die Schweiz - sie könnte leuchtendes Vorbild sein

Dabei ist die Schweiz das bislang einzige Land der Welt, das die Würde des Tieres sogar im Gesetz verankert hat. Das bedeutet, dass ein Tier einen Eigenwert besitzt und eine Daseinsberechtigung hat, die es zu schützen gilt. Trotzdem haben es Wildtiere hierzulande offensichtlich schwer, in einer von Menschen dominierten Umwelt zu überleben.

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück |  © Foto Ruedi Suter

Weissstörche: Von der Schweiz in die Serengeti und zurück | © Foto Ruedi Suter

Tiere kennen keine Landesgrenzen. Denselben Storch, den wir heute in einer Parkanlage mitten in der Stadt beobachten, könnten wir im Winter irgendwo in der Savanne Tansanias wieder begegnen. Deswegen müssen Tiere rund um den Globus geschützt werden! Und deswegen ist die Arbeit von Organisationen wie dem FSS so dringend notwendig. Und zwar ohne beim Artenschutz mit mit dem Finger auf die «zerstörerischen» Afrikanerinnen und Afrikaner zu zeigen.

Denn der Einsatz für die bedrohten Tiere und ihre überall angegriffenen Lebensräume beginnt bereits bei uns – in unseren Köpfen, vor unseren Türen, in unseren Gärten, bei unseren Reisen ebenso wie bei unseren täglichen Einkäufen. Wer zum Beispiel etwas mehr für ein zertifiziertes Bio-Produkt bezahlt, der konsumiert nicht nur weniger Pestizide, er und sie helfen damit auch den Bauern und Bäuerinnen, die entschlossen Rücksicht auf überlebenswichtige Tiere wie zum Beispiel Vögel, Insekten und Würmer nehmen. Eine gute Tat mit grosser Wirkung– für alle nachfolgenden Menschen- und Tiergenerationen dieser Erde!

Titelbild: Löwenfigur einer Wirtschaft | © Foto by Ruedi Suter


Tansania prunkt jetzt neu mit 22 Nationalparks

Ruedi R. Suter

Tansania hat neuerdings 22 Nationalparks – fünf mehr als 2018. Der Umwandlung von fünf Wildschutzgebieten zu Nationalparks hat das tansanische  Parlament am 9. Februar zugestimmt.  Doch bei Naturschützenden hält sich die Freude in Grenzen.

Dodoma, 10. Februar 2019 – Ein «weiterer Meilenstein» sei gesetzt im Zusammenhang mit den grossen Schutzanstrengungen des ostafrikanischen Landes, freute sich Job Ndugai, Sprecher der Nationalversammlung, gemäss Medienberichten am 9. Februar in der Landeshauptstadt Dodoma. 

Zuvor waren die neuen Nationalparks so genannte Game Reserves, in denen auch gejagt werden konnte und die allgemein einen geringeren Schutzstatus haben als Nationalparks. Von einem «Upgrade» profitieren die fünf Gebiete Rumanyika, Biharamuro, Burigi, Kimisi, und Ibanda.

Wie alle Parks unterstehen auch sie von nun an der Tanzania National Parks Authority (Tanapa). Diese Behörde ist auch für berühmte Parks wie Serengeti, Kilimanjaro, Tarangire oder Ruaha verantwortlich. 

Hier der Schutz, dort die Zerstörung

Tansania galt in Afrika in Sachen Naturschutz  und mit seinen grossen Schutzgebieten lange Zeit als vorbildlich. Erheblichen Schaden erlitt der gute Ruf durch die anhaltenden Massaker zehntausender von Elefanten im südlichen Selous Game Reserve. Sie seien nur möglich gewesen, weil unter den letzten Präsidenten Kikwete  selbst hohe Politiker und Beamte die Hände mit im Spiel gehabt hätten, meinen Kenner des Landes.  

Unterdessen hat sich die Situation etwas beruhigt, doch sieht sich das Weltnaturerbe Selous heute von anderer Seite bedroht. Die Regierung von John Magufuli ist zum Entsetzen der UNESCO daran, einen Staudamm zu bauen und  das Abholzen von Wäldern und den Abbau von Uran im Schutzgebiet zu fördern.

In diesem Kontext wirft die Schaffung neuer Nationalparks zum jetzigen Zeitpunkt eher Fragen auf als dass sie zu grosser Freude Anlass gäbe. fss

Titelbild: Brauchen dringend Schutz: Löwin | © Foto by Hans Trüb

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Übervölkerung: Schutzgebiete Tansanias in Frage gestellt

Ruedi R. Suter

Eine für Tansania und die Welt folgenschwere Entscheidung hat Staatspräsident John Magufuli getroffen: Der Status der Schutzgebiete und ihre Existenzberechtigung sollen überprüft werden, um der schnell wachsenden Bevölkerung und ihren Rinderherden mehr Lebensraum zu schaffen. Für Tierwelt und Tourismus ein denkbar schlechtes Omen, meint auch unser Kommentar.

Die vielen Schutzgebiete Tansanias geraten weiter unter Druck. Staatspräsident John Magufuli hat bei einem Ministertreffen von gestern Dienstag in Dar es Salaam den sofortigen Stopp der Vertreibung illegaler Siedler in Naturschutzgebieten angeordnet. Überdies gab er neue Richtlinien bekannt. Diese sollen dem schnellen Bevölkerungswachstum entgegenkommen – das zu Lasten der Schutzgebiete.

So sollen Nationalparks und Wildreservate jetzt genau unter die Lupe genommen werden, so melden heute tansanische Medien. Dort, wo «keine Wildtiere» mehr zu sehen seien, soll der Boden landlosen Bauern und Hirten zur Verfügung gestellt werden.

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen |  © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich»: John Magufuli gibt seine Anweisungen | © Screenshot von «The Guardian»

«Ich bin nicht glücklich darüber, dass Viehzüchter überall abgelehnt werden» zitiert «The Guardian» John Magufuli im Zusammenhang mit dem Vertreiben der Rinderherden aus den Schutzzonen. «Gibt es ein Naturschutzgebiet, das nicht genutzt wird, werden wir das Gesetz ändern und es an Viehzüchter und Bauern verteilen.»

Dasselbe gelte für Waldschutzgebiete mit fruchtbarem Boden und ohne nennenswerten Baumbestand, die Landwirten für den Anbau von Pflanzen übergeben werden sollen. Zu prüfen sei überdies der womöglich übertriebene Schutz der Wasserquellen. Der an den Flüssen lebenden Bevölkerung solle so das Leben erleichtert werden.

Die neuen Vorgaben aus Dar es Salaam lassen Alex Rechsteiner, Afrikadelegierter der Nichtregierungsorganisation «Freunde der Serengeti Schweiz (FSS)», Schlimmes befürchten: «Das ist vor allem für einige der abgelegenen Schutzgebiete der Anfang vom Ende.»

«Weises» Vorgehen gefordert

Das Ministerium für Naturressourcen und Tourismus wurde angewiesen, bei der Überprüfung der Schutzgebiete «weise» vorzugehen – und die weniger wichtigen Zonen den Menschen zur Nutzung zu überlassen. Gestoppt ist nun auch der Rauswurf von 366 Dörfern, die sich illegal in Schutzgebieten breit gemacht haben. Innert eines Monats soll dem Parlament eine neue Beurteilung unterbreitet werden.

Staatsoberhaupt Magufuli begründete die ins Auge gefassten Änderungen im Beisein von Hamisi Kigwangalla, dem Minister für Naturressourcen und Tourismus, von Generalsekretär John Kijazi, Abdallah Ulega, stellvertretender Minister für Vieh und Fischerei, Dorothy Mwanyika, Staatssekretär im Ministerium für Land, Wohnen und Siedlungen sowie weiteren hohen Beamten.

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder |  © Foto by Gian Schachenmann

Futterkonkurrenz der Wildtiere: 10 Millionen Rinder | © Foto by Gian Schachenmann

Mehr Menschen, mehr Rinder brauchen mehr Land

John Magufuli, der sich kürzlich entschieden gegen die Schwangerschaftsverhütung ausgesprochen hat, verteidigte sein Vorgehen mit dem Argument, die Zahl der Menschen und Tiere in Tansania sei massiv angestiegen.

Tatsächlich bevölkerten 1961 beim Erreichen der Unabhängigkeit etwa 9 Millionen Menschen und 10 Millionen Rinder das Land. Heute sind es über 55 Millionen Menschen und 35 Millionen Rinder – und Tansania hat mit rund fünf Kindern pro Frau eine der höchsten Geburtenraten der Welt.

Doch dem starken Bevölkerungswachstum werden keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil, der Präsident verteufelt die Geburtenkontrolle. Den Bürgern und Bürgerinnen, von denen schätzungsweise die Hälfte unter der Armutsgrenze leben, befahl er letzten September 2018, jeder Empfängnisverhütung zu entsagen. fss

Kommentar

Weniger Naturschutz, mehr «Entwicklung»

Das neue Vorgehen des Präsidenten ist noch schwer zu beurteilen. Denn in jüngster Vergangenheit ging die Regierung noch mit harter Hand gegen illegale Siedler und Rinderherden in Nationalparks wie die Serengeti vor.

Dörfer innerhalb der Parkgrenzen wurden abgefackelt, Rinderherden konfisziert, Strafen verhängt. In Schutzgebieten wie Moyowosi, Kigose und Makere sollen sich überdies «Ausländer» niedergelassen haben, die jetzt zu weichen haben.

Präsident Magufulis Regierungsstil wird unterdessen oft als widersprüchlich, autokratisch und radikal kritisiert – zu wenig durchdacht und auf die Schnelle nicht umsetzbar, auch wenn vieles gut gemeint und sinnvoll sei.

Verwundert nimmt man etwa zur Kenntnis, dass die Regierung eben gerade die Schaffung des 26 Quadratkilometer grossen Magombera-Waldschutzgebiets im Kilombero-Distrikt beim Selous-Weltnaturerbe umgesetzt hat. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhundert wurde versucht, diesen artenreichen Wald zu schützen.

Magufuli wirkt widersprüchlich, bekannte er sich doch auch zur einheimischen Fauna: «Wir sind auch auf die Wildtiere angewiesen. Ich meine auch nicht, dass wir alle Nationalparks unseres Landes neu definieren sollen. Wir müssen die aktiven Schutzgebiete erhalten.»

Über einen fatalen Trend mag dies aber nicht hinwegzutäuschen: Das Staatsoberhaupt mit dem Übernahmen «Bulldozer» will den Naturschutz zurückbinden. Er legt sein Hauptgewicht auf die schnelle Wirtschaftsentwicklung des Landes – bislang ein globaler Champion im Naturschutz, weil fast ein Drittel seiner Fläche unter Schutz steht.

Diese zumeist rohstoffreichen Naturreserven sind jedoch längst schon im Visier internationaler Konzerne, zunehmend chinesischer Herkunft. Das scheint Magufuli als ehemaliger Bauminister mehr zu faszinieren als die Zukunftssicherung des für das Land bislang lebenswichtigen Tourismus, der ohne Fauna einbrechen wird.

Wie es weitergehen könnte, zeigt das älteste Wildschutzreservat Afrikas – der Selous. Ungeachtet weltweiter Proteste ist die Regierung entschlossen, in diesem Unesco-Weltnaturerbe Uran abzubauen, Wälder abzuholzen und einen gigantischen Staudamm hochzuziehen ­– mit unabsehbaren Folgen für die Wildtiere und das Ökosystem.

Die Zeiten des breitflächigen Naturschutzes in Tansania scheinen gezählt – vor allem nach den neusten Ankündigungen seines populistischen Präsidenten, dem weiteres Bevölkerungswachstum und Industrialisierung am Herzen liegen. Es ist auch ein fatales Signal an andere afrikanische Staaten, die mit der Öffnung ihrer letzten Schutzgebiete schnelles Geld machen wollen. Verlierer wird – einmal mehr – die Artenvielfalt mit ihren Tieren und Pflanzen sein. rs

Titelbild: Flamingos über Tansania |  © Foto by Gian Schachenmann

Weiterführende Themen

Afrikas Schutzgebiete in Gefahr – das Beispiel Weltnaturerbe Selous

Weisser Rassismus: «Schwarze sind faule Kerle»

Ruedi R. Suter

Es waren in ihrer Klarheit Aufsehen erregende Feststellungen, welche David und Lilian Rechsteiner 2008 in einem Interview machten. Sie blickten zurück auf 50 Jahre Arbeit in Afrika und schilderten die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiss.

Diese sind teils bis heute geprägt von anhaltendem Rassismus der Weissen gegen die AfrikanerInnen, von Ausbeutung und kaum zu überbrückenden Mentalitätsunterschieden. Die Faszination der afrikanischen Natur mit ihren Menschen und Wildtieren liessen jedoch das Ehepaar dem Land die Treue halten – Erinnerungen an ein Stück erlebte Afrika-Geschichte.

Von Ruedi Suter – FSS

David Rechsteiner galt in Tansania als einer der erfolgreichsten Kaffeefarmer. Jahrzehnte führte er die grösste Kaffeefarm des Landes, die Burka nahe der nordtansanischen Stadt Arusha. Er baute aber auch selbst Farmen auf. Als mittelloser Gärtner aus dem Zürcher Oberland war er vor 60 Jahren nach Arusha gekommen, um im Laufe der Jahrzehnte und trotz Rückschlägen wie die Verstaatlichung seiner kleinen Farm am Kilimanjaro zu einem erfolgreichen Unternehmer und engagierten Tier- und Naturschützer zu werden. 

Dies in andauernder Teamarbeit mit seiner Schweizer Gattin Lilian (77), die nicht zuletzt auch daheim, in der mit einem Tiergarten belebten Kaffeefarm Valhalla am Fuss des Berges Mount Meru in Usa River, zum Rechten sah. Dem Paar ist unter anderem die Initiative zur Umwandlung des tierreichen Tarangire-Gebietes in einen der schönsten Nationalparks Ostafrikas zu verdanken. Ihre beiden in Ostafrika aufgewachsenen Söhne Alex und Daniel engagieren sich unterdessen ebenfalls für die Bewahrung der tansanischen Fauna und Flora – Alex als Afrikadelegierter der Organisation Freunde der Serengeti Schweiz (FSS).

David und Lilian Rechsteiner pendelten zwischen Tansania und dem Zürcher Oberland. Bei Bubikon bewirtschaftete das Ehepaar einen kleinen Bauernhof mit einer Apfelpflanzung. Dort protokollierten wir 2008 einige Erinnerungen und Erkenntnisse der Afrika-Schweizer, die wir heute nochmal in Erinnerung rufen.
 
David Rechsteiner: Es war René Gardi, der Schweizer Reiseschriftsteller, der mich für Afrika Feuer fangen liess. Als junger Mann sah ich einen seiner spannenden Dia-Vorträge – und da war mir sofort klar: Ich will nach Afrika. Als ich Anfang 1957 in Tansania ankam, musste ich in Arusha zuerst einen Monat im Managerhaus der grossen Burka-Kaffeefarm leben. Und zwar bei Hans Bucher, dem Schweizer Direktor, und seiner Frau

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere |  © Foto by R.Suter

Lilian und David Rechsteiner: Über ein halbes Jahrhundert im Einsatz für die Wildtiere | © Foto by R.Suter

Während die Farmarbeiter zum Frühstück etwas Tee erhielten, gab es hier immer nur das Beste: Speck und Ei, Brot, Fisch, Butter und Konfitüre, Kaffee, Tee – was du auch immer wolltest. Während wir assen, stand neben der Türe ein Afrikaner in Livree mit weissen Handschuhen. Auf dem Kopf hatte er einen Fez. Sobald Frau Bucher mit ihrem Glöckchen klingelte, kam er angerannt, um uns zu bedienen. Ich erlebte zum ersten Mal, wie man in Afrika als kleiner Schweizer plötzlich zum König wurde.

Die Mentalität der Weissen gegenüber den Afrikanern war anders. Man fragte sich nicht: Was können die Schwarzen? Die Weissen fühlten sich ihnen überall überlegen. Die Weissen waren immer im Recht – und sie hatten immer Recht. 

Diese Mentalität hat sich unterdessen ein wenig geändert. Wir kennen auch Weisse – Missionare, Entwicklungshelfer, Leute von Nichtregierungs-Organisationen – die sich aufopfern, die helfen und dabei von Afrikanern manchmal auch ausgenutzt werden. Doch die alte koloniale Mentalität ist immer noch weit verbreitet. Diese Leute denken immer noch, die Schwarzen seien faule Kerle, Taugenichtse und Säufer. Ich schätze, 70 Prozent der in Afrika lebenden Europäer denken insgeheim immer noch so. Bei denen hat sich die Haltung gegenüber den Schwarzen nicht geändert. Wir kennen auch in Tansania lebende Schweizer, die das heute noch klar aussprechen: Die "Neger" sind faule Kerle, sie lügen, sie stehlen.

Lilian Rechsteiner: Es gibt unter den Weissen natürlich auch das andere Extrem: Leute, die missionieren oder viel Gutes tun wollen. Und Leute, die überall Hilfe leisten, welche aber missverstanden wird und zum Schluss dann auch wieder nichts nützt. Ich glaube, nur der goldene Mittelweg ist Hilfe zur Selbsthilfe.

David: Ich muss vielleicht etwas vorgreifen. Als ich damals mit Lilian zusammen unsere Valhalla-Farm in Usa-River bewirtschaftete  und einen Gemüsegarten unterhielt, da kam einmal ein weisser Farmer zu mir und sagte: Ich glaube, du bist der einzige Weisse in ganz Tansania, der eine Hacke in die Finger nimmt. Ich habe noch nie einen Weissen gesehen, der eine Hacke in die Hand nimmt!  

Als ich 1957 auf der Burka mit einem Vier-Jahresvertrag anfing, merkte ich im Laufe der Zeit, dass den afrikanischen Farmarbeitern von den Schweizer Vorgesetzten Vorgaben gemacht wurden, die die Afrikaner gar nicht einhalten konnten. Diese Vorgaben waren schlichtweg nicht erfüllbar! Aber ich war ja neu, und ich wollte das für mich bewiesen haben. Ich war gesund, robust, gut genährt und ich habe in der Schweiz gebauert.  So habe ich auf der Burka einmal an einem Tag, als niemand mehr sonst auf dem Feld war, eine Hacke genommen, um selber zu erfahren, was eigentlich machbar war.

Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben.
— Zitat von Schweizern in Ostafrika

Nach fünf Stunden Hacken und Schwitzen war mir klar, was da geleistet wurde. Obwohl ich nur ein kleiner Fritze war, ging ich zum Chef und sagte: Herr Bucher, was da von den Schwarzen verlangt wird, das ist schlicht nicht erfüllbar. Doch der antwortete nur: Wenn die faulen Kerle nicht wollen, dann sollen sie halt in den Busch zurück! Es gab damals Leute in Arusha, die nur in die Dörfer gingen, um frische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Diese wurden dann mit Lastwagen herangekarrt, und zwar auch in die Camps der Burka-Plantage mit den dicht nebeneinander gebauten Hütten, wo jeweils zehn Menschen leben mussten. Auch das begriff ich nicht, und ich fragte Herrn Bucher: Sie, warum bekommen diese Arbeiter nicht mehr Platz? Es gibt doch hier genügend Raum. 

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 |  © Foto by Ruedi Suter

Rückblick in eine bewegte Vergangenheit: David Rechsteiner 2007 | © Foto by Ruedi Suter


Bucher sah mich nur komisch an und sagte: Wir müssen die Neger unter Kontrolle haben! Irgendwann merkte ich auch, dass einige Afrikaner, die am Morgen bestenfalls nur einen Tee ohne Zucker tranken und ohne Morgenessen bis zum Mittag durcharbeiteten und dann fast zusammenbrachen, dieses Pensum so gar nicht erfüllen konnten, weil sie zuwenig Essen hatten. Trotzdem sagten die Weissen: Du bekommst diesen Taglohn nicht, diese 30 oder 50 Rappen, du musst dein Soll am nächsten Tag fertig erfüllen. 

Es war ja so: Die Afrikaner arbeiteten für einen Monatslohn. Dafür mussten sie pro Tag ein gewisses Pensum abarbeiten. Wir hatten ja damals keine chemische Unkrautbekämpfung, man machte alles von Hand. Jeder Arbeiter erhielt eine Monatskarte, die am Ende des Tages vom Office abgestempelt wurde. Anhand der Stempel wurde der Lohn bemessen. Wer aber das ganze Tagespensum nicht erfüllte, bekam auch keinen Stempel. Mich erschütterte, dass wenn die Leute aus Erschöpfung nicht mehr arbeiten konnten, sie ihren ganzen Tagesanteil verloren.

Man soff lieber und vergnügte sich mit Frauen.

Als ich bei der Burka begann, betrug der Monatslohn der Schwarzen 28 Schillinge, also vielleicht einen halben Franken. Dazu gab es noch wöchentliche Essrationen. Am Samstagmorgen bekam jeder zwei Kübelchen gemahlenen Mais, je ein Kübelchen Erdnüsse und Bohnen und ein Glas voll Öl. Das war alles, und das reichte nicht für die schwere Arbeit. Für mich waren diese Dinge himmeltraurig und das Schwierigste. Ich erlebte da einen Kolonialismus bis zum Geht-nicht-mehr.

Ich begriff bald, dass ich auf der Burka ganz andere Interessen hatte als die meisten übrigen Europäer. Da waren acht Europäer, die über das Land rein gar nichts wussten. Für sie waren das Clubleben und die Partys am Wochenende das Wichtigste, also der Jubel und Trubel. Wildtiere interessierten sie nicht, man soff lieber, man vergnügte sich mit Frauen und man pennte.

Ich fragte eines Tages meinen Chef, Burka-Direktor Hans Bucher, wie es denn in der Serengeti (Nationalpark, Red.)sei. Er sagte mir: Ja, die ist dort hinten irgendwo. Er wusste nicht einmal, wo sie lag. Und er war auch noch nie dort. Aber er hatte ein Foto, auf dem er mit einem erlegten Nashorn posierte. Seinen Fuss hatte er stolz auf den Schädel des toten Tieres gesetzt, das beim Manyara von ihm abgeschossen worden war.

Dies war bei den Farmern damals gang und gäbe: Du musstest so ein Foto haben, mit einem breiten Hut auf dem Kürbis (Kopf), das Gewehr in der Hand und wenn möglich einen erlegten Büffel oder ein anderes totgeschossenes Exemplar der Big Five (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel) unter dem Stiefel. Wer ein solches Bild an der Wand hatte, der galt gleich als toller Hecht und etwas Besseres.  Solche Dinge haben mich schon sehr angewidert, und ich dachte manchmal: Du stehst völlig neben den Schuhen in dieser Gesellschaft. Es gab Weisse, die waren jahrelang in Tansania, ohne je einmal in einem Nationalpark herumgereist zu sein!

Die Arbeit auf der Farm machte mir Spass, aber ich wollte auch etwas vom Land und seinen Leuten und Tieren sehen. Ich erkundigte mich, wie ich denn das Land kennen lernen könne. Man sagte mir: Du kannst Dir von der Burka einen Wagen mieten, damals kostete das 70 Cents pro Meile. Also mietete ich einen Wagen, kaufte etwas Essen und fuhr an meinen ersten Freitagen los. Bevor Lilian, meine zukünftige Gemahlin nach Tansania kam, fuhr ich zuerst immer mausallein in die Wildnis. Diese musste ich aber zuerst kennen lernen. Ich wollte überall hin, kreuz und quer, ich ging aber noch viel mehr zu Fuss und langsam bekam ich das Gefühl für den Busch.

Die Europäer schossen wahllos auf alles.

Wir hatten auf der Burka einen englischen Mechaniker, der eine Schweizerin zur Frau hatte. Er erzählte über die Jagd in einem Gebiet, wo die englische Regierung den Weissen fruchtbares Farmland zur Verfügung gestellt hatte. Man erklärte damals einfach über die Köpfe der Afrikaner hinweg: Das ist jetzt euer Land, hier könnt ihr eure Farmen aufbauen.

Der Mechaniker erzählte mir Folgendes über die Jagdmethoden damals: Die Weissen fuhren mit zwei Land-Rovern voraus. In jedem Wagen sassen zwei bis drei Europäer und schossen wahllos auf alles, was auftauchte: Strausse, Gnus, Elen-Antilopen, Büffel – einfach auf alles. Dort, wo die Tiere tot zusammenbrachen, steckten sie neben den Kadavern eine kleine Fahnenstange ein für den nachfolgenden Lastwagen, der die Beute einsammelte. Das war das Sonntagsvergnügen dieser Freizeitjäger. Das meiste Fleisch wurde dann unter den angestellten Afrikanern verteilt – als ein Teil ihres Lohnes.

Einmal besuchte ich eine Farm in der Nähe des Manyarasees. Ihr Gebiet war ebenfalls von der englischen Regierung dem Farmer zugeteilt worden. Von diesem wurde ich zum Mittagessen eingeladen. Während wir assen, kam plötzlich ein Kuhhirte und sagte meinem weissen Gastgeber: Bwana, da ist ein Löwe bei den Kühen! Der Farmer sprang auf, holte sein Gewehr und rannte zu seinem Wagen. Als er zurückkam, meinte er nur: Es war leider kein Löwe, ich habe einen Gepard geschossen. So ging das zu! Im Farmhaus drin war der Boden mit Fellen bedeckt. Ich dachte zuerst, das seien alles Kuhfelle. Aber es waren Löwenfelle! Kurzum: Der Weisse konnte damals machen, was er wollte. Und er hat auch gemacht, was er wollte. Das hat sich unterdessen Gott sei Dank etwas geändert.

Lilian Rechsteiner:
Einmal war ich mit David in der Massai-Steppe zwischen Arusha und dem Tarangire unterwegs. Das Gras war grün und frisch, und überall sahen wir Zebras. Plötzlich stiessen wir auf diese Wagen mit Sonntagsjägern. David gab sofort Gas und fuhr zwischen die Tiere und die Wagen, damit die Zebras flüchten und die Jäger nicht schiessen konnten. (Lacht) Ja, da war David noch richtig radikal!

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger |  © Foto by Ruedi Suter

Liliane Rechsteiner und Serengeti-Ranger | © Foto by Ruedi Suter

David Rechsteiner: Ich fragte einmal Burka-Chef Hans Bucher um einen unbezahlten Urlaub. Die Antwort hiess: Wir stellen nicht Europäer an, damit die hier Ferien machen! Das war gerade in der Übergangszeit, als die Burka von Schweizern, der Familie Bruderer, aufgekauft wurde. Als wir keine Ferien erhielten, entschlossen wir uns, von der Burka Abschied zu nehmen. Wir kauften uns eine kleine Farm am Kilimanjaro, die uns ja später weggenommen und verstaatlicht wurde. Herr Bruderer, der neue Besitzer, suchte uns einmal auf und fragte, weshalb wir die Burka verlassen hätten? Niemand habe ihn informiert. Er wolle, dass wir zurückkommen.

Aber wir hatten uns entschieden. Wir sagten ihm:  Wenn Not an Mann ist, melden Sie sich doch bei uns. Ein paar Jahre später war die Burka so heruntergewirtschaftet, dass uns Herr Bruderer kontaktierte. Es war gerade die Zeit, nachdem man unsere Farm am Kilimanjaro verstaatlicht hatte und wir uns mit Tourismus über Wasser halten mussten.

Ich stellte meine Bedingungen. Die Wichtigste war für mich, dass Herr Bucher die Burka verliess. Herr Bruderer ging auf alle Forderungen ein und wir kehrten auf die Burka zurück. Die Buchers gingen dann nach Südafrika, wo sie eine kleine Farm kaufen konnten. Hans Bucher starb dann ziemlich bald, und seine Frau kam nach etwa zehn Jahren wieder nach Tansania. Sie war völlig verblüfft, dass Tansania nach seiner Unabhängigkeit nicht im Chaos versunken war. Die Buchers hatten, wie viele Kolonialisten, immer das Gefühl, ohne Weisse gehe alles kaputt.

Wer als Weisser für die Afrikaner Partei ergriff, war ein Verräter.

Wenn man damals miteinander sprach, hatte man im Zusammenhang mit den Afrikanern vor allem eine Meinung: Die Kaffern sind nichts wert! Es war Mode, so zu reden. Und kaum jemand hätte sich dagegen gestellt und gesagt: Die sind doch gar nicht so! Wer für die Afrikaner Partei ergriff, wurde behandelt als sei er ein Verräter oder als einer, der von Afrika keine Ahnung hatte.

Oder man erklärte ihn zum Aussenseiter. Wie uns. Wir waren immer Aussenseiter! Wir führten auch ein ganz anderes Leben. Wir hatten keine Parties und all das gesellschaftliche Zeugs, wir hatten den Busch. Der war für uns das Schönste, was wir uns vorstellen konnten. Wir waren mit unseren Goofen (Kindern) schon im Tarangire, als andere Eltern ihre Ein- und Zweijährigen im Kinderwagen durch Arusha stossen liessen. 

Lilian Rechsteiner: Wir haben unsere Kinder einfach mitgeschleift (mitgenommen). Auch zu Hause lebten wir anders. Wir schenkten unseren Angestellten unser Vertrauen und schlossen nichts ab. Denn normalerweise liefen die weissen Frauen mit grossen Schlüsselbunden herum und schlossen alles ab, was nicht niet- und nagelfest war. Für sie war klar: Schwarze klauen alles, vom Zucker über Werkzeuge bis zum Geld – alles. Ich aber dachte für mich: Ich würde wohl auch klauen, wenn man mir dauernd misstraut und vor meiner Nase immer alles auf- und abschliessen würde. 

David Rechsteiner: Die Mentalität der Schwarzen und Weissen unterscheidet sich, das ist ganz klar. Die Afrikaner sind zum Teil völlig anders als wir. Vielleicht, weil sie anders erzogen wurden, in einer anderen Umgebung aufwuchsen, in einem härteren Klima leben, es gibt da bestimmt verschiedene Gründe. Und dann hat sicher auch vieles mit den Finanzen zu tun. Ich gebe ein Beispiel. Nehmen wir einmal an, der Tarangire-Nationalpark bekommt von einer Organisation einen Geländewagen gespendet. Ein tansanischer Ranger soll ihn lenken. Der Fahrer, nennen wir ihn Julius, erhält also den Wagen mit der Bitte: Trag Sorge zum Auto, fahr vorsichtig und prüfe regelmässig den Ölstand – so, dass uns der Wagen lange erhalten bleibt. 

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen |  © Foto by Ruedi Suter

Kaffeefarm-Direktor David Rechsteiner im Gespräch mit Kollegen | © Foto by Ruedi Suter

Wenig später kommt aber der Kollege des Julius. Dieser sagt: Du, Bruder, an meinem Wagen funktioniert die Benzinpumpe nicht mehr richtig. Könnten wir diese nicht gegen deine neue umtauschen? Julius antwortet: Ja, Herrgott, das ist schwierig, ich kann doch nicht einfach ... Der Kollege beruhigt ihn aber und Julius lenkt schliesslich ein: Ok, gib mir 100 Dollar und du kannst die neue Pumpe haben. Aber du hältst den Mund!

So wird die alte Pumpe gegen die neue ausgetauscht, die gut an die 2000 Dollar kostet. Das sind Dinge, die häufig passieren in Afrika. Warum? Das frage ich mich oft. Weil viele Leute bitterarm sind und denken, ich komme sowieso nie auf einen grünen Zweig? Oder weil die Weissen oder die Oberen als skrupellose Ausbeuter empfunden werden? Ich kann ein solches Verhalten, das ja auch nicht alle haben, nicht nachvollziehen. Da habe ich meine Mühe damit. Natürlich darf man so etwas nicht einfach verallgemeinern. Aber in vielen Bereichen läuft es genau so ab.

Die Afrikaner und Afrikanerinnen sehen doch, wie wir prassen und protzen!

Natürlich sind die Einkommensunterschiede zwischen Europäern und Afrikanern in der Regel riesig. Nehmen wir an, ein Afrikaner verdiene im Monat rund 1000 Dollar. Doch ein Toyota Landcruiser, den man immer öfters sieht in Tansania, kann man mit 1000 Dollar Salär nicht kaufen. Und trotzdem will der Angestellte ebenfalls einen Geländewagen, weil ihm vielleicht sein Kleinwagen, wenn er überhaupt einen hat, zu mickerig erscheint. Da denkt er sich: Wenn ich etwas drehe, komme ich auch zu einem Landcruiser. Die meisten wollen ja ebenfalls so leben wie wir Weisse. Denn wir sind das Vorbild.

Er sieht doch, in was für Villen wir leben! Er weiss, dass wir uns Fernseher, Radio und Reisen leisten können und mit was für tollen Wagen wir in seinem Land herumfahren. Und er sieht auch, wie wir protzen und prassen. Wenn im Restaurant der Kellner oder das Serviermädchen am nächsten Tag die Flaschen abräumen muss und sieht, was da getrunken und gegessen wurde!

Und wenn sie sich ausrechnen, was das alles gekostet hat – nun, ich glaube, da würden vielleicht auch wir sagen: So möchte ich auch leben können! Eine ganz natürliche Überlegung, die ich gut nachvollziehen kann. Dem gegenüber stehen allerdings jene afrikanischen Männer und Frauen, die sich sagen: Ich habe ja einen rechten Lohn, mir geht es soweit recht, und weiter hinauf komme ich sowieso nicht, ich finde mich mit meiner Situation ab.

Als wohlhabender Arbeitgeber, egal ob ich Europäer, Asiate oder Afrikaner bin, kann ich nur etwas machen: die Angestellten fair behandeln und anständige Löhne zahlen. Natürlich besteht die Gefahr, dass manche immer noch mehr wollen, aber das ist bei uns ja auch nicht anders. Insgesamt aber ist die Situation sehr komplex.

Denn einerseits besuchen hier die Afrikaner die Schule, man sagt ihnen: Zwei und zwei ist vier, lerne etwas, dann wirst du auch etwas. Und dann kommen die jungen Leute aus der Schule – und finden keine Arbeit. Dann können sie auch nichts verdienen. Finden sie aber trotzdem einen Job, verdienen sie zuwenig für das, was sie sich erhofft haben. Sie wollen ja auch da oben schwimmen, wie wir, und auf der Strasse nicht den Staub der Europäerwagen schlucken müssen."

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt.

Wir empfinden dies als Tragödie. Auf der einen Seite fördern wir die Afrikaner, dass sie die Schule besuchen und motivieren sie, einen Beruf zu erlernen. Auf der anderen Seite haben sie aber keine Möglichkeit, einen Beruf ausüben zu können. Man gibt ihnen eine Chance, und dann, nach der Schule, ist fertig – keineBüetz(Arbeit). Ja, wohin steuert Afrika? Ich weiss es auch nicht.

Das grösste Problem ist, dass es keine Arbeit gibt. Ein Stück Land können die meisten nicht mehr bezahlen. Wenn man hört, was für Preise jetzt auch hier für Land bezahlt werden – das kann sich der normale Afrikaner nicht mehr leisten. Früher konnte er sich noch ausrechnen: Ich habe drei Kühe, ich verkaufe eine und mit dem Erlös kann sich mein Sohn ein Stückchen Land kaufen. Das ist nicht mehr möglich, und schon gar nicht in den fruchtbaren Gebieten. Die Preise sind zu hoch, das Land ist zu knapp, weil die Bevölkerung wächst und immer mehr ausländisches Kapital ins Land kommt. Die Preise werden von den Ausländern hochgetrieben.

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Spähen nach Wilderern: D. Rechsteiner bei Kirawira, West-Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Ein Beispiel: Wir hatten lange Zeit einen Arbeiter. Er hiess Husseini und arbeitete bei uns auf der Valhalla in Usa River bei Arusha. Das war noch zu der Zeit, als die Farm viel Umschwung hatte. Während der Verstaatlichungsaktion der Regierung entschlossen wir uns, alles bis auf 20 Hektar abzugeben. Denn Präsident Julius Nyerere hatte erklärt: Jeder, der mehr als 20 Hektar hat, ist ein Grossgrundbesitzer und läuft Gefahr, dass ihm das Land weggenommen wird. Also schrieben wir: Liebe Regierung, wir wollen mit der Landwirtschaft aufhören und unsere Farm auf 19 Hektar verkleinern. Und das taten wir dann auch.

Das übrige Land schenkten wir unseren Angestellten. Jeder konnte abstecken, was er wollte, und den Rest übernahm die Regierung. Husseini nahm etwa 10 Hektar.  Als er später starb, kam eines Tages seine Frau und sagte uns: Ich zahle euch die Schulden zurück. Ich sagte: Donnerwetter, was ist denn jetzt passiert? Sie erklärte uns, sie habe Land verkauft. Ein Grieche, der ihr Land unbedingt haben wollte, hatte ihr das Zehnfache des aktuellen Preises bezahlt. Von da an ist in unserer Gegend der Preis nur noch hochgegangen. Das Beispiel machte Schule, was ja verständlich ist. Niemand mehr wollte sein Land billig hergeben.

So schlecht sind die Alten gar nicht.

Lilian Rechsteiner: Das Land hier am Fuss des Mount Meru ist sehr begehrt. Bis zur Nationalparkgrenze wurden alle diese Plots (Parzellen) vor allem an Europäer verkauft. An Deutsche, Schweizer, Griechen, kurzum, an Leute aus allen Nationen, die das Land besiedelten.

David Rechsteiner: Ein Missionar hatte uns einmal gesagt: Was sind schon 10’000 Dollar für eine Ecke Land? Darauf kann ich mir doch ein Häuschen stellen und gut darauf leben! Wir fragen uns: Wie soll ein Afrikaner, der im Tag gerade einmal zwei Dollar verdient, je zu 10'000 Dollar kommen? An diesen Zuständen sind wir aber auch beteiligt. Wir sind ein Teil dieser Entwicklung. Das einzige, was wir versuchen können, ist unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen so weit wie möglich entgegen zu kommen, grosszügig zu sein und sie zu schätzen. Ich denke mir: Wenn meine Leute ihre Arbeit gut machen, dann arbeiten sie auch gut, wenn der Alte einmal nicht da ist. Und dies, so glaube ich, zahlt sich aus. Es kann doch nicht sein, dass wir so häufig in der Schweiz sind, und auf unseren beiden Farmen in Tansania läuft während unserer Abwesenheit alles recht. Es wird gut gearbeitet und praktisch nichts geklaut. Das ist nur so, weil wir einigermassen gerecht sind.

Lilian Rechsteiner: Und die Leute auch einbeziehen bei unseren Entscheiden ...

David Rechsteiner: Ja, und das ist aus meiner Sicht auch der einzige Weg: Vertrauen schenken. Ich rede viel mit den Leuten und erfahre so einiges über ihre Probleme und ihr Denken. Einmal habe ich auch die vielen Diebstähle auf den Farmen und in den Geschäften angesprochen. Ich fragte: Sagt mir, warum passiert das? Sie erklärten uns: Euch wird nichts gestohlen, weil ihr anders seid. Das war ihre Aussage. Das ist vielleicht nur, weil unsere Angestellten das Gefühl haben: So schlecht sind die Alten gar nicht, es gibt Schlimmeres, uns geht es vergleichsweise etwas besser.

Lilian Rechsteiner: Ich glaube auch, dass man mehr verlangen kann, wenn man die gleiche Arbeit selber auch schon gemacht hat und mitarbeitet. Das fördert doch den Respekt, und sie sehen, du selbst kannst es auch. Das macht wahnsinnig viel aus, wenn sie merken, dass du dich auskennst und ebenfalls eine Hacke in die Finger nehmen kannst. Oder wenn David mit der Burka-Fussballmannschaft ins Stadium von Arusha ging und dort gegen die anderen Firmenteams spielte. Er war der einzige Weisse auf dem Feld. Und auf der Tribune sass, ausser mir, noch ein alter Engländer zwischen den Afrikanern und Afrikanerinnen.

Es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel.

David Rechsteiner: Wenn man den Zeitungen glaubt, heisst die Tendenz in Afrika: Raus mit den Weissen! Wir haben es erlebt in Tansania, von einem Tag auf den anderen haben wir in den siebzigerr Jahren unsere Farm verloren. Es würde mich nicht wundern, wenn so etwas wieder passiert. Es ist ihr Land! Das müssen wir ganz klar sehen. Wir Weisse und Asiaten und einige wenige Afrikaner sind die Grossgrundbesitzer, wir haben das fruchtbare Land! Und der kleine Mann hier kann sich kein gutes Land mehr kaufen, weil ihm das Geld fehlt.

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti |  © Foto by Ruedi Suter

Ranger erklärt die Lage, D. Rechsteiner im Moru-Posten, Serengeti | © Foto by Ruedi Suter

Er kann es nicht mehr! Ich sehe das so: Solange der Weisse anständig ist, politisch und privat keine Schwierigkeiten macht, viele Leute anstellt, die einen anständigen Zapfen (Lohn) bekommen, sind wir hier noch geduldet. Ich rede aber nur von Tansania, denn in den anderen Ländern Afrikas sieht alles wieder anders aus. Jedenfalls sagte ich auch schon zu unseren beiden Söhnen Alex und Dani: Ihr müsst immer damit rechnen, dass ihr eines Tages gehen müsst und hier alles verliert.

Lilian Rechsteiner: Wir sagen ihnen, ihr müsst euch nicht wundern, wenn unser Land einmal verstaatlicht wird, weil die Afrikaner ihr Land brauchen.

David Rechsteiner: Ja. Denn es ist nicht unser Land, wir sind fremde Fötzel (hergelaufene Ausländer, Red.).

LilianRechsteiner:Das Land gehört dem Staat.

DavidRechsteiner:Klar, und man muss die Situation vom kleinen Fritze aus beurteilen. Der Vater hat vielleicht sieben Söhne, die erhalten in Arusha keine Arbeit und wollen in die Landwirtschaft, haben aber kein Land und sehen die grosse Farm des weissen Nachbarn. Und dann könnten sie doch sagen: Siehst du, wenn ich dort ein Plätzchen hätte ... Woher denn sonst noch etwas Land bekommen? Die Regierung, die in den letzten Jahrzehnten auch für den Tourismus riesige Gebiete zu Schutzgebieten erklärte, wird nicht zurückkrebsen, weil diese laut Presseberichten immer mehr Devisen bringen. Ja, und was dann? Das Problem könnte mit einer neuen Verstaatlichungswelle gelöst werden, auch wenn diese nicht einmal mittelfristig das Problem der Bevölkerungszunahme und Landknappheit lösen könnte.

Es gibt sicher auch noch andere Szenarien. Wir sind nicht sehr viele Weisse in Tansania. Die Weissen haben in der Regel Know-how, sie stützen die Wirtschaft, bringen Devisen und so weiter. Vielleicht überlegt sich die Regierung auch: Wenn wir die Weissen rauswerfen, bricht hier einiges zusammen. Wie aber die Zukunft aussehen wird, das können wir, ehrlich gesagt, nicht sagen. Julius Nyerere, den wir persönlich kannten und schätzten, erklärte zu Beginn: Was die Weissen können, können wir auch. Seine Wirtschaftspolitik ist aber gescheitert. Vielleicht hat man gelernt, dass uns nur ein gutes Zusammenleben weiterbringt.

LilianRechsteiner:Unser afrikanischer Nachbar, der selber Farmen besitzt, lässt diese von Weissen führen.

David Rechsteiner:Ja, aber es gibt auch viele kleine afrikanische Farmer, die sagen klar: Das können wir viel besser ohne die Weissen. Wie sich Tansania entwickelt hat? Das kommt auf den Blickwinkel an. Ist das Glas halb voll? Oder ist es halb leer? Ich finde allgemein, Afrika wird aus weisser Sicht zu negativ beurteilt. Man sieht nur das, was nicht klappt. Wenn man hört, dass am Kilimanjaro ein paar Holzdiebe Edelholz fällten, dann heisst es gleich: Der ganze Kilimanjaro wird abgeholzt. Insgesamt meine ich, geben sich die Tansanier Mühe, ihre Natur zu erhalten. Den Schutz der Wildtiere und der Pflanzenwelt hierzulande würde ich positiv beurteilen. Natürlich wird auch schwer gefrevelt, wird abgeholzt und gewildert. Aber die Anstrengungen, das alles zu verhindern, sind doch bemerkenswert.

Die Wilderei wird von ganz oben gesteuert.

Wir haben den Niedergang mitbekommen, die Katastrophe mit der Wilderei der Nashörner, der Elefanten und aller anderen Tiere. In dieser Zeit wurde unsere Kaffeefarm verstaatlicht und wir waren gezwungen, uns mit Privatsafaris über Wasser zu halten. Wir gehörten zu den ersten, die so im bescheidenen Rahmen Touristen das Land zeigten. Auch so bekamen wir mit, wie die Nashörner abgeschlachtet wurden.

Wir merkten, dass diese Wilderei von oben gesteuert sein musste, vom Direktor der Nationalparks oder noch von weiter oben, von Regierungsstellen. Jedenfalls waren die Drahtzieher nicht die kleinen Leute. Im Ngorongoro-Krater sagten uns die Ranger, welche die Nashörner bewachten, sie müssten auf Befehl von oben nachts einen anderen Teil des Kraters bewachen. 

Genau in dieser Nacht wurden auf der Gegenseite Nashörner gewildert. Dort begannen wir zu stutzen. Wie konnte das sein, dass die Ranger Order vonoben erhielten, auf der rechten Kraterseite zu patrouillieren, worauf zwei Nashörner auf der linken Seite gewildert wurden? Da merkten wir, das Umbringen musste von oben gesteuert sein.

Lilian Rechsteiner: Wenn du mich fragst, wie ich die Zukunft dieses Landes sehe, versuche ich zu unterscheiden. Wenn du Arusha siehst, mit seinem Verkehrschaos und den vielen Menschen, die in den letzten Jahren hierher kamen, so ist das eine boomende Stadt, aber nicht das typische Tansania. Geh nur einmal nach Tanga, in die vor langer Zeit ebenfalls boomende Hafenstadt am Indischen Ozean. Tanga wirkt heute völlig verschlafen. Dagegen ist Arusha mit seinem Tohuwabohu geradezu ein Hexenkessel. Das hat mit dem Edelsteinhandel zu tun, mit dem wachsenden Tourismus, mit der UNO, die hier ihr Ruanda-Tribunal hat, und mit dem fruchtbaren Land am Fuss des Mount Meru.

David Rechsteiner: Ja, aber der so genannte Fortschritt, den wollen heute alle, auch in den ländlichen Gebieten. Da kannst du überall hingehen, überall will man einen Platz an der Sonne. Ich glaube, das schöne und ruhige Afrika ist vermutlich vorbei. Aber speziell hier – ich rede da weder vom Kongo noch von Westafrika –, speziell hier in Tansania, wo der Naturschutz Devisen bringt und ein zentrales Anliegen ist, kann sich die Regierung nicht leisten, alles aufzugeben.

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover |  © Foto by Ruedi Suter

Auf Patrouille mit Serengeti-Rangern und FSS-Land Rover | © Foto by Ruedi Suter

Obwohl man negative Nachrichten hört, wie die Herausgabe von Konzessionen an Araber und Amerikaner. Hingegen ist das, was wir hier mit dem Naturschutz bis heute erlebten, insgesamt sehr, sehr positiv. Davon bin ich absolut überzeugt. Natürlich wird es immer wieder Rückschläge geben. Die Menschen werden immer Bäume fällen, Holzkohle machen, Wildtiere umbringen und so weiter. Aber im Ganzen gesehen, kann wohl kein Minister mehr sagen: Die Ecke dieses Nationalparks trennen wir ab und machen Felder daraus. Ich glaube, das ist vorbei, das kann nicht mehr passieren.

Lilian Rechsteiner: Oder denke an das hügelige Gebiet hinter dem Mount Meru an der Strasse nach Nairobi, das war nicht mehr bewaldet. Dort werden heute überall Bäume angepflanzt, und man findet keinen Hof, wo keine jungen Bäume stehen. Das gab es früher nicht.

David Rechsteiner: Aber weisst du, immer wenn wir in den Tarangire-Nationalpark fahren und diese friedlich grasenden Elefanten sehen, inmitten einer wundervollen Natur, die Gott sei Dank noch einigermassen intakt ist, dann kommen wir froh und beglückt zurück. Was morgen ist, soll – wenn wir dann einmal im Grab liegen – nicht mehr unsere Sorge sein, sagt meine Gemahlin richtig. Aber im Augenblick können wir noch etwas dazu beitragen, dass in Tansania diese grossartige Natur mit ihren wundervollen Tieren erhalten bleibt. Allein das ist schon enorm viel wert! Und darum sind wir immer auch glücklich und dankbar.

Titelbild: David Rechsteiner, anfangs der neunziger Jahre in West-Tansania | © Foto by Ruedi Suter
Erstpublikationen dieses Textes: HABARI 3-2007 | www.OnlineReports.ch ( Februar 2008)


David und Lilian - unzertrennlich und engagiert

David und Lilian Rechsteiner sind Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Vereins Freunde der Serengeti Schweiz (FSS). Sie haben via die Wildschutzorganisation einen beachtlichen Teil ihres Vermögens in die Bewahrung und Rettung von Naturschutzgebieten wie die des Serengeti-Westkorridors, des Tarangire-Nationalparks, des Arusha-Nationalparks und des Mkomazi-Nationalparks investiert.

Dem Paar kam stets seine natürliche und humorvolle Art im Umgang mit den Afrikanerinnen und Afrikanern zugute. Mit unzähligen Fahrten in den Busch und regelmässigen Besuchen und Gesprächen haben sie auch die Bedürfnisse der Wildhüter und ihrer Familien in Erfahrung gebracht und damit gezielte und sinnvolle Hilfe leisten können. David Rechsteiner motivierte die Ranger auf den abgelegenen Aussenposten, indem er ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, sie auf Patrouillen begleitete und ihnen mit Geschenken unter die Arme greift. 

Während den Überwachungsfahrten durch den Busch wurden auch schon mal Wildfrevler gestellt. Dies kostete dem zähen Schweizer einmal fast das Leben, nachdem ihm ein Wilderer durch das Wagenfenster den Speer in die Seite gerammt hatte. Bei der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA, der Rechsteiner Land für ihr neues Hauptquartier schenkte, genoss der am 31. März 2019 verstorbene Artenschützer trotz oder gerade wegen seiner zuweilen unbequemen Geradlinigkeit und langjährigen Erfahrung grossen Respekt. Das Ehepaar Rechsteiner, Eltern der Söhne Daniel und Alex, hatten den Kontakt zur Schweiz nie abgebrochen. Es betrieb lange Zeit im Zürcher Oberland eine Apfelplantage. 

Zudem waren die beiden leidenschaftliche Weltenbummler, deren Reisen nach Asien und Lateinamerika führten oder sie mit dem Geländewagen die Einsamkeit der Sahara oder den Süden Afrikas entdecken liessen. Aber auch gedanklich war man unterwegs: David las gerne, seine Frau Lilian liest immer noch gerne und viel.

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Afrikas Schutzgebiete in Gefahr - das Beispiel Welterbe «Selous»

Ruedi R. Suter

Afrikas Weltnaturerbe und ältestem Naturschutzgebiet drohen Industrialisierung und die Vernichtung seines Wildbestandes und der Naturschönheiten. Im tansanischen Selous-Schutzgebiet haben sich Minenkonzerne bereits eingenistet, nun droht ein sinnloser Staudamm.

Wie anderswo auch will die Regierung mehr Industrialisierung und weniger Naturschutz. Was beispielhaft alles auf dem Spiel steht und wie alles kam und enden könnte, darüber berichtet hier Rolf D. Baldus. Der deutsche Entwicklungs- und Naturschutzexperte arbeitete jahrelang im Selous Game Reserve.

Von Rolf D. Baldus*

Das älteste und grösste unbewohnte Naturschutzgebiet Afrikas liegt in Tansania: Das Selous Game Reserve mit einer Fläche von über 50'000 Quadratkilometern. Aufgrund seiner globalen Bedeutung wurde es 1982 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Doch das Schutzgebiet wurde schlecht verwaltet, die Wilderei explodierte – allein der Bestand von über 100'000 Elefanten wurde auf weniger als 30'000 (1989) Tiere dezimiert.

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne |  © Foto by Rolf D. Baldus

Gewilderter Elefant anno 2014: Die Knochen blieben zurück, nicht aber die Stosszähne | © Foto by Rolf D. Baldus

Dann kam der Wendepunkt: 1988 wurde das Selous Conservation Program (SCP) aus der Taufe gehoben. Das bis 2003 dauernde deutsch-tansanische Entwicklungsprojekt stoppte die Wilderei. Die Elefantenpopulation erholte sich wieder auf über 70'000 Elefanten (2003). Gleichzeitig konnten mehrere umweltschädliche Grossprojekte blockiert werden.

Früher war das Wildreservat völlig abhängig von den viel zu knappen Mitteln aus dem Gesamthaushalt der tansanischen Regierung, aber die SCP führte ein neues System ein, worauf 50 Prozent des Geldes aus dem Reservat behalten wurden. Bemerkenswert: 90 Prozent dieser Einnahmen stammten aus nachhaltiger Safari-Jagd, die sicherstellte, dass zuverlässige Schutzpraktiken umgesetzt werden konnten.

Krimineller Angriff auf das Schutzgebiet

Als die deutsche Unterstützung im Wildschutz Ende 2005 auslief, reduzierte der Direktor der Ministerialbehörde die Summe dieses Rücklagesystems sofort von jährlich drei Millionen US-Dollar auf gerade noch eine halbe Million. Wie zwei Dekaden zuvor brach die Parkverwaltung zusammen. Die Anstrengungen zur Verhütung der Wilderei wurden stark reduziert, das Abschlachten der Elefanten liess nicht auf sich warten. Im Nachhinein kann man nur zu einem Schluss kommen: Bei der ganzen Angelegenheit handelte es sich um einen gut vorbereiteten und kriminellen Angriff auf das Schutzgebiet.

Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 60'000 Elefanten getötet.

Das Elfenbein wurde über Sansibar, Pemba (Mosambik) und andere Inseln oder auf dem Luftweg durch chinesische Kartelle nach Südostasien und insbesondere nach China geschmuggelt – alles in Zusammenarbeit mit korrupten Beamten. Mehr als 100 Millionen US-Dollar wechselten den Besitzer. Die Wertschöpfungskette begann im afrikanischen Busch und endete in den asiatischen Märkten.

Das Geschäft lohnte sich für alle Beteiligten. Beschlagnahmungen in aller Welt zeigten, dass über Jahre hinweg nirgendwo sonst so viele Savannen-Elefanten umgebracht wurden wie im Selous-Niassa-Ökosystem. Eine Luft-Elefantenzählung im Jahr 2013 zeigte, dass nur etwa 13'000 der Dickhäuter im Selous-Ökosystem überlebt hatten.

«Weltkulturerbe in Gefahr»

Die UNESCO erklärte das Naturschutzgebiet nicht nur der Wilderei wegen zum Welterbe «in Gefahr». Sie wollte auch den geplanten Bergbauvorhaben sowie anderen Grossprojekten einen Riegel vorschieben. Ein Gebiet von 300 Quadratkilometern wurde im Südwesten des Reservats für ein russisches Uranmine-Unternehmen abgetrennt. Es will mit Wasser und einem besonders umweltschädlichen Bleichverfahren die uranhaltigen Stoffe aus dem Gestein herauslösen. Doch der Verfall der Uranpreise auf dem Weltmarkt hat dieses Projekt verzögert.

Es wurden aber andere Konzessionen für die Prospektion im Reservat vergeben. Bergbau steht jedoch im Widerspruch zur UNESCO-Welterbekonvention, die Tansania unterschrieben hat. Als die Weltkulturerbekommission der UNESCO grünes Licht für die Uranmine gab, geschah dies mit dem Verständnis, dass Tansania keine weiteren Grossprojekte ohne die Zustimmung der UNESCO auf den Weg bringen werde.

Die Ergebnisse der Elefantenzählung 2013 waren ein Weckruf. Die tansanische Regierung gelobte, die Wilderei zu bekämpfen, und das System der Selbstfinanzierung aus 50 Prozent der Einnahmen des Schutzgebietes wurde wieder eingeführt. Benson Kibonde, Manager im Ruhestand, wurde zurückgeholt, um an seine bemerkenswerten Erfolge als Reservatsverwalter anzuschliessen.

Überdies wurde auf Wunsch des Reservats vom Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) ein Sofortprogramm initiiert, unterstützt von der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Es stellte etwa 400'000 Euro als Nothilfe zur Verfügung, hauptsächlich in Form von Ausrüstung. Die Wilderei sank – 2015 war die Elefantenpopulation zumindest wieder stabilisiert.

Neues tansanisch-deutsches Kooperationsprojekt im Selous

Auf Antrag der tansanischen Regierung brachte Deutschland 2013 über die Deutsche Entwicklungsbank (KfW) eine neues Hilfsprogramm in Höhe von 18 Millionen Euro für den Selous auf den Weg. In Richtung und Ansatz orientierte es sich am Vorläuferprojekt «Selous Conservation Program» (1988 – 2003). Die seit geraumer Zeit im Selous bereits engagierte Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) sowie der World Wildlife Fund (WWF) sollten bestimmte Projektkomponenten übernehmen. Dieses Projekt wird jetzt - nach längerer Verzögerung - umgesetzt.

In Deutschland gibt es hochrangige Beamte und Politiker über die Parteigrenzen hinweg, welche die Naturschutzbemühungen in Tansania engagiert unterstützen, insbesondere in der Serengeti und im Selous. Das KfW-Instrumentarium ist für Naturschutzprojekte nicht wirklich geeignet und gestaltet sich extrem langwierig.

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm |  © Karten zVg

Das Selous Game Reserve: Links die Sektoren, rechts der geplante Staudamm | © Karten zVg

Gleichzeitig sind viele der Verzögerungen bei der Projektvorbereitung auf die tansanische Regierung zurückzuführen. Dabei stellte sich die Frage: sind die staatlichen Behörden überhaupt noch daran interessiert, den Selous zu rehabilitieren? Heute kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, die Regierung gebe ihr langjähriges Engagement für den Naturschutz auf. Dennoch bleiben Tierwelt und Tourismus eine der wichtigsten Branchen und Devisenquellen des Landes.

Kein Gehör mehr für den Umweltschutz

Präsident John Magufuli, ein zunehmend autokratischer herrschender Populist, verfolgt immer mehr eine Politik, die an Nyereres afrikanischen Sozialismus erinnert. Mit starker Hand versucht er, Ordnung in seinem von Korruptionsskandalen erschütterten Land zu schaffen. Ob er erfolgreich sein wird, bleibt fraglich.

Der Wildtier-Tourismus, bislang der zweitwichtigste Wirtschaftssektor des Landes, verliert an politischer Priorität. Denn Magufuli träumt von einer staatlich kontrollierten Industrialisierung. Unter Nyerere ist die gleiche politische Vision kläglich gescheitert.

Ohne Rücksicht auf Umweltbelange hat Präsident Magufuli Pläne für den Bau einer Strasse in der Mitte des Selous (von Ilonga nach Liwale) im Wahlkampf zugesagt. Die grösste Bedrohung für die Selous ist jedoch die Entscheidung, einen Megadamm (2'100 Megawatt) im Herzen des Reservats an der Stiegler's Gorge zu bauen. Die Wirtschaftlichkeit des Projekts ist unklar, die Finanzierung nicht gesichert. Die ökologischen Folgen werden jedenfalls verheerend sein.

Die Stiegler-Schlucht – Begierdeobjekt seit 1982

Tansanias mächtigster Fluss, der Rufiji, durchschneidet den nördlichen Teil des Selous Game Reserve und bildet die südliche Grenze des für Fototourismus reservierten Gebiets. Südlich des Flusses wird das Reservat für einen nachhaltigen Jagdtourismus genutzt, der in der Vergangenheit mit Abstand der grösste Einkommensbringer des Reservats war. Bei Stiegler's Gorge fliesst der riesige Fluss durch eine enge Schlucht.

Um 1900 wurde das Gebiet bereits von der Kolonialregierung unter Schutz gestellt. Die Deutschen planten eine Strasse und prüften offenbar eine Flussüberquerung. Ein Schweizer Ingenieur namens Stiegler vermass 1907 das Land. Seine Gewohnheit, in der Freizeit Elefanten zu jagen, sollte ihm zum Verhängnis werden. Er verwundete einen Elefanten und folgte ihm. Plötzlich stürzte sich das Tier auf ihn und seinen Gewehrträger. Der ergriff die Flucht, leider mitsamt dem Gewehr – das war das Ende des armen Stiegler.

Der gigantische Fehltritt Norwegens

Kurz nach der Unabhängigkeit Tansanias war Norwegen, wie viele westlichen Geber von Entwicklungshilfe, den verführerischen Schriften und gewinnenden Worten von Präsident Nyerere auf den Leim gegangen. Trotz seiner Politik der «Eigenständigkeit» als offizielle Entwicklungsstrategie nahm Tansania diese Hilfe gerne an – und wurde zu einem der wichtigsten Hilfsempfänger in Afrika.

Eines der vielen norwegischen Projekte war die Vorbereitung eines gigantischen Staudamms in der Stiegler's Gorge. Die Norwegische Entwicklungsagentur (NORAD) gab in den 1970er-Jahren bis 1983 über 24 Millionen US-Dollar für die Vorbereitung des Projekts aus. Die Idee war, einen Staudamm von maximaler Grösse zu bauen, welcher ausschliesslich der Stromerzeugung dienen sollte.

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms |  © Foto by Rolf D. Baldus

Noch unberührt: Rufiji-Fluss unterhalb des geplanten Damms | © Foto by Rolf D. Baldus

Bald stellte sich heraus, dass die enormen Kosten von zwei Milliarden US-Dollar Tansania für viele Jahrzehnte verschulden würden. Zudem wurde festgestellt, dass ein so mächtiger Damm nicht wirtschaftlich sein würde. Zwischen 1979 und 1982 wurden 27 grosse Studien durchgeführt, und es wurden viele weitere schwerwiegende negative und weitreichende Folgen festgestellt.

Der Damm und seine verheerenden Folgen

  • Hohe Sedimentation, was zu einer kurzen Lebensdauer führt

  • Seismische Störungen mit schwerwiegenden Folgen für den Damm und das stromabwärts gelegene Land

  • Übermässige Erosion stromabwärts

  • Das Rufiji-Delta, eines der fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebiete des Landes, würde nicht mehr auf natürliche Weise geflutet und gedüngt werden

  • Zerstörung von Mangroven mit entsprechenden Folgen für die Fisch- und Garnelenbestände und starke Reduzierung von Fischerei, Holzschlag usw. für die lokale Bevölkerung

  • Versalzung landwirtschaftlicher Flächen

  • Nur eine ganz spezielle Konstruktion des Damms konnte den von Zeit zu Zeit auftretenden grossen Überschwemmungen gerecht werden

  • Einführung von nicht einheimischen Schwimmpflanzen

  • Komplexe drastische und irreversible Auswirkungen auf die Vegetation und die Tierwelt im Schutzgebiet

  • Infrastrukturentwicklung, Bevölkerungszustrom und Wilderei würden das Schutzgebiet gefährden.

Bald wuchs der Widerstand der Wissenschaftler an der Universität von Dar es Salaam. Selbst die Mitarbeitenden von NORAD äusserten zunehmend Kritik, welche vorab auf die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Damms abzielte.

Seit 1982 Weltnaturerbe, Weltbank verweigert Mitfinanzierung

Ihre Bedenken konzentrierten sich auf Gesundheitsprobleme, unzureichenden Strombedarf des Landes, fehlende Wirtschaftlichkeit und technische Probleme des Baus und des Betriebs des Staudamms, die Tansania überfordern könnten. Die Weltbank weigerte sich gar, das Projekt mitzufinanzieren.

Es wird berichtet, dass Kritiker des Projekts marginalisiert wurden und dass ihnen der Zugang zum Projektgelände und zu den vorhandenen Studien und Plänen untersagt wurde. Dies bezog sich sogar auf offizielle tansanische Forschungseinrichtungen. Immer mehr wurde davor gewarnt, dass der Damm nach seiner Fertigstellung zu einer nationalen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Katastrophe führen würde.

1988 erklärte NORAD selbst, dass der Damm bei einer Realisierung zu einem wirtschaftlichen Desaster geworden wäre. Schliesslich wurde das Projekt um 1983 fallengelassen, die Arbeiter und Ingenieure gingen.

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden |  © Foto by Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht: Hier soll der Rufiji gestaut werden | © Foto by Rolf D. Baldus

Unterdessen – 1982 – hatte die UNESCO das Reservat zum Weltnaturerbe erklärt. Der Damm wurde in der technischen Überprüfung des Dokuments zur Anmeldung zum Welterbe von 1982 durch die IUCN als Bedrohung für das Überleben des Selous bezeichnet. Aber damals war bereits klar, dass er nicht gebaut werden würde. Trotz des neuen Status kümmerte sich niemand darum, die Infrastruktur wie Gebäude und Seilbahn oder die enorme Menge an Müll und Schrott, welche sich im Laufe der Jahre auf dem Gelände angesammelt hatte, zu beseitigen.

Zurückgelassen: Tonnen von Müll und Skelette von Elefanten und Rhinos

Als ich 1987 im Rahmen eines tansanisch-deutschen Regierungsabkommens im Selous zu arbeiten begann, bestand das Nordufer des Flusses über der Schlucht aus vielen verlassenen Gebäuden und ein paar Quadratkilometern voller Schutt und Müll. Niemand hatte sich die Mühe gegeben, die verlassene Baustelle in einen dem Welterbe angemessenen Zustand zu bringen. Die Wildhüter trauten sich nicht, denn sie waren weiterhin für das Gelände nicht zuständig.

Es gab sogar ein Seil über den Fluss und eine aufgegebene Seilbahn. Wir schafften es, den VW-Motor wieder in Gang zu bringen. Einige der mutigeren Wildhüter (nicht ich) versuchten, in der Gondel den Fluss zu überqueren. Doch auf halbem Weg verliess sie der Mut weiterzufahren. Dies waren die Reste der Vermessung der Schlucht, um festzustellen, ob sie zur Stromgewinnung für einen grossen Damm geeignet war.

Ich erinnere mich, dass ich durch viele tausend medizinische Ampullen in und um die Apotheken waten musste, die von den einst 2 000 Arbeitern am Standort gebraucht worden waren. Wir schrieben an die norwegische Botschaft, um sie auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Eine Antwort erhielten wir nie. Als die letzten Arbeiter gegangen waren, fand das Game Department heraus, dass fast alle Nashörner in der Gegend gewildert und die Elefanten drastisch reduziert worden waren.

Bei einer Zählung aus der Luft von 1981 wurde festgestellt, dass die Dichte der Elefantenskelette «am höchsten entlang des unteren Rufiji-Flusses» war. Es war der Start zum Niedergang der Dickhäuter im Reservat – zusammen mit den grossen Nashorn- und Elefantenwildereien, die gleichzeitig im südlichen Selous während der Ölexploration stattfanden.

Rubada, das teure Amt der Selbstverwalter

1975 gründete die Regierung die Rufiji Basin Development Authority (Rubada), um das Gebiet entlang des Flusses zu entwickeln. Das Hauptziel war eindeutig der Bau des Damms. Als dieses Projekt ins Stocken geriet, blieb das Parastatal bestehen, vergleichbar mit dem Ministerium für die Kolonien in Italien, welches auch das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebte.

Während das italienische Ministerium aber zumindest acht Jahre nach dem Verlust der Kolonien geschlossen wurde, blieb Rubada noch 35 Jahre bestehen. Eine hohe zweistellige Mitarbeiterzahl bewohnte ein weitläufiges, vierstöckiges Verwaltungsgebäude in Dar es Salaams Shekilanga Road. Seit seiner Gründung hat die halbstaatliche Rubada wenig getan, ausser den Mitarbeitern vergleichsweise hohe Gehälter zu zahlen und sich selbst zu verwalten.

1988 war mir klar, dass der Direktor von Rubada und seine Mitarbeitenden alles tun würden, um ihre Büros, Dienstwagen und Zulagen zu erhalten, und dass sie daher warten würden, bis ihre Chance gekommen war, die Pläne für die Stiegler-Schlucht wieder zum Leben zu erwecken. Ich versuchte, den Selous bei der Übernahme des Staumauer-Geländes zu unterstützen, aber da war nichts zu machen: Rubada klammerte sich an dem Besitz fest. Schliesslich war er die wesentliche Existenzberechtigung des Staatsunternehmens.

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | ©  Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Öffnung der Selous-Wildnis: Neue Strasse zur Stiegler-Schlucht | © Foto by Beni Arnet (Februar 2019)

Rubada zockt ab – und begeistert Wasserminister Lowassa

Rubadas einzige Selous-bezogene Tätigkeit in diesen Jahren bestand darin, ein paar herunter gekommene Gebäude in der Nähe der Schlucht an schnell wechselnde Tourveranstalter zu vermieten. Keiner von ihnen hatte nennenswerte Besucher, obwohl einer der Pächter sogar einen Hexendoktor mit in das Camp brachte, um mit dessen Hilfe seinen unternehmerischen Erfolg zu verbessern. Er wollte auch eine lebende Ziege mitbringen, die vom Medizinmann geschlachtet werden sollte, aber das genehmigte der Selous dann doch nicht. Denn gemäss Gesetz darf man kein Vieh in ein Wildreservat bringen.

In den 1990-er Jahren, so wird berichtet, begann Rubada auch Geld von den Lodgebetreibern entlang des Rufiji zu «erpressen», obwohl nur die Selous Game Reserve Administration das Recht hat, Pachtverträge für touristische Aktivitäten im Reservat zu vergeben. Angeblich mussten mehrere Lodgebesitzer erhebliche Beträge hinblättern.

Rubada hielt das Dammthema am Leben und fand schliesslich in der Person des Wasserministers Edward Lowassa einen Verbündeten. Dieser Minister liebte Grossprojekte. Er hatte Japan bereits davon überzeugt, einen Damm in Kidunda, am nordöstlichen Rand der Selous, zu bauen. Eine rationale Begründung für die Flusssperre an dieser Stelle fehlte. Die einzig logische Erklärung für dieses Vorhaben waren die finanziellen Vorteile, die sein Bau für interessierte Mitglieder der tansanischen Elite mit sich bringen würde.

Es gab ja viel bessere Möglichkeiten, Dar es Salaam mit Wasser zu versorgen. Und technisch war der Standort für einen Damm komplett ungeeignet, da das Gebiet völlig flach ist und andere Nachteile aufweist. Glücklicherweise konnten wir die japanische Regierung und später die Weltbank davon überzeugen, das Projekt nicht zu finanzieren.

Brasiliens Skandal-Konzern Odebrecht mischt jetzt mit

Es hätte die so genannte Gonabis Pan überschwemmt, eine flache Wildtierbewirtschaftungszone, die für das Futter der Antilopen und Büffel im nördlichen Sektor des Reservats unerlässlich ist. Heute, 15 Jahre später, wurde kein einziger Spatenstich durchgeführt. Lowassa hätte sowieso nicht davon profitiert. Er wurde 2005 Premierminister – und war einer der wenigen tansanischen Politiker, die wegen eines Korruptionsskandals aus einem hohen Amt geworfen wurden. Später wechselte er in die Oppositionspartei und kandidierte für das Amt des Präsidenten, verlor jedoch gegen den heutigen Amtsinhaber Magufuli.

Während Lowassas Zeit schlossen sich Rubada und die brasilianische Firma Odebrecht zusammen, um einen zweiten Versuch zum Bau des Staudamms von Stiegler zu unternehmen. Zwei Seelenverwandte hatten sich offensichtlich gefunden. Heute wissen wir, dass Odebrecht Regierungen und Politiker auf der ganzen Welt bestochen hat, und es ist schwer zu glauben, dass Tansania die einzige Ausnahme war.

Laut den Medien schuf Odebrecht den grössten Bestechungsring der Welt, und ein US-Gericht verhängte eine Multi-Milliarden-Strafe. In Tansania haben die Berater von Odebrecht die Baupläne weiterentwickelt. Ökologische Überlegungen oder gar eine Umweltverträglichkeitsprüfung waren kein Thema.

Selous-Verwaltung, UNESCO, Naturschutzverbände und ausländische Regierungen, namentlich Deutschland und die USA, welche versuchten, die tansanische Regierung bei der Rettung der verbleibenden Elefanten zu unterstützen, konnten die Entwicklungen nur mit ungläubigem Staunen verfolgen. Im Zuge des Odebrecht-Skandals verschwand das Unternehmen jedoch leise aus Tansania. Verschwunden sind auch der CEO und das Top-Management von Rubada im Rahmen eines Finanzskandals im Unternehmen.

 Tansanische Bauvorhaben beunruhigen Welterbekomitee

Ende 2017 wurde Rubada endgültig geschlossen. Die Verantwortung für den Bau des Damms wurde auf den halbstaatlichen Stromversorger Tanesco übertragen – ein weiteres Unternehmen, das für Ineffizienz und himmelschreiende Finanzskandale bekannt ist. Die Pläne zum Bau des Damms in der Stiegler-Schlucht aber waren inzwischen von der höchsten Autorität des Landes, dem Präsidenten, aufgegriffen worden.

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous |  © Foto by Sean Louis

Durch Grossprojekte bedrohter denn je: Elefanten im Selous | © Foto by Sean Louis

Das Welterbekomitee (WHC) beobachtete mit «grösster Sorge» die verschiedenen Grossprojekte, welche von der Regierung im Selous vorangetrieben wurden. Es erklärte, grosse Staudämme und Bergbaue seien mit dem Welterbestatus unvereinbar, da sie «den aussergewöhnlichen universellen Wert des Selous ernsthaft und irreversibel schädigen» würden. WHC forderte fortan und bei jeder Gelegenheit den Vertragsstaat auf, «die Pläne für die verschiedenen Entwicklungsprojekte, die mit dem Welterbestatus des Schutzgebietes unvereinbar sind, aufzugeben».

Gleichzeitig stimmte das WHC einer Grenzveränderung zu. Etwa 300 Quadratkilometer an der südöstlichen Ecke des Reservats wurden degradiert, um den Uranabbau am Mkuju-Fluss zu erleichtern. Die Regierung hatte die Erschliessung dieser Mine jahrelang unter Verletzung der Konventions-Regeln zugelassen. Es waren Fakten geschaffen worden, die das Welterbekomitee mehr oder weniger akzeptieren musste.

Die Entscheidung machte jedoch deutlich, dass die internationale Gemeinschaft von Tansania erwartete, keine Entwicklungen mehr «ohne Zustimmung des WHC im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone» durchzuführen. Tansania stimmte zu und unterzeichnete – die Uranlagerstätte lag jetzt nicht mehr innerhalb des Reservats. Der Plan Tansanias zum Bau des Damms wurde jedoch unverändert fortgesetzt.

«Illegitime Intervention in tansanische Angelegenheiten»

1982 beschloss das Welterbekomitee, das zwischenstaatliche Entscheidungsgremium der Welterbekonvention, das Selous Game Reserve in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Damit wurde der «Herausragende Universelle Wert» dieses riesigen Reservats geehrt. Es ist das älteste Schutzgebiet Afrikas und mit seinen über 50’000 Quadratkilometern grösser als die Schweiz. Ähnlich wichtige Schutzgebiete in Tansania sind die Serengeti, Ngorongoro und der Kilimandscharo.

Der Ehrentitel wurde nach dem Vorschlag und Antrag der Regierungen und nach intensiven Prüfungen durch die IUCN verliehen. Es mutete daher grotesk an, als in den letzten Jahren führende tansanische Politiker die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wegen «illegitimer Intervention in tansanische Angelegenheiten» kritisierten – dies, nachdem das Welterbekomitee die tansanische Regierung verpflichtet hatte, die Regeln der Konvention im Selous zu respektieren. Die UNESCO leitet das Sekretariat der Konvention. Sie soll überwachen, wie die Mitgliedstaaten ihre eigenen Verpflichtungen einhalten.

Bergbau ist in Welterbe-Landschaften nicht erlaubt. Die grossen internationalen Bergbauunternehmen haben mit der Konvention eine Vereinbarung getroffen, dort keine Rohstoffe zu suchen oder zu fördern. Aber: viele kleinere oder dubiose Unternehmen haben diese Vereinbarung nie unterzeichnet. So beteiligte sich die tansanische Regierung In den 90er-Jahren an der Suche nach Uran im Selous Game Reserve. Schliesslich erlaubte sie sogar einem kanadischen Unternehmen, eine Uranmine in der südwestlichen Ecke des Reservats aufzubauen.

Die Welterbekonvention war nicht amüsiert. Nach einem ausführlichen und kritischen Dialog und trotz der Proteste wichtiger Akteure, insbesondere aus dem Naturschutz, wurde dann aber doch während der COP 2012 in Sankt Petersburg eine Grenzveränderung vereinbart.

Massenweise Bergbaukonzessionen statt Schutz des Weltnaturerbes

Die Übereinkunft war ein Abkommen, das einem heillosen Durcheinander entwuchs. Obwohl es sich um eine «signifikante» Grenzveränderung handelte, wurde sie zur Erleichterung der Verfahren als «kleine» Grenzveränderung» verniedlicht. So sah sich das über 300 Quadratkilometer weite Minengebiet «Mkuju River» offiziell aus dem Weltkulturerbe entfernt. Nicht aber aus dem Reservat, da dies eine Änderung des tansanischen Rechts erfordert hätte.

Der Deal war im Grunde unvermeidlich, da bereits Millionen von Dollar in die Mine investiert worden waren und der Zeitpunkt der Umkehr Jahre zuvor überschritten worden war. Die Regierung hatte einfach Fakten geschaffen – und die Konvention überlistet. Um dies in Zukunft zu vermeiden, wurde auf der 36. Tagung des Welterbekomitee in Sankt-Petersburg (2012) vereinbart, dass Tansania im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone keine Entwicklungsaktivitäten durchführen wird ohne Zustimmung des Komitees.

Aber wiederum hat die tansanische Regierung die vereinbarten Verpflichtungen aus dem Abkommen nicht eingehalten. Unter anderem gewährte sie weitere 34 Bergbaukonzessionen im Reservat. Überdies begann sie mit der Entwicklung des nächsten Grossprojekts – des Staudamms an der Stiegler-Schlucht am Rufiji – und dies mitten in der Tourismuszone des Reservats.

Anstatt die Mine des Flusses Mkuju als einzige Ausnahme zu betrachten, wurde sie als Präzedenzfall verwendet. Dies mit dem Argument, auch der Staudammbereich des Stieglers könne aus dem Reservat herausgeschnitten werden. Für die UNESCO hingegen ist kristallklar: «Der Bau von Dämmen mit grossen Reservoirs innerhalb der Grenzen der Welterbegebiete ist mit ihrem Welterbestatus unvereinbar». (Beschluss 40 COM 7, Istanbul/UNESCO 2016).

Stiegler-Damm: 1'200 Quadratkilometer unter Wasser

Die zentrale Begründung für den Damm ist Strom. Nur ein Drittel der tansanischen Bevölkerung hat Zugang zu Strom, in ländlichen Gebieten weniger als ein Fünftel. Mehr Strom ist unerlässlich. Die einzige Frage ist: Was ist der beste Weg, um ihn herzustellen und zum Verbraucher zu transportieren?

Wie erwähnt, war Odebrecht aus Brasilien das erste Unternehmen, das mit dem Bau des Damms beauftragt wurde. Es ist Lateinamerikas grösster Baukonzern und verfügt über eine gute Erfolgsbilanz bei der Planung und Realisierung von funktionalen Projekten.

Sie stand aber auch im Mittelpunkt eines gewaltigen internationalen Korruptionsskandals und hat Regierungen auf der ganzen Welt im Austausch für profitable Verträge bestochen. Die Verhandlungen zwischen Brasilien und Tansania sind auf auf höchster Ebene geführt worden. 2012 wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das 2016 erneuert wurde.

Geplant ist der Bau eines 130 Meter hohen und 800 Meter langen betonierten Felsdamms quer durch die acht Kilometer lange und 100 Meter tiefe Stiegler-Schlucht. Darüber hinaus sollen vier Satteldämme mit einer Gesamtlänge von 14 Kilometer stromaufwärts gebaut werden. Der Stausee würde 22 Millionen Kubikmeter speichern und eine Fläche von über 1'200 Quadratkilometer unter Wasser setzen, was nur etwas kleiner ist als die Insel Sansibar. Der Vorschlag sieht eine installierte Leistung von 2'100 Megawatt vor. Ausserdem sind 400 Kilometer Übertragungsleitungen und 220 Kilometer Strassen geplant.

 Bauvertrag mit Ägypten für 3 Milliarden Dollar

2013 schätzte Odebrecht die Investitionskosten für den Damm auf 3,6 Milliarden US-Dollar – ohne die notwendigen Stromleitungen für den Anschluss an das nationale Netz. Inzwischen scheint es, dass Odebrecht nicht mehr beteiligt ist. Die tansanische Regierung hatte angedeutet, Äthiopien könne die Lücke schliessen. Ägyptische Zeitungen berichteten jedoch am 22. Oktober 2018, dass «Arab Contractors», grösstes Bauunternehmen Ägyptens, den Damm bauen wird.

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen |  © Foto by Rolf D. Baldus

Bereits angestastetes Weltnaturerbe: 220 Kilometer neue Zugangsstrassen | © Foto by Rolf D. Baldus

Die beiden Präsidenten würden gemeinsam den Grundstein «im Herzen eines der grössten noch verbliebenen Wildgebiete Afrikas» legen, wie es die ägyptische «Daily News» naiv ausdrückte. Am 12. Dezember wurde ein Bauvertrag von über 3 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Drei Jahre soll die Bauzeit in Anspruch nehmen.

Seit Beginn der Planung befindet sich das Projekt in technischen, wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen. Seine Umsetzung liegt Jahre hinter dem Plan zurück. Insbesondere ist bisher völlig unklar, wer die notwendigen Finanzmittel bereitstellen wird. Diese dürften sich realistischerweise auf geschätzte 5 bis 7 Milliarden US-Dollar insgesamt belaufen.

Die 3 Milliarden US-Dollar für die ägyptischen Baufirmen will Tansania aus dem Haushalt bereit stellen. Präsident Magufuli hat bekräftigt, dass das Land den Damm aus eigener Kraft bezahlen werde. Bisher hat das Ministerium für Energie und Mineralien im Jahr 2018 rund 300 Millionen US-Dollar bereitgestellt – immerhin 40 Prozent des Gesamtbudgets des Energieministeriums.

Zum Vergleich: Das gesamte nationale Budget des Landes beträgt rund zwölf Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die grossen Geber von Hilfsgeldern und die Weltbank haben bereits ihr «Nein» signalisiert. Die Afrikanische Entwicklungsbank erklärte im Oktober 2018, sie könne keinen Kredit gewähren. Die meisten Aktionäre der Bank werden jedoch darauf bestehen, dass das Regionalinstitut seine eigenen Umweltvorschriften befolgt.

Wird China im Selous Tansania aus seiner Konzeptlosigkeit helfen?

Die grosse Unbekannte aber bleibt China. Der Damm im Selous könnte in Chinas derzeitige massive afrikanische Infrastruktur-Initiative passen.

Im Gegensatz zu dem, was bei Grossinvestitionen dieser Art üblich ist, wurde das Projekt weder rigorosen wirtschaftlichen und technischen Machbarkeitsstudien unterzogen, noch wurden alternative Optionen geprüft. Externe Beobachter haben inzwischen massive Bedenken geäussert, dass Tansania im wirtschaftlich wichtigen Strombereich alles auf eine Karte setzt. Erdgas wurde in beachtlichen Mengen gefunden, wird aber nicht ausreichend berücksichtigt. Einige Experten argumentieren, dass eine Reihe kleinerer Dämme das Risiko im Vergleich zu einem einzigen grossen Damm verteilen könnten.

Das Wind- und Solarpotenzial wurde noch nicht einmal untersucht, obwohl dies der Ansatz ist, den viele Industrieländer derzeit verfolgen. Ohne ausreichende Daten ist unklar, ob die Flussströmung langfristig ausreichend und kontinuierlich genug ist. Wie sie durch den Klimawandel beeinflusst wird, ist eine weitere offene Frage. Studien gehen davon aus, dass die Niederschläge immer variabler werden und die Flüsse klimabedingten Störungen ausgesetzt sind.

Staatspräsident macht Risiko-Damm zur persönlichen Sache

Eine Kombination von alternativen Energie-Erzeugungsanlagen anstelle eines einzigen Mega-Produktionsstandortes würde die Risiken reduzieren und könnte insgesamt eine Kapazität von sogar mehr als 2'100 MW sichern, so Experten. Ein dezentrales Produktions- und Netzsystem würde auch die Stromversorgung abgelegener Gemeinden erleichtern.

Alle diese technischen und strategischen Fragen, welche die langfristige Tragfähigkeit des Projekts bestimmen, bleiben unbeantwortet. Antworten erfordern Studien und Beratungen. Es scheint, dass tansanische Experten zwar ihre Stimmen erhoben, aber bald zum Schweigen gebracht wurden. Präsident John Magufuli, Ende 2015 gewählt, hat den Damm zu seinem persönlichen Projekt gemacht. Zuvor war Magufuli Minister für Bau, Verkehr und Kommunikation.

Entwicklung heisst für ihn vor allem Infrastruktur und Grossinvestitionen. Während sein Spitzname «der Bulldozer» darauf hindeutet, dass er Strassen und Erdarbeiten liebt, beschreibt er nun auch, wie Magufuli die unter ihm stehenden Institutionen leitet und das Land führt.

Andere afrikanische Präsidenten bauten riesige Kirchen, Moscheen, Stadien oder Konferenzräume, um Denkmäler ihrer Präsidentschaft für die Nachwelt zu schaffen. Es scheint, dass Magufuli den Stieglers Staudamm zum wichtigsten Denkmal seiner Präsidentschaft erkoren hat. Alle Diskussionen und kritischen Anfragen zum Thema Damm wurden gestoppt.

Damm-Kritiker mit Gefängnis bedroht

Nachdem die Opposition darum gebeten hatte, wenigstens eine ordnungsgemässe Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zu erhalten, kündigte einer seiner Minister im Parlament an, Kritiker des Projekts kämen ins Gefängnis. Das renommierte Magazin «East Africa» bezeichnete dies in einem Kommentar eine «Fatwa» und «einfach idiotisch».

Die Bedrohung der Kritiker ist symptomatisch für die gegenwärtige politische Situation, welche die Europäische Union für ernst genug hielt, um sie im September 2018 vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen aufzugreifen.

Da hiess es: «Die EU ist besorgt über die Menschenrechtssituation in Tansania, einschliesslich der verstärkter Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit, der Verhaftung von und der Anklage gegen Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Blogger und Parlamentsabgeordneten. Eine freie und lebendige Zivilgesellschaft sowie starke und unabhängige Medien sind entscheidende Bestandteile für eine nachhaltige und effektive Entwicklung einer Gesellschaft sowie ein Eckpfeiler im Kampf gegen die Korruption.»

Angstvolles Schweigen zum Dammbau und seinen Folgen

Auf jeden Fall verstanden Kritiker, Naturschützer und Beamte die Botschaft der Regierung. Das Projekt wird nicht mehr offen diskutiert. Wie in jedem totalitären System wagt es niemand mehr, sich zu äussern – vor allem Beamte nicht.

Für den Staudamm Stiegler's Gorge besteht so die Gefahr, dass Fehlentwicklungen nicht korrigiert werden können, weil Dialog und kritische Analyse von oben verboten worden sind.  So können Fehler entstehen und Projekte als Fehlschlag enden. Der geplante Staudamm Stiegler's Gorge könnte zu einem «weissen Elefanten» werden – hinterlassen von Präsident Magufuli für die Nachwelt.

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee |  © Foto Rolf D. Baldus

Stiegler-Schlucht, Rufiji: Keine Umweltverträglichkeitsprüfung für Damm und Stausee | © Foto Rolf D. Baldus

Für viele Beobachter und Beobachterinnen sind die wichtigsten Aspekte die ökologischen Folgen. Das Projekt liegt im Herzen des ältesten und grössten Schutzgebiets Afrikas und wird sicherlich erhebliche negative Folgen haben. Für den Präsidenten scheinen die Dinge einfach und klar zu sein. In einem Treffen mit Gesandten im State House am 30. Juli 2018 erklärte Magufuli laut Medienberichten: «Man kann davon ausgehen, dass der  Naturschutz nach der Umsetzung des Projekts wirksamer als vorher ist.»

Er fügte hinzu, dass «... die Tierwelt im Vergleich zu früher genug Trinkwasser bekommt». Mit diesen Worten war für die meisten tansanischen Offiziellen die Umweltdebatte ein- für allemal abgeschlossen, so dass jegliche Umweltverträglichkeitsprüfung obsolet wurde. Für andere zeigten sie die völlige Verdrängung des Umweltthemas.

Lausige Umweltverträglichkeitsprüfung

Im Mai 2018 hat das University Consultancy Bureau der University of Dar es Salaam (Professor Rafaeli Mwalyosi et al.) eine Umweltverträglichkeitsprüfung eingereicht. Das Dokument beschränkt sich auf einige wenige Umweltfolgen, lässt aber die grossen aus. Experten zufolge enthält diese UVP viele Irrtümer, Sachfehler und Lücken. Darüber hinaus werde das Papier der Komplexität des geplanten Projekts nicht gerecht.

Der Bericht identifiziere einige negative Umweltfolgen des Damms, von denen die Autoren behaupten, dass sie gemildert werden können. In ihren Augen stellt der Damm keine Bedrohung für den aussergewöhnlichen universellen Wert des Reservats dar. Sie erwähnen positive Auswirkungen des Damms auf das Ökosystem wie eine Zunahme der Biodiversität. Externe Experten kritisieren diese Feststellungen als unbegründet und höchst fragwürdig. Auch die vorgeschlagenen Massnahmen zur Verringerung oder Abmilderung evtl. Schäden werden als schlecht begründet und unzureichend abgelehnt.

Nach Ansicht der Experten und einschlägigen internationalen Organisationen sind die Inhalte von erschreckend schlechter Qualität, sie erfüllen weder die grundlegendsten Anforderungen noch die internationalen Normen. Insbesondere stehen sie nicht im Einklang mit den Bewertungsgrundsätzen für Welterbestätten. Und die Umweltverträglichkeitsprüfung gibt auch keine Antworten auf die vielen Fragen, die das Welterbe-Komitee dem Vertragsstaat übermittelt hat.

Relevante Kommentatoren weisen darauf hin, dass die UVP des Universitätsberatungsbüros nicht einmal die grundlegendsten etablierten Erfordernisse und internationale Standards erfüllt. Sie identifiziert nicht die Risiken, Auswirkungen und den Nutzen des Projekts. Viele wichtige Aspekte fehlen, wie z.B. die Hydrologie, angemessene Grunddaten über Flora und Fauna, umfassende Sozial- und Ökosystembewertungen sowie die biologischen und ökologischen Prozesse, die den aussergewöhnlichen universellen Wert des Gutes ausmachen. Kurzum: Diese UVP verdient nicht den Namen, den sie trägt, ihre akademischen Autoren haben jegliche wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verloren.

Mangels einer seriösen UVP ist das einzige verfügbare Dokument über die möglichen Auswirkungen des Damms der 2017 veröffentlichte WWF-Bericht «The True Cost of Power». Der WWF betont, dass es «weitreichendere Auswirkungen gibt, als die Überschwemmung von 1'200 Quadratkilometer Land und der Bau des Damms, die berücksichtigt werden müssen. Es wird zu einer zunehmenden Erosion, einer möglichen Austrocknung der für den Wildtier-Tourismus wichtigen Seen, einer verminderten Fruchtbarkeit der Ackerflächen unterhalb des Rufiji-Deltas und einem möglichen Zusammenbruch der dort vorkommenden Fisch-, Garnelen- und Garnelenfischerei kommen. Dies könnte sich negativ auf die Lebensgrundlagen von über 200'000 Menschen auswirken.»

Gewaltige Schäden nach Bau des Selous-Dammes

Das Dokument enthält auch ein Kapitel über die zu erwartenden Auswirkungen des Damms. Die wichtigsten sind die Überschwemmungen der terrestrischen Lebensräume und die vielen Veränderungen aller Art stromabwärts. Erwähnt sind unter anderem:

  • Verringerung der biologischen Vielfalt und Vorkommens von Lebewesen im Wasser;

  • Veränderung der Fischgemeinschaften im Rufiji;

  • Sedimentabscheidung;

  • Eutrophierung und invasive Pflanzen;

  • Speicher- und Treibhausgasemissionen;

  • Wasserqualität;

  • Verdunstung;

  • Winderosion an der Ufern;

  • Erleichterter Zugang für Wilderer;

  • Temporäre Auswirkungen während der Bauphase;

  • Eingriffe in die Landschaft durch Strassen, Freileitungen, Lager, Industriegebiete, Steinbrüche, Abraumhalden, Mülldeponien etc;

  • Verringerung der Attraktivität für Touristen;

  • Kurzfristige Fluktuation der Wasserabflüsse;

  • Verringerung der saisonalen Schwankungen des Wasserflusses;;

  • Reduzierung der Sedimentfracht und Veränderungen in der Geomorphologie;

  • Verringerung der Ökosystemleistungen für die Bewohner Flussabwärts.

Uranmine und Damm im Selous dank illegaler Faktenschaffung

Nach einer Mission im Jahr 2017 bezeichnete die Weltnaturschutzunion (IUCN) das Projekt wegen seiner Auswirkungen auf die Ökologie des Selous und die Lebensgrundlagen von Menschen ausserhalb seiner Grenzen als «in einer verhängnisvollen Weise fehlerhaft« («fatally flawed»),. Das Welterbekomitee hat dies in seinem Beschluss von 2017 über das Gebiet zusammengefasst: «In Anbetracht der hohen Wahrscheinlichkeit einer schweren und irreversiblen Schädigung des aussergewöhnlichen Universellen Wertes durch das Wasserkraftprojekt Stiegler's Gorge fordert die WHC den Vertragsstaat nachdrücklich auf, das Projekt endgültig aufzugeben.»

Doch die tansanische Regierung tut genau das Gegenteil und schafft weitere Fakten. Es ist die gleiche Strategie, wie sie im Fall der Uranmine Mkuju erfolgreich praktiziert wurde. Die Vorbereitung der Konstruktion ist in vollem Gange. Es wurden breite Strassen von Kisaki, Mtemere und Kisarawe zum Gelände gebaut. Die Lastwagen befahren sie Tag und Nacht. Das Trinkwassersystem bei Stiegler's wird saniert. Wohnungen für eine grosse Belegschaft werden gebaut oder saniert. Ein chinesisches Bauunternehmen ist vor Ort präsent. Insgesamt gibt es bereits Hunderte von Arbeitern auf der Baustelle.

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji |  © Foto by René Stäheli

Kein Wildtier, das nicht vom Staudamm betroffen wäre: Flusspferde im Rufiji | © Foto by René Stäheli

Die tansanische Regierung beschloss überdies, 1'450 Quadratkilometer Wald roden zu lassen. Davon sind rund 2,6 Millionen Bäume betroffen. Laut Presseberichten erwarten die Behörden einen Umsatz von 62 Millionen US-Dollar. Es wäre nicht nur weltweit die grösste Waldzerstörung der letzten Zeit, dies würde auch einen erheblichen Verstoss gegen die tansanische Gesetzgebung darstellen.

Beobachter und Beobachterinnen fragen sich: Betrachtet sich die tansanische Regierung als über dem Gesetz stehend? Eine erste Ausschreibung für den Holzeinschlag ist gescheitert, aber eine chinesische Holzfirma wurde vor einigen Monaten auf einer Erkundungsmission in der Gegend gesehen. Der Einschlag hat noch nicht begonnen.

«Gefahr einer gigantischen Fehlinvestition»

Fassen wir zusammen: Tansania muss mehr Strom produzieren. Die Frage ist und muss sein, wie dies optimal und mit möglichst geringen Umweltschäden erreicht werden kann. Um dies zu beantworten, müssen alle Optionen untersucht und verglichen werden. Stattdessen verfolgt die tansanische Regierung eine andere Logik: Tansania benötigt Strom – und deshalb muss im Selous Game Reserve ein Mega-Wasserkraftwerk gebaut werden. Die Verkürzung des Entscheidungsprozesses birgt die Gefahr eines gigantischen Investitionsversagens und kann aufgrund seiner Grösse und Bedeutung die nationale Sicherheit gefährden.

Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob die Single Dam Option machbar ist und ob die damit verbundenen Risiken mit diesem Damm beherrschbar sind. Jemand muss dem Präsidenten mitteilen, dass er Gefahr läuft, seinen Platz in der tansanischen Geschichte als der Mann zu finden, der für die grösste Fehlinvestition des Landes verantwortlich ist. Und jemand sollte Tansania dabei unterstützen, die notwendigen Machbarkeits-, Technik- und Umweltstudien durchzuführen, um diese Gefahr zu vermeiden.

Der Damm befindet sich in einem der wichtigsten Schutzgebiete Afrikas, dessen aussergewöhnlicher Universeller Wert mit dem prestigeträchtigen und nur hochselektiv vergebenen Status des Weltkulturerbes ausgezeichnet wurde. Die negativen ökologischen Auswirkungen des Damms werden enorm sein. Unter anderem wird er wahrscheinlich die unterhalb gelegenen Feuchtgebiete zerstören, die aus Flussarmen, Seen, Sümpfen und Dickichten bestehen.

Sie bilden das «Herz» des Reservats und das wichtigste Touristengebiet direkt stromabwärts. Eine zuverlässige und seriöse Bewertung der Auswirkungen wurde noch nicht durchgeführt, ist aber dringend erforderlich. Wenn die tansanische Regierung das Projekt fortsetzt, wird die Konferenz der Vertragsparteien des Welterbes kaum eine andere Wahl haben, als dem Selous den Welterbes-Status zu entziehen – etwas das in der Geschichte der Konvention nur dreimal geschehen ist. Für Tansania bedeutete dies einen grossen internationalen Reputationsverlust. Die tansanischen Nationalpark- und Wildschutzgebiete waren bisher auf internationaler Ebene eine der herausragenden Attraktivitäten und Merkmale des Landes.

Will Regierung Ausbeutung des Selous – statt Bewahrung und Schutz?

Sobald der Selous den Welterbe-Status verliert, muss die deutsche Bundesregierung entscheiden, ob sie ihr laufendes Projekt zur Unterstützung der Bewirtschaftung des Selous (18 Millionen Euro in den Jahren 2018-2020) tatsächlich beenden wird, wie sie es bereits beschlossen und angekündigt hat.

Derzeit erscheint es unwahrscheinlich, dass die tansanische Regierung ihre Position ändern wird. Wenn sich in einigen Jahren herausstellt, dass der Damm aus welchen Gründen auch immer nicht fertig gestellt werden kann, wird der Schaden nie rückgängig gemacht werden können. Es gibt aber noch eine weitere Hypothese: Die Regierung strebt eine Verkleinerung des Selous an, um die reichen natürlichen Ressourcen ein für alle Mal und ohne Rücksicht auf die Nachhaltigkeit ausbeuten zu können.

Mitglieder der tansanischen Delegationen zu den Welterbekonventionen haben darauf hingewiesen, dass der derzeitige Präsident durchaus darauf hinarbeiten könnte, das Reservat erheblich zu verkleinern.

Dies würde die Abholzung der Miombo-Harthölzer im Wert von mehreren hundert Millionen US-Dollar erleichtern. Praktisch das gesamte wertvolle Holz ausserhalb des Reservats wurde in den letzten 25 Jahren abgeholzt. Es wurde illegal nach China exportiert. Uran wurde bereits gefunden und die Prospektion wird fortgesetzt, sobald die Weltmarktpreise wieder angestiegen sind.

Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung des Selous

Im Mai 2018 enthüllte der Geologische Dienst von Tansania, dass Metalle wie Kupfer, Silber, Kobalt, Zink und Gold entdeckt worden seien. «Wir gehen davon aus, dass mit dem technologischen Wandel der Zeitpunkt kommen wird, ab dem wir diese Mineralien leicht abbauen können», meinte der zuständige Geologe.

Mehrere wichtige Pufferzonen des Reservats wie die Kilombero Valley Ramsar Site oder die Gonabis Wildlife Management Area (JUKUMU) wurden bereits von Rinderherden übernommen. Viehhirten dringen zunehmend in Randgebiete des Reservats ein und die Besitzer der Rinder dürften bereits gierig auf die grünen Weiden des Schutzgebietes blicken. Viele von ihnen sind einflussreiche Leute, während die Hirten nur die Arbeit verrichten. Selbst die Wilderei und der Export von Elfenbein der letzten Jahre im Wert von 100 Millionen US-Dollar oder mehr dürfte nur der Auftakt zu einer weit grösseren Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Reservats gewesen sein.

Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden

Als wir 2009 unser Buch über den Selous «Wild Heart of Africa» veröffentlichten, notierte ich einige Gedanken zur Zukunft des Reservats. Das Reservat hatte sich nach dem Beinahe-Kollaps in den 1980er-Jahren erholt und stand jahrelang unter hervorragender Leitung tansanischer Manager. Finanziell war das Schutzgebiet autark, vor allem aufgrund des nachhaltigen Jagdtourismus. Allerdings zeigten sich damals bereits wieder die ersten Bedrohungen. Das Schutzgebiet durfte nicht mehr die Hälfte seiner Einnahmen für Schutzzwecke einbehalten– und prompt breitete sich die Wilderei wieder aus.

Ich habe damals im Buch verschiedene Szenarien für die Zukunft des Selous skizziert. Eines davon war, dass das Reservat ohne jede Rücksicht auf die Umwelt ausgebeutet werden könnte. Dieses düstere Szenario hätte ein erneutes Abschlachten der Elefanten,, Bergbau und Grossprojekte im Selous bedeutet.

Ich sah eine solche Entwicklung als eine reale Bedrohung, aber dann schrieb ich: "Lasst uns positiv sein und hoffen, dass der Selous weiterhin eine starke Führung haben wird, die verhindert, dass ein solches Szenario Realität wird». Es scheint, dass ich mich geirrt habe. Das schlimmste Szenario scheint Wirklichkeit zu werden. 


* Dr. Rolf D. Baldus (*1949), früher Referatsleiter im deutschen Entwicklungshilfeministerium und Bundeskanzleramt in Bonn, hat 13 Jahre im Wildschutz in Tansania gearbeitet, davon 6 Jahre im Selous Game Reserve. Heute schreibt er über Fragen des Schutzes und der nachhaltigen Nutzung von Wildtieren und beobachtet weiterhin die Entwicklungen im Selous. Seine Website bietet eine umfassende Sammlung von Arbeiten und Dokumenten zum Selous: http://www.wildlife-baldus.com/selous_game.html

LESETIPP
Wildes Herz von Afrika,
hrsg. von Rolf D. Baldus, Kosmos Verlag 2011
Wild Heart of Africa. The Selous Game Reserve in Tanzania. Edited by Rolf Baldus

Rowland Ward 2009 ISBN: 978-0-9802626-7-4
Die Bücher sind auch vom Autor erhältlich: rolfbaldus@t-online.de


Touristen Achtung: Gefängnis für Besitz einer Vogelfeder

Ruedi R. Suter

Derzeit setzt Tansania seine Gesetze rigoros um. Auch den Wildlife Act. Wer demnach eine Muschel, eine Vogelfeder, einen Zahn oder sonst ein Tierteil ohne Bewilligung besitzt, dem drohen schwerste Gefängnisstrafen.

Dar-es-Salaam, 13. Dezember 2018 – «Sie sind verhaftet!» Den Satz können heute selbst Touristen oder Touristinnen zu hören bekommen, wenn tansanische Beamte bei ihnen bislang als harmlos eingestufte Souvenirs wie beispielsweise eine Muschel oder Vogelfeder finden. Was folgt, sind Gerichtsurteil, hohe Geldbussen und langjährige Gefängnisstrafen.

Denn jeder Teil eines toten Tieres, der gefunden wird, ist gemäss dem jetzt strikte umgesetzten Wildlife Act eine Regierungstrophäe. Das bedeutet: Allein deren Besitz ist strafbar. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tierteil gefunden oder ohne Nachweispapier erworben, ob ein Tier gewildert oder gefangen wurde. Wer erwischt wird, dem drohen mindestens 20 bis maximal 30 Jahre Gefängnis. In bestimmten Fällen kommt noch eine happige Geldbusse hinzu.

Radikales Vorgehen

Dabei wird weder zwischen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft unterschieden. Zahlreiche Afrikaner, aber auch Touristen sind bereits verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden. Die Regierung des seit 2015 waltenden John Pombe Joseph Magufuli geht radikal gegen die Korruption und gegen jede Art von echten oder vermeintlichen Betrügereien vor – mit erfreulichem Erfolg, aber auch mit folgenschweren Exzessen.

Staatseigentum Flusspferdzahn, Hippo-Unterkiefer |  © Foto by Raul654

Staatseigentum Flusspferdzahn, Hippo-Unterkiefer | © Foto by Raul654

Das grosse Aufräumen hinterlässt oft tiefe Spuren, weil gewachsene Strukturen ersatzlos eingerissen werden und eine Unzahl von Menschen plötzlich ohne Erwerbsmöglichkeiten dastehen. Im Bereich des Wildschutzes hat sich laut Beobachtern die Situation bei der Bekämpfung der Wilderei und des illegalen Wildtierhandels gemäss Kennern aber spürbar gebessert.

Willkürliche Strafen ohne Realitätsbezug

Dabei berufen sich die Behörden vermehrt auf die Landesverfassung. Ihr nach gehört die Natur einzig dem Staat. Wer ohne Genehmigung beispielsweise Schädel, Knochen, Zähne, Klauen, Vogelfedern, Felle, Muscheln, Hölzer oder auch nur Steine mit sich führt, der macht sich automatisch strafbar. Er oder sie können von Polizei und Zoll verhaftet werden.

Rätselhaft bleibt jedoch oft, nach welchen Kriterien die Richter ihre Urteile fällen. So erhielt beispielsweise der international agierende Moniface Matthew Maliango – im Volksmund «Shetani» (Der Teufel) genannt – einen vergleichsweisen kurzen Freiheitsentzug. Der Töter tausender Elefanten, Elfenbeinschmuggler und Chef eines weit verzweigten Verbrechersyndicats erhielt nur gerade 12 Jahre Knast.

Sammeltrieb kann zu Jahrzehnten Gefängnis führen

Ein Klacks gegen die 20 Jahre Haft und die unbezahlbare Geldstrafe, mit der Emmanuel Richard fertig werden muss. Der junge Fahrer wurde mit fünf Flusspferd-Zähnen festgenommen, für die er keine Genehmigung hatte. Zwei Dekaden Knast für Zähne, deren Kilopreis 3.90 Franken beträgt, ist der Gipfel der Absurdität.

In tansanischen Gefängnissen sind auch Insassen versenkt, die schon Jahrzehnte einsitzen. So warnen wir an dieser Stelle alle Touristen und Touristinnen in Tansania, unbedingt ihren Sammeltrieb unter Kontrolle zu halten und sich genau zu überlegen, was im Reisegepäck verstaut werden soll. Denn heil aus den heillos überfüllten Gefängnissen zu kommen, ist alles andere als garantiert – allein schon der Krankheitskeime oder der arg belasteten Psyche wegen nicht. fss

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Afrikas Nyerere: «Wir müssen uns selbst helfen!»

Ruedi R. Suter

Afrika steht unter Druck. Bevölkerungszunahme, Raubbau, Klimawandel, Konflikte, flüchtende Menschen und verschwindende Wildtiere schaden Natur und Lebensgrundlagen. Umweltschutz wird immer wichtiger, um auch kommenden Generationen ein Überleben zu ermöglichen.

Dies hat Julius Nyerere, Tansanias erster Staatspräsident (1962-1985), schon früh erkannt. Seine Rede von 1994 in Arusha anlässlich seiner Verdienste im Umweltbereich* und vor seinem Nachfolger Ali Hassan Mwinyi hat heute noch Gültigkeit, weshalb wir hier den während seiner Regierungszeit wohl weitsichtigsten «Umweltpräsidenten» Afrikas nochmals zu Wort kommen lassen.

Herr Präsident,

Herr Minister,

Meine Damen und Herren!

Die mir soeben verliehene Auszeichnung weiss ich zu würdigen, wobei ich mir ihres symbolischen Wertes durchaus bewusst bin. Mein Beitrag zur Erhaltung der Naturreichtümer Tansanias war zumeist nur in Worte gefasst, in öffentlichen Reden oder parlamentarischen Debatten. Aufgrund des heutigen Wissensstandes und im Bewusstsein der mannigfaltigen Zusammenhänge betreffend Umweltschutz, gestehe ich rückblickend ein, dass ich mehr hätte tun können und müssen.

Auf jeden Fall ist es das Volk, sind es Menschen, die handelten und durch ihre Bemühungen den wahren Beitrag zur Erhaltung unserer Natur leisteten. Aus diesem Grund sage ich, dass die Würdigung meiner Person symbolisch sei. Nicht für meine Worte, sondern als Anerkennung der wertvollen Dienste all dieser Leute – leider sind wir nicht in der Lage, jeden einzelnen öffentlich zu ehren –, nehme ich diesen Orden stellvertretend in Empfang und entbiete ihnen allen meine Referenz.

Es stellt sich die Frage, ob wir uns verändern wollen oder uns verändern lassen.

Herr Präsident, Mitbürger Tansanias und Gäste. In unserer modernen Welt heisst Erhaltung nicht Beibehaltung aller physikalischen Gegebenheiten, die einst den vergangenen Zeiten und Umständen entsprachen; ebenso wenig bedeutet dies, sich den Veränderungen um uns herum blind zu verschliessen. Selbstverständlich müssen wir unsere Urwälder schützen, den Lauf der Flüsse und die saubere Luft erhalten; tun wir dies nicht, haben wir in kürzester Zeit selber unter den Folgen zu leiden.

Tatsächlich ist schon viel zu viel Wasser verschmutzt worden, aus was für Gründen auch immer; Wasserknappheit herrscht heute in Gebieten, die früher stets wohlversorgt waren; die Produktivität mancher Landstriche hat erheblich nachgelassen, die Luft die unsere Städter einatmen, ist lange nicht mehr immer sauber und belebend.

Jedoch ist die Entwicklung unserer Nation, sind Veränderungen zum verbesserten Wohlergehen aller unerlässlich. Die Menschen in Tansania – in Afrika schlechthin – verelenden in einer Armut, die sie zu Opfern vermeidbarer Krankheiten macht, ohne dass sie Macht und Nutzen moderner Wissenschaft und Technologie zur Verbesserung ihrer Lage einsetzen könnten. Veränderungen sind unvermeidbar, wobei sich uns in der Tat die Frage stellt, ob wir uns selber verändern wollen oder uns verändern lassen. Sollen wir uns zum Vorteil und Nutzen anderer verändern oder entwickeln wir uns und unser Land selbst.

Es ist absurd, von Fortschritt zu sprechen, wenn wir unsere Ressourcen zerstören.

Es ist absurd, von «Fortschritt» zu sprechen, wenn wir unsere natürlichen Ressourcen zerstören, um dadurch eine mögliche Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung zu erreichen. Wir, die wir heute leben, sind die Sachwalter unserer Nachkommenschaft; für unser eigenes Wohlergehen und zur Schaffung besserer Lebensbedingungen für unsere Kinder obliegt es uns – und wir müssen dies tun – Wasser und Land nutzbar zu machen, Industrien aufzubauen, Verkehrswege zu schaffen und vieles mehr.

Es wäre unsinnig, sich mit der Begründung: «Diesen Landstrich bepflanzte seinerzeit schon mein Grossvater mit Mais, und hier liess er sein Vieh grasen» dem Bau einer Schule, einer Fabrik oder eines Dammes zu widersetzen. Ebenso fragwürdig wäre die Aussage: «Es dürfen keine Bäume mehr gefällt werden, weder zur Holzfeuerung, noch zur Herstellung von Möbeln oder gar für den Export.»

Allerdings werden auch unsere Urenkel und deren Grosskinder sich von Mais und anderen Nahrungsmitteln ernähren wollen, werden Kleider, Obdach und unzählige Dinge mehr benötigen, damit sie in der Welt des 21. Jahrhunderts würdevoll ihren Rollenpart übernehmen können. Die Naturreichtümer, die uns vererbt worden sind, müssen wir ihnen zumindest in demselben, wenn nicht gar in verbessertem Zustand – unserem Fortschritt wäre dies zu verdanken – überlassen.

Unsere Erde sollte den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden.

Mit anderen Worten: Unsere Umwelt, unsere Erde, unser sauberes, an Fischen reiches Wasser, unser Wildtierbestand, die Reinheit unserer Luft, sie sollen von uns den nachfolgenden Generationen intakt und verbessert übergeben werden. Wir müssen mit unserer Entwicklung solcherart umgehen, dass jederzeit die Sicherstellung unseres Nachlasses gewährleistet bleibt.

Dies ist keine leichte Aufgabe, alle haben sich dafür einzusetzen. Im Bericht der Südkommission heisst es dazu: «Umweltschutz soll nicht der alleinigen Verantwortung einer einzelnen Dienststelle oder Verwaltung übertragen werden; für die Erfüllung dieser Aufgabe – insbesonders bei der Planung und Erschliessung neuer Wirtschaftszweige – ist jede staatliche oder nichtstaatliche Körperschaft in ihrem jeweiligen Rahmen zuständig.»...«der Aufruf zur Verbesserung der Umwelt vermag als Dekret allein nicht zu genügen, die verantwortungsvolle Mitbeteiligung aller Staatsbürger wird gefordert...»

Gerade auf diesen letzen Punkt möchte ich zurückkommen. Die Mehrheit unserer Bevölkerung ist arm. Beabsichtigt man nun ihre Miteinbeziehung bei der Hege unserer Wälder und unserer Tier- und Pflanzenwelt, dann müsste ihnen der unmittelbare Nutzen ihres Tuns auch deutlich erkennbar gemacht werden. Es ist zwar einzusehen, dass die Waldrodung hier wie andernorts – und sei dies hunderte Kilometer weit entfernt – zu Wassermangel führen kann.

Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen am Naturschutz ist unerlässlich.

Dennoch hindert dieses Wissen weder Mann noch Frau daran, hier und heute Holz zu schlagen, damit sie ihren Familien zu Hause eine warme Mahlzeit vorsetzen können. Es gibt Speisen, die gekocht werden müssen; also gilt es das hierfür notwendige Brennmaterial nicht nur verfügbar, sondern für jedermann erschwinglich zu machen. Sei dies in Form von alternativen Treibstoffarten oder durch den kontrollierten Anbau von Feuerholz.

Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Symbolträchtig: Tansanias Wappen | © by FishX

Auch ist es müssig, die Landbevölkerung in unmittelbarer Umgebung eines Schutzgebietes davon überzeugen zu wollen, dass das Jagen der Wildtiere aus Selbstschutzgründen oder zur Nahrungsbeschaffung zu unterlassen sei. Diese gälten als «Erbe der Menschheit», zudem dienten sie der Tourismusbranche als Hauptanziehungspunkt.

Gelingt es hingegen, die Betroffenen am Nutzen des Wildschutzes in einer Form teilhaben zu lassen, die sie selber von den erwirtschafteten Gewinnen direkt profitieren lässt, dann würden sie sich bestimmt zur notwendigen Zusammenarbeit bereit finden. Mit der Hege und Pflege ihrer Naturreichtümer verfolgten sie also nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern auch diejenigen der ganzen Nation. Eine demokratische Beteiligung der Einheimischen zur Wahrung und Förderung unseres Naturschutzes ist unerlässlich. Sollten wir dies vergessen, sind wir allesamt dem Untergang geweiht.

Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig.

Herr Präsident, im Jahre 1992 nahmen Sie am Umweltgipfeltreffen teil, wo Sie im Namen unseres Volkes zwei internationale Protokolle unterschrieben und ebenfalls die «Agenda 21» guthiessen, deren Wortlaut die Massnahmen zur Erhaltung unserer Umwelt festhält. Ich hatte die Ehre, selber mit dabei zu sein, und mit Genugtuung erlebte ich, wie Sie sich verpflichteten.

In jenen Protokollen und besagter Agenda wurde die Tatsache festgehalten, dass alle Länder dieser Erde in Fragen des Umweltschutzes unentrinnbar miteinander verbunden sind. Deshalb ist ein Zusammenwirken aller Aktivitäten unumgänglich, die das Weltklima, unsere Meere, die Ausbreitung der Wüstengebiete oder die Luft- und Wasserverschmutzung betreffen.

Doch weder diese Schriften noch die Bemühungen anderer Völker werden uns retten, falls es uns nicht gelingt, selber aktiv zu werden. Internationale Zusammenarbeit in Umweltangelegenheiten ist lebenswichtig. Diese Bestrebungen sind jedoch nutzlos, wenn wir selber unseren natürlichen Ressourcen nicht genügend Sorge tragen. Lassen Sie mich ein Sprichwort anfügen: «Gott hilft denjenigen, die sich selbst zu helfen wissen.»

Alle Länder dieser Erde sind beim Umweltschutz unentrinnbar miteinander verbunden.

Es sind die Naturreichtümer Tansanias, die sich in ihrer Qualität unmittelbar auf das Wohlergehen aller Tansanianer auswirken. Wir sind es, die Bewohner dieses Landes, die als erste und am härtesten darunter zu leiden haben, wenn wir zulassen, dass sich fruchtbarer Boden in Wüste verwandelt, wenn Flussläufe und Wasserströme versiegen und unsere Tierbestände gewildert und ausgerottet werden.

Ausländische Handelsgesellschaften wie auch private Unternehmen ferner Herkunft können, wenn wir dies nicht zu verhindern wissen, unsere einheimischen Wälder abholzen, hohe Gewinne erzielen und uns alsdann den Rücken zukehren.

Dies ist aber UNSER Land, dies sind UNSERE Wälder, es ist UNSER Wasser, das nicht verschmutzt werden darf. Die Erhaltung dieser Güter obliegt UNSERER Verantwortung, einer Verantwortung, die wir Tansanier selber wahrzunehmen haben, ohne sie anderen zu überlassen.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können.

In diesen Umweltfragen ebenso sehr wie in allen anderen Angelegenheiten müssen wir uns auf uns selbst verlassen können. Die Unterstützung anderer Länder begrüssen wir zwar und nehmen sie gerne an; zuweilen fordern wir bei all jenen Hilfe an, die unsere Sorgen um die Erhaltung unserer Umwelt mit uns teilen. Doch zuallererst müssen wir selber unsere Aufgabe zu erfüllen versuchen.

Wir alle, Ministerien und Lokalbehörden, Landbevölkerung und Mitglieder unpolitischer Organisationen, wir müssen unsere Zusammenarbeit vereinen und gemeinsam handeln, um die Fülle der Naturreichtümer Tansanias nicht nur zu schützen, sondern auch zu mehren.

Herr Präsident und liebe Freunde, lasst mich Euch noch einmal für die Ehrung danken, die Ihr mir heute erwiesen habt. Wie schon erwähnt, ist es mir eine Freude, diese stellvertretend für all jene in Empfang zu nehmen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst zur Erhaltung unserer Umwelt einsetzten.

Danke!

*Ansprache von Mwalimu («Lehrer») Julius Nyerere, gehalten in Arusha, am 21. Februar 1994, anlässlich der von den Behörden der tansanischen Nationalparkbehörde Tanapa geförderten Preisübergabe. Julius Nyerere war der erste Präsident Tansanias, dem bei weitem nicht alles gelang. Dennoch hat er sich als Denker, Visionär, Umweltschützer und integrer Politiker internationale Achtung erworben, die bis heute nachklingt.

Übersetzung: Helen Kimali Markwalder

Titelbild © Fotomontage by Fss

Weiterführende Links
- Julius Nyerere auf Wikipedia